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Peter Mannsdorff: Das verrückte Wohnen

Cover Peter Mannsdorff: Das verrückte Wohnen. Bericht aus dem Innern eines Illusionspalastes. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2014. 213 Seiten. ISBN 978-3-86739-140-5. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Thema

Der vorliegende Roman gilt als das Erstlingswerk von Peter Mannsdorff und erschien 1992 im Psychiatrie Verlag. Nun erscheint er als unveränderter Nachdruck erneut. Der Roman „ Das Verrückte Wohnen“ erzählt aus der Perspektive des Ich- Erzählers Peter Fallistel, welcher sich nach einem Klinikaufenthalt, in einem Übergangswohnheim „das ÜWH“ für Menschen mit einer psychiatrischen Diagnose zurechtfinden und integrieren muss. Peter findet als Reha- Maßnahme einen Platz inmitten einer Gemeinschaft von Psychiatrieerfahrenen am Stadtrand von West- Berlin zu Zeiten der Wende. Mannsdorff berichtet aus dem Inneren dieses Kreises, dem „Illusionspalast“ und verdeutlicht in ungezwungener Sprache, was ein Alltag im ÜWH bedeutet. Er schildert in erfrischender und charmanter Art ein Leben zwischen Traum und Wirklichkeit, einer zutiefst empfundenen Liebe und Selbsttäuschung, einen Seiltanz zwischen den Löchern des depressiven Dunkels und den Höhen der manischen Funken und Ideen. Das Werk gewinnt an Besonderheit, da es zur damaligen Zeit erstmalig eine Alltagsbeschreibung durch authentische Schilderungen offenbart.

Autor

Peter Mannsdorff, Jahrgang 1957, studierte an der FU Berlin von 1976-1985 Romanistik und Germanistik auf Lehramt. Von 1979-80 unterrichtete er in Grenoble an einem französischen Lycée. Er schreibt seit den 90er Jahren über Geschichten des Alltags. In diesen sind fiktive und reale Ereignisse seiner Lebensgeschichte eng miteinander verwoben. Auf der Grundlage seiner autobiographischen Erlebnisse schuf Mannsdorff eine Roman-Trilogie, mit dem ersten Band „Das verrückte Wohnen“. Die Trilogie ist eine außergewöhnliche Reihe in der Psychiatrieliteratur, welche sich retrospektiv aus der Innensicht der Psychiatrieszene, mit den Erlebnissen des Ich- Erzählers Peter Fallistel beschäftigt. Zudem schreibt Mannsdorff Romane für Kinder und Jugendliche, erzählt Kinder- und Erwachsenenmärchen und Kurzgeschichten. Er ist Gründer des Shift- Selbst- Verlags und setzt durch seine regelmäßigen Lesungen diverse positive Zeichen in der Anti-Stigma-Arbeit und Prävention.

Entstehungshintergrund

Peter Mannsdorff, welcher sich selbst als ein „ehrenwertes Mitglied der Psychoszene“ bezeichnet, verarbeitet in seinen Werken persönliche, einschneidende Erlebnisse und dies macht alle seine Erzählungen besonders. So bietet ihm die Erschaffung von Geschichten die Möglichkeit der Komposition von Fiktion und Wahrheit, Verarbeitung und Neuerfindung. Aus dieser Hilfe zur Selbsthilfe, entstand womöglich auch sein erster Roman „Das verrückte Wohnen. Bericht aus dem Inneren eines Illusionspalastes“.

Aufbau und Inhalt

Der Roman ist in 18 Abschnitte untergliedert und endet in einem Epilog. Es ist eine Chronologie erkennbar, welche sich dadurch abzeichnet, dass die Erzählung bei einem ersten Kennenlernen der Einrichtung beginnt und durch das Verlassen des Übergangswohnheims endet. Somit eröffnet Mannsdorff der LeserIn die Möglichkeit, dem Hauptcharakter und Ich- Erzähler, Peter Fallistel (als stellvertretendem altem Ego für den Autor) vom ersten Besuch des Übergangswohnheims bis zum letzten Besuch zu folgen. Peter Fallistel ist ein humorvoller und selbstironischer Charakter, welcher durch seine Affinität an frankophilen Inhalten besticht. Er ist ein herzlicher Mann, stets für Neues offen und seit Jahren trauert er seiner großen, unerfüllten Liebe zu Claudine nach.

