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Christoph Butterwegge, Karin Holm u.a.: Armut und Kindheit

Cover Christoph Butterwegge, Karin Holm, Barbara Imholz, Michael Klundt, Caren Michels: Armut und Kindheit. Ein regionaler, nationaler und internationaler Vergleich. Leske + Budrich (Leverkusen) 2004. 321 Seiten. ISBN 978-3-8100-3707-7. 19,90 EUR.

Weitere AutorInnen: Schulz, Uwe; Wuttke, Gisela; Zander, Margherita; Zeng, Matthias.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-33707-4 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Hintergrund und Entstehung

Armut und Kinderarmut als Gegenstand sozialwissenschaftlichen Forschens und sozialpolitischen Handelns war über Jahrzehnte einem zyklischen auf und ab von Verschweigen und Verdrängen, Dramatisierung und politischem Mißbrauch und Instrumentalisierung wissenschaftlicher Untersuchungsergebnisse und theoretischer Erklärungsversuche unterworfen. Um Neuorientierung und Versachlichung bemühte sich drei Jahre lang ein Projektverbund "Armut und Kindheit" der Universität Köln und der Fachhochschulen Düsseldorf und Münster. Die Ergebnisse wurden auf der Fachtagung "Armut und Kindheit" Ende April 2003 in Düsseldorf vorgestellt. Gleichzeitig der erschien der oben angezeigte Band - erstaunlich und erfreulich gegenüber den oft um Jahre verzögert erscheinenden Projektberichten und Tagungsdokumentationen.

Inhalt und Gliederung

Der Projektverbund, vom Ministerium für Wissenschaft und Forschung Nordrhein-Westfalen in dessen Programm "Offensive zukunftsorientierte Spitzenforschung"(!) gefördert - verband die drei Teilprojekte der betiligten Hochschulen mit je einer der drei Vergleichsdimensionen: regional - national - international.

Die Befunde des Forschungsverbundes werden in den drei mittleren Kapiteln des Buches dargestellt:

  • Kapitel 4. "Strassenkarrieren" - ein internationaler Vergleich (Fachhochschule Düsseldorf, Caren Michels),
  • Kapitel 5. Bildungsübergänge, Wohlbefinden und Gesundheit armer Kinder im deutschen Ost-West-Vergleich (Universität Köln, Klundt/Zeng),
  • Kapitel 6. Strategien der Kinder zur Bewältigung von Armut im Stadt/Land-Vergleich - Fachhochschule Münster, Imholz/Wuttke).

Die Dreiteilung zieht sich im übrigen durch die gesamte Veröffentlichung:

im ersten Teil behandeln die drei Projektleiter

  • in Kapitel 1 Armut - Datenlage und Forschungsansätze,
  • in Kapitel 2 Kindheits- und Armutsforschung im Wandel,
  • in Kapitel 3 Ursachen von (Kinder-)Armut: Globalisierung, Individualisierung und Pluralisierung der Lebensformen

Im Zweiten Teil stellen die wissenschaftlichen Mitarbeiter der Teilprojekte die jeweiligen Ergebnisse ihrer empirischen Untersuchung des internationalen bzw. Nationalen bzw. regionalen Vergleichs vor (s.o.).

Im dritten Teil behandeln die Projektleiter abschliessend

  • in Kapitel 7 Schlussfolgerungen für die nationale und internationale Entwicklungspolitik gegen Kinderarmut (Holm),
  • in Kapitel 8 Maßnahmen der Beschäftigungs-, Bildungs, Familien- und Sozialpolitik zur Bekämpfung von (Kinder-)Armut (Butterwegge)
  • Kapitel 9 Kinderarmut als Herausforderung für die Soziale Arbeit (Zander).

Wegen des Umfangs und der Komplexität der Texte ist es nicht möglich, auf Inhalte im einzelnen einzugehen. Da auch potenzielle Leser und Nutzer im allgemeinen um für sie und ihre eigene Praxis interessante und relevante Aspekte und Teile durcharbeiten können, sollten diese hier übersichtlich für die thematische Auswahl dargestellt werden.

