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Tobias Nemmer: Der Einfluss des Aufsichtsrats auf den Unternehmenserfolg öffentlicher Krankenhäuser

Rezensiert von Prof. Dr. Friedrich Vogelbusch, 08.10.2014

Cover Tobias Nemmer: Der Einfluss des Aufsichtsrats auf den Unternehmenserfolg öffentlicher Krankenhäuser ISBN 978-3-8300-7718-3

Tobias Nemmer: Der Einfluss des Aufsichtsrats auf den Unternehmenserfolg öffentlicher Krankenhäuser. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2014. 296 Seiten. ISBN 978-3-8300-7718-3. D: 98,80 EUR, A: 101,60 EUR, CH: 129,00 sFr.
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Autor

Tobias Nemmer legt mit dem Buch „Der Einfluss des Aufsichtsrats auf den Unternehmenserfolg öffentlicher Krankenhäuser“ seine Dissertation an der Universität Hohenheim vor.

Herr Nemmer ist in Regensburg Mitarbeiter einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Er hat berufsbegleitend den Masterstudiengang Health Care Management an der DIU Dresden absolviert und ist im Bereich der Beratung von Krankenhäusern tätig.

Thema

Öffentliche Krankenhäuser befinden sich in einem tiefgreifenden Wandlungsprozess. Einerseits werden an die Kliniken zunehmend hohe quantitative und qualitative Anforderungen gestellt. Andererseits hat der Kostendruck durch die Einführung der Diagnosis Related Groups (DRGs) merklich zugenommen und eine mangelnde Investitionsförderung führt zu Investitionsstaus in den Häusern. Die Krankenhäuser stehen somit in einem Spannungskonflikt, dessen Lösung nur durch ein fachmännisches Management und einen professionellen Aufsichtsrat gelingen kann.

Dem Aufsichtsrat kommt innerhalb dieses Veränderungsprozesses eine beachtliche Rolle zu, da dieser vielschichtige und bedeutende Aufgaben übernimmt. So hat er beispielsweise die Geschäftsführung zu überwachen bzw. zu beraten und er muss durch das Knüpfen von unternehmensübergreifenden Beziehungen den Zugang zu externen und wertvollen Ressourcen sicherstellen. Ferner kann der Aufsichtsrat auch als Instrument fungieren, um den unterschiedlichen Stakeholdern eines Krankenhauses Gehör in der unternehmerischen Entscheidungsfindung zu verschaffen. Vor diesem Hintergrund stellt sich somit mehr denn je die Frage, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit das höchste Kontrollorgan einer Klinik seinen Verpflichtungen optimal nachkommen kann und zu einer wertvollen Stütze für das Klinikum wird.

Aufbau und Inhalt

Nemmer unterteilt sein Buch in sieben Kapitel.

Kapitel 1 beschreibt die Problemstellung und gibt einen Überblick über den Aufbau des Buches. Nemmer weist darauf hin, dass die. Fragestellung, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit der Aufsichtsrat einer Klinik seinen Verpflichtungen optimal nachkommen kann, von Seiten der Forschung bisher nicht nachgegangen wurde. Zwar existieren zahlreiche theoretische bzw. empirische Arbeiten, die den Aufsichtsrat zum Gegenstand der Untersuchung haben, allerdings beziehen sich die Ausführungen zumeist auf börsennotierte Unternehmen bzw. sind stark international geprägt. Die spezielle Situation des Aufsichtsrats in öffentlichen Krankenhäusern wurde hingegen bisher nicht beleuchtet. Diese Forschungslücke soll die vorliegende Dissertation schließen.

Kapitel 2 gehtauf die grundlegenden Merkmale der deutschen Krankenhauslandschaft ein. Nemmer definiert zunächst den Krankenhausbegriff auf Basis der gesetzlichen Vorschriften. Zudem zeigt er, dass sich Krankenhäuser nach den unterschiedlichsten Kriterien voneinander abgrenzen lassen, wobei er insbesondere auf die Unterteilung nach der Versorgungsstufe, der Trägerschaft bzw. der Rechtsform abstellt. Schließlich wird in diesem Kapitel dargestellt, was unter dem Erfolg in öffentlichen Krankenhäusern zu verstehen ist bzw. wie der Erfolg eines Krankenhauses gemessen werden kann.

