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Anke König, Tina Friederich (Hrsg.): Inklusion durch Sprachliche Bildung

Rezensiert von ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter, 08.12.2014

Cover Anke König, Tina Friederich (Hrsg.): Inklusion durch Sprachliche Bildung ISBN 978-3-7799-2986-4

Anke König, Tina Friederich (Hrsg.): Inklusion durch Sprachliche Bildung. Neue Herausforderungen im Bildungssystem. WiFF-Reihe: Pespektive Frühe Bildung. Band 1. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 288 Seiten. ISBN 978-3-7799-2986-4. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Im Vorwort erörtern die Herausgeberinnen das Konzept der Inklusion als Umsetzung einer generellen Offenheit für Differenz bzw. Anerkennung von Vielfalt. Sie bezieht sich also nicht nur auf Menschen mit Behinderung.

Entstehungshintergrund

Alle Beiträge des Sammelbands sind gekürzte bzw. überarbeitete Fassungen von Expertisen der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF), deren Erstfassungen zwischen 2010 und 2013 entstanden sind.

Aufbau

Das Buch besteht aus dem Vorwort und den beiden Teilen

  1. „Inklusion“ und
  2. „Sprachliche Bildung“.

Zu Teil A

Teil A beginnt mit Annedore Prengel: „Inklusion in der Frühpädagogik – Bildungstheoretische, empirische und pädagogische Grundlagen.“ Ausgehend vom Gegensatzpaar „Separation vs. Integration“ schildert die Autorin die Entwicklung der Früh- und Schulpädagogik. Als Fazit ergibt sich, dass Mädchen und Buben bzw. Angehörige verschiedener sozialer Schichten praktisch vollständig, 90% der Kinder mit Migrationshintergrund und über 70% der behinderten Kinder im Elementarbereich gemeinsam unterrichtet werden; je höher die Schulstufe, desto höher wird der Grad der Separation. Inklusion und Heterogenität werden als Konzepte analysiert, die UN-Behindertenrechtskonvention kurz vorgestellt. Danach referiert die Autorin Forschungsberichte zur Heterogenität in der frühen Kindheit sehr kritisch, gefolgt von der Darstellung von „Konzeptionen und Erhebungen zur Inklusiven Pädagogik im Kindergarten“. Die Zusammenfassung bewertet „Potenziale und Probleme inklusiver Frühpädagogik“.

Ulrich Heimlich: „Kinder mit Behinderung – Anforderungen an eine inklusive Frühpädagogik“ geht von der UN-Behindertenrechtskonvention aus und schildert verschiedene Sichtweisen auf Behinderung. Dem folgt die Darstellung der Rechtsgrundlagen in den deutschen Bundesländern und der entsprechenden Organisationsformen („jede vierte Kindertageseinrichtung nimmt Kinder mit Behinderung auf“). Das Ergebnis ist ein heterogenes Bild, was die Qualifikation der Fachkräfte und das Angebot für Kinder mit Förderbedarf betrifft. Betreffend Konzeptionen werden „Disability Mainstreaming“, „Care-Ethik“ und „Diversity Education“ kurz beschrieben. Danach stellt der Autor ein „Mehrebenenmodell“ der Inklusionsentwicklung in Kindertageseinrichtungen vor, das er ausführlich erläutert.

Simone Seitz, Nina-Kathrin Finnern, Natascha Korff, Anja Thim: „Kinder mit besonderen Bedürfnissen – Tagesbetreuung in den ersten drei Lebensjahren inklusiv gestalten“ geht ebenfalls von der UN-Behindertenrechtskonvention aus. Neben den Grundlagen der Frühförderung werden die Krippenpädagogik und die Familienzentren vorgestellt und die Forschungslage sowie „zentrale Fragen der pädagogischen Arbeit“ und „Professionalisierungsbereiche“ erörtert. Im Anschluss stellen die Autorinnen „10 Thesen zur konzeptionellen Rahmung Inklusiver Pädagogik mit Kindern in den ersten drei Lebensjahren“ vor.

