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Leo Lucassen, Jan Lucassen: Gewinner und Verlierer

Cover Leo Lucassen, Jan Lucassen: Gewinner und Verlierer. Fünf Jahrhunderte Immigration - eine nüchterne Bilanz. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2014. 206 Seiten. ISBN 978-3-8309-3062-4. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Integrationspessimismus?

Migration, als Wanderungsbewegung von Menschen, ist ein natürliches Menschheitsmotiv! Ohne Ein- und Auswanderung hätte es die Entwicklung der Menschen zum homo sapiens nicht gegeben! Diese Charakterisierung wird oft vergessen oder geflissentlich übergangen, wenn in den gesellschaftlichen Diskursen über Migrantinnen und Migranten gesprochen wird. Es ist richtig, dass in der sich immer interdependenter, entgrenzender und in bestimmten Teilen der Erde unwohnlicheren und inhuman entwickelnden (Einen?) Welt die Bereitschaft wie die Zwänge zugenommen haben, dass Menschen ihre angestammte Heimat verlassen, um anderswo ein besseres, menschenwürdigeres, gegenwärtiges und zukünftiges Leben führen zu können. Es stimmt aber auch, dass Menschen im allgemeinen nicht willkürlich und just for fun sich aufmachen, um in der Fremde eine neue Existenz aufbauen zu können; es sind immer ökonomische oder politische oder umweltbedingte Gründe, die sie zur Auswanderung veranlassen. Es wird vom „Jahrhundert der Flüchtlinge“ gesprochen, um die Tatsache zu erklären, dass derzeit weltweit rund 51 Millionen Menschen auf der Flucht sind, wie die UNO-Flüchtlingsorganisation UNHCR errechnet hat.

Die Eingesessenen reagieren auf die Zugewanderten meist distanziert, nicht selten aggressiv und rassistisch. „Das Boot ist voll“ und andere Abwehrmechanismen, wie etwa auch die neue, fremdenfeindliche Bewegung, die sich PEGIDA – „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ – nennt. Dahinter stecken nicht selten Ideologien, die auf „Sündenbock“- Reflexe setzen und rassistische und Höherwertigkeitsvorstellungen als „Programm“ auf die Straße tragen (vgl. dazu auch: „Mauern sind keine Brücken“, 17.09.2013, www.socialnet.de/materialien/157.php, sowie: „Deutschland ist ein Einwanderungsland“, 22.12.2014, www.sozial.de/index). Dabei geht unter, dass die Mehrzahl der eingesessenen Bevölkerungen den „Rattenfängern“ nicht nachfolgen, sondern mit den menschlichen Werten – Empathie, Gerechtigkeitsbewusstsein, Zivilcourage, Hilfsbereitschaft – auf Migrantinnen und Migranten zugehen. Es bleibt die Hoffnung, dass es gelingen möge, allen Menschen auf der Erde eine menschenwürdige Existenz zu ermöglichen. Besonders die Menschen in Europa sind angesprochen, zum einen ihre eigene Geschichte im Flucht- und Gewalt-Kontinent Europa nicht zu vergessen, zum anderen zu lernen, ihren relativen und tatsächlichen Wohlstand mit anderen Menschen zu teilen (vgl. dazu: Ulrich Schmidt-Denter, Die Deutschen und ihre Migranten. Ergebnisse der europäischen Identitätsstudie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12676.php; Max Matter / Anna Caroline Cöster, Hrsg., Fremdheit und Migration. Kulturwissenschaftliche Perspektiven für Europa, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12023.php; Forschungsgruppe „Staatsprojekt Europa“, Hrsg., Kämpfe um Migrationspolitik. Theorie, Methode und Analysen, kritischer Europaforschung, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16505.php). Es gibt zum Glück nicht nur die lauten und aggressiven Kassandrarufe ob des Misslingens von Migrations- und Integrationsmaßnahmen, sondern auch immer mehr positive Stimmen, die nicht nur die wohlstands- und marktpolitischen Forderungen betonen, dass etwa Deutschland Einwanderung benötigt (um den Wohlstand aufrecht zu erhalten), sondern auch Erfolgsmeldungen von eingewanderten Menschen selbst (Mehmet Gürcan Daimagüler, Kein schönes Land in dieser Zeit. Das Märchen von der gescheiterten Integration, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12723.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Wenn es so ist, dass der Mensch qua Existenz und Humanität ein homo migrans ist, weil sich darin die zutiefst evolutionäre Entwicklung verdeutlicht, dass Wandel Leben ist, dann sollte es möglich sein, den Egoisten, Pessimisten, Fatalisten, Ethnozentristen, Fundamentalisten und Rassisten einen Kontrapunkt entgegen zu setzen; und zwar einerseits einen historischen und politischen, zum anderen einen humanen; denn, wie oben bereits ausgeführt, sind Wanderungsbewegungen in der Menschheitsgeschichte Erfolgsgeschichten, und gleichzeitig ist Migration ein unverzichtbares und unteilbares Menschenrecht, das auf den Prinzipien einer „globalen Ethik“ beruht, wie dies in der von den Vereinten Nationen am10. Dezember 1948 proklamierten „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ beruht: Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt.

