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Hans Thiersch: Lebenswelt­orientierte soziale Arbeit

Cover Hans Thiersch: Lebensweltorientierte soziale Arbeit. Aufgaben der Praxis im sozialen Wandel. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 9. Auflage. 251 Seiten. ISBN 978-3-7799-1298-9. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Bei der Veröffentlichung handelt es sich um die 9. Auflage (!) des erstmals 1992 erschienenen gleichnamigen Bandes. Der Band steht in enger Verbindung mit den Arbeiten zum 8. Jugendbericht, dessen theoretisches Geländer das Rahmenkonzept der Lebensweltorientierung ist.

Der Autor Hans Thiersch, emeritierter Professor der Sozialpädagogik an der Universität Tübingen und im Jahr 2015 80. Jahre alt geworden, war als Vorsitzender Mitglied der Kommission zur Erstellung des 8. Jugendberichtes der Bundesregierung. Lebensweltorientierung, so der Autor in seinem Vorwort, „meint den Bezug auf die gegebenen Verhältnisse der Adressaten, in denen Hilfe zur Lebensbewältigung praktiziert wird, meint den Bezug auf individuelle, soziale und politische Ressourcen, meint den Bezug auf soziale Netze und lokale/regionale Strukturen“ (S.5). Bei den Beiträgen handelt es sich um überarbeitete Vorträge und Texte, die in Teilen bereits veröffentlicht wurden, in diesem Band jedoch mit dem Ziel zusammengetragen wurden, das Rahmenkonzept der Lebensweltorientierung zu akzentuieren sowie deren Reichweite und Ergiebigkeit insbesondere in Bezug auf die Praxisaufgaben zu prüfen.

Aufbau

Der Band ist in vier Kapitel gegliedert:

  1. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit als Rahmenkonzept (50 Seiten, 2 Beiträge)
  2. Praxisaufgaben (110 Seiten, 9 Beiträge)
  3. Voraussetzungen (35 Seiten, 2 Beiträge)
  4. Perspektiven (30 Seiten, 2 Beiträge).

Zu 1. „Lebensweltorientierte Soziale Arbeit als Rahmenkonzept“

In den beiden Beiträgen des 1. Kapitels wird die theoretische Folie ausgebreitet. Ausgewählte Aspekte hierzu:

  • Lebensweltorientierung als Gegenentwurf zur Spezialisierung: „Lebensweltorientierte Jugendhilfe hat sich als Signal und Titel in den letzten Jahren durchgesetzt, um Ansätze der Kritik und Gegen-Tendenzen zu Entwicklungen zu bezeichnen, die sich im Zeichen spezialisierter Administration und Sozialtherapie durchgesetzt haben; lebensweltorientierte Jugendhilfe meint ihnen gegenüber die ganzheitliche Wahrnehmung von Lebensmöglichkeiten, wie sie im Alltag erfahren werden“ (S. 22).
  • Reflexive Soziale Arbeit in der Ambivalenz von Hilfe und Kolonialisierung: „Lebensweltorientierte Jugendhilfe agiert im Wissen um ihre Notwendigkeit und Tragfähigkeit ihrer Arbeit ebenso wie im Wissen um die in ihr liegende Gefahr, die Eigensinnigkeiten und Ressourcen der Lebenswelt einzuengen, zu „kolonialisieren““ (S. 24).
  • Rand und Mitte: „Indem lebensweltorientierte Jugendhilfe in den Offenheiten und Zerissenheiten unserer Zeit agiert, wachsen ihr neue Aufgaben der Klärung und Unterstützung in der Normalität unserer Verhältnisse zu. Lebensweltorientierte Jugendhilfe muss beides betonen, die Arbeit im randständigen Drittel, an den Rändern der Gesellschaft und die Angebote in den Zumutungen und Belastungen der Normalität unserer schwieriger werdenden Lebensverhältnisse. (Indem diese Aufgaben zusammen gesehen werden, erfüllt sich das alte Postulat der Jugendhilfe von der Einheit von Fürsorge und Jugendarbeit in einer neuen Weise)“ (S. 24).

