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Jürg Sulzer (Hrsg.): Stadt stärken

Cover Jürg Sulzer (Hrsg.): Stadt stärken. Die Robustheit des Städtischen. JOVIS Verlag GmbH (Berlin) 2014. 223 Seiten. ISBN 978-3-86859-237-5. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Themen

Was sind die Stärken von Städten? Ihre Lebensweise, die auf Urbanität gründet oder ihre ökonomische und kulturelle Kerndynamik, die sie entfalten und damit attraktiv werden für Handel, Gewerbe, kulturelle und soziale Institutionen?

Und was macht Städte nachhaltig lebenswert? Wohnraum für alle oder ein ressourcensparender Umgang mit unterschiedlichen Energien oder ihre sparsame und dennoch effektive kollektive Daseinsvorsorge?

Oder ist es doch die entwickelte Governance, die Bürger in die Entscheidungs- und Planungsprozesse der Stadt mit einbezieht?

Was macht eigentlich schwache Städte stark, Städte, die unter ihrer Schrumpfung leiden, rückbauen (müssen) und damit auch die Gestaltungskraft des Sozialen ganz allmählich verlieren?

Was ist, wenn sich ihre ökonomische und soziale Kerndynamik nur noch darauf beschränken kann, zu erhalten, was zu erhalten ist – ohne irgendeine Entwicklungsperspektive?

Herausgeber

Prof. Dr. Jürg Sulzer ist derzeit Präsident der Leitungsgruppe des Nationalen Forschungsprojektes „Neue Urbane Qualitäten“ des Schweizer Nationalfonds.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen Architektur, Soziologie, Sozialgeographie, Bauingenieurwesen und Städtebau

Aufbau

Nach einem Prolog von Thomas Sieverts und einer Einführung in das Thema des Buches durch Jürg Sulzer, Christian Schneider und Benno Brandstetter gliedert sich das Buch in drei große Abschnitte mit jeweils einer Reihe von Beiträgen:

  1. Städtische Gestaltung
  2. Städtisches Leben
  3. Städtische Energien

Zum Prolog

Thomas Sieverts überschreibt seinen Prolog „Die Moderne ist historisch geworden: Für eine längere Zeitperspektive im Städtebau“.

Die historische Perspektive im Städtebau – so der Autor – hat wieder an Bedeutung gewonnen. Und wer historisch denkt, denkt auch in längeren Zeiträumen; schließlich ist Rom nicht an einem Tag gebaut worden. Und wer Stadtgeschichte betreibt, stößt immer auf Umwälzungen und Krisen, die auch mit Umstellungen in den Basisenergien ursächlich zusammenhängen.

Stadtbaugeschichte ist auch eine Geschichte wachsender Prosperität, was Sieverts einmal am gestiegenen Wohnraumbedarf, zum anderen an einer damit geringeren Verdichtung und an der Tatsache festmacht, dass in den letzten 50 Jahren mehr gebaut wurde als in den letzten 5000 Jahren insgesamt.

Diese Überlegungen werden entfaltet und münden in der Forderung, historisches Erbe, Gegenwart und Zukunft besser zu verbinden, so dass auch deutlich wird, dass gegenwärtiges und zukünftiges Bauen wieder in historischen (längeren?) Zeiträumen gedacht werden müssen.

Jürg Sulzer, Christian Schneider und Benno Brandstetter: Stadtstärken – die Robustheit des Städtischen. Städtische Robustheit wird zunächst umschrieben mit der „Fähigkeit, auf sich wandelnde Rahmenbedingungen mit geeigneten anpassungs- und Entwicklungsstrategien zu antworten“ (14). Die Autoren folgen dann in ihrer Argumentation der Gliederung des Buches. Zunächst beschreiben sie die städtische Gestaltung der europäischen Städte, die in ihrer Geschichte immer tiefgreifenden Veränderungen ausgesetzt waren und gehen dann kurz auf die Beiträge dieses Abschnitts ein. Das Gleiche gilt auch für den Abschnitt „Städtisches Leben“. Die Vielfalt städtischer Lebensstile ist typisch geworden für die Stadt, was auch zu einer Vielfalt von Nutzungsansätzen führt und zu spezifischen Anforderungen an den Stadtraum, an Kommunikation und Teilhabe. Daraus erwächst auch ein anderer Begriff von Urbanität, der nicht das Ergebnis planerischer Aktivitäten ist, sondern aus der Vielzahl unterschiedlicher Akteure, Interessen und Initiativen erwächst. Ebenso werden die Beiträge des Abschnitts „Städtische Energien“ kurz vorgestellt. Städte nehmen ja beim Ressourcenverbrauch eine besondere Rolle ein. Darauf muss sich eine nachhaltige Stadtentwicklung einstellen und nach neuen Ansätzen suchen.