Die niederländischen Sozialwissenschaftler Leo Lucassen und Jan Lucassen nehmen als Beispiel die kontroversen Diskussionen und Auseinandersetzungen um Immigration und Integration in den Niederlanden, um mit Fakten und positiven Geschichten gegen die polarisierende Diskussion in ihrem Land anzugehen und gegen den ideologisierten und vorurteilsbehafteten „Integrationspessimismus“ Zeichen der Wirklichkeit zu setzen. Dabei wird deutlich, dass der niederländische Diskurs eigentlich ein europäischer ist, weil ähnliche Argumentationen und strukturelle Entwicklungen auch in anderen europäischen Ländern auftreten. Denn es sind die Schwarz-Weiß-Maler wie Wim Fortuyn, Geert Wilders, David Goodhart, Christopher Caldwell, Bernard Lewis und Thilo Sarrazin, die überall in Europa zündeln und mit ihren populistischen und rassistischen Vorurteilen auch Menschen finden, die ihren migrations- und menschenfeindlichen Behauptungen Glauben schenken und ihnen auf den Leim gehen. In diesem Reigen von so genannten „Saubermännern“ befinden sich erstaunlicherweise auch solche, die in ihrer Meinungsbildung und ihren ideologischen Einstellungen wahre Purzelbäume geschlagen haben, wie etwa der niederländische Autor, Journalist und Soziologe Paul Scheffer, der noch 2008 in seinem Buch „Die Eingewanderten“ für Toleranz geworben hat (Paul Scheffer, Die Eingewanderten. Toleranz in einer grenzenlosen Welt; 2008, www.socialnet.de/rezensionen/7124.php), und nun im wahrsten Sinne des Wortes mit Schlagwörtern argumentiert, die denen in der rechten, ethnozentrierten und nationalistischen Ecke gleichen.

Aufbau und Inhalt

Gegen die Analyse der Integrationspessimisten und Integrationsgegner, dass vor allem Wissenschaftler, die Presse, linksgerichtete Religiöse und Sozialisten eine Massenimmigration in die europäischen Länder durchgesetzt und deren Ergebnisse zum Chaos in den (wohl-)geordneten Staaten geführt hätten, setzen die beiden Wissenschaftler Tatsachen. Mit ihren Forschungen und Studien schauen sie nach, wie sich die sozioökonomische und integrative Position von Migrantinnen und Migranten und ihrer Familien in den Niederlanden in den vergangenen fünf Jahrhunderten entwickelt hat. Sie schauen dabei zum einen in die Vergangenheit des Landes, zum anderen richten sie ihre Aufmerksamkeit auf die Gegenwart und prognostizieren die zukünftige Entwicklung. Sie beginnen mit der Betrachtung der Einwanderungssituation in den Jahren 1990 – 2011. Hier taucht in besonderer Weise das Argument auf, dass sich das Land gegen eine Islamisierung wehren müsse, das in starkem Maße mit Sarrazins Behauptung korrespondiert: „Deutschland schafft sich ab“ (2010) und mit den heutigen Aktivitäten von PEGIDA übereinstimmt. Die Fakten freilich sprechen eine völlig andere Sprache, und zwar in (fast) allen Bereichen der öffentlichen Aufgeregtheiten: Der Zuwanderung, der Integrationsbemühungen und -erfolge, der Unterbringung von Migrantinnen und Migranten, der Bildung, Arbeitsverhältnisse, Kriminalität, Anpassung und Glaubensausübung. Die wissenschaftlichen Forschungen bestätigen, was die niederländische, parlamentarische Kommission zur Integrationspolitik 2004 herausgefunden hat, dass die Integration gänzlich bzw. in Teilen gelungen sei.

Die Jahrzehnte von 1975 bis 1990 überschreiben die Wissenschaftler mit „Der multikulturelle Mythos“. Es ist die Zeit der Einwanderer aus der Türkei, Marokko und den ehemaligen Kolonialgebieten Surinam in die Niederlande. Es ist die Zeit der offiziellen „Laissez-faire“ – Politik und des Kulturrelativismus, in der sich die „Multi-Kulti“ – Symbolik entwickelte und z. B. auch in Deutschland undifferenzierte Bilder entstehen ließ wie z. B. das Video „Fremdes ist schön“, das von der regierungsgestützten Organisation INTERKOM in einer riesigen Auflage in Deutschland verbreitet wurde. Auch hier argumentieren die Autoren von „Gewinner und Verlierer“ mit Fakten, die den „Gewinn und Verlust“ bei den Integrationsbemühungen verdeutlichen.

