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Waldtraud Seidel-Höppner: Wilhelm Weitling (1808-1871). Eine politische Biographie

Cover Waldtraud Seidel-Höppner: Wilhelm Weitling (1808-1871). Eine politische Biographie. Teil 1 und Teil 2. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2014. 1866 Seiten. ISBN 978-3-631-64631-1. 169,00 EUR.

Schriftenreihe der Internationalen Forschungsstelle „Demokratische Bewegungen in Mitteleuropa 1770-1850“. Herausgegeben von Helmut Reinalter. Band 47.
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Thema

Man darf nicht davon ausgehen, dass jeder weiß, bei wem es sich um den in Magdeburg geborenen Schneidergesellen Wilhelm Weitling (1808-1871) handelt und warum ihm eine so umfangreiche politische Biographie gewidmet wird. Fassen wir daher seine Leistungen zusammen:

Weitling war Mitbegründer, Organisator und theoretischer Kopf der ersten organisierten deutschen Arbeiterbewegung, gab ihr als Ergebnis eines demokratischen Procedere eine kommunistische, auf eine soziale Revolution zielende Programmatik, und zwar gut zehn Jahre, bevor das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels erschien. Er verfasste zahlreiche Werke, die jeweils in mehreren Sprachen übersetzt wurden und in ganz Europa Verbreitung fanden. Zugleich war er als Journalist tätig und gründete eine Anzahl von überregional beachteten Arbeiterzeitungen. In der deutschen Revolution von 1848/49 unterstützte er die demokratische Linke und gab wichtige Impulse, die bis heute in der Forschung kaum Beachtung fanden. Zwischen 1846 und 1856 (mit Unterbrechung während der Revolution in Deutschland) entfachte er in Amerika als Gründer und Organisator der deutsch-amerikanischen Arbeiterbewegung eine umfangreiche politische Tätigkeit. Bis in seine letzten Lebensjahre betrieb er astronomische und naturwissenschaftliche Studien, die sich dem zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Interesse deutscher Sozialisten einordnen lassen. Weitling sorgte in sieben Ländern Europas und in 16 Staaten Nordamerikas für eine Verbreitung sozialer, sozialistischer und kommunistischer Anschauungen.

Es gibt für mich vor allem drei Gründe, die jemanden ohne eigene Fachkenntnisse veranlassen könnten, diese politische Biographie über Wilhelm Weitling zu studieren:

Da ist zunächst einmal das Interesse an der Frage, wie und warum unsere gegenwärtige Gesellschaft, ihre wirtschaftlichen Grundlagen und ihre politische Gestalt, das geworden ist, was sie ist. Beides verweist auf das 19. Jahrhundert, in dem die durch die Große Französische Revolution in Gang gesetzten politischen Entwicklungen und Revolutionen sowie die zuerst in England einsetzende und den gesamten Kontinent erfassende industrielle Revolution mit ihren wirtschaftlichen Krisen das neue kapitalistisch geprägte Gesicht der europäischen Welt hervorbrachten. Wie ist es zu diesem Ergebnis der doppelten Revolution gekommen? Gab es dagegen Proteste, Aufstände und Unruhen der von den diesen Prozessen unterworfenen Klassen? Gab es zu dieser Entwicklung alternative Entwürfe oder Varianten, aus denen etwas zu lernen wäre oder über die auch nur Bescheid zu wissen einer Bereicherung des historischen Wissens und des geschichtlichen Verständnisses gleichkommt?

Wenn wir in einem Staat leben, der sich als Sozialstaat versteht und der Garantie der Existenzbedürfnisse große Anstrengungen widmet, dann stellt sich doch die Frage, wie es dazu kam. Eine erste Antwort verweist auf die sozialen Programme der Parteien und Gewerkschaften, auf die Aktivitäten von Kirchen, Wohlfahrtsverbänden und anderen Organisationen. Doch greift dieses Verfahren zu kurz, insofern es nicht die Herkunft und Entstehung dieser Institutionen selbst klärt. Welche Kräfte haben nicht nur den Impuls gegeben, sozial gerecht zu denken und zu handeln, sondern haben diesen Impuls auf Dauer gestellt und in tragfähige Form gegossen? Man wird nicht alle sozialen und demokratischen Errungenschaften auf die sich formierende Arbeiterbewegung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückführen können. Aber als Initiator, Impulsgeber und Vermittler sozialistischen Denkens und Handelns und entscheidende, in der 2. Jahrhunderthälfte besonders in der und auf die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften wirkende Kraft wird sie auch nicht unterschlagen werden können.