In der Zeit als Peter mit Claudine zusammen war, war seine Welt noch in Ordnung. Er was Student, liebte das Leben, Frankreich und Claudine- vielleicht sogar viel zu sehr. Nachdem die Beziehung durch einen Seitensprung von Claudine aus den Fugen gerät, bricht bei Peter seine Erkrankung aus. Er wird manisch- depressiv, möchte Claudine mit aller Macht und wahnwitziger Fantasie zurückgewinnen. Er kommt wegen tollkühnen Ideenfluten in eine Klinik und erlebt seine erste Odyssee in die Welt der Psychiatrie, ihren Kliniken, ÄrztInnen, TherapeutInnen, Medikamenten und PatientInnen. Nach einem erneuten Klinikaufenthalt bekommt er die Möglichkeit der Reha-Maßnahme in einem Übergangsheim oder auch „das ÜWH“.

Der Roman beginnt damit, wie sich Fallistel auf den Weg zum Übergangswohnheim „Lankwitz“ macht. Er bahnt sich seine Spur zu den „gelben Kasernenhäusern“, bei dessen Anblick hinter „versteckten Hecken“, Peter im Geiste kritisch kommentiert: „Eine Psychofabrik! (…) Meine soziale Talfahrt scheint mit rasantem Tempo nach unten zu gehen…“ Peter Fallistel wird nach der Sichtung des Geländes vorerst skeptisch und ängstlich. Die Emotionen lösen sich nach der herzlichen Kaffeebegrüßung der Bewohnerin Carola, welche ihn mit den Worten empfängt: „Kennst du eigentlich den längsten Witz der Welt? Lankwitz.“ Carolas humorvoll- authentische Art bricht das Eis, der ersten Hürden der Fremdheit bei Peter. Das Erstgespräch mit der Psychologin Frau Wussow, dem Betreuer Herr Stein und dem Arzt Herr Doktor hingegen, löst Druck und Unsicherheit in ihm aus, denn er muss Fremden von seiner Krankheit erzählen, ohne zu wissen ob das Vorstellungsgespräch für ihn einen Heimplatz bereitstellt. Nach zehn Tagen des Wartens bekommt er einen Platz und fühlt sich bei einem Vorstellungskaffee mit seinen neuen Mitbewohnern nett empfangen. Peter freut sich, dass er wiederkommen darf.

Es folgt ein Probewohnen und Peter darf bei einer Gruppe einziehen, in welcher er für zwei Jahre wohnen könne, wenn es ihm und den anderen Mitbewohnern zusagt. Für Peter ist es schwer vorstellbar ein „Heimatgefühl“ aufzubauen, wenn er nach zwei Jahren wieder ausziehen muss, wo er sich doch gerade dann an ein unabhängiges und freies Leben gewöhnt haben könne. Seine Eingewöhnung fällt Peter leicht und er berichtet: „Das Leben im Übergangswohnheim wird angenehm. Unsere Gruppe ist wie eine kleine Familie.“

Und diese Familie sind die Bewohner. Er wohnt mit zusammen, diese ist wie eine Mutter für die ganze Gruppe. Julia macht des Öfteren ihre Hand zu einer Faust, um diese danach stundenlang in einen „Brunnen“ zu verwandeln. Durch diesen Brunnen schaut sie durch und träumt von ihrer Welt. Mit einer Zigarette dazu ist diese ein Paradies, welches so leicht erscheint, im Gegensatz zur Wirklichkeit. Der Bewohner namens Gorilla ist wie ein Vater, Siggi<, und der elegante Bernd wirken auf Peter wie Brüder. James und auch Hans sind abwechselnd in einer Jesuspsychose, Verena dagegen entwickelt die Vorstellung Martin Luther zu sein. Jörg möchte mit allen BewohnerInnen IQ- Tests durchführen und Roberto die Welt durch seine Gruppe „Kollektiv der Kybernetik“ verbessern. Gerd und Thorsten sind beide phasenweise depressiv. Die Esoteriker der Gruppe erschaffen monatlich neue Verschwörungstheorien und die Psychotiker setzen diese in die Praxis um. Mittendrin lebt nun auch Peter. Dieser wäre in seinem früheren Leben wohl gerne Redakteur der französischen Zeitschrift L´Espoir gewesen. Peter hilft das Schreiben wenn er wieder manisch wird und bei ihm dann die „Schreibwut auszuwuchern droht“. Er schreibt so lange, bis er sich alles „von der Seele geschrieben hat“. Dann braucht er niemanden mehr „vollzuquatschen“ mit seiner unerwiderten Liebe zu Claudine, Frankreich und den Zeitschiften L´Éspoir und Vallés. So haben alle BewohnerInnen ihren „Ballaststoff, um von den Wolken der Psychose aus, Anker auf den Boden der Realität zu werfen. Aber die Landung klappt nicht von heute auf morgen. (...) Das ÜWH soll eine Chance für die sein, die reelle Aussicht auf Gesundung haben.“