In Kapitel 3 rückt der Aufsichtsrat in den Mittelpunkt der Betrachtung. Hierzu wird dargestellt, welchen Stellenwert der Aufsichtsrat innerhalb der Corporate Governance bzw. der Hospital Governance innehat. Ferner wird auf die ca. 150 Jahre zurückreichende Geschichte des Aufsichtsrats eingegangen und es werden die rechtlichen Rahmenbedingungen zum fakultativen Aufsichtsrat einer Klinik-GmbH skizziert. Weitere gesetzliche Vorschriften werden hingegen nicht detailliert erörtert, da nur sehr wenige öffentliche Krankenhäuser in einer anderen Rechtsform als der GmbH geführt werden bzw. Kliniken in der Rechtsform eines Eigen- bzw. Regiebetriebs über keinen Aufsichtsrat verfügen.

In Kapitel 4 wird anschließend anhand verschiedener ökonomischer Theorien gezeigt, welche Rolle bzw. ökonomische Funktion der Aufsichtsrat ausübt. Hierzu greift Nemmer auf die Property-Rights-Theorie, die Principal-Agent-Theorie, die Stewardship-Theorie, den Stakeholder-Ansatz und die Resource-Dependence-Theorie zurück. Diesen Theorien wird in der Corporate-Governance-Literatur die größte Aufmerksamkeit geschenkt.

In Kapitel 5 sucht Nemmer eine Antwort auf die Frage, welche strukturellen und verhaltensbezogenen Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit der Aufsichtsrat seine ökonomische Funktion optimal wahrnehmen kann und somit einen positiven Beitrag zum Erfolg einer Klinik leistet. Hierzu werden die theoretischen Erkenntnisse und die empirischen Ergebnisse vorgefundener Vorstudien wiedergegeben, wobei die Ausführungen weitgehend losgelöst von der Institution Krankenhaus sind.

Im Einzelnen betrachtet Nemmer die folgende Erfolgsfaktoren, für die er auf der in Klammern angegeben Seite übersichtsartig die Ergebnisse zusammenfasst.

  • Faktor Größe des Aufsichtsrates (Zusammenfassung auf S. 116),
  • Ausschussbildung (S. 122),
  • Zusammensetzung aus älteren und jüngeren Mitgliedern (S. 125),
  • Zusammensetzung aus männlichen und weiblichen und jüngeren Mitgliedern (S. 125),
  • die Rolle der Diversität (S. 134),
  • Auswirkungen der Mitbestimmung (S. 142),
  • Mehrfachmandate (S. 145),
  • Vergütung des Aufsichtsrats (S. 151),
  • Häufigkeit der Sitzungen (S. 153) und
  • die konkrete Rollenwahrnehmung (Intensität der Überwachung, Art der Tätigkeit, S. 165)

Aufbauend auf den Erkenntnissen aus den vorherigen Kapiteln werden in Kapitel 6 Hypothesen entwickelt, welche die spezielle Situation öffentlicher Krankenhäuser berücksichtigen. Diese Hypothesen werden mittels unterschiedlicher statistischer Verfahren auf ihre Gültigkeit hin überprüft.

Nemmer untersucht die öffentlich zugänglichen Informationen für knapp 200 öffentliche Krankenhäuser in Deutschland, die in der Rechtsform der GmbH gefasst sind (vgl. Darstellung auf den S. 179 ff). Die Informationen zur Größe und Zusammensetzung des Aufsichtsrates entnimmt er dem Anhang, Zahlen zum Erfolg der Kliniken der Gewinn- und Verlustrechnung sowie der Bilanz. Bezugsjahr ist das Kalenderjahr 2010. Aus den veröffentlichten Tätigkeitsberichten des Aufsichtsrats konnte Nemmer die Zahl der Sitzungen entnehmen.

Die Ergebnisse der eigenen Untersuchungen finden sich in Abschnitt 6.6 „Hypothesentest“.

