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Nora Rohstock: Altersbilder und Lebenssituationen

Cover Nora Rohstock: Altersbilder und Lebenssituationen. Vergleichende Untersuchungen zu Türkinnen und Türken in Deutschland und in der Türkei. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2014. 312 Seiten. ISBN 978-3-8309-3066-2. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 46,90 sFr.
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Thema

Seit über sechzig Jahren leben türkeistämmige Menschen in Deutschland. Was damals für die meisten Menschen als zeitlich befristete Arbeitsmigration begann, ist schon längst zur faktischen Einwanderung geworden. Nur wenige Angehörige der ersten „Gastarbeiter-Generation“, die auch als Pioniermigranten gelten, sind tatsächlich in die Türkei zurückgekehrt. Heute gehören ältere Türkeistämmige immer mehr zur deutschen Gesellschaftsrealität.

Im Vergleich zur demografischen Situation in Deutschland ist die Türkei zwar noch ein recht „junges Land“, doch ist das Altern der Bevölkerung in beiden Ländern ein viel diskutiertes Thema. Im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel, der zu den zentralen Herausforderungen beider Länder gehört, hat neben dem Altern der Bevölkerung auch die zunehmende Migration von Menschen, in der Türkei vor allem in Form von Binnenmigration, eine enorme gesellschaftspolitische Brisanz, da die Versorgung der Älteren und die Integration der Zugewanderten in den kommunalen Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft im Alltag eine große Herausforderung an Politik und Gesellschaft stellen. Das Alter(n) ebenso wie die Migration verändern das intergenerationale Zusammenleben, die Rollenbilder und sozialen Strukturen der gegenwärtigen deutschen, aber auch türkischen Gesellschaft.

Anliegen und Rahmen

In der vorliegenden empirischen Studie wird aus kulturanthropologischer und sozialpsychologischer Perspektive der Frage nach den Folgen nachgegangen, die diese Veränderungen für das Leben von türkeistämmigen Zugewanderten in Deutschland und Nicht-Emigrierten in der Türkei haben. Die konkreten Forschungsfragen der Autorin lauten: „1. Wie sieht die Lebenssituation von älteren sunnitischen Türkinnen und Türken in Deutschland und in der Türkei aus? 2. Wie stellen sich die Alterungsprozesse und Altersbilder für die Untersuchungspersonen dar? und 3. gibt es migrationsbedingte Unterschiede? Wenn ja, wie sehen diese aus und wie stark sind sie ausgeprägt?“ (S. 11)

Die Autorin hat für Beantwortung dieser Fragen mit elf Angehörigen der ersten Generation (acht einzelne und drei Paare) und sechs Personen der zweiten Generation in Deutschland sowie mit 16 Personen in der Türkei (drei davon Rückkehrer, sechs einzelne und zwei Paare nicht-emigrierte Türkinnen und Türken sowie drei Angehörige der zweiten Generation) zwischen April 2010 und Mai 2012 in der zentralanatolischen Stadt Eskişehir und im Rhein-Neckar-Raum narrative Interviews durchgeführt. Die Befragten gehören der sunnitischen Glaubensrichtung an. Des Weiteren wurden zwei Personen aus Moscheen und dem Gesundheitssektor in Deutschland sowie ein Experte aus dem Gesundheitssektor in der Türkei befragt.

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die Dissertation der Autorin, die am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Freiburg vom Prof. Dr. em. Max Matter betreut wurde.

Autorin

Dr. Nora Rohstock hat Ethnologie, Politikwissenschaft und Öffentliches Recht studiert und am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Freiburg promoviert. Sie arbeitet als interkulturelle Konfliktmanagerin, Trainerin und Beraterin für Unternehmen in Deutschland und Europa. (Rückwärtiges Deckblatt)

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält sechs Kapitel. Im ersten Kapitel geht es um eine thematische Einleitung und Hintergründe sowie Begründung des Forschungsvorhabens.

Im nächsten Kapitel erläutert die Autorin den Forschungsstand und die historischen Hintergründe zur ethnologischen Alter(n)s- und Migrationsforschung mit dem Fokus auf die Untersuchungsgruppe sowie auf die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Türkei und türkeistämmiger Migrantenfamilien in Deutschland.

Im dritten Kapitel werden identitätstheoretische Grundlagen für die empirische Forschung und die Datenanalyse dargestellt und diskutiert.

