socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Gerda Engelbracht: Medizinverbrechen an Bremer Kindern und Jugendlichen [...]

Cover Gerda Engelbracht: Medizinverbrechen an Bremer Kindern und Jugendlichen in der Zeit des Nationalsozialismus. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2014. 178 Seiten. ISBN 978-3-86321-182-0. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 23,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Die Erforschung der Zeit und der Taten des Nationalsozialismus war noch bis Anfang der 70er Jahre keineswegs so erwünscht und selbstverständlich, wie es dank einer seit mehr als 30 Jahren zunehmenden wissenschaftlichen Förderung und einer allgemeinen politischen Zustimmung heute der Fall ist. Man kann sagen, dass erst mit dem Schwund der nationalsozialistischen Nachwirkungen im Wissenschaftsbetrieb und dem damit einhergehenden Generationswechsel Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre eine systematische Erforschung der NS-Zeit einsetzte und im Wissenschaftsbetrieb implementiert wurde. Doch trotz dieser breiten und mittlerweile im staatlichen Selbstverständnis begründeten Forschungsförderung gibt es doch noch zahlreiche Leerstellen, deren Bearbeitung dringend erforderlich ist. Zu diesen Leerstellen gehören die Medizinverbrechen, die an solchen Kindern und Jugendlichen verübt worden sind, die als störend, behindert oder lebensunwert angesehen wurden. Die vorliegende Studie geht für Bremen der Frage nach, auf welchen Wegen und Umständen hier Kinder und Jugendliche zu Opfern der Zwangssterilisation und der gezielten Vernichtung wurden; die Autorin will damit auch einen Baustein liefern für eine als Forschungsdesiderat bezeichnete wissenschaftliche Gesamtschau aller auf Kinder und Jugendliche zielenden nationalsozialistischen Aktionen der Inhumanität und Tötung.

Autorin

Gerda Engelbracht studierte Volkskunde, Ethnologie und Publizistik in Göttingen und lebt jetzt in Bremen als freiberufliche Kulturwissenschaftlerin, die Forschungsprojekte, Publikationen und Ausstellungen u. a. zu psychiatrie-, medizin- und sozialgeschichtlichen Themen realisiert.

Entstehungshintergrund

Das Buch erscheint ergänzend zu einer gleichnamigen Ausstellung, die, als Wanderausstellung konzipiert, die zentralen Aspekte der Medizinverbrechen an Bremer Kinder und Jugendlichen zeigt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus zwei längeren Kapiteln, die sich mit den Etappen der Medizinverbrechen beschäftigen, wie sie in fortschreitender Grausamkeit durchgeführt wurden.

Verhütung der „Lebensunwerten“, so ist das erste Kapitel überschrieben: Seit dem bereits 1933 beschlossenen, aber erst 1934 in Kraft gesetzten „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ bestand die Möglichkeit, Menschen mit einer der folgenden acht „Krankheiten“ zwangsweise zu sterilisieren: angeborener Schwachsinn, Schizophrenie, zirkuläres (manisch-depressives) Irresein, erbliche Fallsucht, erblicher Veitstanz (Huntingtonsche Chorea), erbliche Blindheit, erbliche Taubheit, schwere erbliche körperliche Missbildung; auch schwerer Alkoholismus konnte Sterilisation bedeuten. Die mit dem „Gesetz zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens“ 1934 neu strukturierten Gesundheitsämter standen als Organisationszentralen für die Umsetzung dieser Erb- und Rassenpflege zur Verfügung. Es wundert daher nicht, wenn auch das Bremer Gesundheitsamt eine aktive und führende Rolle bei dem Aufspüren von „Betroffenen“, bei der organisatorischen Abwicklung, bei dem „rechtlichen“ Procedere und bei der medizinischen Umsetzung der Sterilisation einnahm. Das Vorgehen des barbarischen und bürokratisch perfekt organisierten Netzwerkes (u. a. bestehend aus Schulen, insbesondere Hilfsschulen, Fürsorgeeinrichtungen, Gesundheitsämtern und psychiatrische Anstalten) zur Auslese von psychisch kranken, behinderten, „asozialen“ und „schwachsinnigen“ Menschen, um sie der Sterilisation zuzuführen, wird hier eindrücklich und mit Hilfe exemplarischer Biographien beschrieben.

