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Rita Braches-Chyrek, Heinz Sünker u.a. (Hrsg.): Handbuch Frühe Kindheit

Cover Rita Braches-Chyrek, Heinz Sünker, Charlotte Röhner, Michaela Hopf (Hrsg.): Handbuch Frühe Kindheit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2013. 746 Seiten. ISBN 978-3-86649-431-2. D: 83,00 EUR, A: 82,20 EUR, CH: 103,00 sFr.
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Thema

Die frühe Kindheit steht seit einigen Jahren zunehmend im Fokus von Wissenschaft und Gesellschaft. Nicht zuletzt der massive Ausbau der außerhäuslichen Betreuung von Kindern unter drei Jahren, als eine Form der Institutionalisierung von Kindheit, hat die Diskussion und Weiterentwicklung von Kindheitsforschung und Kindheitstheorie forciert.

In Feldern der Sozialwissenschaften, Erziehungswissenschaften sowie der Kindheitspädagogik sind systematisch zusammengefasste Darstellungen relevanter theoretischer Ansätze und Disziplinen früher Kindheitsforschung notwendig. Das vorliegende umfangreiche Herausgeberwerk stellt eine klar strukturierte Übersicht zu den relevanten Bezugs- und Kerndisziplinen früher Kindheit dar, in dem sich kompakte Übersichtsartikel zahlreicher namhafter Autoren finden.

Dabei ist der Begriff der frühen Kindheit in der Altersspanne bis zu sechs Jahren und damit bis zum Übergang in die Grundschule gefasst.

Herausgeberinnen und Herausgeber

Die Herausgeberin Rita Braches-Chyrek ist Professorin für Sozialpädagogik an der Universität Bamberg mit einem Arbeits- und Forschungsschwerpunkt Kindheit. Charlotte Röhner ist Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit und der Primarstufe und ebenso wie Heinz Sünker (Professor für Sozialpädagogik/ Sozialpolitik) an der Bergischen Universität Wuppertal tätig, beide mit dem Arbeitsschwerpunkt Kindheitsforschung. Michaela Hopf leitet die Fachgruppe „Pädagogische Konzepte für die frühe Kindheit“ am deutschen Jugendinstitut e.V. München.

Autorinnen und Autoren

Handlungsleitend für die Zusammenstellung der Autorinnen und Autoren und Themen des vorliegenden Handbuchs ist die Erwartung nach interdisziplinärem Denken von Kindheitsforschung und Theorien früher Bildung.

Aufbau

Gegliedert ist das Buch in acht Kapitel, wobei an dieser Stelle nicht auf jeden einzelnen Beitrag eingegangen werden kann. Die Übersicht orientiert sich an den jeweiligen Themen.

  1. Kindheit, Bildung und Gesellschaft
  2. Interdisziplinäre Perspektiven auf Entwicklung und Lernen
  3. Frühpädagogische Theorien und Handlungskonzepte
  4. Methoden der frühen Kindheitsforschung
  5. Frühpädagogische Studien und Forschungsbefunde
  6. Lebenslagen und Kindeswohl
  7. Professionalisierung und institutionelle Anforderungen
  8. Bildungs- und Erziehungsbereiche in der frühen Kindheit

Alle Abschnitte und Kapitel sind übersichtlich und mit gleich bleibendem Schema strukturiert. Es wird jeweils ein Forschungsüberblick gegeben, die wichtigsten Fachtermini sind expliziert und wichtige interdisziplinäre Zusammenhänge werden in Schlussfolgerungen oder Implikationen formuliert.

Inhalte im Überblick

Im ersten Kapitel finden sich Grundlagenartikel zu Kindheit, Bildung und Gesellschaft aus sozialpolitischer, pädagogischer und soziologischer Perspektive. Hier sind Autoren wie Ludwig Liegle, Heinz Sünker und Doris Bühler-Niederberger (Kindheit und Gesellschaft), Simone Abendschön, Sabine Jungk und Angelika Henschel verortet. Beispielsweise skizzieren Rita Braches-Chyrek und Heinz Sünker Befunde von Klassenstrategien und früher Kindheit, Andrea Platte entwickelt Implikationen des Leitbegriffs Inklusion für die Pädagogik der frühen Kindheit; Wolfgang Böttcher und Nina Hogrebe entwickeln unter dem Titel: Ökonomie und frühkindliche Bildung, bildungsökonomische Diskussionen mit den Fragen nach Effekten und Nutzen, Finanzierung und Personalentwicklung.

