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Bernd Beuscher (Hrsg.): Spiritualität interdisziplinär

Cover Bernd Beuscher (Hrsg.): Spiritualität interdisziplinär. Entdeckungen im Kontext von Bildung, sozialer Arbeit und Diakonie. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. 326 Seiten. ISBN 978-3-643-12667-2.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Arbeit mit Menschen in ihren individuellen Lebensbezügen setzt grundlegende Annahmen darüber voraus, was der Mensch ist und was den Menschen ausmacht. Soziale Arbeit kommt in der Vielzahl ihrer Berufsfelder mit unterschiedlichsten Menschen in Kontakt und sieht sich dabei auch existentiellen Fragen gegenüber. Besonders in der professionellen Begleitung von Menschen in persönlichen Notlagen, wie etwa Leid, Krankheit, Sterben, Schuld, Versagen und Unrecht halten die Herausgeber spirituelle Kompetenz für unabdingbar (S. 9). Dazu bedarf es ihrer Ansicht nach allerdings auch einer Auseinandersetzung mit der eigenen Weltanschauung sowie einer professionellen „Standortbestimmung“ von Spiritualität, die nicht an einzelne Disziplinen delegiert werden dürfe (ebd.). Vor diesem Hintergrund sind die Beiträge des vorliegenden Buches entstanden, das die Leserschaft inspirieren möchte, sich selbst auf die Reise in das weite und oftmals noch unbekannte Feld der Spiritualität zu begeben. Um einen möglichst breiten Zugang zu eröffnen, liegt dem Buch kein bestimmtes Verständnis von Spiritualität zugrunde (S. 10). Die Auseinandersetzung mit existentiellen Fragen des Lebens soll jedoch bewusst professioneller und politischer Verantwortung Rechnung tragen, sodass „[…]Spiritualität nicht als privat-harmloser Gegenentwurf[…]“ (S. 10) verstanden wird.

Herausgeber

Die Herausgeber, Prof. Dr. Bernd Beuscher und Prof. Dr. Hildegard Mogge-Grotjahn, vertreten beide den Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie der Evangelischen Fachhochschule Bochum. Mit ihren jeweiligen Lehrgebieten bringen sie die Perspektiven der Praktischen Theologie (Prof. Dr. Beuscher) sowie der Soziologie (Prof. Dr. Hildegard Mogge-Grotjahn) ein. Prof. Dr. Bernd Beuscher ist zudem außerordentlicher Professor am Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn.

Aufbau …

Das Buch versammelt Beiträge aus den Disziplinen Protestantismus, Bildung, Soziale Arbeit und ästhetisch-kultureller Praxis. Fünfzehn Autorinnen und Autoren tragen mit der Expertise ihres jeweils unterschiedlichen Hintergrundes dazu bei, neue Sichtweisen von Spiritualität aufzuzeigen, indem sie ihr Handeln in ihrem Arbeitsfeld sowie dem Überschneidungsbereich der Bezugswissenschaften reflektieren. Die Herangehensweisen und Darstellungen sind hierbei sehr unterschiedlich. Theoretische Annäherungen seitens verschiedener Disziplinen tragen ebenso zu einem facettenreichen und eindrucksvollen Bild bei, wie künstlerische Illustrationen in Form von Poesie und Fotographie. Berichte und Betrachtungen erfahrener Praktiker lassen gelebte Spiritualität in unterschiedlichen Bezügen Sozialer Arbeit anschaulich werden.

Die auf diese Weise dargestellten spirituellen Dimensionen verschiedener Handlungsfelder von Sozialer Arbeit laden die Leserschaft ein, sich inspirieren zu lassen und ihren eigenen Zugang zur Spiritualität zu finden:

