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Christa Fengler, Thomas Fengler: Alltag in der Anstalt

Cover Christa Fengler, Thomas Fengler: Alltag in der Anstalt. Wenn Sozialpsychiatrie praktisch wird. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2014. 3. Auflage. 390 Seiten. ISBN 978-3-88414-613-2. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.

Reprint der Ausgabe von 1980.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das Buch beschäftigt sich mit dem Innenleben einer psychiatrischen Anstalt, die 1975 eine knapp 100jährige Geschichte hinter sich hatte und wie zu dieser Zeit fast überall im Lande eine kustodiale und verwahrende Psychiatrie betrieb. Im Niedersächsischen Landeskrankenhaus Wunstorf, von dem hier die Rede ist, mussten damals 1400 Betten und Patienten an zwei Standorten versorgt werden. Diese Patienten verbrachten auf Stationen mit bis zu 60 Kranken, ohne persönliche Habe und großteils eingeschlossen, ihr Dasein; ein einziger Arzt war für 100 Patienten zuständig, zwei Sozialarbeiter waren für das ganze Haus angestellt, und fünf Kranke kamen auf einen Pfleger oder eine Schwester, um die zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen einmal anschaulich zu machen. Diese hoffnungslos überalterte und überforderte Anstaltspsychiatrie, der Erving Goffman 1961 den Namen der totalen Institution gab, sollte nach den schon in den 60er Jahren vorgetragenen Forderungen der Psychiatriereformer endlich überall im Lande zu einem zeitgemäßen psychiatrischen Behandlungssystem umgestaltet werden. 1975 bot sich nun in Wunstorf die Chance, durch einen großen Personalwechsel, der unter der Leitung von Asmus Finzen eine Vielzahl junger Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter in die Anstalt brachte, den Versuch zu machen, eine neue therapeutische Kultur zu entwickeln. Dabei ging es sowohl darum, die neuen Möglichkeiten der Pharmakopsychiatrie, der Soziotherapie und der Psychotherapie anzuwenden, als auch in ganz besonderer Weise darum, bei vielen Mitarbeitern jahrelang eingeübte Einstellungen und verfestigte Haltungen im Umgang mit den psychisch Kranken zu verändern. Der Gruppe der Pflegekräfte wurde wohl am meisten zugemutet, insofern fast alles, was früher richtig war, falsch wurde; es musste eine neue Berufsrolle gefunden werden, was in der Regel nicht ohne Angst, Unsicherheit und damit einhergehende Widerstände erfolgt. Wer institutionelle Erfahrungen hat, weiß, wie lange Zeit es bedarf, solche anspruchsvollen Ziele zu erreichen. Denn nicht nur die Strukturen können nur Schritt für Schritt geändert werden, sondern auch alle Mitarbeiter müssen von den neuen Zielen überzeugt und langsam an sie gewöhnt werden. Es geht leicht ein Jahrzehnt vorüber, bevor man das Resultat sehen und sich eine erste Rechenschaft über solche Reformen geben kann. Asmus Finzen hat das im „Das Ende der Anstalt“ genau nach zehn Jahren eindrucksvoll getan.

Autorin und Autor

Christa und Thomas Fengler, beide promovierte Soziologen, geht es, wie schon anfangs gesagt, um die Auseinandersetzung mit dem Innenleben einer psychiatrischen Anstalt; ihr Bericht soll zentrale Merkmale der sozialen Ordnung einer psychiatrischen Station dokumentieren. Mitte des Jahres 1975 bekommen sie in Wunstorf die Möglichkeit, für 18 Monate am Anstaltsleben als Beobachter teilzunehmen und darüber einen Bericht zu schreiben. Sie schlagen ihr Zelt im Personalwohnheim des Landeskrankenhauses auf und befinden sich so mitten im Geschehen. Es ist genau die Phase, in der der Reformprozess beginnt und die Situation nicht festgelegt, sondern offen ist. Die neuen Rollen und Aufgabenverteilungen müssen unter den Beteiligten ausgehandelt werden. Alles ist in Bewegung. Ein guter Zeitpunkt für eine teilnehmende Beobachtung.

Besonders erwähnenswert dürfte der Untersuchungsansatz sein, den die Autoren für ihr Vorhaben ausgewählt haben: die u. a. von Aaron Gurwitsch und Alfred Schütz inspirierte und von Harold Garfinkel entwickelte Ethnomethodologie, die bis heute in der deutschsprachigen Soziologie randständig geblieben ist. Hier wird die soziale Ordnung nicht als abstraktes Konzept aufgefasst, dessen Struktur die Soziologie zu erklären versucht, sondern als ein konkretes Phänomen, dass Akteure in und durch jede ihrer Handlungen im Alltag herstellen. Dem entsprechend steht bei der Untersuchung der Krankenhausstationen nicht die Organisation als ein „Wesen“ im Zentrum der Analyse, sondern das Organisieren als ein Prozess. Was das konkret heißt, wird in der Untersuchung demonstriert.

Aufbau und Inhalt

Sicherheit‘ und ‚ geordnete Verhältnisse‘- eine Ethnographie, so heißt die Überschrift des ersten Teiles der Untersuchung: Es verwundert nicht, dass auf den geschlossenen Aufnahmestationen eines Krankenhauses, in das viele Patienten zwangsweise eingewiesen und behandelt werden, obwohl sie sich selbst nicht für behandlungsbedürftig halten, Fragen der Sicherheit eine vorrangige Rolle spielen. Sicherheit ist Gegenstand fortwährender Erklärungen, Darstellungen, Rechtfertigungen und Auseinandersetzungen. Das mit tiefsitzenden sicherheitsorientierten Arbeitsprinzipien ausgestattete Pflegepersonal beurteilt die neuen Ärzte und Sozialarbeiter danach, inwieweit sie für Fragen der Sicherheit Verständnis aufbringen, wenn sich Komplikationen ergeben oder Zwischenfälle ereignen.