Im zweiten Kapitel finden sich unter dem Überbegriff „Interdisziplinäre Perspektiven auf Entwicklung und Lernen“, wesentliche Befunde aus den Disziplinen Sprache und Kommunikation, Lernforschung, Bindungs- und Säuglingsforschung und Soziale Kompetenzentwicklung. Für Gehirnforschung, Lernen und (Sozial-)Kognition stehen die Autorinnen Stefanie Höhl und Sabina Pauen ebenso Claudia Mähler sowie Josche Kärtner mit Heidi Keller (Sozialkognitive Entwicklung im Vorschulalter). Der Artikel zu Empirischer Säuglings- und Bindungsforschung von Marianne Leuzinger-Bohleber bildet einen kompakten und prägnanten Überblick zum Forschungsstand und bietet somit eine solide Grundlage für die Einordnung kindlicher Entwicklungsschritte. Kommunikation und Kooperation im zweiten Lebensjahr (Michael Tomasello) sowie Agency und soziale Kompetenz (Jo Moran-Ellis) bilden einen weiteren Schwerpunkt. Der Fokus Sprache ist in Artikeln zum Spracherwerb und Mehrsprachigkeit (Rosemarie Tracy), Mehrsprachigkeit von Geburt an (Natascha Müller und Katrin Schmitz) sowie Störungen von Sprache und des Sprechens (Kathrin König) abgebildet.

Das 3. Kapitel: Frühpädagogische Theorien und Handlungskonzepte, beginnt mit historischen Darstellungen von Wilma Aden-Grossmann und im weiteren Diana Franke-Meyer, ehe in Folge der Fokus auf Natur- und Waldkindergärten (Charlotte Röhner) und Spiel und Pädagogik (Michael Winkler) gelegt wird.

Methoden der frühen Kindheitsforschung, Kapitel 4, werden skizziert unter den Aspekten Perspektiven der Kindheitsforschung (Karin Bock) sowie Methoden (Sabine Andresen und Nadine Seddig), Magdalena Joos und Marius Mader geben einen Überblick zur Sozialberichterstattung über Kinder auf nationaler und internationaler Ebene. Das Kapitel von Heike Deckert-Peacemann stellt die Ethnographie als Methode dar.

Kapitel 5, Frühpädagogische Studien und Forschungsbefunde, gerät überraschend kurz und enthält zwei Artikel. Rainer Dollase skizziert Einflüsse frühkindlicher Bildung auf den Bildungserfolg und die beiden Forscher Yvonne Anders sowie Hans-Günther Roßbach fassen den Überblick zu nationalen und internationalen Ergebnissen empirischer Bildungsforschung zur Auswirkung frühkindlicher, institutioneller Bildung zusammen.

Der Abschnitt 6, Lebenslage und Kindeswohl, ist sehr umfassend und skizziert eingangs relevante und großer Studien. Hierzu zählen das Kinderpanel mit Ergebnissen und Perspektiven (Christian Alt und Andreas Lange), die amtliche Kinder- und Jugendhilfestatistik als Instrument empirischer Dauerbeobachtung für das Arbeits-, Forschungs- und Politikfeld der Frühen Kindheit (Jens Pothmann) und die britische Millennium Cohort Study (Shirley Dex). Weiterhin werden Bedingungen des Aufwachsens unter dem Fokus frühe Kindheit und Familie(n) diskutiert. Demographie, Sozialstruktur und Kultur (Andreas Lange und Christian Alt), die Bedeutung von Peers (Susanne Siebholz und Daniela Winter), Kindheit und Armut (Karl August Chassé), Kinderrechte (Rita Braches-Chyrek), Kindeswohl und Kindeswille (Maud Zitelmann), Kinderschutz (Sabina Schutter) und Diversität (Katja Gramelt).

Kapitel 7, Professionalisierung und institutionelle Anforderungen, gerät in der Fokussierung auf wesentliche aktuelle Themen ebenfalls sehr umfangreich. Hierzu zählt Pädagogische Professionalität und Professionalisierung in außerfamiliären Angeboten (Michaela Rißmann, Maria Hellmann, Barbra Lochner und Werner Thole), die Fragen von Qualität und Evaluation in Kindertageseinrichtungen (Elke Katharina Klaudy und Sybille Stöbe-Blossey). Beobachtung und Dokumentation als eine Kernaufgabe in Kindertageseinrichtungen stellt Susanne Viernickel dar, die ergänzt wird von den Ausführungen zu Diagnostik und Assessment im Elementarbereich von Ute Geiling und Katrin Liebers. Das Thema Übergänge, von der Familie in die Institution (Fabienne Becker-Stoll und Monika Wertfein) und von der Kindertagesstätte in die Grundschule (Charlotte Röhner), ist stets aktuell.

Der Artikel Betreuung, Bildung und Erziehung in Krippen und Kindertagesstätten (Dorothee Gutknecht) fokussiert die wesentlichen Unterschiede im institutionellen Handeln und deren Herausforderungen für sehr junge Kinder. Partizipation (Raingard Knauer) und Elternarbeit als Erziehungs- und Bildungspartnerschaft (Waldemar Stange) legen weitere Schwerpunkte. Die Ausführungen von Gaby Lenz – Hilfen zur Erziehung – und Jochem Kotthaus zu Kindheit in öffentlicher Erziehung: Vollzeitpflege und Heimeinrichtungen, setzen noch zusätzliche Akzente, welche im frühpädagogischen Bereich nicht selbstverständlich mitgedacht werden.