Auch die Betreuer sind täglich im Alltag der BewohnerInnen involviert. Jeden Morgen um neun Uhr wecken sie alle. Peter kommentiert: „Ich erkenne die Betreuer immer schon an ihren Schritten und an ihrem Klopfen an den Nachbartüren.“ Da ist Herr Stein mit „nach oben schielenden Augen und dem König- Barbarossa- Bart. Mit zielsicheren, fast militärischen Schritten hämmert er durch den Flur (…)“. Susi Seifert „(…) ist da schon sanfter. Unsere schöne schwarzhaarige Hexe (…)“. Die Betreuerin Caroline ist wie besessen davon, das Geheimnis der Psychose zu hinterfragen, indem sie den BewohnerInnen komische Fragen stellt und Britta ist durch ihre „Liebenswürdigkeit und mütterliche Strenge“ die „Top 1a Betreuerin“.

Alle Charaktere prägen zusammen nun den Alltag von Peter, der sich durch die Beschäftigungstherapie (unter therapeutischer Anleitung von Brigitte) und die Arbeitstherapie „quälen“ muss. Peter mag die „BT“, dieses „Malen“ nicht. Er sieht keinen Sinn darin sich in zwei bis drei Stunden zu beeilen ein schönes Bild unter Anleitung zu malen, dessen Thema er meist noch nicht mal selbst aussuchen darf. Auch die „AT“ unter der Leitung von Rudi bewerkstelligt Peter eher widerwillig, denn wer zu spät kommt, muss von seinem monatlichen Taschengeld von 138 DM, zur Strafe eine Mark abgeben. Auch die Arztgespräche mit Herrn Doktor Nomis sind für Peter nicht besonders angenehm. Dieser sagt immer: „ (…) alles, was mit Frankreich zu tun hat, alles Frankophile müssen sie sich vom Halse halten. L´Espoir, Ihre französische Musik und Claudine, sogar Französischsprechen, das alles sind ihre Gehirnfürze, die Sie in den nächsten zehn Jahren mit Sicherheit wieder krank machen werden.“

So muss Peter lernen, sich von den Dingen fernzuhalten die er liebt und sich auf Neues einlassen, das er eher weniger mag. Er versucht sich in der Reha- Maßnahme als Maler doch wird davon wieder krank. Verarbeitet im Schachspiel seine Beziehung (oder nicht mehr vorhandene Beziehung) zu Claudine und findet in Manuelazeitweise eine neue Partnerin. Er gewinnt viele Bekanntschaften und verliert wichtige Freunde durch Verlegungen in das „Chronikerheim“ oder durch Suizid. Dennoch hält ihn seine Leidenschaft für das Schreiben immer wieder stabil und die Gründung einer Zeitungsgruppe wird sein neuer Rettungsanker in eine bessere Zeit. Eine Zeit in der sich nicht nur Peter verändert, sondern auch die Gesellschaft um Peter herum. So geschehen nicht nur ständige Umbrüche in den Biografien der BewohnerInnen des ÜWH´s, sondern auch durch den Mauerfall entstehen Umbrüche im politischen System.

