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Josef Eduard Kirchner: Kinder, Kinder ...! Nicht unsere Kinder sind verrückt [...]

Rezensiert von Dorothea Dohms, 10.03.2015

Cover Josef Eduard Kirchner: Kinder, Kinder ...! Nicht unsere Kinder sind verrückt [...] ISBN 978-3-7945-3064-9

Josef Eduard Kirchner: Kinder, Kinder ...! Nicht unsere Kinder sind verrückt, sondern die Welt, in der sie leben. Schattauer (Stuttgart) 2014. 274 Seiten. ISBN 978-3-7945-3064-9. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Autor

Klappentext: „Dr. med. Josef Eduard Kirchner wurde 1956 in Siegburg geboren und wuchs in Köln-Porz auf. Er studierte Medizin und promovierte an der Universität Bonn. Seine ärztliche Tätigkeit begann er in der Abteilung Psychiatrie der Nervenklinik der Universität zu Köln und wechselte später in die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Rheinischen Kliniken Bonn. Zusätzlich absolvierte er die Fortbildung zur Psychotherapie und zur Homöopathie. Seit 1994 ist er als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie Homöopathie in einer Gemeinschaftspraxis mit sozialpsychiatrischem Schwerpunkt in Rösrath niedergelassen. Seit 1995 ist er Vorsitzender des Berufsverbandes der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik in Nordrhein. Nebenbei ist er Dozent und Supervisor an mehreren Ausbildungsinstituten für Psychotherapeuten. Im Mittelpunkt der Behandlung stehen bei ihm nicht allein die Patienten, sondern auch ihr unmittelbares Umfeld und ihre Familien. Dazu gehört auch die Vernetzung mit anderen Bereichen wie Kindergarten, Schule, Ergotherapeuten, Logopäden, Krankengymnasten, Psychotherapeuten sowie Jugendämtern und Jugendhilfeeinrichtungen.“

Aufbau und Inhalt

Ausgehend von der Überzeugung, dass die menschlichen Charaktereigenschaften in einer Jahrtausende währenden Entwicklungsgeschichte inzwischen als zu einem wesentlichen Teil „angeboren und nicht allein durch Erziehung und Umwelteinflüsse bestimmt“ sind, steht den evolutionär bedingten „Mechanismen unseres Gefühlslebens“ (und dazu gehören z. B. auch Aggressionen, mörderische Instinkte und Urängste) ein ganz kleiner Teil unseres Erbgutes entgegen, das die menschliche Einzigartigkeit ausmacht, uns befähigt zu strategischer Anpassung und den „schmalen Grat zwischen genetischen Anlagen…, biologisch vorgegebenen Reaktionen“ und dem Drängen nach eigenen, neuen Möglichkeiten zu bestehen. Es gilt demnach, „das Raubtier“ in uns zu zähmen, Anpassung zu leisten, der Entscheidungsfreiheit und Vernunft den Vorrang einzuräumen und somit unseren Kindern jene Entwicklungsaufgaben nahe zu bringen, um die es hier geht: „Bindung, Motorik, Sprache, sozialer Kontaktaufbau, Kulturtechniken, Einhaltung von Regeln, sexuelle Entwicklung und Autonomie“ – und dies alles, ohne den jeweils individuellen Weg der Anpassung aus den Augen zu verlieren. Soziales Miteinander und Formen der Verständigung sind wichtig, um die erblich bedingten Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Verhaltensmustern erträglich zu empfinden und auch hier wiederum eine Form der Anpassung einzuüben – und an unsere Kinder weiterzugeben – die auf hohes Verständigungspotential setzt.

Neugier, Urvertrauen, Geborgenheit und Schutz sind unverzichtbar für ein Baby beim Erleben seiner unmittelbaren Umwelt, sein erstes Lebensjahr, das Jahr der „außerkörperlich fortgesetzten Schwangerschaft“ mündet in ersten Kontaktaufnahmen unter dem Dach von elterlichem Schutz und ihrer Sorge und befähigt das Baby zum ersten „Schritt zur eigenen autonomen Persönlichkeit“. Die nächsten Schritte bei der Persönlichkeits- und Intelligenzentwicklung des Kindes im Kindergartenalter gelten der Motorik, dem Spracherwerb und der Wahrnehmungsverarbeitung. Hierbei erteilt der Autor der allzu frühen Förderung im Vorschulalter eine klare Absage zugunsten von „Spaß am Lernen“ und augenscheinlich sinnfreiem Spielen, oft aus der Langeweile geboren, deren kreatives Potential vielfach unterschätzt wird. Er warnt zudem eindringlich vor frühzeitigen Intelligenztests, denn „die Gehirne unserer Kinder sind… mehr als die Grundlage unseres zukünftigen Bruttosozialprodukts“ und der Wert eines Menschen, eines Kindes zumal, dürfe nicht mit späterer „Wertschöpfung“ verwechselt werden.

