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Wilhelm Filla: Von der freien zur integrierten Erwachsenenbildung

Cover Wilhelm Filla: Von der freien zur integrierten Erwachsenenbildung. Zugänge zur Geschichte der Erwachsenenbildung in Österreich ; ein Studienbuch. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2014. 271 Seiten. ISBN 978-3-631-63473-8. D: 51,95 EUR, A: 53,50 EUR, CH: 59,00 sFr.
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Thema

In dem vorliegenden Buch wird erstmalig der Versuch unternommen, einen „Zugang zur Geschichte der Erwachsenenbildung“ (Filla, S. 9) in Österreich zu eröffnen. Das Schwergewicht liegt auf der institutionellen Seite der Entwicklung, die von ihren Anfängen in den 1850´er Jahren bis in die Gegenwart des Jahres 2012 verfolgt wird.

Autor

Wilhelm Filla (geb. 1947) ist ein österreichischer Erwachsenenbildner. Er studierte Soziologie an der Universität Wien. Von 1974 bis 1979 war Filla Direktor der Volkshochschule Hietzing, danach bis April 2012 Generalsekretär des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen und Herausgeber der Zeitschrift „Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung“. Filla ist seit 2000 Lehrbeauftragter an der Universität Graz und seit 2002 an der Universität Klagenfurt (aus: Wikipedia).

Entstehungshintergrund

Der Verfasser ist seit ca. dreieinhalb Jahrzehnten in der Erwachsenenbildung beschäftigt. Er hat verschiedene thematisch einschlägige Veröffentlichungen vorzuweisen. Das vorliegende Buch ist als eine konsequente und logische Weiterentwicklung dieser umfassenden Veröffentlichungstätigkeit zu verstehen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist gegliedert in sieben inhaltliche Kapitel und ein sehr ausführliches Literaturverzeichnis mit Büchern, Broschüren und Beiträgen in Sammelbänden zur Erwachsenenbildung.

Nach einer kurzen Einführung beschreibt Filla in Kap. 1 verschiedene Grundlagen der Geschichte der Erwachsenenbildung. Er geht hier u.a. auf die geistesgeschichtlichen Grundlagen während der Aufklärung und auf die in dieser Zeit neu entstehende Arbeiterbewegung ein, die sich eigene Bildungseinrichtungen und (eine) eigene Bildungstheorie (S. 21) schuf. Der Erwachsenenbildung in ihrer Entstehungs- und Erweiterungsphase kam – gerade als „von unten“ entstandener Bildungssektor – eine relative Autonomie zu (S. 25). Es ist nicht möglich, die von Filla zusammengetragene Fülle an Informationen wiederzugeben, wenn der Charakter einer Rezension beibehalten werden soll. Deshalb sei hier nur kurz vermerkt, dass das erste Kapitel u.a. auch Fillas Erkenntnisse zu den Themen „Demokratiebezug der Erwachsenenbildung“, „Internationalisierung der frühen modernen Erwachsenenbildung“ und „Ursprünge und Gründer der Volkshochschulen“ beinhaltet.

Kap. 2 heißt „Beginn und erste Entwicklung dauerhaft institutionalisierter Erwachsenenbildung“. Filla´s Beschreibung startet in Wien, wo die „moderne Volksbildung“ durch fünf Institutionen repräsentiert wurde: Volksbildungsverein, Volkstümliche Universitätsvorträge, Urania, Athenäum und Volksheim.(S. 53ff). Im Anschluss beschreibt Filla erste Verbandsgründungen und „vergessene“ Volksbildungsinitiativen um 1900.

In Kap. 3 wird eingegangen auf die „Demokratische Periode der Zwischenkriegszeit“. Unterthemen sind hier u.a. die Staatliche Volks- und Erwachsenenbildungspolitik, die Schaffung von Volksbildungsheimen, die Blütezeit der Wiener Stammvolkshochschulen, die Höhepunkte der Arbeiterbildung sowie der Beginn emanzipatorischer Frauenbildung in Deutschland.

