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Dörte Weltzien, Timm Albers (Hrsg.): Vielfalt und Inklusion

Cover Dörte Weltzien, Timm Albers (Hrsg.): Vielfalt und Inklusion. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2014. 64 Seiten. ISBN 978-3-451-00167-3. D: 9,95 EUR, A: 10,30 EUR, CH: 14,90 sFr.
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Thema

Die HerausgeberInnen Dörte Weltzien und Timm Albers möchten mit dem vorliegenden Heft einen Beitrag zur Qualitätsentwicklung inklusiver Einrichtungen im Elementarbereich leisten, einer Daueraufgabe, die neben dem Erwerb fachlicher Kompetenzen auch eine kontinuierliche Reflexion eigener Werte und Normen erfordert. Die AutorInnen sind als HochschullehrerInnen oder Praktikerinnen für den Elementarbereich zuständig.

Aufbau

Das Heft enthält Einzelbeiträge zu folgenden Themen:

  1. Was bedeutet Vielfalt – Was bedeutet Inklusion?
  2. Eine inklusive Haltung entwickeln
  3. Den Umgang mit Vielfalt und Inklusion professionell gestalten
  4. Zur Qualitätsentwicklung inklusiver Einrichtungen
  5. Herausforderndes Verhalten – auch ein Inklusionsthema
  6. Inklusion konkret: Beispiele aus der Praxis.

Inhalt

In ihrem einleitenden Artikel klären die HerausgeberInnen zunächst, dass „Vielfalt“ ein relationaler Begriff ist, der nur im Vergleich als Merkmal hervortritt. Sie unterscheiden eine „große Vielfalt“ (soziale, ökonomische, kulturelle oder religiöse Kategorien) von einer „kleinen Vielfalt“, die sich in individuellen Merkmalen (Spielverhalten, Beziehungsgestaltung oder Temperament) äußert. Diese Unterscheidung ist insofern wichtig, als Menschen nicht auf ihre Gruppenzugehörigkeit reduziert werden dürfen. Kinder mit Migrationshintergrund oder mit Behinderungen sind immer auch Jungen und Mädchen mit unterschiedlichen geistigen und körperlichen Fähigkeiten. Aufgabe der Pädagogik ist es, jedes Kind individuell zu betrachten und zu fördern.

Da es in jeder Gesellschaft Mehrheitsnormen (z.B. Sprache) gibt, ist die Gefahr von Ausgrenzungen und Diskriminierungen groß, wenn deren Konsequenzen nicht reflektiert werden. Die hierzu notwendige Fähigkeit zur Selbstreflexion kann nach Weltzien u.a. durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie erworben werden, in der häufig frühe Fremdheitserfahrungen hervortreten.

Zur Anerkennung von Heterogenität gehört auch eine forschende Haltung, um die Vielfalt von Lebenslagen ebenso wie Risikofaktoren (Armut, ungünstiges familiäres Klima) zu erkennen. Notwendig ist schließlich eine ressourcen- statt defizitorientierte Sicht, weil der Blick auf die Stärken Anerkennung bedeutet, die Grundlage für eine positive Entwicklung ist.

Professioneller Umgang mit Vielfalt bedeutet vor allem, den Förderprozess partizipativ zu gestalten. Das gilt nicht nur für die Zusammenarbeit im multiprofessionellen Team, sondern vor allem auch für die gemeinsame Gestaltung von „Individuellen Entwicklungsplänen“ (IEP) mit den Eltern, die in den angelsächsischen und skandinavischen Ländern sehr viel stärker in die Förderplanung eingebunden sind als dies in Deutschland bisher üblich ist. Albers schlägt für den partizipativen Förderprozess fünf Stufen vor: 1. Stärken, Interessen und Umwelt analysieren, 2. Planungsschritte ermitteln, 3. Planungsschritte skizzieren, 4. IEP-Treffen einberufen (Kinder, Fachkräfte, Eltern) und 5. Ziele implementieren (33).