Zu 2. „Praxisaufgaben“

Das 2. Kapitel bildet den Hauptteil der Veröffentlichung. Das Konzept wird dabei auf folgende 9 ausgewählte Praxisaufgaben hin – in je einem eigenständigen Beitrag -durchgespielt und konkretisiert:

  • Straßenkinder – Arbeit mit Straßenkindern in der 3. Welt
  • Jugend auf der Straße – Mobile Jugendarbeit
  • Kinderleben in Pflegefamilien
  • Der Übergang von der Familie ins Heim, Probleme in der Behindertenarbeit
  • Elternarbeit im Heim
  • Unordnung im Heimerziehungsalltag
  • Soziale Beratung
  • Schule von der Sozialpädagogik her gesehen
  • Altwerden in unserer Gesellschaft – Überlegungen zum Generationenvertrag

Zur Veranschaulichung greife ich beispielhaft den Beitrag „Schule von der Sozialpädagogik her gesehen“ heraus (S. 132-148). Der Beitrag betont das „gemeinsame Geschäft“ von Schule und Sozialpädagogik - sowohl historisch als auch in den aktuelleren Bezügen – im Kontext von Bildung und Befreiung. Gefragt wird aus der Perspektive der Sozialpädagogik nach der Schule. Hans Thiersch stellt dabei voraus, dass sowohl Schule als auch Sozialpädagogik vielgestaltig sind, es also „die“ Schule und „die“ Sozialpädagogik nicht gäbe und deshalb die Ausführungen „aus der Abgehobenheit der Vogelperspektive“ formuliert sein müssen (S. 135). Herausgearbeitet werden Aspekte des Leidens der Sozialpädagogik an der Schule und der Befangenheit der sozialpädagogischen Erfahrungen, um dann sozialpädagogische Erfahrungen herauszuarbeiten, die für die Entwicklung der Schule als Lebens- und Lernort wichtig sein könnten und gleichsam Kooperationsstränge des „gemeinsamen Geschäftes“ darstellen können. Dabei wird insbesondere auf das Arbeitsfeld der Schulsozialarbeit, die Arbeit mit sogenannten besonders schwierigen Jugendlichen sowie auf Elternarbeit eingegangen.

Das Fazit des Beitrages lautet: es ist an der Zeit, wieder die gemeinsamen Fragen und Strukturen zu verdeutlichen, also durch die Differenzierungen hindurch neu nach Gemeinsamkeiten zu fragen. Das neue Verhältnis von Differenzierung und Gemeinsamkeit ist im Diskurs gemeinsamer Fragen zu finden (S. 148).

Zu 3. „Voraussetzungen“

Das 3. Kapitel beschäftigt sich mit Trägerstrukturen und den Verhältnissen von öffentlichen und freien, sowie großen und kleinen Trägern. Betont wird dabei die Stärkung der Kompetenzen zur Planung und zur forschenden wissenschaftlichen Reflexivität: „nur so nämlich können Unübersichtlichkeiten strukturiert und vor allem sachfremde Interessensauseinandersetzungen zurückgedämmt werden“ (S. 181).

In einem zweiten Beitrag erörtert, welches Wissen im Rahmen des Studiums der Erziehungswissenschaft/Sozialpädagogik für die Berufspraxis erworben werden soll.

Zu 4. „Perspektiven“

Das 4. Kapitel beinhaltet einen Beitrag zu Moral und Kasuistik sowie die bekannten Überlegungen zum Sozialpädagogischen Jahrhundert. Das sozialpädagogische Jahrhundert entwickelt sich u.a. im Rückgriff auf Gertrud Bäumer und deren Zuordnung, dass Sozialpädagogik alle Erziehung sei, die nicht in Familie, Schule und Ausbildung geleistet wird. Sozialpädagogik ist damit zuständig für das „Zwischen“ den tradierten, stabilen, das Leben strukturierenden Institutionen, das in den gesellschaftlichen Veränderungen zunehmend brisant wird (S.231).

