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Christian Stark: Interkulturelle Soziale Arbeit Forschungsergebnisse 2014

Cover Christian Stark: Interkulturelle Soziale Arbeit Forschungsergebnisse 2014. Professionelle Flüchtlingsarbeit Herausforderungen aus Sicht der Flüchtlingsbetreuer. Edition Pro Mente (Linz) 2014. 290 Seiten. ISBN 978-3-902724-30-4. D: 39,90 EUR, A: 39,90 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Der Band umfasst drei Studien, die an der FH Linz/Oberösterreich erarbeitet wurden und sich mit der Betreuung von Flüchtlingen, dem Umgang mit Vielfalt in Frauenschutzhäusern und der Lebenslage von Asylbewerbern befassen.

Herausgeber, Autorinnen und Autor

Christian Stark ist der Leiter des Masterstudiengangs an der FH Linz. Den ersten Beitrag haben die Dozentin Dr. Dagmar Strohmeier und 16 Masterstudierende, den zweiten die Dozentin Dr. Petra Gradinger und 17 Studierende, den dritten der Absolvent Stefan Kitzberger verfasst.

Entstehungshintergrund

Während der dritte Beitrag die Abschlussarbeit eines Bachelor-Studenten darstellt, dokumentieren die beiden anderen die Ergebnisse zweier Forschungsprojekte, die die Master-Studierenden über drei Semester durchgeführt und 2013 abgeschlossen haben.

Aufbau

Die Veröffentlichung besteht aus drei Teilen:

  1. Strohmeier et.al.: Professionelle Flüchtlingsarbeit. Herausforderungen aus Sicht der Flüchtlingsbetreuer/innen und Asylbewerber/innen (94 S.)
  2. Gradinger et.al.: Frauen, Gewalt, Migration. Umgang mit Vielfalt in der Beratung (120 S.)
  3. Kitzberger: Vom Ernährer der Familie zur sozialen Randfigur. Auswirkungen der gesetzlich verankerten Erwerbslosigkeit auf das männliche Rollenverhalten und die männliche Identität von Asylbewerbern im Aufnahmeland Oberösterreich (45 S.).

Inhalt

Strohmeier et.al. informieren eingangs über das Asylverfahren in Österreich, das Asylbewerber/innen faktisch von der Erwerbstätigkeit ausschließt. Mit der Betreuung der Asylbewerber/innen sind die Volkshilfe, die Caritas und die Diakonie beauftragt. Mitarbeiter/innen dieser Verbände, teils in Oberösterreich, teils österreichweit, wurden mittels eines Online-Fragebogens befragt. Insgesamt haben 122, vor allem in Wohnheimen tätige Flüchtlingsbetreuer/innen auswertbare Daten geliefert. Sie geben Auskunft über die Arbeitsbedingungen, mit denen sie durchaus zufrieden sind. Allerdings finden viele, dass sie zu wenig Zeit für die individuelle Beratung haben. Aus den vielen Einzelergebnissen heben die Autorinnen u.a. hervor, dass sich alle Betreuer/innen als professionelle Helfer/innen verstehen, aber über ein Drittel annimmt, dass die Öffentlichkeit sie nicht als solche wahrnimmt.

Die Forschungsgruppe hat darüber hinaus eine zweite Befragung durchgeführt, nämlich 31 Asylbewerber/innen, davon 44% aus Afghanistan, interviewt. Diese schätzen besonders die Hilfestellungen im organisatorischen Bereich, bemängeln aber, dass die Wohnräume beengt seien, zu wenig gute Dolmetscher zur Verfügung stünden, die Deutschkurse nicht immer erreichbar und dem Bedarf angepasst seien. Grundlegende Probleme seien die Unsicherheit und Länge des Verfahrens, die Untätigkeit: „Wir müssen immer warten, das bereitet Kopfschmerzen“.

Die Studie von Gradinger et.al. konzentriert sich in der gesellschaftlichen Vielfalt (Diversity) auf die Kombination von Gender und Status/Herkunft: Fast 11 % der weiblichen Bevölkerung in Österreich haben eine andere als österreichische Staatsangehörigkeit, fast 19% Migrationshintergrund.

Im zweiten Anschnitt erläutern sie die Kompetenzen, die gemeinhin von Fachkräften der sozialen Arbeit erwartet werden (Selbst – oder Sozialkompetenz, Methoden, Fachwissen). Unter Transkultureller Kompetenz verstehen sie, nach Domenig, die Fähigkeit, „individuelle Lebenswelten… zu verstehen und …entsprechende… Handlungsweisen abzuleiten“. In einem dritten Abschnitt geben sie einen Überblick über die insgesamt dreißig Frauenhäuser in Österreich. Wenn weniger als 40% der Frauen, die dort Schutz und Unterkunft gesucht haben, die österreichische Staatsangehörigkeit haben, deutet dies daraufhin, dass sich Migrantinnen häufiger und gravierender in schwierigen Situationen befinden.

