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Bircan Kocabas: Familien mit türkischen Wurzeln in der Kinder‐ und Jugendhilfe

Cover Bircan Kocabas: Familien mit türkischen Wurzeln in der Kinder‐ und Jugendhilfe. Eine empirische Untersuchung zur Sozialpädagogischen Familienhilfe. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2014. 233 Seiten. ISBN 978-3-86226-258-8. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Die vorliegende Studie will die Frage klären, inwiefern sich die Familien, die eine bestimmte Form der Kinder- und Jugendhilfe erhalten, nach dem Herkunftsland, auch in der 2. und 3. Generation, unterscheiden. Exemplarisch wird dies für deutsch- und türkischstämmige Familien in Dortmund untersucht, die mit der Sozialpädagogischen Familienhilfe zu tun hatten.

Autorin

Frau Bircan Kocabas ist diplomierte Sozialarbeiterin mit Praxis in der Erziehungshilfe, neuerdings Lehrbeauftragte an der FH Dortmund.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Veröffentlichung geht auf die Dissertation der Autorin an der TU Dortmund zurück.

Aufbau

Nach der Einführung ins Thema stellt die Autorin zunächst das sozialarbeiterische Handlungsfeld SpFh vor (Kap. 2). Der zweite Teil umfasst methodologische Klärungen, von einer qualitativen Vorstudie bis zur Datengewinnung und -präsentation mit Bezug auf alle ausgewerteten Fälle (Kap. 3 bis 5.). Das Herzstück ist das 6. Kapitel, das die deutsch- und türkischstämmigen Familien vergleicht. Abschließend (7. Kapitel) werden die Ergebnisse zusammengefasst und Folgerungen abgeleitet.

Inhalt

Ausgangspunkt ist die Frage, inwiefern sich bei den Familien, die an SpFh mitwirken, Unterschiede entlang der Herkunft finden lassen. Die Autorin begründet diese Fragestellung mit der Vermutung, dass sich die gesellschaftliche Vielfalt, ob nun an Staatsangehörigkeit oder Migrationshintergrund festgemacht, in der Kinder- und Jugendhilfe nicht entsprechend abbildet, vielmehr z.B. „türkische Mitbürgerinnen und Mitbürger weniger Hilfe vom Jugendamt… beantragen bzw. annehmen”. Konkret soll es dabei um die SpFh gehen, die sie denn auch ausführlich darstellt.

Methodisch geht sie einen besonderen Weg: Zunächst befragt sie (21) Fachkräfte in Ambulanten Erzieherischen Hilfe danach, welche Unterschiede sie zwischen der Klientel mit türkischen Wurzeln und deutschen Familien erwarten. Das Ergebnis sind Annahmen wie die, dass türkischstämmige Familien Angst vor dem Jugendamt hätten, weniger Distanz gegenüber professionellen Helferinnen und Helfern hielten, die türkische Community großen Einfluss ausübe usf.

Die eigentlichen Daten gewinnt die Autorin jedoch dadurch, dass sie die Akten von 200 Fällen aus den Jahren 2006-2011 in die Kategorien eines Erhebungsbogens übersetzt und aufbereitet (SPSS- Datensätze).

Die allgemeinen Ergebnisse, also für alle 200 Familien, betreffen deren Herkunftsländer,die Staatsangehörigkeit, die Wohnlage (Schwerpunkt Dortmund Nordstadt), den Familienstand (49 % Alleinerziehende), die Einkommensquellen (zu 12% aus Erwerbsarbeit, sonst Sozialleistungen), den Zugang, die Dauer und den Inhalt der Familienhilfe etc.