Diskussion

Im Rahmen einer Rezension ein „altes“ Werk zu diskutieren, noch dazu ein Standardwerk der Sozialen Arbeit, ist so einfach nicht. Es handelt sich letztendlich bei diesem Band um ein Zeitdokument. Entsprechend ist die Veröffentlichung in ihrer Zeit zu verstehen und zu würdigen. Der Band ist entstanden im Denken der ausgehenden 1980er Jahre, einer Zeit, in der das Kinder- und Jugendhilfegesetz entwickelt wurde, das sich auf das Konzept der Lebensweltorientierung bezieht. Entsprechend werden die Denkart des Gesetzes sowie die Erläuterungen zum 8. Jugendbericht breit und sehr transparent, auch gut lesbar, beschrieben. Anfang der 1990 Jahre war für die Soziale Arbeit und insbesondere die Jugendhilfe eine besondere Zeit, nicht zuletzt deshalb, weil mit der Wiedervereinigung in Deutschland gerade in den ostdeutschen Ländern massive Herausforderungen der Strukturveränderungen auch in den sozialen Leistungen existierten. Auch dies beschreibt und analysiert Hans Thiersch anschaulich.

Zu fragen ist aber auch danach, in wie weit die Analysen und skizzierten Aufgaben der Praxis heute, 25 Jahre nach der Erstauflage, Aktualität besitzt. Was hat Bestand in der Denkart und der Analyse von Phänomenen und Arbeitsaufgaben? Was ist nach wie vor nutzbar und übertragbar?

Sicherlich haben sich manche Begriffe, z.T. auch Phänomene in den letzten 25 Jahren an der ein oder anderen Stelle verändert und junge Studierende werden sich ggf. über den Titel „Straßenkinder in der 3. Welt“ amüsieren. Und die überwiegenden Praxisbeispiele aus der Jugendhilfe und auch die Gleichsetzung von lebensweltorientierter Sozialer Arbeit mit lebensweltorientierter Jugendhilfe zeigt an, dass das Konzept sehr stark im Praxisbezug der Jugendhilfe entwickelt bzw. vor allem in diesem Praxisfeld angewendet wurde. In den vielen Themen und Herausforderungen der Sozialen Arbeit unserer Zeit droht eine theoretisch fundierte Grundrichtung zur Betrachtung der Dinge verloren zu gehen. Der Rückbezug auf die Adressaten, auf Aushandlung und Respekt und auf Einmischung und das fortlaufende Bemühen Theorie und Praxis vermittelbar zu halten, zieht sich als roter Faden durch diesen Band und gibt eine Orientierung und damit Grundrichtung in der Analyse der herausfordernden Phänomenen unserer Zeit.

Fazit

Der Band ist ein Zeitdokument, ein wichtiges Standardwerk der Disziplin und der Profession der Sozialen Arbeit und ein Teil des Nachlasses von Hans Thiersch. Zielgruppe der Leserschaft werden primär Studierende der Sozialen Arbeit sein, für die die genaue Lektüre des Bandes ein „Must have“ in der Ausbildung zu sein hat. Weniger werden die erfahrenden Fachkräfte der Sozialen Arbeit zu diesem Band greifen, obwohl in der Vielgestaltigkeit der Aufgaben der Sozialen Arbeit diese Veröffentlichung auch gut tut, da sie eine prinzipielle gedanklich- konzeptionelle Grundausrichtung gleich eines roten Fadens in der Profession der Sozialen Arbeit beinhaltet und ausformuliert. Dem Verlag ist zu danken, dass er den Band in schneller Regelmäßigkeit immer wieder neu auflegt, denn dieses Standardwerk sollte nicht vergriffen sein. Vielmehr sollte darauf insbesondere im Rahmen des Studiums zurückgegriffen werden können.


Rezension von
Prof. Dr. Claudia Daigler
Professorin für Integrationshilfen und Übergänge in Ausbildung und Arbeit an der Hochschule Esslingen
Homepage www.hs-esslingen.de/de/mitarbeiter/claudia-daigler.html
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Zitiervorschlag
Claudia Daigler. Rezension vom 25.08.2015 zu: Hans Thiersch: Lebensweltorientierte soziale Arbeit. Aufgaben der Praxis im sozialen Wandel. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 9. Auflage. ISBN 978-3-7799-1298-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17329.php, Datum des Zugriffs 28.05.2020.


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