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Bettina Franzke: Genderaspekte in der beschäftigungsorientierten Beratung

Cover Bettina Franzke: Genderaspekte in der beschäftigungsorientierten Beratung. Neue Entwicklungen im SGB II und SGB III. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2014. 312 Seiten. ISBN 978-3-7639-5343-1. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 46,90 sFr.
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Thema

Mit ihrem Buch „Genderaspekte in der beschäftigungsorientierten Beratung“ will Bettina Franzke zur Qualifizierung und Implementierung gendergerechter Beratung im Bereich der Beschäftigungsorientierung beitragen. Damit verfolgt sie die übergeordneten Zielsetzungen der Chancengleichheit bei der Fachkräftesicherung und der gleichberechtigten Teilhabe von Frauen und Männern am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Das Buch ist sowohl auf die Vermittlung der theoretischen Grundlagen aus der Gender-, Lebensverlaufs- und Arbeitsmarktforschung als auch auf die Bereitstellung praktischer Hilfen für den Beratungsalltag ausgerichtet.

Autorin

Die Autorin ist als Professorin für Interkulturelle Kompetenzen und Diversity-Management an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW in Köln tätig. Von 2008 bis 2013 hatte sie eine Professur für Psychologie an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA) inne. Sie verfügt über umfangreiche berufliche Erfahrungen als angestellte sowie als freiberufliche Organisationsentwicklerin und Beraterin für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist vor dem Hintergrund von Projekten und Gendertrainings entstanden, die teils von Landesministerien des Landes Baden-Württemberg, teils von der Bundesagentur für Arbeit in Auftrag gegeben bzw. umgesetzt und verantwortet wurden. Geschult wurden etwa 250 Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt, die Beratungsstudierenden der HdBA, Mitarbeitende aus Organisationen und Firmen und weitere Personenkreise. Die in diesem Zusammenhang gewonnenen wissenschaftlichen und praktischen Erkenntnisse bilden die Grundlage der hier vorgestellten Publikation.

Aufbau

Das Buch umfasst dreizehn Kapitel, ausführliche Literaturhinweise und einen Anhang mit Übungsmaterialien für Gendertrainings sowie Materialien zur gendersensiblen Existenzgründungsberatung.

Die ersten Kapitel bieten eine kompakte Einführung in den Forschungs- und Wissensstand zu Frauen und Männern am Arbeitsmarkt (Kap. 2) und die rechtlichen Rahmenbedingungen für die beschäftigungsorientierte Beratung (Kap. 3), erörtern Genderaspekte von Lebensläufen und Generationenbeziehungen (Kap. 4) sowie die Ziele und Nutzen von Gendertrainings in den Arbeitsfeldern der Bundesagentur für Arbeit (Kap. 5).

Der zweite, umfangreichere Teil des Bandes enthält praxisbezogene Materialien: Einarbeitungsstrategien für Genderexpert_innen (Kap. 6), Seminarkonzepte (Kap. 7), Übungen für Gendertrainings (Kap. 8), Argumentationshilfen für genderuntypische Berufe (Kap. 9) und Fallbeispiele (Kap. 10). Die abschließenden Kapitel stellen Evaluationsergebnisse zu Gendertrainings vor (Kap. 11), erläutern Genderaspekte in der Existenzgründungsberatung (Kap. 12) und eröffnen am Beispiel der Ford-Werke Köln einen Einblick in Diversity-Strategien eines großen Unternehmens.

Inhalt

Der Inhalt des Buches von Bettina Franzke entspricht dem oben vorgestellten Aufbau. Es enthält eine Fülle empirischer Daten rund um den Themenbereich Gender und Erwerbsarbeit (einschließlich Einkommens- und Rentenaspekten sowie Hinweisen zur Arbeitsteilung in privaten Haushalten), die zu einer differenzierten Beschreibung des Ist-Zustandes in der Bundesrepublik Deutschland aggregiert werden. Warum dieser Ist-Zustand so ist, wie er ist, wird nur in knappen Bemerkungen gestreift, in denen auf kulturelle und sozialisatorische Aspekte des „Doing Gender“ verwiesen wird. Ebenfalls sehr knapp werden die Begriffe Genderkompetenz, -sensibilität und -expertise eingeführt (S. 16 f).

Die weitere Argumentation, die konzeptionellen und methodischen Erörterungen der vorgestellten Gendertrainings gehen von einem nicht näher begründeten gleichheitstheoretischen Paradigma aus. Diesem Paradigma folgt auch die Bundesagentur für Arbeit, als deren Aufgabe es beschrieben wird, geschlechtstypische Berufswünsche zu hinterfragen, zu geschlechts-untypischen Berufswahlprozessen beizutragen und so dafür zu sorgen, dass „sich Frauen und Männer entsprechend ihrer Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt einbringen können“ (S. 17). Dies entspreche, so die Autorin, den „politischen Vorgaben und geschäftspolitischen Vorhaben und Zielen der BA“ im Sinne der Umsetzung des Gender Mainstreaming (S. 19). Damit seien „zentrale Fragen der sozialen Gerechtigkeit in unserem Land“ berührt (ebenda).

Der weitaus größte Teil des Buches ist der Begründung, Entwicklung, Darstellung und Vermittlung von Gendertrainings, Genderkompetenzen und genderbezogenen Argumentationshilfen vorbehalten. Dies geschieht so kleinschrittig und präzise, dass eine Übertragung in unterschiedliche Beratungs-Settings und eine Anwendung in der alltäglichen beraterischen Praxis ohne weiteres möglich erscheint.

Diskussion und Fazit

Bettina Franzke löst die mit ihrem Buch geweckten Erwartungen an eine praxisnahe Darstellung und Anleitung zur gender-orientierten Beratung in den Bereichen des SGB II und SGB III perfekt ein. Die Darstellung des empirischen Forschungsstandes zum Themenbereich Erwerbsarbeit, Berufsorientierung und Chancengleichheit von Frauen und Männern ist äußerst detailliert und differenziert. Die theoretischen Begründungen und Verortungen fallen dagegen sehr knapp aus. Auch wenn dies dem Charakter der Publikation durchaus entspricht, wäre es doch wünschenswert gewesen, zumindest die Anschlussstellen zu gendertheoretischen Aspekten der Thematik etwas deutlicher zu markieren und damit auch den möglicherweise im Feld der Genderforschung (noch) nicht so bewanderten, aber interessierten Leserinnen und Lesern etwas mehr Orientierungsmöglichkeiten mit zu geben.

Als Zielgruppen dieses Buches kommen vor allem Fachkräfte in der beschäftigungsorientierten Beratung und Vermittlung, aber auch in der Personal- und Organisationsentwicklung in Betracht. Es ist zum Selbststudium ebenso geeignet wie zum Einsatz in Fortbildungs- oder Studienmodulen.


Rezension von
Prof. em. Dr. Hildegard Mogge-Grotjahn
Bis März 2017 Professorin für Soziologie am Fachbereich 1: Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie an der Evangelischen Fachhochschule RWL in Bochum
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Zitiervorschlag
Hildegard Mogge-Grotjahn. Rezension vom 16.10.2014 zu: Bettina Franzke: Genderaspekte in der beschäftigungsorientierten Beratung. Neue Entwicklungen im SGB II und SGB III. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-7639-5343-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17269.php, Datum des Zugriffs 29.10.2020.


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