  • Nemmer ermittelt mit einer empirischen statistischen Analyse beispielsweise, dass öffentliche Krankenhäuser mit kleineren Aufsichtsräten erfolgreicher sind als solche mit großen Aufsichtsräten (S. 196). Die durchschnittliche Größe des Aufsichtsrates in öffentlichen Kliniken beträgt 11,6. Damit wird die Durchschnittsgröße in der gewerblichen Wirtschaft (bei Aktiengesellschaften) überschritten.
  • Für die Diversität (Frauenanteil, Anteil an fachlich qualifizierten Aufsichtsräten) findet er keinen Zusammenhang, der auf einen höheren betriebswirtschaftlichen Erfolg hinweist (S. 201). Der Frauenanteil liegt mit 26,7% deutlich höher als bei deutschen börsennotierten Unternehmen. In den Aufsichtsräten sind vor allem die Berufsgruppen Medizin, Wirtschaft/Verwaltung, Politik und Sonstige vertreten.
  • Auch die Mitbestimmung im Aufsichtsrat wirkt nicht signifikant auf den Erfolg aus (S. 203).
  • Nemmer ermittelt, dass sich eine höhere Aufsichtsratsvergütung nur empirisch belegbar auf das Umsatzwachstum auswirkt. Auf den Unternehmenserfolg hat sie keine nachweisbare Auswirkung (S. 204). Die durchschnittliche Vergütung beträgt 1.105?, der Maximalbetrag pro Jahr liegt bei 10.333?.
  • Auch die Häufigkeit der Sitzungen wirkt sich nicht empirisch belegbar auf den Erfolg des Krankenhauses aus (S. 204 f). Mindestens 2 Sitzungen werden abgehalten, im Jahr sind es durchschnittlich 5,6 Sitzungen.

In einer bivariaten Analyse kann Nemmer weitere Hypothesen testen. Interessante Ergebnisse sind z.B.

  • Krankenhäuser mit fachlich stark differenzierten Mitgliedern erzielen eine durchschnittlich höhere Umsatzrendite (S. 221).
  • Je stärker die Berufsgruppe Recht und Politik vertreten sind, desto niedriger ist die Umsatz- und die Kapitalrentabilität. Umgekehrt steigert eine höhere Beteiligung der Berufsgruppe Soziales die Rentabilitätskennzahl (S. 221 f).
  • Die Rentabilitätskennziffern sind in den 10% Krankenhäusern mit dem höchsten Frauenanteil signifikant höher als bei den übrigen Kliniken (S. 222).
  • Die Sitzungshäufigkeit ist negativ korreliert mit der Rentabilität, die erklärt Nemmer aus der Notwendigkeit, ein notleidendes Krankenhaus enger zu überwachen (S. 222).

In Abschnitt 6.8 folgt eine kritische Würdigung der gefundenen Ergebnisse.

Kapitel 7 enthält eine Zusammenfassung und einen Ausblick. Insbesondere weist Nemmer darauf hin, dass die Untersuchung kritischer Erfolgsfaktoren bisher wenig theoretisch untermauert war. Dies habe sich mit der vorgelegten Arbeit verbessert.

Kritisch merkt der Verfasser an, dass er nur Querschnittsbetrachtungen zu einem Zeitpunkt unternommen habe. Interessant wäre eine Zeitreihenbetrachtung über eine längere Periode.

Die Übertragung der Ergebnisse auf frei-gemeinnützige Krankenhäuser und andere Rechtsformen (z.B. der Eigenbetriebe und Stiftungen) stehe noch aus.

Die im Bereich der gewerblichen Wirtschaft erfolgten Reformen, die zu höheren Anforderungen an den Aufsichtsrat geführt haben und die gestiegenen Anforderungen an eine gute Geschäftsführung und Beaufsichtigung (Corporate Governance) gelten unmittelbar auch für öffentliche Krankenhäuser.

Es folgt ein sehr ausführliches Literaturverzeichnis über 64 Seiten.

Diskussion

Heutzutage und insbesondere im Zusammenhang mit sich regelmäßig zeigenden Krankenhauskrisen oder -skandalen wird Anstoß an der Tätigkeit des Überwachungsgremiums genommen. Moniert wird oftmals die mangelnde Qualifikation und Expertise der Aufsichtsratsmitglieder, die unzureichende Sitzungsfrequenz bzw. -dauer, die ritualisierte Arbeitsweise, die parteipolitische Besetzung des Aufsichtsratsmandats, die mangelnde Unabhängigkeit, die Überdominanz der Geschäftsführung und die fehlende Haftung der Aufsichtsräte. Kritik wird zudem an der Berichterstattung des Aufsichtsrats geübt: sie sei in vielen Fällen zu formal, nicht empfängerorientiert, unvollständig, unübersichtlich bzw. rein vergangenheitsorientiert.