Zu 1. Städtische Gestaltung

Werner Oechslin: Wirklichkeit, Körperlichkeit in der gebauten Stadt. Welches sind die unverzichtbaren Voraussetzungen und der Nutzen, die wir mit der Stadt verbinden? fragt der Autor zu Beginn in Anlehnung an Albertis De Re Aedificatoria aus dem Jahre 1452. Bereits in dieser Zeit deutet sich die Nützlichkeit in der Unterscheidung von Privatem und Öffentlichem an und der Architekt hat diese Beziehung im Auge zu behalten. Dies wird ausführlich erörtert. Menschen sind verschieden, deshalb erfordert dies eine Verschiedenheit des Bauens, was auch zur Vielfalt führt. Hausnotdurft und öffentliches Angelegenheiten werden getrennt, das Haus als Ort der Ökonomie bedarf bestimmter Regeln im Inneren und nach außen. Diese Entwicklung wird bis in die neuere Geschichte diskutiert, historisch nachgezeichnet und mit Literatur unterlegt.

Jürg Sulzer: Robuste Stadtentwicklung – schöne Stadt. Schönheit der Stadt war immer geprägt durch die Gestaltung ihrer Häuser, die sorgfältig an die Tradition anknüpfte. Anknüpfen an die Tradition ist auch Lernen für die Zukunft. Was sagt uns ein Bild aus dem Jahr 1499? fragt J. F. Hamburger und Sulzer setzt sich mit diesem Autor auseinander. Dann geht es dem Autor um den städtebaulichen Denkmalschutz, der Tradition und Entwicklung verbindet. Städtebaulicher Denkmalschutz geht davon aus, dass wichtige bauliche Überlieferungen entweder eine gestalterische Neuinterpretation des Ortes hervorbringen oder einzelne Denkmalobjekte in ein Ensemble behutsam gestalteter Neubauten integriert werden können. Stadtbauliches Ensemble und Körperlichkeit versus Einzelobjekte zielt darauf ab, deutlich zu machen, dass Ensemble anders geplant werden müssten als Einzelobjekte und deshalb auch höhere Anforderungen damit verbunden sind. Identitätsbildende Stadtbaugestaltung versus Profil- und Ornamentlosigkeit zielt auf die Planung und Gestaltung von städtebaulichen Ensembles als Einheit im Kontext der Gesamtstadt ab. Und eine ensembleorientierte Stadtentwicklung wird zukünftig immer bedeutsamer werden. Die schöne Stadt wird zum Sinnbild für Vertrautheit, Zugehörigkeit und Identität seiner Bürger.

Marc Angélil und Nils Havelka: 1m²/sek 08/15 – Von der Negentropie zur Entropie. Jede Sekunde wird ein Quadratmeter Land überbaut. 08/15 meint das mit der Zersiedlung verbundene Mittelmaß. Die Autoren wollen deutlich machen, dass die Planung von Agglomerationen planlos erscheint, aber dennoch einer Planung mit mittelmäßigen Standards unterliegen. Die Autoren setzen sich dann mit der Herkunft von 08/15 auseinander, stoßen auf das Maschinengewehr und erläutern an Hand dieser Metapher den 08/15-Städtebau. Auch das Kreiselfieber in einigen europäischen Staaten wird kritisch unter die Lupe genommen. Dann erörtern die Autoren autopoietische selbstreferenzielle Systeme, geschlossene Systeme, die sich – in Anlehnung an N. Luhmann – selbst genügen, sich selbst reproduzieren, auf sich selbst beziehen. Diese Diskussion lenkt den Akzent auf die Prozessorientierung von Planungen und Entscheidungen. Dies wird gründlich erläutert.

