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Judith B. Rosenberger (Hrsg.): Relational Social Work Practice with Diverse Populations

Cover Judith B. Rosenberger (Hrsg.): Relational Social Work Practice with Diverse Populations. Springer (Berlin) 2014. 305 Seiten. ISBN 978-1-4939-1596-5. 42,79 EUR.
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Thema

Die Veröffentlichung zielt darauf ab, die Möglichkeiten und Herausforderungen relationaler Sozialarbeit für eine Reihe ganz unterschiedlicher psychosozialer Probleme und Lebenslagen aufzuzeigen.

Herausgeberin und Autoren/innen

Judith Rosenberger ist Psychologin/ Psychoanalytikerin und Professorin an der Silberman School of Social Work, Hunter College der City University of New York. Sie hat insgesamt 18 Kolleginnen aus ihrem College, aber auch an anderen US- Hochschulen dafür gewonnen, Originalbeiträge für dieses Studienbuch zu verfassen.

Aufbau

Im Einführungskapitel beschreibt Judith Rosenberger die Grundzüge der relationalen Sozialarbeit. Es folgen 15 Kapitel, also Beiträge der unterschiedlichen Autorinnen und Autoren, die weitgehend dem gleichen Muster folgen: Für eine bestimmte Zielgruppe sozialer Arbeit werden deren Lebenslage in den USA und ihre psychosozialen Probleme dargestellt, dann die Herausforderungen für die Beziehungsarbeit entfaltet.

Mit einer ausführlichen Inhaltsangabe oder auch mit Gesprächsprotokollen illustrieren die Autorinnen und Autoren, allesamt Expertinnen und Experten der klinischen Sozialarbeit, einzelne Fälle und die Möglichkeiten der Beziehungsarbeit dabei. Fragen an die Leser/innen zur kritischen Überprüfung des Beitrags schließen jedes Kapitel ab.

Diese Kapitel sind in fünf Sektionen angeordnet, die sich mit der Grundlegung der relationalen Diversity-Praxis und einzelnen Bereichen von Diversität, nämlich mit ethnischer Herkunft, Religion, sexueller Identität und schließlich speziellen Lebenserfahrungen (Wohnungslosigkeit, Haftentlassung, Militärdienst in Afghanistan oder Irak) befassen.

Jedes Kapitel hat ein ausführliches Literaturverzeichnis, der Band endet mit einem Stichwortregister.

Der Sprachgebrauch ist so, dass ein Klient grammatikalisch maskulin, die Sozialarbeiterin feminin ist.

Inhalt

In der klinischen Sozialarbeit, ungefähr als Beratung und Gesprächstherapie in psychosozialen Problemlagen übersetzbar, ist die „relationale Theorie“ besonders gut anwendbar. Der relationale Ansatz eignet sich insbesondere, das ist die zentrale Botschaft dieses Bandes, für die Beratung von Klienten, die spezielle Bedürfnisse haben.

Relationale Sozialarbeit beginnt immer da, wo der Klient sich befindet, wie er seine Situation und seine Umgebung, die Sozialarbeiterin inbegriffen, sieht. Der relationale Prozess verlangt denn auch, dass sich die Sozialarbeiterin ernsthaft und ehrlich für die Erfahrungen und Erlebnisse,des Klienten interessiert, insbesondere auch seinen Erzählungen folgt und diese anregt. Das Ziel ist, die Lebenserfahrungen und Lebenswelt des Klienten zu erkennen und zu verstehen. Hier ist der entscheidende Punkt eben die Diversität, also die Vielzahl von Lebenswelten und Lebenslagen, von denen die Sozialarbeiterin etliche allenfalls durch Medien oder vom Hörensagen kennt. Es sind daher eben nicht die Sozialarbeiterinnen, sondern die Klienten selbst die Experten, ob nun für die Lebenssituation von „Hispanic Clients“ (Manny Gonzalez) oder Amerikanern indischen Ursprungs (M. Vinjamuri), Muslime (El-Amin/Nadir), Juden (R. Schlesinger) oder evangelikale Christen (Cecil/Stoltzfuss).

Wichtig ist dabei der Hinweis von Neil Altmann: Ganz selbstverständlich gehen auch oft sogar noch Diversity-Ansätze davon aus, dass es um die afroamerikanischen oder asienamerikanischen Minderheiten geht, also die „nicht-Weißen“: „Whiteness“ ist die implizite Normalität.

Die relationale Praxis besteht gerade darin, über (sozial konstruierte, aber eben machtvolle) Grenzlinien und Unterschiede hinweg voneinander zu lernen und Beziehungen aufzubauen. Das Gespräch zwischen der „weißen“ Sozialarbeiterin oder dem Therapeuten, die nie mit der Armee oder dem Gefängnis oder eine Black Community in Berührung kamen, und Veteranen, Haftentlassenen bzw. Afroamerikanern ist eine Art Modell oder Werkstatt für die Entwicklung von bedeutungsvollen Arbeitsbeziehungen im Alltag, und verlangt Anstrengungen von allen Beteiligten.

Dabei betonen alle Autoren und Autorinnen, dass die individuelle Identität nicht notwendigerweise in der Gruppenidentität aufgehen muss. Es geht aber immer darum, die Erfahrungen und Überzeugungen einer Gruppe oder Person, z.B. entsprechend ihrer Konfession, für den Beratungsprozess nutzbar zu machen. Kennemor macht in seinem Beitrag deutlich, wie sich die Spannung zwischen Misstrauen und Vertrauen, Freiheit und Bindung, die der Klient gewärtigen muss, auch in der Relation mit der Sozialarbeiterin ausdrückt. Mit Bezug auf Tosone vertraut die Autorin immer auf die heilende Wirkung der empathischen Zuwendung und sozialen Beziehung.

Diskussion

Das Buch ist aus der Praxis und Forschung in den USA heraus geschrieben. Es eröffnet gerade bundesdeutschen Leserinnen und Lesern in den Statusberichten knappe, aber überaus interessante Erkenntnisse zur gesellschaftlichen Wirklichkeit der USA, etwa über die – in Deutschland kaum wahrgenommene – Bedeutung der evangelikalen Christen oder das Problem der Inhaftierung (in manchen Bundesstaaten über ein halbes Prozent der Bevölkerung u.ä.).

Das Buch kann, gerade durch die Fallstudien, besonders die Gesprächsprotokolle, die Grundlagen und Techniken der relationalen Sozialarbeit gut veranschaulichen. Interessanterweise enden diese Fallstudien kaum mit einem richtigen Erfolg, also Abschluss.

Im Grunde handelt das Buch nicht von der Diversität der US-Gesellschaft, sondern davon, wie sich die klinische Sozialarbeit auf unterschiedliche Zielgruppen einstellen kann und muss.

Fazit

Auch für die ungeübte deutsche Leserschaft ist dieses Buch in American English gut zu verstehen. Allerdings sind psychologische Kenntnisse, eine gewisse Vertrautheit mit Psychotherapie durchaus von Nutzen („Übertragung“ und „Gegenübertragung“ etc.).

Insgesamt überzeugt dieser Einblick in Theorie und Praxis der „relationalen Sozialarbeit“.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 30.09.2014 zu: Judith B. Rosenberger (Hrsg.): Relational Social Work Practice with Diverse Populations. Springer (Berlin) 2014. ISBN 978-1-4939-1596-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17389.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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