Und damit sind schon potenzielle

Zielgruppen

angesprochen. Auch hier sei nochmals auf die schon angesprochene mehrfache Dreiteilung (drei Teile und je drei Kapitel) verwiesen, die eine gezielte Nutzung im einzelnen ermöglichen. Das Buch erlaubt sicher keine schnelle Gesamtlektüre. Es bietet massiert Informationen auch über viele andere wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Armut und Armutsbekämpfung. In allen neun Kapiteln werden Quellen und Hinweise in Fussnoten genannt, zusätzlich bietet Butterwegge eine "Literaturauswahl" (S. 316-321) unter neun Thematiken, die nicht mit den Kapitelüberschriften zusammen stimmen.

An Wissenschaftstheorie und -methodik und forschungsansätzen interessierte Leser finden - unabhängig vom Sachthema - eine interessanten, weiterführenden Forschungsansatz ("duale" Armutsforschung) und Darstellung der eigenen Methoden (im ersten und in den Vergleichskapiteln 4, 5 und 6).

Unter diesen und anderen Gesichtspunkten ist es für Ausbildung und Weiterbildung geeignet. Für Praktiker in einschlägigen Berufsfeldern, bes. Kinder- und Jugendhilfe, ASD, Familienhilfe u.ä. wäre es wichtiger und tauglicher als manche andere Fachliteratur, ist aber zeitlich und per Stoffmasse überfordernd.

Für Politiker ist es sehr relevant und instruktiv als Grundlage und Voraussetzung sozialpolitischer Entscheidungen, aber als ganzes wohl auch für sie zeitlich und sachlich überfordernd; einzelne Kapitel aber sind auf Bedarf und Nutzungskapazität bestimmter Nutzergruppen ausgerichtet, wie etwa folgende Kapitelüberschriften anzeigen:

  • (8) "Maßnahmen der Beschäftigungs-, Bildungs-, Familien- und Sozialpolitik zur Bekämpfung von Kinderarmut" oder
  • (9.3) "Kinderarmut als spezifisches Aufgabenfeld der Kinder- und Jugendhilfe"

Fazit

Einige Punkte heben es aus der Masse (mehr oder weniger) fachlicher und (mehr oder weniger) wissenschaftlicher Veröffentlichungen unterscheidend hervor:

  • Der rasche Veröffentlichungszeitpunkt gegenüber den oft jahrelangen Verzögerungen bei der Veröffentlichung von Projektergebnissen und Tagungsdokumentationen
  • Die (offensichtlich gut gelungene) Forschungs- und Veröffentlichungszusammenarbeit einer Universität (Köln) mit zwei Fachhochschulen (Düsseldorf und Münster) - ein Verdienst auch des Ministeriums von Nordrhein-Westfalen, nicht nur der beteiligten Wissenschaftler?
  • Die Förderung eines dreigeteilten Forschungsprojektes einer Universität und zweier Fachhochschulen im ministeriellen Programm "Offensive zukunftsorientierte Spitzenforschung".

Der durch den Programmtitel vermittelte ausserordentlich hohe Anspruch ist zumindest gegenüber vielen andere Veröffentlichungen dieses Fachbereiches und dieser Thematik erfüllt und ein (ge-)wichtiger Beitrag zur vieldiskutierten und heiss umstrittenen Frage "Forschung an Fachhochschulen" geleistet.


Rezension von
Prof. em. Dr. Hans Pfaffenberger
Universität Trier, Fachbereich 1 Sozialarbeit/Sozialpädagogik


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Zitiervorschlag
Hans Pfaffenberger. Rezension vom 25.05.2004 zu: Christoph Butterwegge, Karin Holm, Barbara Imholz, Michael Klundt, Caren Michels: Armut und Kindheit. Ein regionaler, nationaler und internationaler Vergleich. Leske + Budrich (Leverkusen) 2004. ISBN 978-3-8100-3707-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1723.php, Datum des Zugriffs 24.09.2021.


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