Kapitel 8, Bildungs- und Erziehungsbereiche in der frühen Kindheit, orientiert sich im Wesentlichen an den Bildungsprogrammen bzw. Bildungsplänen der Länder mit Themen wie Ästhetische Bildung (Constanze Kirchner), Musikalische Fähigkeiten (Hans-Jaochim Erwe), Sprache und Literacy (Sven Nickel), Frühe mathematische Bildung (Christine Streit), Frühe naturwissenschaftliche Bildung (Miriam Leuchter und Kornelia Möller), Bewegungserziehung (Renate Zimmer), Ernährungserziehung (Günther Eissing), Geschlechtererziehung (Astrid Kaiser), Sexuelle Themen von Mädchen und Jungen (Sylvia Kägi) sowie Mediensozialisation und Medienerziehung (Burkhard Fuhs und Susanne Schneider). Charlotte Röhner gibt mit dem Artikel „Bildungspläne im Elementarbereich“, einen Überblick zu theoretischen Verortungen und Michaela Hopf skizziert Anforderungen an Didaktische Konzepte für bereichsspezifische Bildungsangebote.

Der logische Aufbau des Handbuchs entwickelt sich analog der wesentlichen Themenfelder und arbeitet theoretische Positionen und relevante Forschungsbefunde kompakt und übersichtlich auf.

Zielgruppe und Diskussion

Das Buch wendet sich an Studierende und Lehrende der Kindheitspädagogik, Sozial- und Erziehungswissenschaften, Psychologie und Sozialarbeit sowie all die Fächer, in denen die Auseinandersetzung mit der frühen Kindheit stattfindet.

Eine umfassende Neubestimmung pädagogischer Professionalität ist im Zuge der Entwicklung des institutionalisierten Elementarbereichs als erste Bildungsstufe notwendig und erfordert interdisziplinäre Sichtweisen auf die verschiedenen Aspekte institutioneller und familiärer Bildung, Betreuung und Erziehung. Der zusätzlich in den letzten Jahren erfolgte immense Krippenausbau bzw. die Schaffung von außerfamiliären Betreuungsangeboten für unter Dreijährige wirft neben den lange Zeit vorherrschenden Fragen nach Organisation und Planung, viele Fragen in institutioneller Perspektive sowie auf die Lebensbedingungen von Kindern und deren Entwicklungsmöglichkeiten auf. Wenngleich ein besonderes Augenmerk der erforderlichen Entwicklung von Professionalität gilt, ist die Pädagogik und Theorie der frühen Kindheit nicht ausschließlich eine institutionsorientierte Frage. Sie erfordert vielmehr interdisziplinäres Wissen und Befunde, um eine Beschreibung und ein Verständnis zu ermöglichen. Erfreulich ist, dass in diesem Zusammenhang der Fokus bewusst auch auf historische Entwicklungen und Methoden der Kindheitsforschung gelegt werden, so dass sich ein umfassendes Bild für den interessierten Leser ergibt.

Das hier vorliegende Handbuch ermöglicht eine Orientierung an Themen und Zielen für die Auseinandersetzung mit Theorie, Praxis und Forschungspraxis und kann somit auch als Überblicks- und Nachschlagewerk für bestimmte aufgetretene Fragestellungen verwendet werden.

Das Buch ist gerade für Studierende praktikabel, da die in sich abgeschlossenen Kapitel das Lesen und Arbeiten damit leicht machen. Gleichzeitig erhalten auch Studierende in den Anfängen ihrer theoretischer Auseinandersetzung einen guten Überblick, da die Grundlagen der einzelnen Themen kompakt formuliert sind und jeweils mit einem Literaturverzeichnis abschließt.

Fazit

Die umfassende Thematik des Buches orientiert sich an wesentlichen Fragen der Frühen Kindheit in multidimensionaler Perspektive. Somit bietet es einen sehr guten Überblick und kann, ganz im Sinne eines Handbuchs, in einzelnen Ausschnitten gelesen und diskutiert werden.


Rezension von
Prof. Dr. Roswitha Sommer-Himmel
Evangelische Hochschule Nürnberg
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Zitiervorschlag
Roswitha Sommer-Himmel. Rezension vom 03.10.2014 zu: Rita Braches-Chyrek, Heinz Sünker, Charlotte Röhner, Michaela Hopf (Hrsg.): Handbuch Frühe Kindheit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2013. ISBN 978-3-86649-431-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17352.php, Datum des Zugriffs 25.09.2021.


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