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Nicole Göler von Ravensburg: Schülergenossenschaft

Cover Nicole Göler von Ravensburg: Schülergenossenschaft. Pädagogische Potenziale genossenschaftlich organisierter Schülerfirmen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. 324 Seiten. ISBN 978-3-8487-1305-9. D: 69,00 EUR, A: 71,00 EUR, CH: 99,00 sFr.

Marburger Schriften zur genossenschaftlichen Kooperation ; Bd. 113.
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„Schülergenossenschaften sind Schülerfirmen, die nach genossenschaftlichen Prinzipien arbeiten“

Als das Nobelpreiskomitee 2009 der US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlerin Elenor Ostrom für ihre Theorie der Gemeingüter den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verlieh (Elenor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php), da richtete sie eindringlich ihren Blick auf die Situation in der sich immer interdependenter und entgrenzender globalisierten Welt, in der der homo oeconomicus sich anschickt, in egoistischer Weise sein Bewusstsein zu verstärken, dass er alles machen könne, was er zu wissen glaube. Die Warnungen, dass die Grenzen des Wachstums erreicht seien (1972), dass sich die Menschheit am Wendepunkt ihrer Entwicklung befinde (1974), dass eine humane, gerechte globale Partnerschaft notwendig sei (Agenda 21, 1992), dass nur ein Perspektivenwechsel die Menschen auf der Erde vor Katastrophen bewahren könne, sind weiterhin aktuell und dringlich (Meinhard Miegel, Exit. Wohlstand ohne Wachstum, Berlin 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9402.php).

Es dürfte heute curriculares Allgemeinverständnis sein, dass im schulischen Lernen die Bedeutung des wirtschaftlichen Denkens und Handelns der Menschen auf dem Lehrplan zu stehen hat; und zwar als grundlegende, allgemeinbildende und lebensweltliche Herausforderungen, die die Lernprozesse von Schülerinnen und Schülern in allen Schulstufen und -formen betrifft. Angesichts des gesellschaftspolitischen, aufgeklärten, pädagogischen, lokalen und globalen Verständnisses vom humanen Menschsein und der Menschenwürde, ergibt sich das Selbstverständnis, dass Ökonomie untrennbar und konstituiv verbunden ist mit Ökologie, wie sich dies in der Forderung von nachhaltiger, globaler Entwicklung ausdrückt. Denn: Es gilt, schon früh, in der Familie und Schule ein Verständnis für faire Ökonomie zu entwickeln und nach Alternativen zum kapitalistischen, neoliberalen Wirtschaftssystem zu suchen (Gerhard Kolb, Wirtschaftsideen. Von der Antike bis zum Neoliberalismus, 2007, www.socialnet.de/rezensionen/6968.php).

Die Geschichte der Genossenschaften beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts, als an verschiedenen Orten in Deutschland zwei Sozialreformer und Politiker daran gingen, die sozialen Missstände insbesondere der armen und mittellosen Bevölkerung zu verbessern: Hermann Schulze-Delitzsch (1808 – 1883) aus Sachsen und Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818 – 1888) aus dem Rheinland-Pfälzischen, gründeten Einrichtungen, in denen sich die Arbeiterinnen und Arbeiter selbst versorgen und Produkte herstellten konnten., die zu fairen Preisen abgegeben werden konnten. Die Genossenschaften wuchsen schnell, erreichten bald eine Akzeptanz in der Bevölkerung und entwickelten sich zu Konkurrenzunternehmen für die kapitalistische Wirtschaft. Am 1. Oktober 1889, also vor 125 Jahren, wurden die Aktivitäten der Genossen durch das „Genossenschaftsgesetz“ geregelt. Es gilt, mit einigen Novellierungen, die auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland eingehen, bis heute! Es stellt, wie dies bei der Jahresfeier zum Gründungsdatum zum Ausdruck kam, einen „verlässlichen Rahmen für genossenschaftliches Bürgerengagement“ dar (Genossenschaftliche Allgemeine Zeitung, 9/2014 (Nov.), S. 5; sowie: Nicole Göler von Ravensburg, Hrsg., Perspektiven für Genossenschaften aus Sicht der Sozialen Arbeit, 2003, http://www.socialnet.de/rezensionen/1823.php):

wenn Schülerfirmen mit Handwerks-, Industriebetrieben, Genossenschaften und gemeinnützigen Einrichtungen zusammenarbeiten und so nicht nur den Kontakt zu realen Wirtschaftsunternehmen bekommen, sondern auch Einblicke und Informationen über berufsvorbereitende Maßnahmen erhalten.

Entstehungshintergrund und Autorin

Ein Vorzeigebeispiel für schülergenossenschaftliche Initiativen ist das von der Frankfurt University of Applied Sciences (FRAU-UAS) vor 10 Jahren gegründete Transferprojekt www.genoatschool.de (Genossenschaft an der Schule). In Zusammenarbeit mit den Genossenschaftsverbänden in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und dem Marburger Institut für Genossenschaftswesen (ifG) werden Theorie- und Praxiskonzepte für genossenschaftliches Arbeiten und Lernen in allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen entwickelt, Pilotprojekte initiiert, beraten und betreut. Von 2009 – 2012 wurde in Niedersachsen das Projekt „Nachhaltige Schülergenossenschaften“ durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass die beteiligten Schülerinnen und Schüler nicht nur die Prinzipien des genossenschaftlichen Wirtschaftens tätig lernen und Einblicke über Wege und Irrwege des Wirtschaftens bekommen, sondern auch dabei erfahren, was unsere Welt zusammen hält, im Positiven wie im Negativen.