Der Kritik gegenüber steht die beachtliche Rolle, die dem Aufsichtsrat im Krankenhaus zukommt. Der Aufsichtsrat hat die Geschäftsführung zu überwachen bzw. zu beraten. Darüber hinaus soll er durch das Knüpfen von unternehmensübergreifenden Beziehungen den Zugang zu externen und wertvollen Ressourcen sicherstellen. Nicht zuletzt ist das Aufsichtsgremium dafür da, um den unterschiedlichen Stakeholdern eines Krankenhauses Gehör in der unternehmerischen Entscheidungsfindung zu verschaffen.

Vor diesem komplexen Hintergrund sind die von Nemmer analysierten Fragen zu den Erfolgsfaktoren einer guten Aufsichtsratstätigkeit von großer Bedeutung und hoher Aktualität. Mit den Untersuchungsergebnissen wird ein nicht geringer Beitrag dafür geleistet, dass das höchste Kontrollorgan einer Klinik seinen Verpflichtungen optimal nachkommen kann und zu einer wertvollen Stütze für das Management wird.

Laut seinem Vorwort hat Nemmer 2.500 Arbeitsstunden in die Dissertation investiert.

Die von Nemmer im theoretischen Survey angeführten ökonomischer Theorien zur Rolle bzw. ökonomische Funktion der Aufsichtsrat stellen eine gute Basis für die späteren empirischen Untersuchungen dar. Wer sich in diesem Zusammenhang über die wesentlichen Erkenntnisse der Property-Rights-Theorie, der Principal-Agent-Theorie, der Stewardship-Theorie bzw. über den Stakeholder-Ansatz und die Resource-Dependence-Theorie informieren möchte, kann auf die knappe und gut strukturierte Darstellung von Nemmer in Kapitel 4 zurück greifen. Damit enthält die Dissertation Nemmers auch einen guten Einstieg in die theoretischen Grundlagen der Corporate-Governance-Literatur. Einem Thema, dass auch bei Sozialunternehmen eine steigende Aufmerksamkeit erfahren hat!

Die Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse zu den einzelnen Erfolgsfaktoren ist eine Fleißarbeit und für den Wissenschaftler und theoretisch interessierten Praktiker eine beachtenswerte Fundstelle.

Positiv eingeschätzt werden die nachvollziehbar aus den öffentlich einsehbaren Unterlagen abgeleiteten empirischen Untersuchungsergebnisse. Die Dissertation von Nemmer ist an den Fragestellungen der Unternehmenspraxis orientiert und daher in den Augen des Rezensenten vorbildlich.

Darüber hinaus ist das Buch einer an der Aufsichtsratstätigkeit im Bereich von Krankenhäusern und anderen Sozialunternehmen interessierten Zielgruppe zu empfehlen.

Der Preis von fast 100 EUR ist für dieses Buch jedoch eindeutig zu hoch. Es wäre der Dissertation eine günstigere Publikationsform zu wünschen gewesen.

Fazit

Die vorgelegte Dissertation ist ein wichtiger Beitrag in der Debatte um die Wirksamkeit des Organs „Aufsichtsrat“ in den deutschen Unternehmen. Nemmer untersucht für die Branche der Kliniken in Deutschland, wie sich die Größe, Zusammensetzung, Sitzungshäufigkeit und Erfolgsfaktoren auf den ökonomischen Erfolg eines öffentlichen Krankenhauses in der Rechtsform der GmbH auswirken.

Der Adressatenkreis des Buches „Der Einfluss des Aufsichtsrats auf den Unternehmenserfolg öffentlicher Krankenhäuser“ von Tobias Nemmer dürfte einmal im wissenschaftlichen Bereich bei Gesellschaftsrechtlern und am Management von Krankenhäusern interessierten Studenten und Dozenten liegen.

Rezension von
Prof. Dr. Friedrich Vogelbusch
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Es gibt 111 Rezensionen von Friedrich Vogelbusch.

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Zitiervorschlag
Friedrich Vogelbusch. Rezension vom 08.10.2014 zu: Tobias Nemmer: Der Einfluss des Aufsichtsrats auf den Unternehmenserfolg öffentlicher Krankenhäuser. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2014. ISBN 978-3-8300-7718-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17250.php, Datum des Zugriffs 26.06.2022.


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