Inklusion ist selbst ein Qualitätsmerkmal für eine Kita. Sie sollte nach Viernickel deswegen „selbstverständlicher Bestandteil aller sozialwissenschaftlicher Ausbildungs- und Studiengänge sein“ (zit. n. Albers,35). Empirische Untersuchungen belegen, dass inklusiv arbeitende Kitas eine deutlich bessere Prozessqualität aufweisen als der Durchschnitt, dem in der nationalen Untersuchung nur ein mittelmäßiges Zeugnis ausgestellt wird.

Ein geeignetes Instrument zur Prüfung und Verbesserung der Qualität ist der von Tony Booth und anderen zunächst für England entwickelte „Index für Inklusion“, der in zahlreichen Dimensionen und Indikatoren einen umfassenden Überblick über die Qualitätsentwicklung gibt. Wichtig ist, dass die Arbeit mit dem Index nicht als Aufgabe der Leitung, sondern als demokratischer Prozess mit allen Beteiligten gesehen wird.

Die Umsetzung von Inklusion ist nicht ohne Verbesserung der Rahmenbedingungen möglich. Eine wichtige Forderung in diesem Zusammenhang ist, dass in jeder Einrichtung eine heilpädagogische Fachkraft arbeitet, die im Sinne von Prävention Entwicklungsprobleme frühzeitig erkennt und pädagogisch bearbeitet.

„Verhaltensauffälligkeiten“ von Kindern werden von ErzieherInnen – wie unterschiedliche Studien ergaben, häufig als starke Belastung im pädagogischen Alltag empfunden. Dies gilt insbesondere für „externalisierende“, nach außen gerichtete Auffälligkeiten wie Aggressionen oder Hyperaktivität. „Internalisierende“ Auffälligkeiten wie Ängste oder Rückzug werden dagegen eher wenig beachtet.

Über die Häufigkeit von Auffälligkeiten gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Während ErzieherInnen fast jedes vierte Kind als verhaltensauffällig wahrnehmen, liegen die Angaben von Eltern deutlich darunter. Die meisten empirisch untermauerten Studien gehen von einem Anteil von 14 bis 18,3 % aus.

Sowohl die hohe Belastung der ErzieherInnen als auch die Notwendigkeit einer angemessenen Förderung der Kinder lassen es geboten erscheinen, diesem Thema in Kindergärten eine größere Bedeutung zu geben, die für den Umgang mit Kindern mit Behinderungen schon lange selbstverständlich ist.

Sechs Aspekte sind nach Klaus Fröhlich-Gildhoff notwendige Orientierungspunkte: Systematische Beobachtung des Kindes, Verstehen des Kindes, Austausch mit den Eltern, Kooperation mit externen Diensten, (direkte) Interaktion mit dem Kind und Rückhalt im Team (45).

Zum Verstehen des Kindes gehört, dass z.B. herausforderndes Verhalten nicht nur als „Aufmerksamkeitssuche“ gesehen wird, sondern dass auch die dahinter stehenden „ungestillten Bindungsbedürfnisse“ verstanden und angemessen durch bedingungslose Wertschätzung, Verlässlichkeit, Feinfühligkeit und Ermutigung befriedigt werden.

Neben der Durchführung differenzierter Programme für unterschiedliche Störungen ist vor allem der Kontakt zu externen Diensten wichtig. Eine regelmäßige Präsenz von MitarbeiterInnen von Erziehungsberatungsstellen in Kitas wäre wünschenswert und hilfreich.

Auch wenn Inklusion ganz unterschiedliche Gesichter hat, geht es immer darum, allen Kindern gleiche Chancen und soziale Teilhabe zu ermöglichen.

Im ersten Praxisbeispiel berichtet Rainer Möck über die Kooperation zwischen einem Montessori-Kinderhaus und einem Pflegeheim in Schwäbisch Hall. Die gemeinsamen Aktivitäten von Kindern und alten Menschen – häufig mit theaterpädagogischem Ansatz – sind geeignet, negative Altenbilder von Kindern zu verändern sich gegenseitig zu bereichern.

Eine besondere Gruppe stellen integrativ arbeitende Elterninitiativen dar (Albers). Insbesondere in den häufig eingruppigen Einrichtungen kommen sehr schnell Kontakte zwischen den Familien zustande. Für Eltern von Kindern mit Behinderungen bedeutet dies eine neue Erfahrung: sie und ihr Kind werden nicht mehr distanzierend und ablehnend behandelt, sondern erleben, dass andere Eltern auf sie zukommen.