Wenn heute das Recht auf Bildung und Wissen nahezu Wirklichkeit geworden ist, stellt sich auch hier die Frage nach den Anfängen. Auch Bildung und entsprechende Anstalten fallen nicht einfach vom Himmel, besonders nicht dann, wenn es um das einfache Volk geht. Es ist noch nicht so lange her, da gab es im Ruhrgebiet überhaupt keine Universitäten. Warum sollten die Arbeiterkinder ihrem vorgezeichneten Lebensweg durch Bildung und Wissen entgehen, und riefen Bildung und Wissen nicht nur Unzufriedenheit und Unruhe hervor? Es wundert nicht, dass es die Aktivitäten der Arbeiter selbst waren, die sich den bürgerlichen Bildungsprivilegien entgegenstellten und für sich selbst Bildung und Wissen beanspruchten und dafür auch eigene Aktivitäten entfalteten. Auch auf diesem Gebiet hat das Entstehen der Arbeiterbewegung Sprengkraft und wegweisenden Charakter gehabt.

Natürlich sind solche Entwicklungen, Ideen, Gedanken und Aktivitäten nicht bruchlos und ohne Umwege, nicht auf gerader Linie, sondern auf vielen, oft unterirdischen Wegen und mit Unterbrechungen wie Kriegen und politischen Regierungswechseln wirksam gewesen, doch sie lassen sich am geschichtlichen Material entdecken und ausmachen; Seidel-Höppner selbst spricht vom langen Atem der Geschichte. Diese Suche nach den Anfängen und dem Beginn ist kein Selbstzweck, sondern dient der Gegenwart als Orientierung und Wegweiser. Wenn es gutgeht, verbessert der geschichtliche Blick auf eine politische Gestalt, wie Weitling es war, nicht nur das geschichtliche Verständnis und Begreifen von längerfristigen Verläufen, sondern liefert uns auch eine Basis für soziales und gerechtes Handeln.

Es ist der berühmte Blick über den Tellerrand, für den ich hier plädiere und der oft neue Einsichten hervorbringt, alte Sichtweisen neu gruppiert und überhaupt frischen Wind in die eingeschliffenen Gedanken bringt.

Autorin

Waltraud Seidel-Höppner, die heute weit über 80 Jahre alt ist und das vorliegende Werk trotz annähernd vollständiger Erblindung nach jahrelanger Arbeit zum Abschluss bringen konnte, hat sich seit den 60er Jahren intensiv mit Wilhelm Weitling und dem frühen deutschen und französischen Sozialismus und Kommunismus des 19. Jahrhunderts beschäftigt. Viele in zahlreichen Publikationen dokumentierte Forschungen hat sie gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann Joachim Höppner durchgeführt (u. a. die mit umfassender Einführung 1975 herausgegebene zweibändige Textsammlung „Von Babeuf bis Blanqui“). Schon beizeiten hatte sie sich über die Grenzen der damaligen DDR hinaus internationales Ansehen erworben und galt aufgrund ihrer Forschungsarbeit als Wissenschaftlerin, die keineswegs bereit war, ihre Forschungsergebnisse dem in der DDR vorgegebenen Marxbild anzupassen. In der vorliegenden, ihre Lebensleistung bilanzierenden Arbeit sieht Seidel-Höppner denn auch eine kritische Auseinandersetzung mit Sichtweisen, die dem in der DDR vorherrschenden dogmatischen Marxverständnis geschuldet sind und von denen sie auch ihre eigenen früheren Arbeiten nicht gänzlich frei weiß; es geht ihr dabei um Kritik an einer konformistischen Geschichtsschreibung und um eine Rehabilitation des Sozialismus in Geschichte und Gegenwart. Ihre Forschungen befruchten heute viele an sozialen und politischen Grundsatzfragen interessierte Wissenschaftler in der ganzen Welt.