Diskussion

Über Wohnkonzepte von Wohnheimen, oder Sozialarbeit in der Psychiatrie ist schon viel geschrieben worden. Was dieses Buch anders macht, ist die Darstellung der Innensicht der AdressatInnen. Der „Bericht aus dem Inneren eines Illusionspalastes“ verdeutlicht, durch einen kommentierenden und teilweise auch inszenierenden Sprachstil Mannsdorffs, was es aus BewohnerInnensicht bedeutet, in einer Wohngruppe seinen individuellen Alltag zu (er)leben. Er beschreibt auf einer in keinem Moment anklagenden Weise das Psychiatriesystem. Stellt dar, wie wichtig dieser Schutzraum des Übergangswohnheims für die BewohnerInnen sein kann und macht gleichzeitig deutlich, wie schwierig es ist, sich in dieser Lebenswelt seine eigene Nische zu suchen oder wie anstrengend es sein kann „Normalos kennenzulernen“. Und diese Anstrengungen mussten BewohnerInnen schon machen, als es noch keine komplizierten Abrechnungssysteme für Fachleistungsstunden, erprobte Psychoedukationen und praktisch umgesetzte Recovery- Konzepte gab.

So ist dieser Roman auch eine Art Zeitzeugenbericht für die Veränderungen der Gemeindepsychiatrie. Er macht teilweise die Umschwünge deutlich, welche sich nach der Enquête vollzogen haben und die Sozialpsychiatrie revolutionierten. Zugleich ist dieses Werk aber auch ein Zeitzeugenbericht des Wandels der Bundesrepublik. So beschreibt Mannsdorff den Mauerfall aus Sicht des Peter Fallistel folgendermaßen: „Wir fahren mit der S- Bahn nach Wannsee. Menschen über Menschen. Lachende und weinende Gesichter. Die ganze Stadt hat eine Psychose. Eine Freudenpsychose. Ich falle in diesen euphorischen Mengen mit meiner leichten Psychose nicht auf. Die Realität hat sich meinen utopischen Träumen ein Stück weit angepaßt. Ich brauche nicht mehr mit Hans den Fall der Mauer vorzufeiern. Mein Therapeut sagt mir später, daß an dem Tag nach der Maueröffnung kein einziger Berliner in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden ist.“

Fazit

Mannsdorff gelingt es auf eine humorvolle und zugleich selbstironische Weise, die Innenperspektive der BewohnerInnen, insbesondere die von Peter Fallistel, auf ein Leben in einem Übergangsheim darzustellen. Die LeserIn begibt sich mit den BewohnerInnen in „den Illusionspalast“ und wird Teil der irr-witzigen Sichtweisen und liebenswerten „Macken“ der KlientInnen. Mannsdorff nimmt die LeserIn mit in die Leidens- und Glücksmomente des Alltags der BewohnerInnen.

Insgesamt ist dieses Werk ein Schatz für die Darstellung der KlientInnenperspektive und trotz seiner unveränderten Neuauflage nach 23 Jahren, zur Schilderung des Erlebens von BewohnerInnen eines Übergangswohnheims immer noch aktuell. Der Wert des Romans liegt vor allem darin, ein Alltagsempfinden der Psychiatrieerfahrenen für die PraktikerInnen der Sozialpsychiatrie greifbar zu machen. So kann den Fachkräften der Praxis eine Haltung vermittelt werden, welche sich in den Augen der AdressatInnen (bzw. des Autors) durch Menschlichkeit, Ehrlichkeit und schelmischen Humor auszeichnet. Diese Haltung gilt es den Psychiatrieerfahrenen entgegenzubringen, um miteinander eine Beziehung auf Augenhöhe zu gestalten, welche im Idealfall eine Mischung aus Professionalität und freundschaftlichen Attributen beinhaltet. Gerade für BerufsanfängerInnen kann dieses Buch empfehlenswert sein, denn es vermittelt ein authentisches Bild des Arbeitsfeldes Gemeindepsychiatrie.


Rezensentin
Dipl.- Pädagogin Julia Tamm
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen,
Homepage www.bildung.uni-siegen.de/mitarbeiter/tamm.html
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Zitiervorschlag
Julia Tamm. Rezension vom 21.04.2015 zu: Peter Mannsdorff: Das verrückte Wohnen. Bericht aus dem Innern eines Illusionspalastes. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2014. ISBN 978-3-86739-140-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17317.php, Datum des Zugriffs 22.04.2018.


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