Wolfgang Frey: Gute Architektur schafft attraktive Lebensräume. Wenn Bürger sich mit ihrer Stadt identifizieren, haben sie Vertrauen in ihre Strukturen, fühlen sich zugehörig und anerkannt. Sie fühlen sich als Teil einer res publica, die sie verantwortlich mit gestalten wollen. Und dies ist für Wolfgang Frey eine wesentliche Voraussetzung für nachhaltige Stadtentwicklung. Diese nachhaltige Stadtentwicklung wird erreicht, wenn ökologische und ökonomische Aspekte im Fokus stehen. Der Autor erläutert dann das Fünf-Finger-Prinzip, dessen Aspekte die Ökologie, die Ökonomie, die Gesellschaft, der Gestaltungswille und der Anreiz sind. Diese Aspekte werden ausführlich vorgestellt und diskutiert.

Dominic Church: Die (Un-)verlässlichkeit des Planungssystems als Instrument der Qualitätssicherung. Der Autor erläutert am Beispiel des frei finanzierten Wohnungsbaus in Großbritannien den komplexen Zusammenhang von sozialen, politischen und wirtschaftlichen Aspekten. Dabei geht es zunächst um die Begriff der property ladder als Sinnbild eines Modells, bei dem die private Wohnung zur Sprosse einer Karriereleiter wird. Dann geht es um house builder. Auf dem britischen Wohnungsmarkt klafft eine Lücke zwischen Angebot und Nachfrage, die nach Meinung der Home Builders Federation auf die Probleme des Planungssystems zurückzuführen sind. Die Strategie der Home Builder wird beschrieben und auch ihre Auswirkungen erläutert.

Hans Kollhoff: Haus und Stadt. Der Autor nimmt sich zunächst den Bürgersteig vor, erläutert seine historische Bedeutung und seine heutige Funktion - als Trennung zwischen Haus und Stadt? Oder als Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit? Nein – es ist die Trennung von Architektur und Städtebau! Dies wird am Beispiel von Görlitz nachgezeichnet und erörtert. Das Haus vom Architekten ist schließlich ein gesellschaftlicher Ort, repräsentiert den sozialen Status des Besitzers, vielleicht auch seine Geschichte. Und Häuser bilden insgesamt eine Stadt, machen deutlich, dass die städtebauliche Gestalt einer Stadt von den öffentlichen Bauten, aber auch von den Häusern abhängt, die in ihrem Zentrum stehen, am Marktplatz oder in anderen öffentlichen Räumen. Und der Autor setzt auf die Bürgerlichkeit der Stadt, auf die die Identifikation der Bürger mit der Stadt – denn nur so kann die Stadt als Gemeinwesen und nicht nur als Struktur erkannt werden.

Jan Salm: Lodz und Resilienz. Der Weg vom mitteleuropäischen Manchester zur mittelgroßen Stadt. Der Autor beschreibt zunächst den Prozess des Niedergangs einer Stadt, die einst ein Industriezentrum war. Deindustrialisierung und der Wegzug der jungen Bevölkerung und die damit verbundene Alterung der Bevölkerung stellen die Stadt vor erhebliche Herausforderungen, denen sie nicht gewachsen ist. Es gibt keine Entwicklungsperspektive. Der Autor geht dann auf den Begriff der Resilienz ein, der hier als Widerstand gegen Unsicherheiten auch der Stadt zugeschrieben wird. Dies wird historisch erörtert: Lodz hat in seiner Geschichte etlichen Krisen widerstanden. In einem ersten Exkurs geht der Autor auf die Lodzer Stadtentwicklung ein und begründet historisch, wie sich die Stadt den Krisen widersetzt hat. In einem weiteren Exkurs wird die Verkehrsentwicklung in Lodz diskutiert, ihre verkehrstechnische Anbindung an die Hauptstadt Warschau als entscheidende Bedingung ihrer Existenz begründet. Die zukünftigen Entwicklungsperspektiven beruhen nicht nur auf der Entwicklung der Verkehrswege. Es geht auch noch einmal um eine Reindustrialisierung. Dazu wurden Masterpläne auch entwickelt.

