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Marianne Kosmann, Harald Rüßler (Hrsg.): Fußball und der die das Andere

Cover Marianne Kosmann, Harald Rüßler (Hrsg.): Fußball und der die das Andere. Ergebnisse aus einem Lehrforschungsprojekt. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2011. 164 Seiten. ISBN 978-3-86226-050-8. D: 18,80 EUR, A: 18,80 EUR.
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Thema

Der Rezensent gesteht, dass er dieses Buch bisher übersehen hat. Im Rahmen einer Tagung zum „Nationalsozialistischen Untergrund“ und zum Rechtsextremismus, die Ende Juni 2014 in Jena stattfand, haben der Rezensent und Kolleg/innen einen systematischen Überblick über die Rechtsextremismus-Forschung der letzten 20 Jahre erarbeitet. Das Buch von de Hek, Kampmann, Kosmann und Rüßler war ihnen (also den Autor/innen des Reviews) nicht aufgefallen. Warum die Rezension dieses Buches jetzt, drei Jahre nach seinem Erscheinen? Nun, es gibt mehrere Gründe: Erstens ist der Rezensent kein Fußballanhänger und insofern fast blind für die Bewegungen, Verwerfungen und Diskriminierungen in der Fußballwelt (mea culpa). Zweitens war es wohl der Titel, der interessant wirken sollte, die Aufmerksamkeit des Rezensenten aber nicht weckte. Drittens aber wurde er, der Rezensent, auf dieses Buch hingewiesen, weil es eben doch darin um Themen gehen solle, die auch seine Forschungsthemen zu berühren scheinen.

Und tatsächlich geht es in diesem Buch um Themen, die gesamtgesellschaftlich weitgehend ausgeblendet oder stigmatisiert werden: Frauenfußball, Homophobie im Fußball und Rechtsextremismus im Fußballsport. So wuchs also das Interesse des Rezensenten. Nicht zuletzt auch deshalb, weil er sich – bei allem Desinteresse gegenüber dem Fußball – der Tatsache bewusst ist, dass er in einer Stadt lebt, in der nicht der Männerfußball, sondern eine Frauenmannschaft, der „Frauenfußball Universitätssportverein Jena e. V.“, in der Ersten Bundesliga spielt. Überdies weiß der Rezensent natürlich auch von den vielen Vorurteilen, die der Frauenfußball aushalten muss, oder welch negative Rolle die Homophobie im Fußball spielt. Auch über den expliziten und impliziten Rechtsextremismus in den Fußballstadien ist der Rezensent gut informiert. Letzten Endes gab es also gute Gründe, das vorliegende Buch zu lesen und kritisch zu kommentieren. Es handelt sich um den Bericht über ein Lehrforschungsprojekt, das über zwei Jahre an der Fachhochschule Dortmund realisiert wurde.

Autorinnen und Autor

Alexandra Martine de Hek studierte an der Fachhochschule Dortmund und arbeitete zum Zeitpunkt des Erscheinens des vorliegenden Buches als Diplomsozialarbeiterin im Jugendamt der Stadt Lüdenscheid. Christine Kampmann ist Diplomsozialpädagogin und in der Drogenberatung tätig. Marianne Kosmann ist Professorin am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund. Auch Harald Rüßler lehrt und forscht als Professor an diesem Fachbereich.

Aufbau und Inhalte

Das Buch beginnt mit einer Einleitung von Marianne Kosmann und Harald Rüßler. Die Autor/innen gehen zunächst von der mehr als plausiblen Feststellung aus, dass Rassismus und Homophobie im Fußball genau so präsent sind wie in anderen Teilen der Gesellschaft (S. 6). Allein eine solche Tatsache würde reichen, um entsprechende Forschungsbemühungen zu begründen. Es geht aber – wie bereits erwähnt – um mehr in diesem Band.

Christine Kampmann zeigt im zweiten Beitrag auf der Basis von Einzelinterviews, wie sich Frauen in den letzten Jahrzehnten – trotz der mannigfachen Diskriminierungen (nicht nur durch Männer) ihre Selbständigkeit und Emanzipation auch im Fußballsport erstritten haben.

Im dritten Beitrag untersucht Alexandra Martine de Hek den gesellschaftlichen und gruppeninternen (also in der „Fußballwelt“ stattfindenden) Umgang mit homosexuellen Fußballspielern.

Und im vierten Beitrag widmen sich Alexandra Martine de Hek, Christine Kampmann, Marianne Kosmann und Harald Rüßler dem Rechtsextremismus im Fußballsport. Spannende und gesellschaftlich relevante Themen – sollte man meinen.

