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Maike Gebauer: Sexualassistenz und Sexualbegleitung [...] (geistige Behinderung)

Cover Maike Gebauer: Sexualassistenz und Sexualbegleitung für Menschen mit geistiger Behinderung als Möglichkeit der sexuellen Selbstbestimmung. Leipziger Wissenschaftsverlag (Leipzig) 2014. 61 Seiten. ISBN 978-3-86660-164-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Ein neuer Name erscheint am Horizont der Sonderpädagogik. Ob es ihm gelingen wird, dem Zenit näher zu kommen ist eher fraglich. Die Autorin legt eines der typischen mutlosen Pflichtwerke vor, die im Rahmen einer Ausbildung geschrieben werden müssen. Schon die Sprache gibt den Zwang zur Exaktheit wieder. Die Pflicht zur Wissenschaftlichkeit macht sie kantig und das Demonstrativpronom „welcher“ nervt schon nach kurzer Zeit.

Dabei war die Autorin bei der Wahl ihres Themas durchaus mutig: „Sexualbegleitung“. Dazu gibt es kaum wissenschaftliche Literatur. „Sexualbegleitung für geistig behinderte Menschen“ hat sich aus der Selbsthilfe heraus gesellschaftlich etabliert und wurde über Medien in die öffentliche Diskussion getragen. Die Wissenschaft hat das verblüfft und auf dem falschen Fuß eher stolpern lassen. Die Professoren haben zunächst ihre Hilfskräfte mit deren Pflichtarbeiten losgeschickt, um zu schauen, was denn da überhaupt los ist. Eine davon ist Maike Gebauer.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung trägt die Autorin die gängigen Definitionen zum Begriff „Geistige Behinderung“ zusammen. Lobenswert geht sie allen Versuchungen zur Begriffskosmetik aus dem Weg. Begriffe wie „intellektuelle Behinderung“, „Menschen mit Lernschwierigkeiten“, „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ und ähnliche sind ihr nicht exakt genug. Das wird der pädagogische Zeitgeist nicht mögen. Inklusion ist heutzutage Pflicht, wonach doch alle Menschen behindert sind und damit gleich. Standfest. Gratulation.

Dem folgt eine Begriffsbestimmung zu dem unfassbaren Begriff „Sexualität“. Das muss misslingen. Hat bisher niemand umfassend geschafft, nicht einmal Sigmund Freud.

Die Bedeutung von Sexualität für Menschen mit geistiger Behinderung schätzt Maike Gebauer hoch ein, denn sie sammelt die wenigen Zitate aus aktueller wissenschaftlicher Literatur, die sich für Sexualbegleitung aussprechen und für sexuelle Selbstbestimmung als Rechtsgut.

Bis zur Hälfte des Buches sind ihr aber leider die Begriffsbestimmungen wichtiger als die Selbstbestimmung als Thema. Erst im Kapitel 4 geht sie explizit auf Sexualassistenz und Sexualbegleitung ein. Beide Begriffe werden zunächst mal definiert, aber dann auch diskutiert. Nun sind die Leser im Kern der Abhandlung angelangt und bekommen Argumente geboten, die letztlich die positive Einstellung der Autorin erkennen lassen.

Das Kapitel 5 bietet schon das Resümee und der letzte Abschnitt die Quintessenz der Autorin: „Abschließend ist zu sagen, dass die Sexualassistenz und Sexualbegleitung für Menschen mit geistiger Behinderung eine Möglichkeit darstellt, eine sexuelle Selbstbestimmung dieser Personengruppe zu gewährleisten. Denn diese Angebote verschaffen ihnen die Möglichkeit, eine selbstständige Entscheidung bezüglich des Erlebens und Erfahrens ihrer eigenen Geschlechtlichkeit zu treffen und dies ist der bedeutendste Schritt für eine selbstbestimmte Sexualität,“

Diskussion

Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Themen „Sexualbegleitung“ und „Sexualassistenz“ ist dringend geboten. Denn nach der gesellschaftlichen Etablierung von Angeboten, die grundsätzlich die Zusammenarbeit von Sexualdienstleistung und Pädagogik als sinnvoll erwiesen haben, entsteht zurzeit ein Wildwuchs an sexualbegleitender Prostitution, der das gesamte Projekt zum Scheitern bringen kann.

Weil die klassische Prostitution in Deutschland durch illegale Zuwanderung aus Osteuropa zunehmend unter Druck gerät und die Preise und Praktiken völlig enthemmt werden, wandern immer mehr Frauen und Männer in eine Sexualbegleitung ab, die das Wort nicht verdient. Wissenschaft könnte hier Qualitätsstandards entwickeln, die den Einrichtungen der Behindertenarbeit Sicherheit verschaffen und eine seriöse Finanzierung möglich machen.

Dazu müsste Wissenschaft aber empirisch Daten erheben und sich somit in die Nähe von Prostitution begeben. Also Mut! Heraus aus dem Elfenbeinturm und dem Beispiel anerkannter Sozialwissenschaft gefolgt, die soziale Brennpunkte nicht scheut!

Fazit

Ich wünsche mir, dass Menschen wie Maike Gebauer am Thema bleiben und nach ihrer Ausbildungspflicht Mut zur eigenen Kreativität entwickeln. Die bereits seit vielen Jahren praktizierte Sexualbegleitung braucht Evaluation. Im vorliegenden Werk sind die Grundeinsichten beschrieben, mehr nicht. Aber Anlass genug für weitere wissenschaftliche Bemühungen. Maike Gebauers Anfang sollte von allen gelesen werden, die sich ebenfalls aufmachen, mit dem Thema Sexualbegleitung ihren wissenschaftlichen Weg zu begründen.


Rezensent
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor und Coach für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 17.10.2014 zu: Maike Gebauer: Sexualassistenz und Sexualbegleitung für Menschen mit geistiger Behinderung als Möglichkeit der sexuellen Selbstbestimmung. Leipziger Wissenschaftsverlag (Leipzig) 2014. ISBN 978-3-86660-164-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17262.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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