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Norbert Andersch: Symbolische Form und psychische Erkrankung

Cover Norbert Andersch: Symbolische Form und psychische Erkrankung. Argumente für eine "Neue Psychopathologie" ; klinische und philosophische Überlegungen. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2014. 237 Seiten. ISBN 978-3-8260-5304-7. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR, CH: 47,90 sFr.
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Thema

Der Mensch sollte -folgt man dem Philosophen Ernst Cassirer (1874-1945) – nicht als animal rationale, sondern als animal symbolicum als ein Sinnenwelten schaffendes Wesen definiert werden. Denn er passt sich seiner Umgebung dadurch an, dass er zwischen dem Merknetz, durch das ein Tier äußere Reize aufnimmt, und dem Wirknetz, durch das es unmittelbar auf diesen Reiz reagiert (Jakob von Uexküll), ein weiteres und ihm eigentümliches Netzwerk errichtet hat – das Symbolnetz. Dieses Netz gibt dem Menschen die Möglichkeit, nicht direkt auf die Reize der Umgebung antworten zu müssen, sondern erst nach einer Verzögerung und einer nachdenklichen Pause eine „menschliche“ Antwort zu finden. Dieses u. a. aus Mythos, Sprache, Kunst, Religion und Wissenschaft bestehende Symbolsystem speichert und verarbeitet die menschlichen Erfahrungen und wird fortlaufend durch den Fortschritt im Denken und in der Erfahrung verfeinert. Verglichen mit den Tieren lebt der Mensch auf diese Weise in einer sehr reichen und umfassenderen Wirklichkeit, er lebt in einer neuen Symbol – Dimension. Er tritt der Wirklichkeit nicht mehr direkt gegenüber, sondern bewegt sich in einem eigenen Symbolnetz mit seinen verschiedenen Ausdrucksformen, die jeweils ihren eigenen Gesetzen und Prinzipien folgen, nicht aufeinander rückführbar sind und sich letztendlich zu einem Schicht um Schicht wachsenden kulturellen Kosmos ergänzen und zusammenfinden. Diese symbolischen Formen – Mythos, Sprache, Religion, Wissenschaft, Kunst, Geschichte, Recht und Sitte u. a. – sind für Cassirer universelle, intersubjektiv gültige Grundformen des Verstehens der Welt.

Eine solche grundsätzliche Sicht auf die symbolische Ausrichtung der menschliche Welt sollte auch für das Denken über psychische Erkrankungen nutzbar gemacht werden; darum geht es in diesem Buch.

Autor

Norbert Andersch ist seit 1984 Neurologe und Psychiater. Von 1980 bis 1985 war er in Herne am Modellprogramm Psychiatrie beteiligt; hier hat er sich u. a. um die Zusammenarbeit des Sozialpsychiatrischen Dienstes mit der Ambulanz des Marien-Hospitals Eickel gekümmert. Medizinsoziologische Promotion an der Universität Frankfurt. Psychodrama und Psychosomatikausbildung. Seit 2000 Mitarbeit bei der Reorganisation von ‚ Community Mental Health Teams‘ im National Health Service London, von 2003 bis 2012 Leitung lokaler Psychoseteams im Zentrum Londons. Mitarbeit an einem vom Institute of Psychiatry und vom Warburg Institut (London) getragenen Forschungsprojekt „Symbolic Form and Mental Illness“, das den Einfluss der Philosophie Ernst Cassirers auf die Theorie der Psychopathologie thematisiert.

Entstehungshintergrund

Das Buch nimmt eine Diskussion auf, die in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts begonnen wurde und an der als herausragender Vertreter der Philosophie Ernst Cassirer, auf der Seite der Neurologie und Psychiatrie Kurt Goldstein (1878-1965) und Ludwig Binswanger (1881-1966) beteiligt waren. Es ging um die Frage nach der Bedeutung der verschiedenen symbolischen Funktionen für das Weltverstehen und Handeln des Menschen und speziell um die Diskussion einer Reform der Psychopathologie. Diese Diskussion, an der auch zahlreiche Psychologen und Vertreter anderer Disziplinen beteiligt waren, kam mit dem Nationalsozialismus und der Emigration von Cassirer und Goldstein zu einem frühzeitigen und bis heute nicht wirklich wieder aufgenommenen Ende.

Der Autor empfindet das Ungenügen einer Psychiatrie, die sich immer mehr auf die Klassifikationssysteme ICD (Internationale Klassifikation der Krankheiten, Verletzungen und Todesursachen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual) nicht nur dann stützt, wenn es, wie es geplant war, darum geht, statistische und wissenschaftliche Zwecke zu verfolgen, sondern auch dann, wenn es um klinische Diagnostik und Krankheitsbegriffe geht. Oberflächliche Typisierungen psychiatrischer Symptome, die nicht zum Kern menschlichen Zusammenlebens stoßen und daher auch nicht die Ursachen psychischer Erkrankung erfassen können, beherrschen immer mehr den Diskurs der Psychiatrie und verhindern letztendlich eine adäquate Behandlung psychisch kranker Menschen. Auf der Suche nach einer Alternative findet er einen Anknüpfungspunkt in der verschütteten Geschichte psychiatrischer Theoriebildung.