„Freiheit heißt Verantwortung“ und sollte sich in erzieherischer Hinsicht mit dem uns Menschen angeborenen Egoismus positiv auseinandersetzen. Allerdings gilt es, Grenzen zu ziehen, einem Kind die Chance zu geben, eigene (durchaus auch schmerzhafte) Erfahrungen zu sammeln und sich vor Grenzüberschreitungen zu hüten. Dabei ist Gewalt „die Sprache der Hilflosigkeit“ und das ewige „Du darfst nicht!“ wenig geeignet, die kindliche Gefühlswelt zu verstehen. Hilfreich ist eher, zu zeigen, „was man mit Frust und Wut machen darf und was nicht“ (Sandsack im Keller, Holzhacken und Jogging sind erlaubt…) Und schon gleiten wir in die nächste Phase, die der Schullaufbahn, die geprägt ist vom Erwartungs- und Konkurrenzdruck und von der Angst vor dem vorzeitigen Aus. Die Grundschulen als „Experimentierfeld für… Lernstrategien“ vergessen allzu oft ihre eigentlichen Aufgaben: Grundfertigkeiten zu vermitteln und dabei das Erlebnis des Erfolges und den Spaß am Lernen nicht zu kurz kommen zu lassen (Montessori-Modell). Im später folgenden Kampf um die Wahl der richtigen Schulform vertritt der Autor zum Thema Schulerfolg die These, dass keine der „gewählten Möglichkeiten (Haupt-, Realschule oder Gymnasium) eine Sackgasse [ist]“. Konkurrenzdenken und Vorteilsuche in den Schulen vertragen sich kaum mit der so notwendigen Förderung von emotionaler Intelligenz und Teamfähigkeit oder gar mit dem Prinzip „Wir lassen keinen zurück!“ Die favorisierten Bildungsmaßstäbe der „selektiven Wissensvermittlung“ vernachlässigen bewusst den Wunsch nach einer Anleitung zu kritischem Denken, das „Abspeichern von Einzelfakten“ eignet sich kaum fürs „Denken in größeren Zusammenhängen“. In dieser Phase sind Eltern als Wegbegleiter und -gestalter – und nicht etwa nur als Freunde – ganz besonders gefragt, denn die Erziehung des Kindes liegt nicht in den Händen von Lehrern. Die schützenden Grenzsetzungen bei der kindlichen Entwicklung und das oft schwierige Vertrauensverhältnis auszuhalten und mit ihm umzugehen, ist allein Sache der Eltern. So wie es auch ihre Vorbildfunktion sein sollte, die zu einem gemeinschaftsverträglichen Verhalten ebenso gehört wie die Fähigkeit, mit Widerstand umzugehen, Interessenabwägungen zu üben und das „Nehmen und Geben im Gleichgewicht zu halten“.

Die nun folgenden Kapitel über Sexualität, Geschlechterrollen, Partnerschaft (Respekt, familiäre Arbeitsteilung, Konflikte, Gewalt [freiheit], Selbstachtung und Achtung vor dem Gegenüber, die Vorteile einer „Familienkonferenz“ nach Thomas Gordon, aber auch Trennung und Scheidung) haben auf den ersten Blick weniger mit Kindererziehung zu tun als eher damit, diesen Kindern einen „unverkrampfteren und ehrlicheren Umgang mit diesem Thema zu vermitteln“. Das Alter, der Umgang mit dem Lebensende und dem Tod, mit den vielfältigen Varianten (auch den negativen) von Trauer und Abschied, den gegensätzlichen Gefühlen wie Verlustempfinden, Wut, Hass, Erleichterung, die die „innere Zerrissenheit Hinterbliebener“ dokumentieren – die Behandlung auch dieser Lebensphasen ist unverzichtbar dem Lernen und dem Verständnis der Jugendlichen zuzuordnen.