Die Zeitspanne von 1945 bis 1975 benennen die Autoren mit „rechte Kirche“. Es sind die Schwierigkeiten, die das Ende des Zweiten Weltkriegs auch für die Niederlande brachten. Bei der Volkszählung von 1947 wurde nur ein Ausländeranteil von 1,1 Prozent registriert; und in der offiziellen Bevölkerungspolitik ging es eher darum, eine (scheinbar) drohende Überbevölkerung im Land abzuwehren, als eine Einwanderung zu befürworten. Es überwog vielmehr die Tendenz zur Auswanderung von Autochthonen, etwa in die USA. Nach und nach aber setzte eine starke Einwanderung von Menschen aus dem ehemaligen kolonialen Niederländisch-Indien und von Gastarbeitern aus Südeuropa ein. Zustimmung und Ablehnung dieser Entwicklung kam in starkem Maße von gesellschaftlichen Gruppen und insbesondere von den Glaubensgemeinschaften, so dass die Autoren von einer „linken und rechten Kirche“ sprechen können. Gleichzeitig entwickelte sich eine parteipolitische Kontroverse, in der Parolen wie „Bereicherung“ und „Verfärbung“ der niederländischen Bevölkerung die Diskussionen aufheizten. Besonders diesen Teil illustrieren die Autoren mit Farb- und Schwarz-Weiß-Abbildungen. Die Auflistung von „Gewinn und Verlust“ bei den Autochthonen und Eingewanderten vermittelt ein differenziertes Bild.

Im vierten Kapitel betrachten die Autoren den Zeitraum von 1830 bis 1945. Sie titeln ihn mit „Eigen volk eerst – Zuerst das eigene Volk“ und verdeutlichen damit die Entwicklung in der Spannweite von politischem Nationalismus und beginnender wirtschaftlicher Globalisierung. Wirtschaftskrise, Kolonisierung, zwei Weltkriege und ihre Folgen bewirkten in den Niederlanden eher egoistische und nationale Gefühle, denn eine Aufgeschlossenheit für Einwanderer. Die Autoren registrieren, „dass die niederländische Gesellschaft, aber auch viele Immigranten, in der Zeit zwischen 1850 und 1945 die großen Verlierer waren“. Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus bestimmten das gesellschaftliche Klima. Ein spezieller Aspekt kommt allerdings ins Spiel: In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg profitierten Hunderttausende deutsche, österreichische und ungarische Kinder davon, dass von verschiedenen gesellschaftlichen Einrichtungen Erholungs- und Ferienlager in den Niederlanden organisiert wurden.

In der Rückwärtszählung wird im fünften Kapitel über das „goldene Jahrhundert“ informiert. Es geht um die Zeit von 1550 bis 1850, das sich ebenfalls als different darstellt. Es sind vor allem die Deutschen, die in den Niederlanden Fuß fassen, Handel treiben, so dass, wie es in einer Quelle aus 1778 heißt, „aus kleinen Deutschen große Deutsche werden“. Gleich vorweg klassifizieren die Autoren die Situation so: „Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert wimmelte es hier von Ausländern. Noch stärker, wir müssen konstatieren, dass die Niederlande ohne die vielen Immigranten niemals ihre Spitzenstellung in Europa hätten erreichen können“. Integration und Assimilation waren die Regel, was zur Folge hatte, dass in der Bevölkerungsmentalität kein Aufhebens und auch keine Unterscheidung zwischen Mehrheiten und Minderheit vorgenommen wurde. Das Loblied auf diese Zeit mündet in die Aussage: „Jede Menge Gewinn… In erster Linie für die Niederlande als Nation. Das Land hat seine erste Blütezeit und damit seine Phase der Nationenbildung Immigranten und deren Nachkommen zu verdanken“.

Fazit

Eindeutig und überzeugend widerlegen die Autoren die Argumente der Integrationspessimisten. Wenn Fakten und Analysen Argumente sind, dann sollte es leicht fallen, den Parolen der ideologischen Schwarz-Weiß-Meinungsfänger zu begegnen; nicht mit der Faust und auch nicht mit Gebrüll, sondern mit dem Verstand. „Gut fundiertes Wissen ist unbedingt erforderlich, wenn wir die Wirklichkeit besser verstehen und sinnvolle politische Debatten führen wollen“. So stellt die Analyse von Leo Lucassen und Jan Lucassen über die Immigrationsentwicklung in den Niederlanden auch eine Blaupause dar für gesellschaftspolitische, sachgerechte und faktenorientierte Argumentationen in anderen europäischen Ländern!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.01.2015 zu: Leo Lucassen, Jan Lucassen: Gewinner und Verlierer. Fünf Jahrhunderte Immigration - eine nüchterne Bilanz. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2014. ISBN 978-3-8309-3062-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17239.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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