Inklusion ist auch in Einrichtungen mit besonderem pädagogischem Charakter möglich. Caroline Stoy stellt in ihrem Bericht über den Integrativen Sportkindergarten der Freiburger Turnerschaft von 1844 e.V. fest, dass Bewegung nicht nur allgemein ein wichtiger Schlüssel zur Entwicklung ist, wie die Hirnforschung herausgefunden hat. Sie kann auch in speziellen Fällen von Bewegungsstörungen Förderpotential entwickeln und durch das Erleben von Gemeinschaft das Sozialverhalten stärken.

Im Diakonieverein Freiburg-Südwest e.V., der u.a. in der Hochhaussiedlung Weingarten Kindergärten betreibt, bemüht man sich in besonderem Maße um Multiprofessionalität im Team, um den besonderen Anforderungen in diesem sozial benachteiligten Stadtteil mit hohem Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund (49%) und Armut gerecht zu werden. Trotz des christlichen Erziehungsanspruches werden deswegen auch MitarbeiterInnen muslimischen Glaubens eingestellt und neben ErzieherInnen sind dort auch HeilpädagogInnen und SozialarbeiterInnen tätig – letztere wegen ihrer besonderen Sensibilität für die Armutsproblematik. Die wünschenswerte Ergänzung des Teams durch z.B. LogopädInnen stößt jedoch auf Grenzen, weil in der Regel nur Planstellen für ErzieherInnen zur Verfügung stehen und therapeutische Fachkräfte sich mit mit einer niedrigeren Bezahlung zufrieden geben müssten.

Diskussion

Obwohl – mit erheblichen Unterschieden zwischen den Bundesländern – die Mehrheit der Kinder mit Behinderungen schon lange in Regelkindergärten integriert wird, können immer nur noch ¼ dieser Einrichtungen als integrativ bzw. inklusiv bezeichnet werden. Es besteht deswegen nach wie vor ein hoher Handlungsbedarf, dem dieses Sonderheft von Kindergarten heute Rechnung trägt. Die UN-Behindertenrechtskonvention hat der Diskussion über Inklusion – nicht nur von Kindern mit Behinderungen – neuen Auftrieb gegeben. Wenn Inklusion als Qualitätsmerkmal begriffen wird, sollten alle Kitas auch offiziell inklusive Einrichtungen werden und die hierfür nötige Unterstützung erhalten. Wichtige Anregungen hierfür sind der Vorschlag, heilpädagogische Fachkräfte in allen Kitas anzustellen, weil dadurch nicht nur präventiv Entwicklungsprobleme, sondern auch die Stigmatisierung von Kindern mit Behinderungen durch zuschreibende Diagnosen vermieden werden könnten. Auch die Vorschläge, durch regelmäßigen Austausch zwischen MitarbeiterInnen von Erziehungsberatungsstellen und Kitas den professionellen Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten zu fördern sowie durch die vermehrte Einrichtung von Planstellen für TherapeutInnen die Qualität der Arbeit zu verbessern, sollten dringend umgesetzt werden.

Fazit

Das mit 64 Seiten sehr knapp gehaltene Sonderheft ist gut geeignet, insbesondere diejenigen MitarbeiterInnen von Kitas zur Inklusion hinzuführen, die sich bisher nicht intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben. Es gibt aber auch Anregungen zur Weiterentwicklung von Ansätzen für diejenigen, die sich schon bisher professionell mit Inklusion beschäftigt haben.


Rezensent
Prof. i.R. Manfred Baberg
Hochschule Emden/Leer, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Arbeitsgebiete u.a. Behindertenarbeit und Integrationspädagogik in den Studiengängen Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Integrative Frühpädagogik
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Zitiervorschlag
Manfred Baberg. Rezension vom 07.03.2015 zu: Dörte Weltzien, Timm Albers (Hrsg.): Vielfalt und Inklusion. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2014. ISBN 978-3-451-00167-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17344.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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