Was direkt die Meldung und Sterilisierung von Kindern aus Bremen angeht: Von den 42 Jungen und 33 Mädchen, die zwischen 12 und 14 Jahre alt waren und für die zwischen 1934 und 1942 ein Antrag beim Bremer Erbgesundheitsgericht einging, wurden mindestens 42, wahrscheinlich aber 54 unfruchtbar gemacht.

Vernichtung der „Lebensunwerten“, also Eskalierung der mit der Verhütung der vermeintlich Lebensunwerten begonnenen nationalsozialistischen Medizinverbrechen, wird das zweite Kapitel betitelt. Die Inhalte können hier nur angedeutet sein: Beschreibung der T4-Aktion (der sogenannten Euthanasie), Protest (u. a. Bischof Graf von Galen) und Abbruch der Aktion, Weiterführung der dezentralen Euthanasie, in der die zur Tötung vorgesehenen Menschen nicht mehr unter den Augen der Bevölkerung in die sechs Mordanstalten transportiert, sondern von den Anstaltsleitern, mit Unterstützung von Ärzten und Pflegepersonal, vor allem durch Medikamentenüberdosierung und Nahrungsentzug getötet wurden.

Blicken wir auch hier auf die Situation der Bremer Kinder und Jugendlichen: Durch die Auflösung des Hauses Reddersen, das für die Versorgung und Beheimatung von in Bremen lebenden Kindern mit Behinderung zentral war, und weiterer Behinderteneinrichtungen werden die Lebensmöglichkeiten dieser Kinder massiv eingeschränkt, oft findet eine Verlegung in den Tod statt. Die Namen von 53 Kindern und Jugendlichen zwischen zwei und 20 Jahren werden genannt, die in Folge von systematischer pflegerischer und medizinischer Vernachlässigung an Hunger und Medikamentenüberdosierung starben.

Auch wird die systematische Ermordung von Kindern in der sogenannten Kinderfachabteilung Lüneburg beschrieben: Zwischen 1941 und 1945 werden insgesamt mindestens 695 Mädchen und Jungen in der Abteilung aufgenommen, von denen 418 starben. Von diesen Kindern kamen 36 Kinder, 19 Mädchen und 17 Jungen, aus Bremen. Bis Kriegsende starben davon 31 Kinder.

Aus Krankenakten, Erinnerungen der Familienmitglieder, aus vorhandenen Dokumenten und Fotografien wurde diesen Kindern in einzelnen kurzen wie längeren Biographien ein Name und ein Gesicht gegeben. So werden sie aus dem Dunkeln herausgeführt, in ihrer Unteilbarkeit und Einzigartigkeit gezeigt und unserer Erinnerung zugänglich gemacht, um sie nicht verloren zu geben.

Diskussion und Fazit

In der Literatur und den Gedenkworten zu den Verbrechen des Nationalsozialismus wird oft und mit gutem Recht auf die große Zahl der Opfer und auf ihre Masse hingewiesen. Um der Dimension der Verbrechen gerecht zu werden, ist dieses Geltendmachen der großen Zahl auch angemessen. Doch es kann dabei zu unbeabsichtigten Folgen kommen, von denen die Gewöhnung und das numerische Vergleichen mit welthistorischen Ungeheuerlichkeiten anderer Art nur einige Varianten sind. Und genau hier liegt die besondere Bedeutung einer regionalgeschichtlichen Aufarbeitung, wie sie Gerda Engelbracht vorgelegt hat: Ihre besonders auf die Individualität der Opfer ausgerichtete Studie kann nicht zuletzt auch ein Antidotum gegen die unbeabsichtigten und schlimmen Nebenwirkungen der Argumentation mit der großen Zahl sein. Ich empfehle dieses Buch mit gutem Gewissen zur Lektüre.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
E-Mail Mailformular


Alle 66 Rezensionen von Alexander Brandenburg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 02.09.2014 zu: Gerda Engelbracht: Medizinverbrechen an Bremer Kindern und Jugendlichen in der Zeit des Nationalsozialismus. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-86321-182-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17281.php, Datum des Zugriffs 19.07.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!