Inhalt

1789 bis 1848 gilt als das Zeitalter der Revolutionen. Doch darf man bei der Konzentration auf diese großen den europäischen Kontinent erfassenden Revolutionen (1789 - Juli-Revolution – 1848) nicht deren solide Grundlage und stetige Begleitung vergessen: den in dieser Zeit immerwährenden Kampf des Volkes um seine Subsistenz; jeder Revolution gehen massive Existenzkämpfe der Volksmassen voraus. Der Kampf um Lebensmittel, gegen Hunger und Teuerung, gegen hohe Sterblichkeitsraten und ungesunde Wohn-und Arbeitsverhältnisse und für das Recht auf Existenz kann als Folie allen politischen Bewegungen und Prozessen der Organisations- und Parteibildung der arbeitenden Klassen unterlegt werden. Die frühe Arbeiterbewegung entsteht auf der Grundlage und in vielfältiger Übersetzung einer breiten antikapitalistischen Volksbewegung und im Rahmen ökonomischer und sozialer Kämpfe.

Mitte der 30er Jahre sind in Paris etwa 15000 deutsche Handwerksgesellen tätig, vor allem Schneider, Schuster, Tischler und Schriftsetzer. In Paris, aber auch in London, der Schweiz und anderswo in Westeuropa können diese Gesellen in der Regel nicht in ihrem gelernten Beruf arbeiten und müssen als Fremdarbeiter die Arbeit nehmen, die sich gerade bietet. So verwandeln sich die zünftigen Handwerksgesellen nach und nach in auswechselbare Lohnarbeiter. Auch ihrem Selbstverständnis nach werden sie zu Arbeitern, die ihren proletarischen Status nicht mehr als Makel empfinden und bei denen sich ein Bewusstsein als eigene und selbständige Klasse entwickelt. Nicht zufällig wird eine herausragende Eigenschaft dieser im Ausland befindlichen Arbeiter eine internationale Grundhaltung sein, die sie der Mehrzahl der in der Heimat Arbeitenden voraus haben. Wichtig ist: Es handelt sich bei diesen Arbeitern um einen Teil der existierenden arbeitenden Klassen, nicht aber um ein von der großen Industrie gebildetes Proletariat, das erst zum Ende des Jahrhunderts dominant wird.

Die Sozialisierung und Politisierung der deutschen Arbeiter erfolgt hauptsächlich in den französischen Werkstätten. Sie beteiligen sich an Lohnkämpfen und an den politischen Debatten und werden somit mit mutualistischen, gewerkschaftlichen und sozialistischen Strömungen vertraut, aber auch mit den owenistischen und chartistischen Bestrebungen in England, die in Paris aufmerksam verfolgt werden. Die am Arbeitsplatz, in Versammlungen und in der Presse geführten Debatten über das Für und Wider unterschiedlicher Emanzipationsstrategien schärfen ihren sozialpolitischen Sinn und ihr Urteilsvermögen.

Seidel-Höppner widmet der Beschreibung der politischen Verhältnisse und des Standes der sozialen Auseinandersetzungen und Kämpfe in Paris, der Schweiz und Deutschland oder später in Amerika, große Aufmerksamkeit und Genauigkeit. Die von Weitling und seinen Mitstreitern formulierten Ideen und Vorstellungen werden so mit den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen in Bezug gesetzt und verständlich gemacht.

Die Schriften und journalistischen Arbeiten Weitlings werden von der Autorin genaustens danach befragt, welche Ideen und darin festgehaltene Erfahrungen sie im Interesse der Arbeiter aufnehmen und produktiv verarbeiten; mit dieser Verarbeitung und ihrer Transformation in einen neuen Kontext wechseln die Ideen und Gedanken ihre Identität. Keine wesentlichen Quellen scheinen dabei der Suche von Seidel-Höppner entgangen zu sein:

Wesentliche Gedanken der Aufklärung des 18. Jahrhunderts (u. a. Lehren des Materialismus, Natur und Naturerkenntnis, Erkenntnislehre, Kritik der Vorurteile und Religionskritik), die die sich aus der wachsenden ökonomischen Macht des Bürgertums und seiner politischen Ohnmacht ergebenden Probleme auf den Nenner der Kritik brachte, beeinflussen auch das Denken Weitlings in vielerlei Hinsicht. Einen besonders intensiven und bisher nicht beachteten Anstoß für seine materialistische Weltanschauung und Erkenntnistheorie erhält Weitling von dem Enzyklopädisten Paul Thiry D´Holbach, der die Bewegung und Entwicklung des Weltalls aus immanenten natürlichen Prozessen erklärt und Weitling auf eine universalwissenschaftliche Denkrichtung führt; er kann Bruno Bauers „Das entdeckte Christentum“, in dem entsprechende Auszüge aus dem „System der Natur“ zitiert sind, noch vor ihrem Druck im Jahre 1843 lesen und auswerten.