Für den eigentlichen Vergleich, der im Zentrum des Interesses steht, verwendet sie nur die Daten, welche die 79 deutschen und 54 türkisch-stämmigen Familien betreffen. 12 Aspekte werden in Tabellen aufgerufen.Dabei ergeben sich, wider Erwarten, ganz ähnliche Zahlen (Zahl der Kinder im Haushalt), allenfalls kleine Unterschiede (in den deutschen SpFh- Familien sind etwas mehr Mädchen; alleinerziehende Väter kommen in türkischen Haushalten nicht vor). Die SpFh in deutschen Familien bleibt häufiger unter 6 Monaten, die Selbstmeldequote ist bei türkischstämmigen Familien sogar ein bisschen höher, bei mehr von ihnen endet die Hilfe wegen Umzugs in eine andere Stadt. Die Autorin erläutert für jedes Ergebnis mögliche Gründe: Beispielsweise sind nach Aktenlage (Tabelle 10 ist dabei nicht korrekt) die Eltern der türkischstämmigen Kinder etwas älter, weil oft erst die jüngeren Kinder als auffällig wahrgenommen würden… Wie sich auch insgesamt schon zeigte, sind die wenigsten Eltern erwerbstätig, konkret aber keine einzige türkischstämmige Frau.

Die 12. und letzte Tabelle dokumentiert die Hilfepläne, also die Anlässe und Gründe für SpFh. Die Unterschiede sind auch hier nicht stark ausgeprägt. Im Vordergrund stehen Erziehungsprobleme, auch die Verbindung zu Kita/Schule und die medizinische Versorgung. Der Hilfebedarf der türkischstämmigen Familien scheint deutlicher Behördengänge, aber auch die Freizeitgestaltung, erstaunlicherweise auch die soziale Vernetzung zu betreffen

Das Fazit, das die Autorin zieht, lautet: Die prekären Lebenslagen der betreffenden Familien sind sich so ähnlich, das der kulturelle Faktor nicht ins Gewicht fällt, zumal in der 2,. und 3. Generation vom Immigranten, die sich von Zuschreibungen gelöst und neue Identitäten erarbeitet haben.

Diskussion

Es ist erfrischend, wie offen die Autorin das Thema anlegt, ebenso beachtlich der Aufwand, 200 Datensätze aus Akten herauszuarbeiten. Dass letztere freilich die Handschrift der (deutschstämmigen) Fachkräfte tragen, hat die Autorin bewusst in Kauf genommen.

Mit diesem Ansatz kann sie wichtigen Fragen allerdings nicht nachgehen, z.B. den folgenden: Waren die Familienhelferinnen kultursensibel (genug)? Gab es kritische Situationen? Gibt es Familien mit türkischen Wurzeln,die SpFh ablehnen, wegen (vermuteter) kultureller Distanz? Braucht es also eigentlich die kulturelle Öffnung sozialer Dienste nicht (mehr)?

Der Autorin gelingt es immer wieder, die einzelnen Ergebnisse mit theoretischen Überlegungen zu verknüpfen, insbesondere den Begriff von Kultur als statisch-homogene, quasi übermächtige Umweltbedingung zu problematisieren.

Leider haben sich in die Veröffentlichung einige Mängel eingeschlichen, u.a. Schreibfehler, Redundanzen, unvollständige Sekundärzitate bis zum Verweis auf ein Handbuch von 1980, das bis 2012 drei weitere Auflagen hatte.

Fazit

Die vorliegende Studie belegt, dass sich die Familien, die ein besonderes Instrument der Kinder- und Jugendhilfe, nämlich die SpFh, wahrnehmen, ungeachtet eines etwaigen Migrationshintergrunds, nicht wesentlich unterscheiden. Die sozio-ökonomischen Bedingungen dominieren vielmehr. Insofern liegt hier eine interessante Zuarbeit vor, wenn es darum geht, soziale Arbeit in der multikulturellen Gesellschaft zu entwickeln.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 02.09.2014 zu: Bircan Kocabas: Familien mit türkischen Wurzeln in der Kinder‐ und Jugendhilfe. Eine empirische Untersuchung zur Sozialpädagogischen Familienhilfe. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2014. ISBN 978-3-86226-258-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17387.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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