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Barbara Messer: Pflegeplanung für Menschen mit Demenz

Cover Barbara Messer: Pflegeplanung für Menschen mit Demenz. Was Sie schreiben können und wie Sie es schreiben sollten. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2004. 160 Seiten. ISBN 978-3-87706-732-1. 29,90 EUR, CH: 49,90 sFr.
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Zur Thematik des Buches

Durch die Pflegeversicherung ist im Bereich der stationären Altenhilfe eine Reihe von Neuerungen und Veränderungen hervorgerufen worden, die stark auf die Arbeitsvollzüge in allen Bereichen des Heimes einwirken. Ein besonders tiefgreifender Aspekt stellt der Nachweis der Leistungen und deren Qualität dar, der durch das Qualitätssicherungsgesetz von 2001 kodifiziert wurde. Leistungserbringung wird in diesem Rahmen immer gleich mit der Leistungserfassung und dem Nachweis der Qualitätssicherung verbunden. Konkret gestaltet sich dies im Vollzug der Pflegeplanung, Pflegedokumentation und Pflegeevaluation, die in einer standardisierten Form der Niederschrift vorzunehmen ist und gleichzeitig dem Kostenträger gegenüber als qualifizierter Leistungsnachweis gilt.

Gegenwärtig ist eine Reihe von Erfassungsmodellen der Pflegeleistungen in der fachlichen Diskussion, wobei das Konzept der AEDL von Monika Krohwinkel gegenwärtig eine dominante Stellung innehat. Welche Bedeutung die Pflegeplanung und Pflegedokumentation gegenwärtig besitzt, kann man u. a. an der Einführung von Qualitätsbeauftragten in den Heimen und den zahlreichen Veröffentlichungen über diesen Gegenstandsbereich ablesen. Das vorliegende Buch kann in diese Rubrik der Ratgeber im Bereich Pflegeplanung eingeordnet werden.

Die Autorin ist vom Beruf Altenpflegerin mit mehrjähriger Berufserfahrung.

Inhalt

Die Arbeit ist in zehn Kapitel gegliedert, die wiederum in Abschnitte unterteilt sind.

  • Kapitel 1 (Informationen zu den gerontopsychiatrischen Krankheitsbildern) enthält in kurzer Zusammenfassung die Grundlagen über Demenzen (u. a. Demenztypen und Demenzdiagnostik) und einige Erfassungsinstrumentarien (u. a. Mini-Mental-Test und Dementia Care Mapping).
  • In Kapitel 2 (Lebenswelten von Menschen mit Demenz) beschreibt die Autorin die verschiedenen bekannten Modelle über den Umgang mit Demenzkranken wie Validation, das Böhm'sche Pflegemodell, der Ansatz von Kitwood, Mäeutik und basale Stimulation.
  • In Kapitel 3 (Mehr Verständnis durch NLP) wird auf wenigen Seiten das Konzept des so genannten Neurolinguistischen Programmierens verbunden mit einigen Fallbeispielen vorgestellt.
  • Kapitel 4 (Biografie) thematisiert die "Biografiearbeit" und enthält u. a. ein vierseitiges Formular "Kurzerhebung der Biografie", das in die Kategorien Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter und Alter unterteilt ist.
  • In Kapitel 5 (Grundlagen des Pflegeprozesses) werden Erläuterungen zu den Aspekten Pflegeprozess, Pflegedokumentation, Pflegeanamnese, Pflegeplanung und Pflegebericht gegeben. Zusätzlich wird ein 15seitiger Erhebungsbogen für die Pflegeanamnese vorgestellt.
  • Im Mittelpunkt von Kapitel 6 (Das Pflegemodell der FEDL) stehen Ausführungen über "konzeptionelle Modell der FEDL" (Fähigkeiten und existenzielle Erfahrungen), das die Autorin als ihre eigene Schöpfung deklariert und eine "fähigkeitsorientierte Sichtweise" im Gegensatz zu der "Defizitsichtweise" beinhaltet. Aus folgenden 14 Strukturelementen setzt sich das Modell FEDL zusammen: "Kommunikation", "Orientierung", "Bewegung", "vitale Funktionen", "Pflegen und Kleiden", "Essen und Trinken", "Ausscheiden", "Ruhen, Schlafen und Wachsein", "Aktivieren, Anregung", "Beschäftigung", "Zufriedenheit und Emotionalität", "Sicherheit", "Soziale Bereiche und Beziehungen" und "existenzielle Erfahrungen des Lebens" (nach Krohwinkel).
  • Kapitel 7 (Pflegediagnosen) enthält u. a. Erklärungen über Funktion, Taxonomie und Struktur von Pflegediagnosen. Hierbei wird eine Reihe von Pflegediagnosen angeführt, die nach Auffassung der Autorin den Kategorien der "FEDL" zugeordnet werden können.
  • In Kapitel 8 (Beispiele für eine Pflegeplanung bei Menschen mit Demenz) werden sechs konkrete Pflegeplanungen gemäß dem "Pflegemodell FEDL" vorgestellt, die bei einem Umfang von ca. 80 Seiten fast ein Drittel des Buches ausmachen.
  • Kapitel 9 (Die Begutachtung von pflegebedürftigen Menschen) besteht aus Informationen über die Pflegebedürftigkeit gemäß SGB XI, Pflegestufen, Zeitkorridore, allgemeine Erschwernisfaktoren, anrechenbare Verrichtungen und die Durchführung der Begutachtung.
  • Kapitel 10 (Das Mädchen mit dem Eis) beinhaltet eine kurze Erzählung über die Begegnungen eines Kindes mit ihrer demenzkranken Großmutter.