  • Christine Kampmann verfolgt in ihrem Beitrag die Hypothese, „dass Frauen im Fußball einen Freiraum für Geschlechterrollen erleben können“ (S. 12). Um Belege für diese Hypothese finden zu können, werden zunächst etwas langatmig bekannte Erkenntnisse aus der Sozialisationsforschung und der Geschlechter- und Frauenforschung referiert. Auch der vorgestellte Ansatz, nach dem Geschlecht sozialkonstruiert wird, ist hinlänglich bekannt (und dem Rezensenten sehr sympathisch; vgl. Frindte, 1998). Dem folgt ein interessanter Exkurs über die „Geschichte des Frauenfußballs“ (S. 29ff.). Leserinnen und Leser erfahren zum Beispiel, dass der DFB erst 1970 auf internationalen Druck den organisierten Frauenfußball erlaubte und erst 1982 das erste offizielle Länderspiel einer (west-)deutschen Frauenmannschaft stattfinden konnte (gegen die Schweiz). Notabene: Die DDR-Fußball-Nationalmannschaft der Frauen spielte ihr erstes und zugleich letztes Länderspiel im Mai 1990 – gegen die Tschechische und Slowakische Föderative Republik (ČSFR). Im methodischen und empirischen Teil ihres Beitrages stellt Christine Kampmann vier Frauen unterschiedlichen Alters und mit Fußballerfahrung vor, mit denen sie problemzentrierte Interviews geführt hat. Im Fokus dieser Interviews standen Fragen nach der Fußballsozialisation, nach den Widerständen und Vorurteilen, denen die interviewten Frauen auf ihrem Weg in den Fußballsport ausgesetzt waren, und nach der Selbstwahrnehmung als Fußballerinnen. Fazit der Interviewauswertung: „Frauen ist es – sowohl als Fans, als auch als Spielerinnen – möglich, die von ihnen erwartete weibliche Rolle abzulegen und sich ‚männliche‘ Eigenschaften anzueignen“ (S. 63).
  • Alexandra Martine de Hek beschäftigt sich – wie bereits erwähnt – mit „Homophobie im Fußballsport“ (S. 68ff.). Es wird der Begriff Homophobie erläutert (ärgerlich, dass sich die Autorin dabei auch auf Wikipedia stützt), das Konzept der „Männlichkeit“ vorgestellt, über Coming-Out-Versuche berichtet, Satzungen der Bundesligavereine, des DFB, der UEFA und der FIFA im Hinblick auf Anti-Diskriminierungsparagraphen analysiert und entsprechende Initiativen vorgestellt. Vor allem die besagte Analyse der Satzungen und die Passagen über die Antidiskriminierungsarbeit in und außerhalb der deutschen Fußballvereine sind interessant und lesenswert. Ausgesprochen skeptisch und ein wenig sprachlos wird der Rezensent dagegen (wie gesagt, fußballerisch nicht sehr bewandert), wenn er Aussagen wie diese liest: „Als Vertreter der hegemonialen Männlichkeit beziehungsweise als ein Vertreter des dominanten Spielers kann hier exemplarisch Michael Ballack genannt werden“ (S. 74). „Männer haben folglich kaum Räume, wo sie legitim ihre positiven sowie negativen Gefühle ausleben dürfen“ (S. 78f.). Nichtsdestotrotz teilt der Rezensent die Meinung der Autorin, dass Homophobie und homophobe Äußerungen und Sprüche in der Fußballwelt Facetten und Ausdruck einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) sind (im Sinne von Wilhelm Heitmeyer, 2010-2012).
  • Vom Konzept der GMF lassen sich auch Alexandra Martine de Hek, Christine Kampmann, Marianne Kosmann und Harald Rüßler in ihrem letzten Beitrag „Fußballsport, Rechtsextremismus und die Konstruktion des Anderen“ (S. 122ff.) leiten. Die Autor/innen berichten von einer explorativen Studie, die sich auf Spiel- und Zuschauerbeobachtungen in vier Fußballvereinen (aus dem Dortmunder Raum) und auf Expert/innen-Gespräche mit Vorstandsmitgliedern, Schiedsrichter/innen, Trainern, Spieler/innen und Vereinsmitgliedern stützt. Über die Auswertung der gesammelten Daten berichten die Autor/innen leider nur en passant. Was zeigen die Ergebnisse? Sie liefern Hinweise auf eine „Polarisierung von ethnischen Zugehörigkeiten“ und Stereotypenbildung, auf Vorurteile und Klischees z.B. im Umgang mit ausländischen (oder fremd erscheinenden) Spielern, Trainern und Mannschaften; sie deuten auf eine schleichende Akzeptanz von Fremdenfeindlichkeit und Alltagsrassismus in den Stadien hin; sie belegen u.a., dass Frauen noch immer vor dem Hintergrund patriarchalischer Wertorientierungen wahrgenommen und beurteilt werden; sie zeigen aber auch die Potentiale in den Fußballvereinen und ihrem Umfeld, um Diskriminierung und Menschenverachtung reduzieren zu können.

Fazit

Vielleicht wäre die Konzentration auf ein „Anderes“ besser gewesen. Im jetzigen Aufbau wirkt der vorliegende Band eher wie die Vorstufe für ein größeres Projekt, abgesehen davon, dass die Autor/innen manch gute Arbeit zum Thema offenbar übersehen haben (vgl. z.B. Gabler, 2009; Maier, 2010 u.a.). Sicher, das Engagement der Autor/innen ist nicht zu überlesen. Auch liefern die Beiträge – vor allem dort, wo sich die Argumentationen auf empirische Daten und Erfahrungswissen stützen – viele gute Anregungen für die weitere wissenschaftliche Beschäftigung mit Diskriminierungen, Rassismus und Rechtsextremismus in der Fußballwelt.

Zitierte Literatur

  • Frindte, W. (1998). Soziale Konstruktionen. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
  • Gabler, J. (2009). Ultrakulturen und Rechtsextremismus. Fußballfans in Deutschland und Italien. Köln: PapyRossa Verlag.
  • Heitmeyer, W. (2002 bis 2012). Deutsche Zustände Folge 1 bis 10. Frankfurt am Main bzw. Berlin: Suhrkamp.
  • Maier, M. S. (2010). Bekennen, Bezeichnen, Normalisieren: Paradoxien sexualitätsbezogener Diskriminierungsforschung. In U. Hormel & A. Scherr (Hrsg.), Diskriminierung – Grundlagen und Forschungsergebnisse, (pp. 151-172). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 18.12.2014 zu: Marianne Kosmann, Harald Rüßler (Hrsg.): Fußball und der die das Andere. Ergebnisse aus einem Lehrforschungsprojekt. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2011. ISBN 978-3-86226-050-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17351.php, Datum des Zugriffs 27.05.2020.


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