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Stefan Werner: Konfrontative Gewaltprävention

Cover Stefan Werner: Konfrontative Gewaltprävention. Pädagogische Formen der Gewaltbehandlung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 180 Seiten. ISBN 978-3-7799-2148-6. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema

Seit den späten 1990er Jahren sind Konzepte der Konfrontativen Pädagogik und des Anti-Aggressivitäts-Trainings zunehmend in der Diskussion des Umganges mit (insbesondere massiver) Aggressivität und Gewalt gekommen, ausgehend von Arbeiten von Jens Weidner und Rainer Kilb. Anregungen kamen aus den USA, unter anderem aus dem Konzept der Glen Mills Schools. Dabei unterlagen und unterliegen diese Konzepte einer durchaus kritischen, kontroversen pädagogischen Diskussion: Auf der einen Seite steht die Frage, wie mit verfestigten Formen erheblicher Aggressivität und Delinquenz umzugehen sei, auch mit Veränderungsresistenz bei den Tätern und verstärkenden Prozessen innerhalb von deren Peer Groups – auf der anderen Seite steht die Besorgnis, Menschen mit stark konfrontativen Maßnahmen zu „brechen“, nur oberflächlich zu disziplinieren oder auch den „Kadergehorsam“ von Gruppen für (scheinbar) pädagogische Zwecke zu missbrauchen.

Autor

Der Autor, Jahrgang 1967, gelernter Werkzeugmacher und Werkstofftechniker, ist Diplom-Sozialpädagoge (FH) und hat eine Zusatzqualifikation zum Anti-Gewalt-Trainer. Weitere Arbeitsschwerpunkte liegen in der Erlebnispädagogik, in Trainings zur Opferhilfe und in der Konfliktberatung. Mit Dagmar Cordes, Helge Pfingsten-Wismer, Stefan Schanzenbächer und Rita Steffes-enn haben des Weiteren vier Gastautoren mitgearbeitet.

Entstehungshintergrund

Der Autor entstammt dem Kontext des Anti-Gewalt- und Anti-Aggressivitätstrainings sowie der Konfrontativen Pädagogik. Der Titel des Buches macht es deutlich. Zugleich stellt sich Stefan Werner mit diesem Buch einer zweifachen Herausforderung: Zum einen sollte ein Grundlagenbuch zur Prävention und „Behandlung“ massiver Gewalt entstehen, das insbesondere konkrete und umsetzbare Konzepte fokussiert – und zum anderen eine Arbeit, welche der Kritik an der Konfrontativen Pädagogik begegnet und versucht, diese konzeptionell weiterzuentwickeln. Daher spielen Ressourcenorientierung, Empowerment oder auch Schemapädagogik in diesem Buch eine besondere Rolle.

Dabei wird eine Grenze des Buches dort gezogen, wo es um den ganz konkreten Umgang mit Gewalt in Situationen geht. Hier verweist der Autor auf sein eigenes „Trainingshandbuch Konfliktmanagement“ (2013). Er sieht das hier betrachtete Buch als „Anleitungsbuch“, auch im Sinne eines nicht nur kurzfristigen, sondern nachhaltigen Umganges mit den Problemen. Dabei gilt ein besonderer Fokus der Frage der Wirksamkeit von vorliegenden Konzepten und Programmen – und der Entwicklung großer Kompetenz auf Seiten der Pädagogen, mit den Problemen professionell umgehen zu können.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung ist das Buch in drei Hauptteile mit insgesamt elf Kapiteln gegliedert.

  • Teil 1 bietet eine Grundlegung einschließlich der erwähnten neu eingearbeiteten Konzepte und Einflüsse;
  • Teil 2 bietet einen Überblick konkreter Maßnahmen von der primären über sekundäre hin zu tertiärer Prävention – und
  • Teil 3 beschäftigt sich spezifisch mit Konzepten der Schemapädagogik.

In Kapitel 1 geht es um das Spannungsfeld von Gewalt und Konflikt. Recht knapp werden Aggression und Gewalt bestimmt und „Interventionsverpflichtungen“ deutlich gemacht. Ein Verständnis von Konflikten und ihrem Verhältnis zu Gewalt beschließt dieses kurze Einführungskapitel.

Kapitel 2 gibt einen Überblick zur Gewaltprävention – von der Vorbeugung bis hin zur Intervention. Im Vordergrund steht hier die Grundlegung der drei klassischen Präventionsformen – primär, sekundär, tertiär –, die später vertiefend aufgenommen wird und das Buch durchzieht. Auf dieser Basis werden unterschiedliche Ebenen im Interventionsbereich erörtert, wobei zum einen das Umfeld (Umgebung), zum anderen insbesondere die Person fokussiert wird (Verhalten, Fähigkeiten/Fertigkeiten, Werte und Normen, Einstellungen, Identität). Schließlich wird die grundsätzliche Frage der Wirksamkeit von Gewaltprävention aufgeworfen, insbesondere im Hinblick auf Kriterien der Effektivität sowie einschlägige Studien und Gutachten. Daraus ergeben sich Richtlinien und Grundsätze der Gewaltprävention.