Zu 2. Städtisches Leben

Hartmut Häußermann: Urbanität und die ungleiche Stadt – eine Chance? Häußermann unterscheidet nach einer einleitenden Kritik der inflationären Verwendung des Begriffs „urban“ zwischen einer Urbanität als eine urbane Lebensweise und der Urbanität als urbane Situation. Eine solche urbane Situation ist z. B. die Gleichzeitigkeit von Ungleichheit. Urbanität bedeutet Überraschendes nicht Vorhergesehenes, Aufregendes, Widersprüchliches, Ambivalentes – also nicht Planmäßiges. Planung behindert solche Prozesse, ist sie doch auf Vorherzusehendes, nicht Widersprüchliches angelegt. Urbanität lässt sich nicht planen. Soziale Ungleichheit jedoch wurde durch Planung unsichtbar gemacht, in Quartieren, die keinen Austausch der Bevölkerung kennen, wo sich keiner hin bewegt, vielleicht auch nicht hin traut. Der Autor setzt sich kritisch mit den Verwertungsprozessen und der Verwertungslogik postfordistischer Ökonomie auseinander, die alles kommodifiziert – auch das Wohnen und Leben in der Stadt.

Christa Kamleithner: Stadt- und Regionalpolitik, Wettbewerb und die Produktion von Differenz. Mit der Aufwertung des Lokalen, des Quartiers, Stadtteils, der Region als spezifisch konstruierter sozialer Raum und Sozialzusammenhang hat auch die Stadt- und Regionalpolitik an Bedeutung gewonnen. Dies wird am Beispiel von Governance erläutert, die als Gegenstück zu Gouvernement von oben auf die Beteiligung der Bürger setzt und auf Aushandlungsprozesse zwischen den verschiedensten Akteuren und Interessengruppen. Dies wird von der Autorin ebenso ausführlich erläutert wie das Konzept der unternehmerischen Städte und Regionen, das auf den Ausgleich zwischen den Regionen setzt und auf eine gleichmäßige wirtschaftliche Entwicklung im gesamten nationalen Raum. Kamleithner setzt sich dann noch mit der zunehmenden Bedeutung des Lokalen in verschiedenen Disziplinen auseinander. Regieren durch Community umschreibt ein neues Ordnungsmodell, das nationale Sozialpolitik nicht ablöst, aber doch sehr viel stärker auf die kommunale Ebene bringt, weil es dort um die Gestaltung des Sozialen geht, und das geht wiederum nicht ohne die Bevölkerung. Es geht darum, Bewohner von Quartieren zu Akteuren zu machen, die sich als Teil einer res publica verstehen können und deshalb auch verantwortlich mitgestalten wollen. Die Produktion von Differenz wird hier verstanden als die Abgrenzung einer Region durch Eigenstellungsmerkmale von anderen Regionen, sodass es auch zu sozialen Segregationsprozessen und funktionalen Differenzierungsprozessen in Regionen kommen kann, was wir aus der Stadtforschung bereits kennen.