Kritische Würdigung

Das vorliegende Buch ist ein weiterer Beleg für die Einschätzung, dass die Demenzpflege in Deutschland gegenwärtig durch eine Reihe von Fehlentwicklungen bestimmt wird, die eine angemessene Pflege und Betreuung erschweren und oft geradezu auch verhindern. Die hier angeführten Fehlentwicklungen bestehen aus den Ansätzen wie Validation, Mäeutik und das Kitwood'sche Konzept, die einen empathischen und intuitiven Umgang mit Demenzkranken durch eine Reihe von realitätsfernen Festlegungen unmöglich machen. Weitere Fehlentwicklungen basieren auf dem Dogma der Niederschrift aller Planungen, Handlungen und Überprüfungen in der Pflege und Betreuung gemäß der Maxime "Was nicht dokumentiert ist, ist nicht gemacht!".

Diese überaus bürokratisierte Weltsicht, die die Wirklichkeit nur in Gestalt von Formularen, Berichten und Dossiers zu erfassen vermag, macht nach Ansicht des Rezensenten aus Pflegekräften tendenziell Pflegebürokraten, die den Heimalltag mit all seinen Aufgaben und Handlungsvollzügen nur noch durch die Brille von Planungs- und Dokumentationsstandards wahrnehmen und entsprechend dann auch handeln. Verstärkt wird dieser Bürokratismus noch durch den Sachverhalt, dass ständig neue Schemata und Raster für die Leistungserfassung in den Heimen offeriert werden. Die FEDL der Autorin vermag der Rezensent im Wesen nicht von den AEDL von Krohwinkel zu unterscheiden und vermutet hier nur bloßes Kopieren, wobei beide Modelle den Anforderungen der Demenzpflege nicht gerecht werden. Die Pflege wird hierdurch jedoch noch zusätzlich erschwert, gilt es doch nun auch noch, die so genannten FEDL in AEDL zu übertragen und umgekehrt.

Fazit

Es ist überaus betrüblich, wieder ein Buch gelesen haben zu müssen, das für die Pflegekräfte in den Heimen keine Hilfen zu bieten vermag. Es bleibt zu hoffen, dass das Pendel der Pflegelogik, das gegenwärtig in Richtung Überbürokratisierung ausschlägt, möglichst bald wieder in die Bereiche des ausgewogenen Umganges mit schematischen Vorgaben und Registrierungen zurückkehren wird. Pflegekräfte möchten pflegen. Jede Aufgabe und Verpflichtung, die sie hiervon abhält, wird überwiegend als unverständliche und störende Belastung aufgefasst.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 22.06.2004 zu: Barbara Messer: Pflegeplanung für Menschen mit Demenz. Was Sie schreiben können und wie Sie es schreiben sollten. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2004. ISBN 978-3-87706-732-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1724.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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