Aufbau und Inhalt

Im Normalfall setzt sich der Mensch über die verschiedenen Symbolformen mit der Wirklichkeit auseinander und gestaltet sich im Laufe seines Lebens sinnvolle Erfahrungs-und Handlungsräume. Seine Bewusstheit besteht in dem Spannungsfeld zwischen seiner Selbstzentrierung und der Kreation symbolischer Formen, im lebendigen Austausch mit seinem kulturellen Umfeld. So gewinnt er zunächst sein „natürliches Selbstverständnis“ (Wolfgang Blankenburg) und erweitert es kontinuierlich um neue Gestaltungs-, Resonanz- und Einflussräume. Psychische Gesundheit definiert sich in diesem Konzept vor allem als die Fähigkeit des Menschen, symbolische Formen zu kreieren, zwischen ihnen zu wechseln, sie zu einem Ganzen zu fügen und ein Gleichgewicht zwischen den Anforderungen des Selbst und denen seines Milieus zu finden.

Psychischen Krisen entstehen immer dann, wenn solche normale Kulturleistung nicht mehr oder nur unvollständig gelingt, wenn also einzelne symbolische Formen zusammenbrechen und/oder eine Unfähigkeit besteht, zwischen den verschiedenen Symbolebenen zu wechseln, wenn also der Austausch zwischen Individuum und Umwelt gestört ist und die Wirklichkeit in Teilen oder ganz ihren Sinn verliert. Das sich vom Individuum erarbeitete kulturelle Potential gerät ins Wanken. Die einmal aufgebauten Symbolräume fallen in der Krise zusammen: Verlust des Sinnes, fehlende Perspektiven und Möglichkeiten, mangelnde Kontrolle über Körper, Seele und Geist, Aufbrechen des Weltbildes, Einbußen im Raum- und Zeitempfinden sind nur einige der möglichen Folgen. Das Individuum reagiert auf solche Verluste mit Spannungsvermeidung, Komplexitätsreduktion und Rückgriff auf alte Denkmuster und Verhaltensschablonen. Damit geht zumeist eine Selbstzentrierung einher, die oft als krankhaft diagnostiziert wird, obgleich sie doch auch ein legitimer Schutzraum und Quelle persönlicher Reifung sein kann.

Um dem Patienten eine adäquate Hilfe und Therapie geben zu können, ist es notwendig, die universelle Architektur symbolvermittelter Sinnstiftung zu erforschen. Man muss sehr genau wissen, wie Bewusstheit überhaupt zustande kommt und welche Prozesse dabei im Einzelnen ablaufen. Erst auf einer solchen Grundlage kommt man überhaupt in die Lage, Störungen und Fehler in der individuellen Symbolbildung erkennen zu können, die individuellen Ursachen und Gründe sowie das Wesen einer Erkrankung zu diagnostizieren und von daher eine Therapie zu entwickeln. Zu einem solchen Vorgehen gehört es auch, nicht externe Normalitätsstandards in der Therapie anzulegen und durchzusetzen, sondern das Augenmerk, ausgehend vom Organismus als Ganzheit (Goldstein), auf die Rekonstruktion der inneren Balance des Patienten zu legen. Mit der „Matrix mentaler Funktionsräume“ stellt Norbert Andersch ein auf klinische Anwendung zielendes Modell menschlicher Bewusstheit vor, das Grundlage einer solchen Diagnose sein kann.

Es ist keine einfache Lektüre, die der Autor uns zumutet, will man nach den zwei einführenden Kapiteln der komplexen, ins Detail gehenden Argumentation von den „Vorformen und Stufen der Symbolisierung“ über den Entwurf einer „Matrix mentaler Funktionsräume“ bis hin zur Darstellung der „Symbolischen Form im klinischen Kontext“ und dem Schlusskapitel mit seinem Manifest für eine neue Psychopathologie folgen.

Fazit

Die Lektüre lohnt der Anstrengung, da sich doch ein Horizont mit neuen Perspektiven des Verstehens psychischer Erkrankung öffnet und bisher tradierte Interpretationsweisen in Frage gestellt werden. Außerdem wird der anhaltenden Verengung der Psychiatrie auf Biologie, Neurowissenschaften und Pharmakologie ein grundlegenderes, wesentlich soziale und kulturelle Dimensionen berücksichtigendes humanes Konzept entgegengehalten.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 10.11.2014 zu: Norbert Andersch: Symbolische Form und psychische Erkrankung. Argumente für eine "Neue Psychopathologie" ; klinische und philosophische Überlegungen. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2014. ISBN 978-3-8260-5304-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17354.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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