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Sivasailam Thiagarajan, Samuel Bergh: Interaktive Trainingsmethoden

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 15.09.2014

Cover Sivasailam Thiagarajan, Samuel Bergh: Interaktive Trainingsmethoden ISBN 978-3-89974-989-2

Sivasailam Thiagarajan, Samuel Bergh: Interaktive Trainingsmethoden. Thiagis Aktivitäten für berufliches, interkulturelles und politisches Lernen in Gruppen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. 318 Seiten. ISBN 978-3-89974-989-2. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR, CH: 40,90 sFr.

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Der vorausgedachte Gang hin zu einem Ziel

„Das, was die sich selbst überlassene Natur nur langsam, unsicher und lückenhaft erzielt, das ordnet die Kunst der Reihenfolge von Bildungsmitteln, deren jedes einzelne zwar von den ewigen Gesetzen des Naturgangs ausgeht, aber durch seine Zusammenstellung und Ordnung einen Grad der Kraft erhält, zu der die sich selbst überlassene Natur sich unmöglich zu erheben vermag“; mit dieser Definition beschreibt der Schweizer Pädagoge, Schul- und Sozialreformer Johann Heinrich Pestalozzi (1746 – 1827) die Bedeutung der Methode als ordnendes Prinzip im Bildungsprozess. Sie ist eng verbunden mit der antiken, philosophischen, aristotelischen Auffassung von Methodologie als der „Einsicht von Natur“; weil nämlich „die Prinzipien ‚von Natur‘ deutlicher und einsichtiger sind, ergibt sich mit zunehmendem Abstand von ihnen eine Einsichtigkeit und begründender Kraft abnehmende Schlusskette, die dafür jedoch in gleichem Maße an Anschaulichkeit zunimmt“ (K. Corcilius, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 359). In der Pädagogik und Erziehungswissenschaft wird deshalb der Didaktik als Theorie und Praxis des Lernens von Anfang an eine große Bedeutung zugemessen.

Im Spannungsverhältnis von Theorie und Praxis jedoch wird die Aufmerksamkeit, Denk- und Forschungstätigkeit im wissenschaftlichen, pädagogischen Diskurs eher (und höherwertiger?) den Lerntheorien zugewendet und weniger den Methoden (Peter Faulstich, Hg., Lerndebatten. Phänomenologische, pragmatische und kritische Lerntheorien in der Diskussion, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17373.php). Das führt nicht nur zu Balanceproblemen im der wissenschaftlichen Landschaft, sondern auch zu fatalen Folgen in der Lernpraxis. In der Lehreraus- und -fortbildung etwa werden nach wie vor die beiden gleichwertigen Bestandteile des Lernens ungleichwertig gelehrt und gelernt (Carolin Rebensburg, Qualität interkultureller Trainings. Entwicklung eines integrativen Qualitätsmodells zur Explizierung individueller Qualitätsvorstellungen, 2007, www.socialnet.de/rezensionen/5359.php). Die Wertschätzung der Methode, als „Weg zum Lernen“, hinkt immer wieder hinter den „Theorie-Hierarchien“ hinterher. Das führt zwar immer wieder zur „Lehrkritik“, und es gibt einige nennenswerte Versuche, das Methodenlernen von allzu vereinfachten To do Anweisungen abzugrenzen (Wulf Schmidt-Wulffen, Die besten Lehrmethoden im sozialwissenschaftlichen Unterricht. Schüler aktivieren – Lernen individualisieren, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15356.php), doch – zumindest in der deutschen Bildungslandschaft – sind Lernmethoden Strategien zweiter Klasse.

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Die individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Wandlungsprozesse fordern zu einem Umdenken heraus. Der anthrôpos, der mit Vernunft ausgestattete, zur Bildung von Allgemeinurteilen befähigte, zwischen Gut und Böse unterscheidungsfähige und auf Gemeinschaft angewiesene Mensch ist ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen (Aristoteles). Politische, gesellschaftliche Bildung ist deshalb die Herausforderung unserer Zeit ( gl.: Carl Deichmann / Christian K. Tischner, Hrsg., Ansätze der politischen Bildung, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14597.php). Aus der Forderung, dass Bildung ein Menschenrecht ist, folgert zwangsläufig, dass Bildungsanspruch und Bildungswille für alle Menschen gelten müssen (Willehad Lanwer, Hrsg., Bildung für alle. Beiträge zu einem gesellschaftlichen Schlüsselproblem, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16915.php). Wie aber können Bildung und zivilgesellschaftliches Engagement vermittelt werden, die mehr sind als „die Hervorbringung von Beschäftigungsfähigkeit“, wie dies Ulrike Obermayr als Bereichsleiterin Gewerkschaftlicher Bildungsarbeit der IG Metall in ihrem Geleitwort zu einer Sammlung von interaktiven Lern- und Trainingsmethoden fragt.