Marion Klemme: Ungleichartigkeiten. Wege zu mehr Nutzungsvielfalt in der Stadt. Ungleichartigkeiten der Nutzung gibt es viele in der Stadt, auch dadurch, dass die kommunalen Flächennutzungspläne den einzelnen Stadtteilen auch bestimmte Funktionen und Nutzungen zuweisen. Dadurch entstehen nicht nur unterschiedliche Quartiere, sondern auch unterschiedliche Gestaltungsmomente und Aufenthaltsqualitäten von öffentlichen Räumen, Plätzen und Straßen. Auch Ungleichheit und Ungleichartigkeiten bedingten und bedingen sich gegenseitig. Die Autorin geht auf echte und scheinbare Nutzungskonflikte ein, was mit den unterschiedlichen Aneignungs- und Besetzungsstrategien zu tun hat, die unterschiedliche soziale Gruppen entwickeln, um sich im öffentlichen Raum zu präsentieren. Die Autorin plädiert für eine offensive Gestaltung ungleichartiger Nutzungen in der Stadt. Angesichts des demographischen Wandels, der Umweltprobleme und des Klimawandels bedarf es eines neuen Steuerungsverständnisses, das sich nicht an den gängigen Wachstumsvorstellungen orientiert. Dabei geht Klemme mit den gängigen Stadtplanungsvorstellungen und Stadtentwicklungen kritisch ins Gericht. Es geht eher um die Diversifizierung von mentalen Bildern einer Stadt. Mentale Bilder sind prägend für die Absichten und Handlungen der Akteure, sie sind aber weniger Gegenstand öffentlicher Diskurse. Vielfalt der Nutzung entsteht durch die Vielfalt der Nutzungsvorstellungen und -interessen der Akteure. Auch dies wird ausführlich begründet.

Katja Meierhaus Steiner: Zeitaustausch als neuer Baustein der Altersvorsorge – Stimulus für Generationenbeziehungen im urbanen Umfeld. Am Beispiel der Stadt St. Gallen erläutert die Autorin, wie sich aktive Alte mit ihrer Zeit einbringen, indem sie hilfsbedürftigen Alten helfen und auf diese Art im Rahmen eines Zeitkontos vorsorgen, wenn sie selbst hilfsbedürftig sind. Dazu werden die Ziele und Rahmenbedingungen des St. Galler Zeitversorgungssystem erläutert. Es geht um gegenseitige Unterstützung im Rahmen von Nachbarschaftshilfe, um die Weckung der Mithilfepotentiale der aktiven Alten, um die Ergänzung professioneller Hilfe durch Laienhilfe, um eine zusätzliche Unterstützung, die nicht monetär ausgerichtet ist, und um die Schaffung eines Rahmens, in dem Zeittausch über längere Zeit eine verlässliche Größe ist. Dieses nicht-monetäre System wird ausführlich diskutiert, auch auf seine anthropologischen Aspekte hin erörtert und der Wert des Sozialen dabei hervorgehoben. Auch die Zeit-Raum-Perspektive kommt zur Sprache.

Thomas Kuder: Aktuelle Beobachtungen zur Resilienz attraktiver Innenstädte. Nach einer ausführlichen Auseinandersetzung mit der Normativität der Begrifflichkeit und den damit verbundenen Schwierigkeiten, weil die Begriffe wie lebenswert und attraktiv subjektiv gedeutete und belegte Begriffe sind, fragt der Autor, ob Innenstädte als attraktive und lebenswerte Innenstädte per se resilient sind. Diese Frage wird ausführlich diskutiert, um dann zu den Konsequenzen für die Resilienz zu kommen. Angesichts des Nachfragedrucks nach Wohnraum und Dienstleistungen stehen Innenstädte ohnehin unter einem gewissen Druck und nach Marktgesetzen bedeutet eine hohe Nachfrage auch eine hohe Kostenbelastung. Dies wird am Beispiel von Berlin verdeutlicht, auch weist der Autor darauf hin, dass es zu Gentrifizierungs- und Segregationsprozessen und damit zur Verdrängung einer angestammten Wohnbevölkerung kommt. Der Autor setzt sich dann noch mit der Ausbildung von Monostrukturen auseinander. Diese Entwicklung führt zu einer räumlichen Konzentration spezifischer Branchen in der Stadt und verhindert eine räumliche Branchendurchmischung.