  • Friederike Benthaus-Apel: Zwischen Tabu und hohem Bedarf: (Religions-)Soziologische Perspektiven auf Spiritualität
  • Bernd Beuscher: „Endlichkeit muss man lernen“ – Protestantische Spiritualität und angewandte Wissenschaft am Beispiel Palliative Care
  • Eva Breitenbach:„Ich bin ein Werkzeug, nicht mehr und nicht weniger.“ Porträt einer Reiki-Meisterin
  • Mark S. Burrows:„Es muss neu gespielt werden“ – Poetische Grundlagen einer zukunftsschenkenden Gemeindepädagogik
  • Sven Thomas:lumenNumen
  • Mark S. Burrows: „Everywhere“
  • Thomas Eppenstein: Spiritualität und menschlicher Eigensinn – Versuch einer kategorialen Bestimmung für die Soziale Arbeit
  • Thomas Eppenstein: Spannungen und Grenzen interkulturellen Verstehens
  • Gotthard Fermor: Spiritualität und Bildung – Systematisch-theologische und gemeindepädagogische Perspektiven
  • Okko Herlyn: „Stricke des Todes hatten mich umfangen“ – Biblische Worte als Inspiration in der Sozialen Arbeit
  • Michael Klein: Sperrige Frömmigkeit – Spiritualität im Radikalpietismus
  • Lars Klinnert: Mehr als eine „Menschenrechtsprofession“ – „Gelingendes Leben“ als ethische Grundkategorie Sozialer Arbeit
  • Hildegard Mogge-Grotjahn: „Man lässt sich fallen und man fängt sich auf“ – Affinitäten soziologischer Lehre zu spirituellen Dimensionen Sozialer Arbeit
  • Bettina Schmidt: Einer trage meine Last. Religiöse Krankheitsdeutungen und die Entlastung von Krankheitsverantwortung
  • Larissa Seelbach: Abgründe der Spiritualität – Janne Tellers Jugendroman „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ als theologischer und gemeindepädagogischer Impuls
  • Helene Skladny: „Die Sehnsucht, getragen zu werden“ – Spiritualität, Kunst und Soziale Arbeit. Annäherungen an ein Kunstobjekt von Dini Thomsen
  • Kristin Sonnenberg: „Welche Werte leiten uns?“ – Eine Diskussion der Einflüsse von Ethik, Ökonomie und Glauben auf die Professionalität Sozialer Arbeit

… und ausgewählte Inhalte

„Man lässt sich fallen und man fängt sich wieder auf“, resümiert Norbert Elias in seinem Gedicht „An Regentagen“ (S.252) und stellt damit zentrale Mechanismen des Lebens heraus, die einem perpetuum mobile gleich das menschliche Leben konstituieren. Hildegard Mogge-Grotjahn entspannt anhand dieses Gedichtes ihre Diskussion um die Bedeutung von Spiritualität für die Soziologie. Vor dem Hintergrund von Norbert Elias' soziologischer Theorie wird die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Spiritualität im soziologischen Kontext ebenso deutlich, wie die Schwierigkeit einer Standortbestimmung zwischen individueller Erfahrung und wissenschaftlicher Deutung.

„Palliativ Care ist Schule der Endlichkeit, in der alle Unterdisziplinen Sozialer Arbeit Entscheidendes lernen können.“ (S.48) Dies ist nicht nur Bernd Beuschers Fazit, sondern gleicht einer ‚Auf-Forderung‘, deren inhaltliche Begründung im Beitrag ausführlich und anschaulich dargelegt wird. Treibende Kraft stellen dabei die Möglichkeiten dar, Menschen bis in den Tod professionell und segensreich zur Seite zu stehen, außerdem die Chance, dass durch spirituelle Kompetenz in Forschung und Wissenschaft „[...] mit dem Unübersichtlichen vernünftiger umgegangen werden kann.“ (ebd.)

Besonders ins Auge fällt die künstlerische Annäherung an Spiritualität in den Fotographien von Sven Thomas „lumenNumen“. In achtzehn Bildern ist es ihm gelungen, Schauspiele aus Natur und menschlichem Lebensalltag auf Papier zu bannen, die durch ihre ausdruckskräftige Darstellung die Grenze zwischen Himmlischen und Irdischen zum Fließen und die transzendente Saite der Lesenden zum Schwingen bringen.

Helene Skladny beschreibt ihn ihrem Beitrag eindrücklich die Erfahrungen, die sie zusammen Studierenden im Seminar „Mit den Sinnen denken“ (S. 291) gemacht hat. Die Annäherung an das Kunstwerk „Die Sehnsucht, getragen zu werden“ von Dini Thomsen beleuchtet Chancen, die die Auseinandersetzung mit Gegenwartskunst, Religion und Spiritualität für Studierenden der Sozialen Arbeit mit sich bringt.

Anhand der Geschichte von Kain und Abel sowie modernen Gedichten nähert sich Mark S. Burrows einer „zukunftsschenkenden Gemeindepädagogik“ (S. 75), bei der dem Gespräch zentrale Bedeutung in der begleitenden und vermittelnden Beziehungsarbeit zukommt. Worte von anderen, beispielsweise Biblische Geschichten oder einzelne Bibelverse, sollen als Türöffner fungieren, einen Zugang zu sich selbst, Worte für sein eigenes Erleben und einen gewaltfreien Weg zum Gegenüber zu finden.

Kranken Menschen zusätzlich zur Krankheitslast nicht auch noch die Krankheitsverantwortung im Sinne eines (Selbst-)Verschulden der Krankheit aufzubürden ist zentrales Anliegen von Bettina Schmidts Beitrag. Vor dem Hintergrund der Sozialen Arbeit setzt sie sich mit christlichen und säkularen Krankheitsdeutungen sowie den jeweiligen damit verbundenen Gefahren auseinander und lädt die Lesenden zu einem Perspektivwechsel ein, durch den Kranke Wertschätzung und anwaltschaftliche professionelle Begleitung erfahren können.