Gleichzeitig ist das Pflegepersonal mit dem Problem der Ordnung beschäftigt. Was sind geordnete Verhältnisse, welche Ordnung „muss“ sein und was “ geht nicht“, darüber sprechen die Mitarbeiter oft und ausdauernd untereinander.

Die einzelnen Kapitelüberschriften:

  • Objektschutz und Schutz vor Objekten,
  • Auf die einzelnen Patienten eingehen,
  • Kontrolle als Fürsorge,
  • Raumordnung und Sicherheit (offene Kanäle, Mitpatienten und Sicherheit, Öffentlichkeit und Zugänglichkeit, Bettenverteilung, Drinnen und draußen),
  • Entschärfungspraktiken (Fixieren, Trennen, Medikamente).

Die Sozialstruktur der Station als Werk der Mitglieder, so lautet der Titel des zweiten Teiles: Als zentraler Schlüssel für die Bestimmung weiterer Merkmale und regelmäßiger Strukturen der Aufnahmestation werden das Beobachten der Aktivitäten und das aufmerksame Hören der in diese Aktivitäten eingebetteten Äußerungen genutzt. Die Beschreibung der sozialen Ordnung des Krankenhauses beruht also im wesentlichen auf den Informationen, die in Besprechungen, Kommentaren, Auskünften, Randbemerkungen etc. gewonnen wurden; das Sprechen des Personals instruiert über geltende Regelungen, Maßnahmen und Verhaltensweisen. Die soziale Wirklichkeit der Station wird von den praktischen Erklärungen ihrer Mitglieder hervorgebracht, indem sie sich über den geordneten, regelmäßigen, vertrauten und faktischen Charakter ihrer Handlungen oder ihrer Umwelt verständigen.

Die einzelnen Kapitelüberschriften:

  • Krank oder nicht krank-Wie wird Verantwortlichkeit festgestellt?,
  • Der methodische Entzug von Glaubwürdigkeit,
  • Die Loyalitätsmaxime,
  • Wozu Medikamente?,
  • Noch einmal ‚Sicherheit‘,
  • „Das tun wir gern, wenn wir Zeit haben„- Die Analyse einer unangefochtenen praktischen Erklärung,
  • Was heißt hier ‚Gleichbehandlung‘?,
  • Regeln und Regelgebrauch – Die Bedeutung der praktischen Umstände,
  • Über den Unterschied zwischen ‚praktischer‘ und ‚wirklicher‘ Überzeugung.

Die Organisation von ‚Krankengeschichten‘, so wird der dritte und letzte Teil benannt: Nun stehen nicht mehr die Pflegekräfte oder deren Auseinandersetzungen mit den Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern im Mittelpunkt, wie das im ersten und zweiten Teil der Fall war, sondern die Aktivitäten des therapeutischen Personals. Es geht um die Analyse des komplexen Systems der Dienstleistungen am Patienten. Was sind die strukturbestimmenden Arbeitsgegebenheiten des therapeutischen Personals, und wie wird das Personal mit ihnen fertig? Die Uniformität, Systematik und Kohärenz im beruflichen Handeln der Therapeuten soll sichtbar gemacht werden.

Im ersten Abschnitt wird danach gefragt, wie der Arzt zu seiner Diagnose kommt. Es gibt folgende Themen:

  • Die Wirklichkeit ist nicht identisch mit Darstellungen der Wirklichkeit - ein Paradox,
  • Stimmt die Darstellung mit dem Wissen des Hörers überein?,
  • Ist die Darstellung in sich stimmig?,
  • Stimmen die Darstellungen der verschiedenen Berichterstatter überein?,
  • Diagnostik als Gestaltwahrnehmung.

Im zweiten Abschnitt wird untersucht, wie psychiatrische Therapie gemacht wird. Praktiken der Veränderung und das fehlende Krankheitsbewusstsein der Patienten stehen zur Debatte.

In allen drei Teilen des Buches gibt es sehr viele dokumentierte Wortwechsel und Situationsbeschreibungen, die zum Teil wie Passagen eines Drehbuches anmuten und die von Fengler/Fengler stets sorgfältig, situativ und im Kontext interpretiert werden, so dass insgesamt das Innenleben einer psychiatrischen Anstalt hergestellt wird. Hier zeigt sich in besonderem Maße die Fruchtbarkeit des gewählten Forschungsansatzes. Überdies wird Wissenschaft zu einer angenehmen Lektüre.

Diskussion und Fazit

Wer Einblick in die Praxis der gegenwärtigen Krankenhauspsychiatrie hat, wird nicht umhinkommen, der Untersuchung in weiten Teilen durchaus Aktualität zuzusprechen. Viele der beschriebenen Praktiken und Gegebenheiten werden in veränderten Formen auch heute noch im Stationsalltag täglich reproduziert. Das trifft nicht nur auf die Entschärfungspraktiken wie Fixieren, Trennen oder Medikamentenverabreichung zu, sondern auf viele weitere im Text beschriebenen Handlungs- und Vorgehensweisen. Natürlich sind die Erscheinungsformen der neuen Zeit und ihren Möglichkeiten angepasst. Aber es besteht kein Grund dafür, dass immerhin 35 Jahre alte Buch zum Antiquar zu geben. Für alle diejenigen, die in der Psychiatrie und mit psychisch Kranken arbeiten wollen, ist dieses Werk eine Pflichtlektüre.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 01.12.2014 zu: Christa Fengler, Thomas Fengler: Alltag in der Anstalt. Wenn Sozialpsychiatrie praktisch wird. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2014. 3. Auflage. ISBN 978-3-88414-613-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17313.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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