Nicole Göler von Ravensburg stellt in dem Buch „Schülergenossenschaft“ das Konzept vor und zeigt pädagogische, didaktische und organisatorische Wege auf, wie Schülerfirmen aufgebaut werden und funktionieren können. Die Erfahrungen, die Schülerinnen und Schüler als Mitglieder, Miteigentümer und gleichzeitig Arbeitnehmer in Nachhaltigen Schülergenossenschaften machen können, bieten Schulen eine neue Form von Demokratiebewusstsein, nachhaltiger Entwicklung, ökonomischem und ökologischem Denken und Handeln und Berufsorientierung. „Das sind wertvolle Einblicke in die Praxis, die die Schülerinnen und Schüler ansonsten so nicht erhalten würden. Für die Partnergenossenschaften ist es vor allem wichtig, Wissen über das Genossenschaftswesen als nicht kapitalwirtschaftlich organisierte Wirtschaftsform zu vermitteln. Sie agieren hier ausschließlich mit pädagogischer Zielsetzung“ ( Nicole Göler von Ravensburg, Lernen fürs Leben, in: Genossenschaftliche Allgemeine Zeitung, 9/2014, S. 5 ).

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung wird darauf hingewiesen, dass Schülergenossenschaften als pädagogisch grundgelegte und tätige Schülerfirmen betrachtet werden, die im Rahmen der vielfältigen und sich im allgemeinen und berufsbildenden Schulsystem etablierten Initiativen, Schülerfirmen als Bestandteil des schulischen Lernens einzurichten, bisher eher eine Ausnahme, denn die Regel darstellen. Ziel der Veröffentlichung der mehrjährigen Forschungs- und Evaluationsergebnisse ist es deshalb, „das schülergenossenschaftliche Konzept anschlussfähig zu machen an den allgemeinen Diskurs um die Arbeit mit und in Schülerfirmen“.

Im zweiten und dritten Kapitel wird mit den Fragen „Wie funktionieren Schülergenossenschaften?“ und „Was sollen Schüler in Schülerfirmen lernen?“ über die Entstehungsgeschichte von genossenschaftlich organisierten Schülerfirmen informiert, und es werden die notwendigen Bedingungen aufgeführt, die sich aus der Genossenschaftsidee und dem Genossenschaftsrecht ergeben. Dabei werden die schul- und institutionstypischen Bedingungen denen der rechtlich verankerten (Vereins-, Firmen-)Genossenschaften gegenüber gestellt und die wesentlichen Motive und Zielsetzungen einer Schülergenossenschaft curricular, didaktisch und methodisch verdeutlicht, z.B.: „Der Erwerb sozialer und personaler Kompetenzen wird verstetigt, und damit erhöhen sich die Chancen, dass nachhaltige Fähigkeiten zum Selbstgesteuerten Lernen erworben werden“.

„Welche pädagogischen Effekte haben Schülergenossenschaften?“. Diese Frage liegt dem vierten Kapitel zugrunde. Es werden Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Begleitforschung mitgeteilt, und zwar sowohl bei der Einbindung der Initiativen in die jeweiligen Schulformen, als auch in die schulinternen Strukturen. Die vielfältigen Aspekte, Möglichkeiten und Probleme, etwa bei der Etablierung der Schülergenossenschaft in das Schulcurriculum, den Stundenplan, Fach- und fächerübergreifenden Unterricht, Konferenzarbeit, der Zusammenarbeit mit außerschulischen Einrichtungen, Genossenschaften, dem didaktischen und methodischen Verständnis der Lehrkräfte …, werden mit anschaulichen Beispielen und Erfahrungen belegt.

Die fünfte Frage „Wie gelingt schülergenossenschaftliches Lernen?“ beinhaltet die pädagogisch-didaktische Auseinandersetzung mit den Charakteristika und den Lernarrangements, die bei Schülergenossenschaften notwendig sind; etwa dem Projektlernen, dem erfahrungsbasierten Lernen, dem informellen Lernen in Peergroups, dem selbstorganisierten Lernen und dem kooperativen Lernen als „community of practice“. Dass sich bei diesen Lernformen das Bild von der Lehrerrolle vom Frontalunterrichter hin zum Lerncoach verändern muss, zeigt eine der vielfältigen Reform- und Schulentwicklungschancen auf.

Fazit

Die umfangreiche und vielseitige Darstellung der Möglichkeiten, Probleme und Visionen über die pädagogische Bedeutung von Schülerfirmen als Schülergenossenschaften basiert auf der Reflexion von in mehrjährigen Forschungsprojekten entwickelten und beobachteten praktischen Erfahrungen. Die in Interviews und Praxisberichten ermittelten Ergebnisse werden gut nachvollziehbar dargestellt, so dass der Forschungsbericht nicht nur bestehende Projekte evaluiert, sondern auch Schulen, die Schülergenossenschaften einrichten wollen, wertvolle Anregungen bietet. Die optimistische Aussage eines Lehrers, der sich bei Schülergenossenschaften engagiert, steht am Schluss der Studie: „Geahnt habe ich es schon immer, jetzt wurde es bewiesen, dass die Schüler durchaus eine eigene Kompetenz besitzen, die an Fahrt aufnimmt, wenn man ihnen mehr Möglichkeiten gibt, das auch zu beweisen“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.11.2014 zu: Nicole Göler von Ravensburg: Schülergenossenschaft. Pädagogische Potenziale genossenschaftlich organisierter Schülerfirmen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. ISBN 978-3-8487-1305-9. Marburger Schriften zur genossenschaftlichen Kooperation ; Bd. 113. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17400.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


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