Diese Rezeption der Aufklärung geschieht auch über die an die Aufklärung anknüpfenden großen Utopisten Fourier und Saint-Simon und Owen sowie der Ideen ihrer Schüler und Schulen, die als wichtige Ideenquellen und Gedankenreservoir der Theoriebildung der Arbeiter beachtet werden. Besonders Fourier und Saint-Simon, die beiden großen französischen Zeitgenossen Hegels, statteten eine ganze Generation von Sozialreformern und Sozialrevolutionären mit neuem Problembewusstsein ihrer Epoche aus, wie Seidel-Höppner im Einzelnen nachweist.

Hinzu kommen Einflüsse und Überlegungen Owens, der Owenisten und der die Arbeitwertlehre eines Ricardo radikalisierenden Sozialisten (Charles Hall, Thomas Hodgskin, John Gray, William Thompson und John Francis Bray), die aus der Erkenntnis der Arbeit als Quelle des Reichtums und der Ausbeutung als Aneignung (Diebstahl) fremder Arbeit auch das Recht auf den vollen Arbeitsertrag ableiteten und somit das Selbstbewusstsein der Arbeiter stärken. 1842 liegt zudem Adam Smiths „Reichtum der Nationen“ nicht ungelesen in Weitlings Regal, wie aus Weitlings Abriss der Entstehung und Entwicklung der Eigentumsformen aus der fortschreitenden Arbeitsteilung in seinen „Garantien der Harmonie und Freiheit“ und aus der damit vollzogenen Überwindung rein naturrechtlicher Formen der Begründung des Kommunismus hin zu einer historisch- materialistischen Begründung gefolgert werden kann.

Die durch Buonarroti in den 30er und 40er Jahren wiederbelebten Einflüsse der jakobinischen und babouvistischenTheorien inspirieren den revolutionären Flügel des Arbeiterkommunismus (Albert Laponneray, Richard Lahautière, Jean-Jaques Pillot, Théodore Dézamy, Auguste Blanqui u. a.), aber auch den friedlichen Kommunismus Etienne Cabets und lenken das Interesse der Arbeiter auf die politische Machtfrage und auf die gütergemeinschaftliche Neuordnung. Auch hier verlaufen viele Fäden zu den deutschen Arbeitern. Schon für 1835/36 lässt sich eindeutig deren Kenntnis von Buonarrotis „Geschichte der Verschwörung Babeufs“ nachweisen.

Außerdem werden von Seidel-Höppner auch viele andere Ideen-und Gedankengeber in ihrer auch den kleinsten Übertragungsweg aufspürenden Analysen ermittelt: zum Beispiel Pierre Leroux und der umstrittene Félicité Robert de Lamennais oder Pierre-Joseph Proudhon.

Darüber hinaus fallen noch verschiedene auf die Arbeiter und Weitling einwirkende philosophische Richtungen in das Blickfeld. Es geht dabei vor allem um die Junghegelianer, Feuerbach und den von ihm ausgehenden philosophischen Kommunismus(wahren Sozialismus).

Bei den Nachweisen von einzelnen Einwirkungen auf die arbeiterkommunistischen Anschauungen setzt Seidel- Höppner immer wieder neue Akzente in der geschichtlichen Vermittlung und macht bisher vernachlässigte oder übersehene Einflüsse kenntlich. Hier kann der aufmerksame Leser unendlich viel über den Reichtum damalig kursierender Ideen und Gedanken erfahren. Für die Theoriebildung Weitlings gewinnen die früh feststellbare Lektüre von Saint-Simons „Briefe eines Genfers an seine Zeitgenossen“, die Lektüre von Adam Smith und John Francis Bray sowie der Schriften von Feuerbach und insbesondere von Paul Thiry D´Holbach einen neuen Stellenwert.