Gerhard Schmitt: Planen im Konjunktiv. Was unterscheidet Görlitz von Singapur und was verbindet diese beiden Städte miteinander? Was kann die europäische Stadt Görlitz an Nachhaltigkeit und Resilienz weitergeben an die asiatische Metropole? Der Autor geht zunächst auf die Geschichte und Struktur der Metropole Singapur ein, diskutiert auch die Charakteristika der asiatischen Stadt vor dem Hintergrund der dort vorherrschenden ökonomischen, kulturellen und sozialen Dynamik. Dazu gehört auch, sich des Stadtverständnisses zu vergewissern, aus dem spezifische Planungsmuster und Planungsparadigmen ableitbar sind. Die Frage, wie sich die Stadt zukünftig entwickeln soll, wie sie der Schnelligkeit des Bevölkerungswachstums gewachsen sein soll – diese Frage wird in Europa anders beantwortet als in Asien. Der Autor macht dies am Beispiel von Zürich fest – eine Stadt, die auch wächst und sich Gedanken über ihre Stadtentwicklung macht. Auch hier diskutiert der Autor sehr ausführlich die Frage der Zukunftsbilder und der weiteren Entwicklung der Stadt.

Zu 3. Städtische Energien

Daniel B. Müller: Stadtentwicklung im Nexus von Ressourcenschonung und Klimaschutz. Die Frage nach einer nachhaltigen Entwicklung der Städte sollte durch die Frage ergänzt werden, welchen Beitrag die Städte zu einer nachhaltigen globalen Entwicklung leisten können. Der Autor diskutiert zu Beginn den Zusammenhang von Ressourcenverbrauch und Klimawandel und macht an einem Schaubild das System des globalen Ressourcenhaushalts deutlich. Dann fragt er, ob Städte bezüglich ihrer Emissionen verglichen werden können. Dabei stellt er den Produktions- und den Konsumansatz vor. Anschließend geht der Autor auf den Zusammenhang von Stadtentwicklung und Ressourcenschonung ein, den er an Hand der historischen Verwendung von Eisen und Stahl in den USA verdeutlicht, um dann auf den Zusammenhang von Klimaschutz und Stadtentwicklung ausführlich einzugehen.

Ingrid Krau: Wege zur Energieeffizienz in der Stadtentwicklung. Angesichts der Energiewende werden Unsicherheiten deutlich, inwieweit die Systeme einer dezentralen Stromversorgung in der Lage sind, die alten Großinfrastrukturen abzulösen und wo die Vorteile der geplanten „Stromautobahnen“ liegen sollen. Auf diese Unsicherheiten geht die Autorin ein, um dann exemplarische Ansatzpunkte für eine energieeffiziente Stadtentwicklung am Beispiel von Berlin und München zu kommen. Dies wird graphisch unterlegt diskutiert und erörtert.

Alexa Bodammer und Benno Brandstetter: Energetischen Stadtumbau integriert planen. In diesem Beitrag setzen sich die beiden Autoren mit dem Energiekonzept der Bundesregierung auseinander. Wie kommt es zur Fokussierung auf die energetische Sanierung des Gebäudebestandes angesichts komplex verhandelter Fragestellungen zum Klimaschutz? Ist es der „Kampf um die Häuser“, wie eine Wochenzeitung tituliert, oder welche Bedeutung hat Klimaschutz in der Stadtplanung und der Stadtentwicklung? In der kommunalen Praxis stehen nur manchmal Instrumente zur Verfügung, um eine integrierte Planung voranzutreiben – in den Großstädten eher als in den Kommunen auf dem Land. Aber eine integrierte Stadtentwicklung hat oft auch andere Ziele als die energetischen Maßnahmen.

Hartmut Topp: Von der autogerechten Stadt zu stadtverträglicher Mobilität. Das Konzept der autogerechten Stadt hat nach dem Krieg seine Karriere gemacht, als Automobilität der Inbegriff von Mobilität überhaupt wurde. Und es hat lange gedauert, bis sich dieses Konzept veränderte, Verkehrsberuhigung zu einem neuen Ziel wurde. Darauf verweist der Autor zu Beginn seines Beitrags. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben sich neue Ansätze durchgesetzt, die die Änderung der Nutzung von Plätzen, Straßen und öffentlichen Räumen zum Ziel hatte. Es geht um öffentliche Räume als Begegnungszonen und „shared spaces“ für alle und für spezifische Gruppen und Interessen. Das wird am Beispiel von Duisburg vorgestellt und diskutiert.