Okko Herlyn setzt sich literarisch mit dem Phänomen sozialer Tod auseinander, der für ihn dort beginnt, wo Beziehungen enden. Seine kurzen biblisch inspirierten Texte laden ein, sich einer ernsten Thematik auf ungewohnte Weise anzunähern. Der sich einstellende Verfremdungseffekt verstärkt die Brisanz des Themas und lässt eine persönliche Auseinandersetzung schwer umgänglich werden.

Diskussion

Die Herausgeber haben mit der Zusammenstellung der Beiträge bewusst einen Schauplatz geschaffen, der weiten Raum für die Auseinandersetzung mit Spiritualität bietet (S. 10). Diese beabsichtigte Offenheit wird sowohl in der Struktur des Buches als auch in der Präsentation der Inhalte deutlich. Wer ein Buch gerne dem imaginären roten Faden folgend von vorne nach hinten liest, kann sich mit der Lektüre dieses Buches selbst treu bleiben. Eine Einschränkung gibt es hierbei allerdings – die Anordnung der Beiträge wirkt einem schnellen Vorankommen im Sinne des Lese-Flusses entgegen, führt sie die Lesenden doch immer wieder durch Tiefen und Untiefen poetischer und ästhetischer Art. Wer den Anreiz gerade darin findet, frei zwischen fundierter Theorie und Praxis oder außergewöhnlicher Kunst wählen zu können, kommt hier ebenfalls auf seine Kosten. Die Beiträge ergeben sowohl in der Zusammenstellung der Herausgeber als auch in einer individuellen Lesart ein sehr differenziertes Bild von Spiritualität in den Bezügen der Sozialen Arbeit. Auch inhaltlich spiegelt sich dieses Bild wider und ermöglicht der Leserschaft, das Buch auf sehr unterschiedliche Weise zu lesen. Abgesehen von der klassischen Variante – der Reihenfolge nach – lässt sich das Buch nach Themen, auf Grundlage der verschiedenen Hintergründe, nach Genres oder eigenen Interessensschwerpunkten lesen. Es dürfte jedoch schwer möglich sein, den Beiträgen zu folgen, ohne sich selbst in einem gewissen Maße angesprochen zu fühlen. Thematisch befassen sich alle Beiträge im Weitesten mit Fragen, die alle Menschen betreffen, vorausgesetzt die Lesenden sind bereit, sich diesen, zum Teil sehr existentiellen, Fragen des Lebens zu stellen. Wer sich jedoch eingehend damit befassen möchte, sieht sich einer Vielzahl von theoretischen Positionen und Auseinandersetzungen sowie praktischen Denkanstößen gegenüber und kann sich dem Thema darüber hinaus anhand der ästhetisch-künstlerischen Inhalte von einer ganz besonderen Seite her annähern.

Fazit

Das Buch wartet mit einer sehr gelungenen Mischung aus theoretischer und praktischer Expertise aus äußerst unterschiedlichen Bezügen der Sozialen Arbeit auf. Die Zusammenstellung der Beiträge spiegelt gleichermaßen alltagsnah wie einfühlsam die Herausforderungen der verschiedenen Handlungsfelder der Sozialen Arbeit wider. Die Einladung an die Leserschaft, sich selbst auf persönliche und professionelle Spurensuche nach Spiritualität in der Arbeit mit Menschen zu begeben, wirkt dabei unaufdringlich und doch nachdrücklich fordernd. Es wird schwer sein, nach der Lektüre des Buches zu nicht überzeugt zu sein, dass spirituelle Kompetenz eine Notwendigkeit in der professionellen Begleitung von Menschen ist und eine offene wie reflektierte Auseinandersetzung erfordert. Ein sehr lesenswertes Buch für alle, die sich vor dem Hintergrund von Bildung, Sozialer Arbeit und Diakonie dem Thema Spiritualität annähern möchten – und auch bereit sind, den Willen in die Tat umzusetzen.


Rezension von
Kathrin Holthoff
Gesundheits- und Pflegepädagogin BA, Institut für Gerontologie und Ethik - Evangelische Hochschule Nürnberg,
Homepage www.i-ge.de
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Zitiervorschlag
Kathrin Holthoff. Rezension vom 05.08.2015 zu: Bernd Beuscher (Hrsg.): Spiritualität interdisziplinär. Entdeckungen im Kontext von Bildung, sozialer Arbeit und Diakonie. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. ISBN 978-3-643-12667-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17367.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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