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Ilka Gropengießer (Hrsg.): Ganztags Schule machen

Cover Ilka Gropengießer (Hrsg.): Ganztags Schule machen. Kooperation und multiprofessionelle Teams ; 47. Seminartag Bremen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2014. 160 Seiten. 16,00 EUR.


Entstehungshintergrund und Thema

Die Vierteljahresschrift dokumentiert den 47. Seminartag in Bremen. Die thematische Zielsetzung und Ausrichtung der 23 Beiträge konzentriert sich auf eine gute Ganztagsschule (GTS). Till-Sebastian Idel, Professor an der Universität Bremen definiert diesen Anspruch: „(…) fachliches Lernen als auch anregende Freizeitaktivitäten und individuelle Förderung (…)“ (S. 10). Und dies, so Idel weiter, muss eingebunden sein in ein Konzept von Ganztagsbildung. Es liegt auf der Hand, dass für solche Zielsetzungen die Rollen der Lehrerin und des Lehrers, einschließlich Studium und Ausbildung, im Mittelpunkt stehen. Aber diese Rollen brauchen an Ganztagsschulen eben der multiprofessionellen Ergänzung und Erweiterung.

Ausgewählte Inhalte

Im Folgenden werden einige Beiträge näher besprochen, so dass ein Einblick in die Tagung ermöglicht wird. Die Autorinnen und Autoren kommen zum großen Teil aus Tätigkeitsfeldern der Lehrerausbildung.

Thomas Coelen eröffnete den Seminartag mit dem informativen Vortrag „Was ist eine Ganztagsschule, was ist Ganztagsbildung und was bedeutet das für die Lehrerbildung?“ Über 50 Prozent der Schulen in Deutschland sind Ganztagsschulen und 89 Prozent dieser Schulen kooperieren mit außerschulischen Einrichtungen. Kooperation ist deshalb eine entscheidende Bedingung von Ganztagsschulen, denn nur deshalb sind außerunterrichtliche Angebote durchzuführen. Dadurch kommt auch das sogenannte weitere pädagogische Personal in die Schule und dementsprechend entstehen multiprofessionelle Herausforderungen. Fast die Hälfte dieses Personals hat keinen pädagogischen Abschluss. Auf diesen Hintergründen sieht Coelen eine Professionalisierungsaufgabe für Lehrerinnen und Lehrer gerade in der Zusammenarbeit mit dem weiteren pädagogischen Personal – interprofessionelle Kompetenz ist gefordert! Weiterhin macht der Autor darauf aufmerksam, dass Peers in der Schule einer erhöhten Aufmerksamkeit bedürfen und Möglichkeiten des Peer – Learnings eröffnet werden müssen.

Bei der Ganztagsnutzung der Kinder verbessert sich leicht das Familienklima. Es gibt eine sonst nicht übliche Notenstabilität im Klassenbereich von 5 bis 9. Gewalt und Absentismus werden leicht verringert und Verantwortungsübernahme häufiger. Diese kleinen Erfolge treten aber nur bei dauerhafter Nutzung und hoher Qualität der Angebote auf.

Martina Lau und Bernd Lehmann gehen in ihrem Beitrag „Ganztagsschulen – weit mehr als eine Schule“ auf die neue Lehrerrolle ein. Sie verweisen darauf, dass die Veränderungen noch keinen Niederschlag in der Lehrerausbildung gefunden haben. Diesbezüglich stellt Lau und Lehmann sie ein notwendiges Kompetenzspektrum für GTS- Lehrer vor: Theorie der GTS, Unterricht/Erziehung im Ganztag, GTS im Kontext, Beziehungsgestaltung im Ganztag sowie Forschung an Ganztagsschulen. Für den außerunterrichtlichen Bereich sind überfachliche Kompetenzen erforderlich, um die GTS als Lernraum, Lebensraum, Erfahrungsraum und Kulturraum zu gestalten.

Der Beitrag „Schulentwicklung gesund gestalten – Stärken ansprechen – Potenziale freisetzen“ von Hermann Städtler, dem Leiter einer GTS, geht von der beruflichen Belastung bzw. Überforderung des Lehrpersonals aus. In Anlehnung an die Salutogenese von A. Antonovsky werden vier Vorschläge unterbreitet: Ein Schulprogramm als Handlungshilfe im Schulalltag, Veränderung von Entscheidungshierachien (gleiche Augenhöhe), Lebenszeit wertschätzen und ressourcenorientiert einsetzen sowie den Schulalltag rhythmisieren.