Matthias Böttger: Nachhaltige Architektur(lehre). Einleitend erörtert der Autor den Begriff der Nachhaltigkeit und kommt dann zu den Architektur- und Stadtvisionen, mit denen immer die Idee eines besseren Lebens verbunden waren. Wie werden die Städte in Zukunft aussehen, wie werden wir in der Stadt leben und werden wir dort arbeiten und uns fortbewegen? – alles Fragen, die zu Herausforderungen der Architektur und der Architekturlehre werden. Der Autor beschäftigt sich mit einer Publikation „Updating Germany“, in der fünf Kategorien möglicher Schritte erläutert sind: Econic Architecture, Post-fossil Landscape, Ecotechnotopia, Performing Systems und Responsible Consumption. Diese Kategorien werden kurz erläutert und es werden auch die Risiken ihrer Umsetzung beschrieben. Dann geht der Autor noch auf eine nachhaltige Lehre ein, die sicherstellen muss, dass zum Beispiel Lehrende 40 Jahre lang die Studenten auf ihre jeweilige Gegenwart und Zukunft vorbereiten können.

Alle Beiträge sind reichlich mit Bildmaterial ausgestattet, so dass die Texte auch visuell erfahrbar sind.

Diskussion

Städte sind das Spiegelbild der Gesellschaft, Städte sind in dem Maße stark, wie sie eingebettet sind in die ökonomische, soziale und kulturelle Dynamik dieser Gesellschaft und städtische Institutionen sind abhängig von der gesellschaftlichen Institutionalisierung und Normierung von Werten, Erwartungen, Vorstellungen vom Leben und vom Lebenswerten. Bei allem, was die Eigenlogik der Stadt ausmacht und bei allem, was die spezifische Logik von Integration und Ausgrenzung in einer Stadt prägt, ist die Stadt ein Teil der Gesellschaft, ja ist Gesellschaft.

Wie kann man also Städte stärken, wenn die Gesellschaft insgesamt ihre sozialen Integrationspotentiale verliert, mit dem demographischen Wandel nicht zurecht kommt und mit den ökonomischen Problemen auch die kulturelle und soziale Stabilität auf dem Prüfstand stehen. Oder umgekehrt: sind Städte nicht in dem Maße stark, wie die Gesellschaft stark ist?

Diese Fragen kamen beim Lesen und sie sind nur rudimentär angeschnitten, noch am ehesten in dem Teil, der mit „Städtisches Leben“ überschrieben ist.

Gleichwohl überzeugt das Buch mit seinen auf einem hohen Niveau analysierten Aspekten der Robustheit der Stadt und wie man Städte noch robuster machen kann. Denn gerade die städtebauliche Gestalt ist etwas Besonderes der Stadt, was die eine Stadt von der anderen unterscheidet. Und mit dieser städtebaulichen Gestalt hängt auch das städtische Leben zusammen. Es bildet sich ein für diese Stadt typischer urbaner Habitus aus, der hier eine höhere Dignität und Plausibilität besitzt, als anderswo. Die Verbindungslinien werden nicht immer deutlich.

Und wie verändert sich eigentlich Urbanität und urbanes Leben angesichts der Ressourcenknappheit und des bewussten Ressourceneinsatzes der Stadtbewohnerschaft? Welche Chancen hat die Stadt, wenn Ressourcenknappheit auch soziale Ungleichheit in der Stadt verstärkt, weil die einen sich die Ressourcen kaufen können, die anderen nicht?

Offene Fragen, die allerdings durch das Lesen der Beiträge erst zu Fragen werden.

Fazit

Das Buch ist eine interessante Sammlung von Aspekten der Stärkung der Städte, die anregt, über andere Fragen nachzudenken, die mit der Stärke, aber auch der Schwäche der Stadt zu tun haben.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 07.10.2014 zu: Jürg Sulzer (Hrsg.): Stadt stärken. Die Robustheit des Städtischen. JOVIS Verlag GmbH (Berlin) 2014. ISBN 978-3-86859-237-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17243.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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