socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Mareike Ebach, Bettina Franzke: Nichtleistungsberechtigte Wiedereinsteigerinnen [...]

Cover Mareike Ebach, Bettina Franzke: Nichtleistungsberechtigte Wiedereinsteigerinnen in Westdeutschland und die Arbeitsförderung nach SGB III. Perspektive Wiedereinstieg - Bereit für neue Wege! W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2014. 112 Seiten. ISBN 978-3-7639-5311-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Deutschland und der Fachkräftemangel – ein reales oder ein Scheinproblem?

In den letzten Wochen, in denen das Phänomen von Pegida in allen Medien präsent ist (aber gleichwohl zumeist unterkomplex diskutiert wird), wurde gemutmaßt, warum die „Spaziergänge“ von Wutbürgern überhaupt so einen großen Zulauf – vor allem in Ostdeutschland – haben. Als ein Argument wird oft vorgebracht, dass sich viele Menschen in den fünf ostdeutschen Bundesländern immer noch vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen fühlen. Gleichzeitig ist von Seiten zahlreicher Arbeitgeberverbände zu hören, dass Deutschland auf einen massiven Fachkräftemangel zusteuert und daher qualifizierte Zuwanderer dringend gebraucht und daher auch herzlich willkommen werden. Gerade für Frauen ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie essentiell, wobei in den letzten Jahren gleichzeitig zu konstatieren ist, dass auch und gerade junge Männer den Rechtsanspruch auf Elternzeit verstärkt nutzen. Das Gesetz zur Familienpflegezeit und andere Maßnahmen zeigen ebenso deutlich, dass der Gesetzgeber auf die diversifizierten Lebensentwürfe reagiert, um gesellschaftlichen Veränderungen zugunsten der Bürger gerecht zu werden. Das hier vorzustellende Buch widmet sich den sog. Wiedereinsteigerinnen. Dabei handelt es sich nach der direkt zu Beginn zu findenden Definition um Frauen, die „nach einer längeren Familienphase eine erneute Erwerbstätigkeit in Betracht ziehen.“ (S. 5) Der Bundesagentur für Arbeit geht es dabei darum, die Potenziale dieser Zielgruppe zur Fachkräftesicherung in Deutschland zu sichern. Die Studie der beiden Autoren Ebach und Franzke untersucht dabei die Kontakte von Wiedereinsteigerinnen zur Bundesagentur für Arbeit (BA) im Rechtskreis des SGB III. Hauptaugenmerk dieser Untersuchung waren dabei die Erwartungen und Anliegen von Wiedereinsteigerinnen an die BA.

Aufbau

Das Buch ist insgesamt in acht Kapitel gegliedert, die sich wie folgt darstellen

  1. Einführung
  2. Wiedereinsteigerinnen und die Bundesagentur für Arbeit
  3. Forschungsleitenden Maßnahmen
  4. Methodik
  5. Empirische Ergebnisse aus den leitfadengestützten Interviews
  6. Beobachtungen aus den Hospitationen
  7. Handlungsbedarfe und Handlungsempfehlungen
  8. Fazit

Ein Literaturverzeichnis, zwei Anhänge, die sich mit den Hospitationen und durchgeführten Workshops beschäftigen, sowie ein Abkürzungsverzeichnis schließen das Buch ab.

Wesentliche Ergebnisse der Studie und Diskussion

Die Studie fördert – obgleich die Ergebnisse erfreulich sind – keine wirklich erstaunlichen Erkenntnisse zu Tage. Dass die Frauen, die einen Wiedereinstieg in den Beruf suchen, in ihrer Zusammensetzung eine heterogene Gruppe bilden (S. 25 f.), kann nicht überraschen, da Deutschland in seiner soziodemographischen Zusammensetzung so ausdifferenziert ist, dass vielmehr ein anderes Ergebnis überrascht hätte. Bei den Hintergründen für die Erwerbsunterbrechung differenzieren die Autoren zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Unterbrechung. Unter einer freiwilligen Unterbrechung wird dabei die bewusste Entscheidung für eine Familienphase verstanden, wohingegen ein unfreiwilliger Ausstieg aus dem Berufsleben dann konstatiert wird, wenn aus individuellen oder strukturellen Gründen nach der Geburt eines Kindes eine Erwerbstätigkeit aufgegeben wurde (S. 27). Bei dieser Analyse vermisst der unvoreingenommene Leser eine weitere Differenzierung dieser Motivauffächerung. Denn bekanntlich ist bei Entscheidungen in den wenigsten Fällen nur ein Motiv ausschlaggebend. Vielmehr spielen oft zahlreiche Umstände und Motive in eine Entscheidung hinein, so dass hier eine vertieftere Beweggrunderforschung hilfreich gewesen wäre. Hier hätte es vielleicht nahe gelegen, in den Hospitationen weiter zu schürfen. Doch an dieser Stelle des Buches (S. 70 ff.) sind dazu leider keine weiteren Aussagen zu finden.

Die Studie enthält gleichwohl zahlreiche Erkenntnisse, die für die praktische Arbeit der Arbeitsagenturen von immenser Bedeutung sind und daher dort unbedingt Berücksichtigung finden sollten. So wurde z.B. festgestellt, dass Wiedereinsteigerinnen in den meisten Fällen keinerlei Vorstellung von der rechtlich wichtigen Unterscheidung zwischen einer Meldung als arbeitslos oder arbeitsuchend haben (S. 98). Daher wird völlig zu Recht vorgeschlagen, dass die Information und Beratung von nicht leistungsberechtigten Wiedereinsteigerinnen gezielt darauf ausgerichtet werden sollte, dass „Wiedereinsteigerinnen eine realistische Vorstellung von den mit einer Arbeitslosmeldung verbundenen Pflichten erhalten und nicht aufgrund von Annahmen und Befürchtungen davor zurückschrecken, sich arbeitslos zu melden.“ (S. 100)

Fazit

Obgleich die Arbeitslosenzahlen schon seit geraumer Zeit im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn sehr vorteilhaft und lobenswert sind, so ist trotz alledem der Befund richtig, dass die Zahl der Arbeitslosen weiter zu senken ist. Diesem Ansinnen kann nur gedient werden, wenn zukünftig die Bedürfnisse und Interessen auch und gerade der Wiedereinsteigerinnen Rechnung getragen wird. Dieser Notwendigkeit können die Agenturen für Arbeit gerecht werden, wenn sie die Erkenntnisse dieser Studie zur Kenntnis nehmen, auf ihren Zuständigkeitsbereich herunterbrechen und die erforderlichen Konsequenzen daraus ziehen. Vor allem den Vermittlungskräften und sonstigen Verantwortlichen in den Agenturen für Arbeit ist die Lektüre des Buches daher sehr zu empfehlen.


Rezensent
Dr. iur. Marcus Kreutz
LL.M., Rechtsanwalt. Justiziar des Bundesverbandes Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e.V. in Köln
E-Mail Mailformular


Alle 251 Rezensionen von Marcus Kreutz anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Marcus Kreutz. Rezension vom 13.01.2015 zu: Mareike Ebach, Bettina Franzke: Nichtleistungsberechtigte Wiedereinsteigerinnen in Westdeutschland und die Arbeitsförderung nach SGB III. Perspektive Wiedereinstieg - Bereit für neue Wege! W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-7639-5311-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17270.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!