Eine Antwort darauf geben der aus Indien stammende, in Indiania / USA lebende und lehrende Sozialwissenschaftler Dr. Sivasailam Thiagarajan, genannt Thiagi. Er ist ein erfahrener und bei zahlreichen Organisationen nachgefragter Methodiker für die Themenbereiche Interaktives Lehren, Teamentwicklung, Institutionenkunde; Unternehmensführung, Diversität, Kreativität und Lernen in Politik und Beruf; und der Zürcher Professor für Interkulturelle Kompetenzentwicklung und Diversity Management, Samuel van den Bergh. Zusammen mit Thiagi hat er 2000 die Ausbildungs- und Beratungsfirma „Bergh Thiagi Associates GmbH“ gegründet, die Organisationen und deren MitarbeiterInnen im Ausbildungs- und Wirtschaftssektor bei der interkulturellen und internationalen Zusammenarbeit schult. Als Co-Autorin fungiert die Leiterin des Bereichs „Trainings und Konzepte“ bei der Hamburger „InterCultur GmbH“ und Teamleiterin für Interkulturelles Lernen bei AFS Interkulturelle Begegnungen e.V., Annette Gisevius.

Aufbau und Inhalt

Das großformatige Lehr- und Methodenbuch, das damit die zahlreichen Übungs- und Trainingsanleitungen, Lernanregungen und Arbeitsblätter im Originalformat anbietet, beginnt mit der Darstellung von sieben Gesetzen des Lernens, die nach Auffassung des Autorenteams, unverzichtbar für interaktive Lernstrategien sind:

Gesetz der Verstärkung, des emotionalen Lernens, des aktiven Lernens, von Üben und Feedback, der Einbeziehung von früheren Erfahrungen, der Berücksichtigung von individuellen Unterschieden, und das Gesetz der Relevanz. Die folgenden zwei Teile werden mit den Kapiteln eins bis sechs in „Arbeitsspezifische Übungen“ und mit den Kapiteln 7 – 10 in „Themenspezifische Übungen“ gegliedert:. Zum „Einstieg“ (1), die als „Icebreaker“ und auf die Lernziele und das Arbeitsvorhaben hinführen sollen; als „Wachrüttler“ (2), (Jolt), kurze, auf eigenes Erleben und Erwartungshaltungen zielende Aktivitäten; zur „interaktiven Themenbearbeitung“ (3), (Frame Games), die als Textra-Aktivitäten und Formen des strukturierten Austauschs eingesetzt werden; als „interaktive Vorträge und interaktives Erzählen“ (4), die aus Zuhörern Mitdenker machen; zur „Nachbesprechung und Reflexion“ (5), die von den Autoren als besonders bedeutsam und wirksam für Lernen eingeschätzt wird und vom Erziehungswissenschafter Tom Kehrbaum (IG Metall) mit einem kurzen philosophischen Exkurs über „Denken zweiten Grades“ eingeführt wird; und „Seminarabschluss“ (6), die auf den Aktivitäten der „Positiven Psychologie“ beruhen.

Der zweite Teil „Themenspezifische Übungen“ beginnt mit Übungen zum Interkulturellen Lernen (7), mit dem Ziel, durch vier Lernphasen interkulturelle Kompetenz zu erwerben: Unterschiede erkennen – Unterschiede respektieren – Unterschiede relativieren – Unterschiede aktiv nutzen und verankern; beim „Umgang mit Vielfalt“ (8) kommt es darauf an, mit den Methoden des „Diversity Management“ einen sinnvollen, integrativ förderlichen und identitätsstiftenden Umgang mit Heterogenität zu üben; beim „Arbeiten in Gruppen und Teams“ (9) geht es darum, dass Menschen sich kennen lernen, austauschen, wertfrei begegnen und ihre Stärken in den Lernprozess einbringen können; im zehnten und letzten Kapitel werden Trainings- und Übungsmaterialien bei „Arbeiten in speziellen Seminarformen“, wie etwa bei Online-Seminaren und mit Großgruppen vorgestellt.

Eine Literaturauswahl ergänzt die zahlreichen Übungsmaterialien und interaktiven Trainingsmethoden.

Fazit

Ob Pädagoge, Trainer oder ModeratorIn: Alle wollen etwas bewirken! Wenn es nachhaltig gelingen soll, „ist das Zusammenspiels von kognitiv-intellektuellen mit körperlich erlebten und affektiv-emotionalen Aspekten elementar“. Ein so verstandenes „ganzheitliches Lernen“ ist Lernen „mit Kopf, Herz und Hand“. Die mehrjährige Zusammenarbeit des Zürcher Kommunikationswissenschaftlers Samuel van den Bergh mit dem US-amerikanischen „Meister im Entwickeln von Methoden und Aktivitäten, die das Ziel haben, Menschen weiterzubringen“, Sivasailam Thiagarajan, alias Thiagi, haben dazu geführt, aus der Fülle der Thiagi´schen Methodik ausgewählte interaktive Trainingsmethoden für politische, interkulturelle und berufliche Seminare und Fortbildungen erstmals in deutscher Sprache vorzulegen: „Thiagis Übungen sind keine eigentlichen Spiele. Es sind Aktivitäten, an welchen die Teilnehmer teilhaben“.

Zwar richten sich die Lern- und Trainingsmaterialien in erster Linie an Lern- und Seminaraktivitäten in der Jugend- und Erwachsenenbildung; doch auch für die Lernarbeit in den allgemeinbildenden und berufsbildenden Schule, wie auch in der Hochschulbildung, sind die didaktischen und methodischen Anregungen nützlich und hilfreich!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.09.2014 zu: Sivasailam Thiagarajan, Samuel Bergh: Interaktive Trainingsmethoden. Thiagis Aktivitäten für berufliches, interkulturelles und politisches Lernen in Gruppen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-89974-989-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17390.php, Datum des Zugriffs 14.07.2024.


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