Im Zentrum der Studie steht die Befragung von Beraterinnen in Frauenhäusern; die Daten beruhen auf 36 Online-Fragebogen (aus ganz Österreich) und sechs leitfadengestützen Interviews (nur Oberösterreich). Abgefragt werden diverse Kompetenzen, die nach Einschätzung der Beraterinnen für ihre Arbeit wichtig sind. Unter anderem sind dies die Selbstreflexion, die Distanz zu den Klientinnen, Offenheit und Toleranz, weniger das Fachwissen, oft aber Netzwerkwissen. Das gilt auch für die Beratung von Migrantinnen wobei auch noch Teambesprechungen und die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel angeführt werden. Die Beraterinnen wünschen sich für die Beratung mit Migrantinnen u.a. höhere Budgets für Dolmetscher/innen und bessere Sprachkenntnisse der Klientinnen. Schließlich sprechen sich die befragten Mitarbeiter/innen nachdrücklich für intensivere Weiterbildung aus, für die sie auch Freizeit aufbringen würden.

Die Bachelorarbeit von Stefan Kitzberger skizziert zunächst das Asylverfahren und die Grundversorgung in Oberösterreich. Volkshilfe, Caritas und SOS Menschenrechte betreuen fast 2.800 Asylbewerber/innen, vor allem in Einrichtungen.

Die Lebenslage der Flüchtlinge ist eng normiert: Asylbewerber/innen dürfen nicht erwerbstätig sein, aber Arbeitgeber können unter bestimmten Bedingungen die Erlaubnis erhalten, sie etwa in der Landwirtschaft zu beschäftigen, wenn das Asylverfahren schon länger als drei Monate läuft, andere Arbeitskräfte nicht zur Verfügung stehen. Erzielt ein Asylbewerber/eine Asylbewerberin mehr als EUR 100 (Freibetrag), kann er /sie den Anspruch auf Grundversorgung und Unterkunft verlieren. Asylbewerber/innen könnten als Selbständige Einkommen erzielen, wenn sie den erforderlichen Gewerbeschein erhielten. Immerhin können seit 2012 Jugendliche und auch junge Erwachsene eine Berufsausbildung machen.

Über Wohnprojekte hat der Autor Fragebogen an Männer verteilt und insgesamt 143 zurückerhalten, die meisten von Afghanen. Über entsprechende Items hat er das Sample in „traditionelle“ und „moderne“ Männer eingeteilt. Auf die Frage nach der Zeitverwendung werden vor allem Fernsehen und Deutschlernen genannt. Alle Männer betonten, dass Arbeit wichtig sei, um anständig zu leben und persönliche Freiheit zu genießen – die meisten traditionellen Männer fanden dabei, dass dies nur für Männer wichtig sei. Unter den diversen Fragestellungen fällt auf, dass die Aussicht auf Arbeit die Motivation, schnell Deutsch zu lernen, erheblich steigern würde. Auf die zentrale Frage, welche Auswirkungen die Erwerbslosigkeit habe, sahen nur ca. 20% keine negativen Auswirkungen auf Selbstvertrauen, Zufriedenheit, Männlichkeit. Die meisten Männer sahen dabei aber keine Auswirkungen auf das Verhältnis zu den Kindern.Traditionelle Männer fanden, dass sich das Nichtstun positiv auf die Gesundheit auswirke, ganz im Gegensatz zu den „modernen“ Männern. Insgesamt aber gilt: Nur 14% leiden nicht darunter, dass sie auf Sozialleistungen angewiesen sind, obwohl sie arbeiten könnten.

Diskussion

Die vorliegenden Studien dokumentieren empirische Forschung im Rahmen eines Masterprogramms. Methodisch anspruchsvoll bleibt es doch bei einer Engführung (Online- Fragebogen, Interviews); die Fragebogen-Rückläufe sind beachtlich, die Zahl der Interviews nicht (folglich nur einzelne Hinweise daraus zu gewinnen). Besonders lobenswert ist die Tatsache, dass Klientinnen und Klienten, in diesem Fall also Migrantinnen und Asylbewerber zu Wort kommen!

Die zweite Studie beginnt theoretisch überzeugend, verliert sich aber letztlich in einer Vielzahl von Einschätzungen, welche Kompetenzen in welchen Zusammenhängen wichtig sein könnten: Man fragt sich, wozu das gut sein soll. Kulturelle Aspekte, das Leben der Zielgruppe selbst, kommen gar nicht vor. Das gilt auch für Strohmeier et.al., wo es gerade mal eine kultursensible Andeutung gibt: Zu gerne würde Afghanen Bekannte zum Essen einladen, aber dafür reichen die Räume und das Geld nun mal nicht. Warum sind die Befragten nicht aufgefordert worden, eine Beratungssituation zu beschreiben, in der sie überfordert waren oder transkulturelle Kompetenz „wirkte“?

Die Arbeit von Kitzberger erfüllt den eigenen Anspruch nicht ganz: Das (tatsächliche) Verhalten kann er ja nicht erfassen, den diachronen Wandel von „Identität“ so auch nicht. Vermutlich sind die Lebensgeschichten aber auch viel zu divers, als dass sich hier quantitative Empirie lohnt.

Fazit

Der Blick über Grenzen lohnt immer, der bundesdeutsche nach Österreich ganz bestimmt. Die Veröffentlichung aus Linz gibt gute Einblicke in die Praxis der sozialen Arbeit und in die Praxisforschung. Deshalb diskussionsanregend und -würdig.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 24.09.2014 zu: Christian Stark: Interkulturelle Soziale Arbeit Forschungsergebnisse 2014. Professionelle Flüchtlingsarbeit Herausforderungen aus Sicht der Flüchtlingsbetreuer. Edition Pro Mente (Linz) 2014. ISBN 978-3-902724-30-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17388.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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