„Interprofessionelle Kollegialität. Entwicklungsaufgabe an Ganztagsschulen und Thema der Lehrerbildung“ ist ein forschungsbezogener Beitrag von Anne Breuer und Till-Sebastian Idel. Beide Wissenschaftler weisen rhetorisch überzogene Kooperationsszenarien zurück und beantworten die Frage nach einer guten Kooperationskultur mit dem Hinweis auf interprofessionelle Kollegialität. Dieser zentrale Begriff beinhaltet sowohl Kooperation als aber auch professionelle Autonomie für die beteiligten Professionen. Anhand von zwei Fallbeispielen wird diese Form der Kooperation näher erläutert. Kooperation braucht Kollegialität weil dadurch ein besonderes Anerkennungsverhältnis wirksam wird. Diese Anerkennungsverhältnis erlaubt auch Differenzen und Spannungen. Kooperation ist dann nur „auf der Grundlage der Anerkennung von Differenzen denkbar, einer Teilung von Verantwortung und Zuständigkeit im Rahmen multiprofessioneller Teamarbeit (…) “ (S.85). Breuer und Idel verweisen auf ein in Bremen praktiziertes Modell einer Ausbildungskooperation zwischen zwei Fachschulen für Erziehung, dem Studiengang Soziale Arbeit an der Hochschule und Lehramtsstudiengängen der Universität Bremen. Diese Kooperation versteht sich als Ausbildungsverbund zum Thema Multiprofessionalität.

Während Breuer und Idel interprofessionelle Kooperation bevorzugt in den pädagogischen Ereignisverlauf legen, konzentriert sich der Beitrag „Ganztags Schule machen, Kooperationen und multiprofessionelle Teams“ von Ilse Kamski auf den Organisationsverlauf. Berichtet wird über die Unschärfe des Begriffes Kooperation, um dann aber die Trennung in außer- und innerschulische Kooperation vorzunehmen. Außerschulische Kooperation betrifft z.B. die Jugendhilfe oder kulturelle Einrichtungen, innerschulische Kooperation umfasst neben Schüler- und Elternpartizipation die multiprofessionellen Teams in ihrer konzeptionellen Gestaltung und der entsprechenden praktischen Umsetzung. Empfohlen wird eine Steuerungsgruppe, die einen produktiven Kooperationsverlauf begleitet. Das Gegenteil davon wäre eine berufsorientierte Arbeit einzelner Berufsgruppen mit der Folge des sogenannten „Wärmetodes“ in den jeweiligen Gruppen.

Maren Wichmann fordert in ihrem Beitrag „Ganztagsschule und Lehrerbildung“ eine nachhaltige Veränderung in den Lehramtsstudiengängen zugunsten der GTS. Die aktuelle Lehrerausbildung vermittelt ein nicht mehr realistisches Schulbild, so die Autorin. Deshalb wäre z.B. notwendig, neue praxisbezogene Ausbildungsmodule zu entwickeln ebenso wie entsprechende Weiterbildungen. Frühzeitig müssen Lehramtsstudierende und Studierende der Sozialpädagogik auf Kooperation eingestellt werden.

Diskussion

Die Tagungsbeiträge zeichnen sich aus durch ihre Fachlichkeit, gepaart mit vielfältigen Erfahrungen aus der Schulpraxis. Die unterschiedlichen Tätigkeitsfelder der Autorinnen und Autoren führen dazu, das dass Tagungsthema in ein breites Diskussionsspektrum gestellt wird. Die Herausforderungen für eine Überarbeitung der gegenwärtigen Lehrerausbildung wird deutlich, hätte sogar noch deutlicher ausfallen können! Hilfreich wäre gewesen, diese Vierteljahresschrift nach übergeordneten Gesichtspunkten zu strukturieren und nicht die Beiträge einfach in eine Reihe zu stellen.

Aufmerksamkeit verlangt der Forschungsbeitrag von Breuer und Idel (s.o.) zum Thema der interprofessionellen Kollegialität. Die dazu notwendige Fachkompetenz, die Reflexionsfähigkeit über die Differenz unterschiedlicher Fachkompetenzen und die erforderliche Anerkennung von Fachkompetenz und Fachperson benötigen nicht zwingend einer Kollegialität. Kollegialität, wie auch Freundschaft, kann weder herbeizitiert noch angeordnet werden. Ein gutes Arbeitsklima hingegen lässt sich herstellen (siehe weiter oben den Beitrag von Hermann Städler).

Fazit

Ein Exemplar der Vierteljahreszeitschrift gehört in jedes Lehrerzimmer an Ganztagsschulen wie auch in den Lehrbetrieb der einschlägigen Fachbereiche an Hochschulen und Universitäten.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 02.10.2014 zu: Ilka Gropengießer (Hrsg.): Ganztags Schule machen. Kooperation und multiprofessionelle Teams ; 47. Seminartag Bremen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2014. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17287.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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