Welche allgemeinen Voraussetzungen müssen zur Änderung gewaltorientierten Verhaltens gegeben sein? Mit dieser Frage beschäftigt sich das 3. Kapitel. Zunächst werden generelle Wirkfaktoren erörtert, anschließend altersbezogene Interventionen.

Das nachfolgende Kapitel 4 fokussiert spezifisch auf konfrontative Ansätze der Gewaltprävention. Hier wird Konfrontation näher bestimmt, und es wird eine klassische Konfrontationsskala mit sieben „Levels“ eingeführt. Diese wird auf die drei Präventionsformen bezogen; neben einer situativen wird eine „curriculare“ Form der Konfrontation unterschieden, um einen längerfristigen und nachhaltiger wirkenden Rahmen ins Auge zu fassen. Hinterfragt wird die Legitimation zur Konfrontation – als eine von verschiedenen Interventionsformen. Die Teilkapitel 4.3 bis 4.5 widmen sich der Kritik an der Konfrontativen Pädagogik: hinsichtlich des professionellen Selbstverständnisses und einem „Ethos“, der theoretischen Verortung, der Frage von Selbstwert und Selbstkonzept der „Klientel“ – und sie führen abschließend unter 4.6 zu Schlussfolgerungen hinsichtlich konfrontativer Gewaltprävention, auch hinsichtlich vorhandener Potenziale und eines „Empowerment“.

Hiermit, mit einer Fokussierung auf Ressourcen, beschäftigt sich nachfolgend Kapitel 5. Grundlagen werden entwickelt, um dann das Konzept des Empowerment auf die Soziale Arbeit zu beziehen. Dieses wird auf soziale Einzelfallhilfe hin fokussiert, mit den Aspekten der motivierenden Gesprächsführung, der „Ressourcendiagnostik“, des Unterstützungsmanagements sowie des biografischen Lernens und des „Kompetenzdialogs“. Ein abschließender Blick gilt Grenzen und Schwierigkeiten.

Weiterführend sollen in Kapitel 6 Verknüpfungen von Ressourcenorientierung und Konfrontation erarbeitet werden. Der Autor beschreibt Ablauf, Interventionen sowie Nutzen einer „Aktivierenden Ressourcenkonfrontation“.

Grundsätzlicher beschäftigt sich Kapitel 7 mit der Frage der Weiterentwicklung konfrontativer Ansätze. Es wird gefragt, wie diese auf Selbstkonzept, Selbstwert und Handlungskompetenzen wirken können.

Kapitel 8 eröffnet den zweiten Hauptteil des Buches; den differenzierten Blick auf die drei Präventionsformen. Hier geht es um Aspekte primär konfrontativer Gewaltprävention im Sinne von „Vorbeugungsstrategien“. Nach einer Grundlegung werden für verschiedenste Ansatzpunkte Konzepte und Vorgehensweisen dargestellt. Danach geht es um umfangreichere Projekte: das Ingelheimer sowie das Boxenstopp-Modell. Viele Übungen und „Themen“ zur Bearbeitung bereichern dieses umfangreiche Kapitel und sollen dem Leser ermöglichen, mit den Inhalten zu arbeiten und sie unmittelbarer kennenzulernen.

Mit sekundärer konfrontativer Gewaltprävention im Sinne der Intervention für gefährdete und geringfügig auffällige Personen beschäftigt sich das Kapitel 9. Auch hier geht es nach einer Grundlegung um konkrete Inhalte und Verfahrensweisen, um danach, analog zum vorhergehenden Kapitel, zwei einschlägige Projekte zuzuordnen und vorzustellen.

Schließlich widmet sich ein sehr umfangreiches Kapitel 10 der tertiären konfrontativen Gewaltprävention – mit dem doppelten Fokus der Hilfe in der Täterbehandlung sowie der Rückfalleindämmung. Auch hier folgt nach knappen Grundlagen der differenzierte Blick auf verschiedene Inhalte: Diagnostik von Gewaltverhalten, diversen Interventionen und ihren Hintergründen – und schließlich dem differenzierten Blick auf den Umgang mit unterschiedlichen Gewaltformen: instrumenteller, reaktiver sowie spontaner / impulsiver Gewalt. Abschließend werden wiederum – hier – drei einschlägige konkrete Projekte bzw. Konzepte vorgestellt. Auch in dieses Kapitel sind diverse Übungen für den Leser eingebunden.

Der dritte und letzte Hauptteil besteht aus nur einem Kapitel (11), in dem schemapädagogische Ansätze zur Gewaltbehandlung vorgestellt werden. Diese beziehen sich auf alle drei Präventionsformen; Intention ist es, innerpsychische Strukturen und Wahrnehmungsprozesse näher in den Blick zu nehmen und in der gewaltpräventiven Arbeit nutzbringend zu berücksichtigen. Verschiedene Schemata werden unterschieden, ihre Wirkung auf Verhalten erörtert sowie daraus Konsequenzen für den Umgang mit Gewalttätern herausgearbeitet.

Fast alle Kapitel enden mit einer Zusammenfassung im Kasten sowie weiterführenden Buchempfehlungen.