Annika Sulzer, Petra Wagner: „Inklusion in Kindertageseinrichtungen - Qualifikationsanforderungen an die Fachkräfte“: Ausgehend von einer ausführlichen Schilderung der „Eckpunkte einer Inklusiven Pädagogik im Elementarbereich“ entwickeln die Autorinnen die Qualifikationsanforderungen in Form einer Kompetenzliste („werteorientierte Handlungskompetenz“, Fachkompetenz für Heterogenität, Selbstreflexionskompetenz, Analysekompetenz, Methodenkompetenz, Kooperationskompetenz) unter Berücksichtigung der wichtigsten Einflussfaktoren. Inklusionskompetenz wird dabei als „Fokussierung pädagogischer Grundkompetenzen“ gesehen. Danach folgt eine Bestandsaufnahme der entsprechenden Konzepte in der Fort- und Weiterbildung der Fachkräfte zusammen mit einer Reflexion über die Rahmenbedingungen.

Zu Teil B

Teil B beginnt mit Gudula List: „Spracherwerb und die Ausbildung kognitiver und sozialer Kompetenzen“. Die Autorin beschreibt insbesondere den Zusammenhang zwischen Spracherwerb und Gedächtnisentwicklung, die Einbettung von Sprache in alltägliche wie besondere Ereignisse, sowie ihre Verbindung zur Persönlichkeitsentwicklung und zum sozialen Lernen. Zu diesen Bereichen werden kommentierte Literaturempfehlungen gegeben.

Monika Rothweiler, Tobias Ruberg: „Der Erwerb des Deutschen bei Kindern mit nichtdeutscher Erstsprache“ beschreibt die Faktoren kindlicher Mehrsprachigkeit, einige ihrer Erscheinungen (z.B. Sprachwechsel und -mischungen), sowie bestimmende soziale Faktoren (Qualität des Sprachangebots, Situationen in Kindertageseinrichtungen, Motivation und familiärer Sprachgebrauch) und geht dann auf Konsequenzen daraus ein.

Ein Verzeichnis der „Autorinnen und Autoren“ schließt das Buch ab.

Diskussion

Die Beiträge geben sowohl den rechtlichen als auch den institutionellen Stand wie auch die pädagogischen Konzeptionen von Inklusion wieder (die jeweiligen Literaturangaben sind umfangreich). Sowohl die Analyse der gegebenen Situation als auch Empfehlungen bzw. Handlungsanweisungen erscheinen plausibel, die Ziele aktuell. Wichtig ist vor allem der Hinweis auf den enormen Einflusses von Sprache und Kommunikation auf die Inklusion, welcher allerdings nur durch die Kombination der Teile A und B entsteht (leider gibt es keinen Abschnitt zum Thema „Behinderung und Sprache“). Auch gehen die Arbeiten bis auf Heimlich nicht auf die fatale Zersplitterung der Frühpädagogik in Deutschland ein, welche durch die Zuständigkeit der Bundesländer entsteht; mögliche Einschränkungen von Inklusion durch finanzielle oder rechtlich-kulturelle Faktoren werden kaum behandelt. Die Allgemeinheit der Darstellungen ist wohl beabsichtigt (es werden keine Faktoren spezifischer Behinderungen oder spezifischer soziokultureller Ausgangssituationen erörtert). Dadurch erscheinen doch viele Vorschläge als zu allgemeine Appelle ohne Bezug zu konkreten Situationen der Frühförderung.

Fazit

Ein aktuelles Buch für alle, die allgemeine, zusammenfassende Informationen zu Inklusion, ihren Konzepten, Bedingungen ihrer Umsetzung und die frühe Sprachentwicklung suchen, ohne dass aber auf spezifische, konkrete Situationen der Inklusion eingegangen wird bzw. Beispiele inklusiver Praxis angeboten werden.

Rezension von
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 08.12.2014 zu: Anke König, Tina Friederich (Hrsg.): Inklusion durch Sprachliche Bildung. Neue Herausforderungen im Bildungssystem. WiFF-Reihe: Pespektive Frühe Bildung. Band 1. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2986-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17356.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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