Kap. 4 beschreibt die Erwachsenenbildung im Faschismus und Nationalsozialismus. Für Österreich wie auch für Deutschland stellt Filla erhebliche Lücken in der historischen Aufarbeitung der Erwachsenenbildung fest. Erschreckend zu sehen ist, mit welcher Geschwindigkeit der nationalsozialistische Machtapparat die seit Jahrzehnten bewährten Strukturen und Inhalte der Volksbildung innerhalb weniger Jahre (zwischen 1933 und 1938) nahezu vollkommen ausgelöscht hat. Primäre Zielsetzung der nationalsozialistischen Volksbildung nach Filla war es, mit den Mittel der Bildungsarbeit dazu beizutragen, eine Volksgemeinschaft zu schaffen, mit der zwei Perspektiven verfolgt wurden: Abschaffung des Klassenkampfes und Ausgrenzung all´ jener, die nicht dem – wie immer definierten – Volk zuzuzählen waren (S. 141).

In Kap. 5. „Erwachsenenbildung in der Zweiten Republik“ geht Wilhelm Filla zunächst auf die Fragen ein, inwiefern das Jahr 1945 eine eindeutige Zäsur für die Erwachsenenbildung bedeutet (und argumentiert, dass Ideologiebestände des Austrofaschismus in der Erwachsenenbildung noch über lange Zeit hinweg überlebt haben; S. 147) und beschäftigt sich ausführlich mit dem (Wieder-) Aufbau, der Pionier- und Konsolidierungsphase der Erwachsenenbildung (S. 149ff). In weiteren Unterkapiteln beschreibt Filla die bildungspolitisch beeinflusste und gesteuerte Ausweitungs-, Differenzierungs- und Integrationsphase seit 1970 (S. 169ff). In seiner zusammenfassenden Beurteilung beschreibt Filla diesen Prozess mit einem Paradoxon: „Der gesellschaftlichen Aufwertung der Erwachsenenbildung entspricht ihre abnehmende Freiheit“ (S. 213). Dies bedeutet u.a., dass den wachsenden Ressourcen, die der Erwachsenenbildung seit den 70´er Jahren in Österreich zur Verfügung stehen, ein zunehmender Staatsinterventionismus gegenübersteht (ebd.).

Kap. 6 schildert die Entwicklung der Theorie der Erwachsenenbildung ausgehend von Carl Bernhard Brühl (1820-1889), der Ansätze eines Volksbildungskonzeptes entwarf, das auch Überlegungen für die politische Bildung und die Frauenbildung miteinschloss (S. 223). Zusammenfassend identifiziert Filla für Österreich seit den 1960er Jahren drei aufeinanderfolgende Entwicklungen: – institutionelle Entwicklungen, – universitäre Impulse, – staatliche Impulse. Hinzu kommen wichtige Außenimpulse insbes. von Seiten der internationalen Theorie und Wissenschaft (S. 234).

Kap. 7 heißt „Erwachsenenbildungshistorie als Subdisziplin der Erwachsenenbildungswissenschaft“. Neben dem erfolgreichen außeruniversitären Institutionalisierungsprozess der Erwachsenenbildung ist hier insbes. die universitäre Verankerung der Erwachsenenbildung als Lehr- und Forschungsfach zunächst an der Universität Graz und später an der Universität Klagenfurt zu nennen (S. 241).

Diskussion und Fazit

Wilhelm Filla unterlegt mit dem hier besprochenen Band seine ausgesprochene Expertenschaft auf dem Gebiet der österreichischen und teilweise auch der internationalen Erwachsenenbildung. Mit Sorgfalt und Akribie trägt er eine Vielzahl an Materialien zusammen (auch Fotos und andere historische Zeitdokumente finden ihre Aufnahme in den Band) und verknüpft diese zu einem beeindruckenden Grundlagenwerk der historischen Erwachsenenbildung.


Rezension von
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 15.01.2015 zu: Wilhelm Filla: Von der freien zur integrierten Erwachsenenbildung. Zugänge zur Geschichte der Erwachsenenbildung in Österreich ; ein Studienbuch. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2014. ISBN 978-3-631-63473-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17345.php, Datum des Zugriffs 06.05.2021.


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