Diskussion

Stefan Werner legt ein sehr engagiert geschriebenes Buch vor, in das offenkundig viel Mühe gesteckt wurde. Es gründet zum einen auf theorie- und forschungsbasierten Recherchen, zum anderen auf seinen praktischen Erfahrungen im thematischen Feld. Beides vermag das Buch erheblich zu bereichern.

Zugleich gelingt es Stefan Werner, konfrontative Pädagogik weiterzuführen, indem er Ressourcenorientierung, Empowerment oder Schemapädagogik mit aufnimmt, aber darüber hinaus auch in ein weiterentwickeltes Gesamtkonzept einbindet. Dies stellt einen wichtigen Entwicklungsschritt dar; für manche Gedanken und Lösungen wünschte sich der Leser allerdings gerade in dieser Hinsicht Vertiefungen und Weiterführungen.

Das Buch bietet sowohl vielfältige theoriebasierte Fundierungen und die Einbindung von Konzeptionen – als auch den Blick auf die Praxis und Hilfestellungen, die hierfür gegeben werden könnten. Diesbezüglich hat Stefan Werner einen klaren Blick nicht nur auf das, was situationsbezogen wirkt, sondern auch darauf, inwiefern solche Lösungen „für den Moment“ in einen längerfristigen Blick und eine nachhaltiger wirkende pädagogische Arbeit eingebunden werden können. Viele Übungen und Themenangebote bieten dem Leser hierzu Vertiefungsangebote.

Manche Erörterungen hätten man sich etwas ausführlicher und mehr in die Tiefe geführt gewünscht. Dies gilt schon für die Begrifflichkeit (Aggression – Agressivität – Gewalt, auch einen komplexen Gewaltbegriff) – auch im Hinblick auf unterschiedliche Aggressionsformen, die später als Gewaltformen auftauchen. Es gilt beispielsweise auch für grundlegende Aspekte wie Haltung, Professionalität, Selbstkonzept oder Selbstwert. Auch erstaunt ein wenig die Orientierung an der klassischen Dreiteilung von Prävention, die mittlerweile recht verbreitet durch die Unterscheidung universeller, selektiver und indizierter Prävention abgelöst wurde. Allerdings vermag diese Orientierung inhaltlich zu überzeugen, indem sie sehr zur klaren Strukturierung von Inhalten, Maßnahmen und Beispielprojekten beiträgt.

Es geht im Buch viel um Empowerment, Einfühlen, Akzeptanz und verstehende Pädagogik als Ergänzungen, ja auch als integrale Bestandteile einer konfrontativen Pädagogik. Damit soll die Diskussion dieses Buches den Ansatz weiterführen und weiterentwickeln. Man muss hierzu allerdings genau lesen:

  • Zum einen neigen die Ausführungen teilweise zu einer – Pädagogen zu irritieren vermögenden – Art „Macher-Sprache“, die aus der Szene kommen dürfte. So geht es um die „Förderung von Life Skills“, es werden „Lösungs- und Kompetenzmuster angetriggert“, und es geht um „Top-Schläger“ (um nur einmal S. 78 zu nehmen).
  • Zum anderen fällt, auch wenn klare Ansagen im Rahmen der konfrontativen Arbeit mit massiven Gewalttätern sinnvoll sein dürften, auf, dass, selbst wenn es spezifischer um Empathie, Demokratie und Partizipation geht, das Ansprechen von Jugendlichen in wörtlichen Zitaten bisweilen mit einem „Verstanden?“ oder „Ist das verständlich angekommen?“ endet. – Zum einen eben klare Ansagen, zum anderen scheint hier bisweilen denn doch Glen Mills zu grüßen, und es setzen beim Leser ein wenig pädagogische Magenschmerzen ein. Diese bleiben zum Glück gering, denn das pädagogische Engagement des Verfassers ist deutlich erkennbar, aber sie verbleiben eben denn doch – auf Basis der Herkunfts-, Entwicklungs- und Ausprägungsgeschichte konfrontativer pädagogischer Ansätze.

Das Buch ist ansprechend gesetzt und angenehm zu lesen; die vielen Kästen und Abbildungen bereichern dies erheblich.

Fazit

Mit diesem Buch legt Stefan Werner ohne Zweifel eine sehr lesens- und empfehlenswerte Grundlagenarbeit zur Frage der Gewaltprävention vor. Sie ist sowohl theoriebasiert als auch praxisorientiert. Zugleich gelingt das Bemühen, konfrontative Pädagogik durch Ansätze der Ressourcenorientierung und des Empowerment weiterzuentwickeln. Ein genauer Blick zeigt allerdings, dass diese Entwicklung „auf dem Weg“ ist; das Buch dürfte hier ein Zwischenstadium einer weiteren wünschenswerten Dynamik darstellen. Es sei allen empfohlen, die in der Praxis, aber auch an Hochschulen mit dem Thema Gewalt konfrontiert werden – oder sich einfach damit beschäftigen möchten.


Rezension von
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 21.01.2015 zu: Stefan Werner: Konfrontative Gewaltprävention. Pädagogische Formen der Gewaltbehandlung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2148-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17358.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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