Im Mittelpunkt des vierten Kapitels steht der empirische Teil. Hier geht die Autorin auf die Rahmenbedingungen ihrer Untersuchung ein und stellt alle von ihr in Deutschland und in der Türkei interviewten Personen im Einzelnen vor, und zwar sowohl biografisch als auch im Hinblick auf die Gesprächssituation. Sie nimmt dabei auf die im theoretischen Teil erläuterten Identitätskonzepte Bezug, thematisiert die Selbstverortung der Befragten in der jeweiligen Gesellschaft, in der sie leben, und betrachtet ihre vorhandenen Altersbilder näher.

Im darauf aufbauenden fünften Kapitel geht es um die Altersbilder und Leben im Alter – Vergleich der Untersuchungsgruppen. Dieser Teil stellt insofern den Hauptteil der Arbeit dar, als dass darin die ausführliche Interpretation, die Analyse der Daten und der Vergleich als solcher vorgenommen werden und im Anschluss daran die gewonnenen Ergebnisse vorgestellt sowie eine prinzipiell durchlässige Typologisierung der Altersbilder vorgenommen wird, um die Ausgangsfragen zu beantworten.

Im letzten Kapitel des Buches wird die Studie mit einem Fazit abgeschlossen, das zugleich Grundlage für weitere Forschungen sein soll und gesellschaftspolitische Handlungsoptionen aufzeigt.

Diskussion

Eine zwei solche Gruppen vergleichende Alter(n)sforschung existiert bis dato nach Kenntnis des Rezensenten nicht, die Aufschluss über Altersbilder und den Umgang mit älteren türkeistämmigen Menschen in Deutschland und der Türkei geben soll. Es ist insofern eine löbliche Leistung von Rohstock, sich in ein bisher noch nicht geforschtes Themengebiet hineinzuwagen und eine gelungene Studie vorzulegen. Doch leider bleibt für die/den Leser/in manches in der Studie, vor allem im methodischen Bereich etwas allgemein bzw. im Verborgenen; so z. B. bleibt für den/die Leser/in unklar, nach welchen Kriterien genau die Gesprächspartner/innen ausgewählt wurden oder wie zu erklären ist, dass für die Experteninterviews in beiden Ländern völlig unterschiedliche Berufsgruppen (in Deutschland ein Mitglied des DITIB-Vorstands und eine Altenpflegerin, in der Türkei eine Universitätsprofessorin für Neurologie) ausgewählt wurden und warum das Mitglied des DITIB-Vorstands ein Experte in dem hier behandelten Themenkomplex sein soll.

Dennoch ist die vorliegende Studie von Rohstock aufgrund der Zusammenführung empirischer Daten mit sozial-, kultur- und geisteswissenschaftlichen Theorien durchaus eine sehr gute und wichtige Grundlage auf dem Gebiet der interkulturellen Alter(n)sforschung. Sie zeigt einerseits, dass sich der Prozess des Alterns sowohl bei Zugewanderten in Deutschland als auch bei Menschen in der Türkei verändert und diese Veränderungen vor allem einem sich verändernden Lebensraum und Alltag geschuldet sind. Andererseits erweitert die Studie den Wissensstand über die Situation türkeistämmiger Senior/innen in Deutschland um zusätzliche Erkenntnisse für die Kultur- und Sozialwissenschaften. Die von der Autorin herausgearbeiteten vier Alterstypen (1. der/die „weise Alte“, 2. der/die „fordernde Alte“, 3. der/die „genügsame Alte“ und 4. der/die „leidende Alte“) können als Grundlage für weitere Forschungen in den jeweiligen Disziplinen genutzt werden.

Fazit

Daher kann die vorliegende, ausgezeichnet lesbar geschriebene Arbeit vor allem Gerontolog/innen, Kulturanthropolog/innen, Soziolog/innen und Sozialpsychologe/innen, aber auch Mediziner/innen sowie Türkolog/innen empfohlen werden.


Rezension von
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 09.12.2014 zu: Nora Rohstock: Altersbilder und Lebenssituationen. Vergleichende Untersuchungen zu Türkinnen und Türken in Deutschland und in der Türkei. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2014. ISBN 978-3-8309-3066-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17303.php, Datum des Zugriffs 19.09.2020.


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