In den nächsten Abschnitten widmet sich der Autor der Problematik von Störungen und Auffälligkeiten bei der kindlichen Entwicklung. Auch hier gilt das Prinzip der elterlichen Begleitung und Unterstützung bei der Selbstheilung, denn Symptome, die krank wirken – der Autor nennt sie „Normvarianten“ – sind nur allzu oft Zeichen für eine Schutzhaltung vor nicht zu bewältigenden Problemen oder vor den „nicht erfüllbaren Erwartungen“ anderer. ADHS (früher bekannt als Zappelphilipp-Syndrom) ist so eine Variante, bei der verschiedene Therapien, auch medikamentöse, helfen können und die der Autor schlicht als „etwas anderes Betriebssystem“ einschätzt. Autismus – und hier vor allem der „Grenzautismus“ - gehört dazu. Hier ist im Umgang mit Kindern vor allem Verlässlichkeit gefragt und Spontaneität als angstauslösend unbedingt zu vermeiden. Auch bei diesem, einem weiteren, wenn auch kaum heilbaren, „sinnvollen Betriebssystem“, in dem sich oft außergewöhnliche und hochintelligente Talente tummeln, gilt es, unsere Sichtweise und Reaktionen zu überdenken und den Umgang mit ihnen zu korrigieren. Halluzinationen, Depressionen, Ängste, die weit über die bekannten Kinderängste hinausgehen, Phobien und Panikattacken wiederum gehören zu jenen Varianten, die oft durch überhöhte Erwartungen und den daraus folgenden Verkrampfungen und dem mangelnden Selbstwertgefühl verursacht werden. Depression und (unterdrückte) Aggression finden oft ihre Auslöser in überhöhter Selbsteinschätzung, im oft vergeblichen Streben nach Perfektionismus und Anerkennung. Hier fehlt die realistische Einschätzung des „guten Selbstwerts“, die es zusammen mit dem Abbau der Hoffnungslosigkeit zu fördern gilt. Auch die verschiedenen Formen der Essstörungen erweisen sich nur allzu oft als Widerstand „gegen die nicht erfüllbaren Erwartungen der Umgebung“, ihr Heilungsprozess besteht aus dem Kampf für Selbstbestimmung und Autonomie.

Bei aller Betonung von Toleranz und Kommunikationsbereitschaft im Miteinander von Eltern und Kindern gibt es doch Grenzen, deren Überschreitung den Autor zu strikter Ablehnung veranlassen. Dazu gehören die „Gewalt bereits im Kinderzimmer“, das unkontrollierte Parken schon von Kleinkindern vor dem Fernseher, der „elektronische Babysitter“ und „als Gipfel der Entmenschlichung… die sogenannten Ego-Shooter-Spiele“, die zum „fröhlichen Morden“ auffordern („Counter Strike“ als die Ideallösung, um „skrupellose Killer“ zu erziehen). Sie sind vorzügliche Hilfsmittel, um bei Kindern gewalttätige Impulse auf- anstatt abzubauen, ihre „seelische Verrohung“ voranzutreiben, die „Schranken der Gewaltbereitschaft“ herunterzusetzen und den „Rausch der Macht zu“ fördern. Aggressiv zu sein, aber nicht gewalttätig, stolz zu sein, aber nicht arrogant, Egoismus zu pflegen zum Zwecke der Selbsterhaltung und dabei die Hilfsbereitschaft anderen gegenüber nicht zu vernachlässigen – diese Eigenschaften als Persönlichkeitsfacetten zu entwickeln und zu tolerieren ist der Königsweg in der Erziehung. „Der Wert eines Menschen bestimmt sich… nicht durch seine Wertschöpfung“, und die Grenzen der Erziehung werden immer dort sichtbar, wo Eltern akzeptieren müssen, dass Kinder „ausgestattet [sind] mit verschiedenen Betriebssystemen“ und die Suche nach der idealen Erziehung selbst dann, wenn Eltern es gut schaffen, sie wohl niemals zu einer lachenden und ewig gut gelaunten „Kelloggs-Familie“ machen wird.

Fazit

Garniert mit kleinen Anekdoten, launigen Sprüchen und humorvollen Weisheiten quer durch die Weltliteratur erklärt hier ein Psychiater (und Vater) einer Mittelschicht-Leserschaft die Entwicklungs- und Erziehungsmöglichkeiten bei normalen und weniger normalen Mittelschichtkindern. Die oft dunkle Seite von Kindheitserfahrungen ist seine Sache nicht. Er beschränkt sich in diesem Erstlingswerk auf jene Schwierigkeiten und Ratschläge, wie sie in den besten Familien vor- und ankommen und auf die Behandlung jener Verhaltensvarianten, mit denen man heutzutage oft nur allzu schnell bei der Hand ist, wenn Kinder in ihrem Verhalten nicht der Norm entsprechen. Dennoch: Toleranz und Wertschätzung bei der Erziehung des Kindes und Jugendlichen ist ein ebenso wichtiges Postulat wie die Betonung, dass jegliche Erziehung sich ad absurdum führt, wenn ihre Ansprüche im Alltag von den Erwachsenen/Eltern nicht beispielhaft vorgelebt werden.

In einem Nachwort des Autors werden einige Fachzeitschriften und die Schriften von Manfred Spitzer (vor allem der Titel „Lernen“) aufgeführt, im Text selbst gibt es verstreute Hinweise auf weitere Titel. Ein Sachverzeichnis erleichtert die Suche.

Rezension von
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 10.03.2015 zu: Josef Eduard Kirchner: Kinder, Kinder ...! Nicht unsere Kinder sind verrückt, sondern die Welt, in der sie leben. Schattauer (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-7945-3064-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17297.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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