In der Darstellung Seidel- Höppners werden viele auch in der Fachliteratur tradierte Fehlurteile korrigiert. Dabei geht es zum Beispiel nicht nur um die richtige Verwendung der Bezeichnung des ersten Arbeiterbundes als Bund der Gerechtigkeit und eben nicht als Bund der Gerechten, wie es zumeist geschieht, oder um die gesicherte Feststellung, dass sich der Bund der Gerechtigkeit nicht am Pariser Aufstand der von Blanqui und Barbès geleiteten société des saisons (Gesellschaft der Jahreszeiten) beteiligt hat, sondern auch um grundsätzliche Fragen. So wenn immer noch geschrieben wird, dass Weitling eine Theorie des Diebstahls und eines stehlenden Proletariats vertreten habe. Oder wenn gesagt wird, dass Weitling ein Anhänger der Weibergemeinschaft sei; Gütergemeinschaft, so das Vorurteil, ziehe Vielweiberei geradezu nach sich. Oder wenn gegen jede historische Quellenlage immer noch behauptet wird, dass der Einfluss Weitlings spätestens seit der Auseinandersetzung mit Marx 1846 in Brüssel schwindet. Dazu zählt auch das Übersehen der Weitlingschen Praxis in der Revolution 1848/49, geschweige die Fehldeutungen seiner gesamten Amerika-Zeit. Besonders langlebig auch das Vorurteil, dass Weitling Intellektuelle unterschätzt und Gelehrte gehasst haben soll. Seine Beziehungen zu Lamennais, Heinrich Heine, Michael Bakunin, Karl Fröbel und vielen anderen und auch zu Marx und Engels sprechen eine andere Sprache; er erwartet übrigens den Umsturz der alten Welt und den Aufbau einer besseren von durchaus gebildeten Mitstreitern. Dies ist nur eine kleine Auswahl der Vielzahl der von Seidel-Höppner in jedem einzelnen Kapitel vorgenommenen Korrekturen am Weitling-Bild.

Einige Bausteine und Etappen der Tätigkeit und des Denkens von Weitling sollen jetzt in der gebotenen Kürze beschrieben werden. Der Leser soll so einen ersten Eindruck von diesem erstaunlich intensiven und trotz aller Niederlagen fruchtbaren Leben erhalten:

Gleich nach seiner Ankunft in Paris schließt sich Weitling dem von Jakob Venedey und Theodor Schuster geleiteten und geheim und hierarchisch organisierten Bund der Geächteten an, in dem sich deutsche politische Flüchtlinge und Handwerksgesellen zur Verwirklichung eines einheitlichen demokratischen Deutschlands zusammengetan hatten. Obgleich Schuster in seinen „Gedanken eines Republikaners“ mit der Konzeption einer sozialen Revolution dem sozialen Begehren der Arbeiter entgegenkommt, kann er deren Abwanderung aus der undemokratischen Organisation nicht aufhalten, in der sich inzwischen auch das Prinzip der Gütergemeinschaft breitgemacht hatte. Gleichwohl bleibt festzuhalten: Die Arbeiter werden insbesondere durch Schuster mit einem sozialistischen Begriff von Demokratie vertraut gemacht, sie werden zur politischen Meinungsbildung und Orientierung ermuntert, sie gewinnen Selbstvertrauen in ihre eigene intellektuelle und politische Bildungsfähigkeit, und sie üben sich in demokratischen Umgangsformen und in diszipliniertem Meinungsaustausch ein.

Die Abwanderung der Arbeiter führt 1838 zur Gründung des Bundes der Gerechtigkeit, dem alle von den Arbeitern in der Vorgängerorganisation gemachten Erfahrungen und Lernprozesse zugutekamen. In diesem Bund wurde bald eine intensive und demokratische Programmdebatte geführt, an deren Schluss die von Weitling verfasste Schrift „Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte“ verabschiedet wird. Es kann nicht oft genug betont werden: Diese erste Programmschrift der deutschen Arbeiterbewegung formuliert zehn Jahre vor der 48er Revolution und dem Kommunistischen Manifest den Kommunismus als Bewegung und Ziel des Kampfes der Arbeiter, schärft das Demokratieverständnis und verlangt als Ziel der bevorstehenden Revolution eine soziale Republik für Deutschland.

Drei besondere Aspekte dieser Schrift möchte ich aus der umfassenden Interpretation der Autorin hervorheben:

Weitlings Kommunismus stützt sich dabei auf Fouriers materialistische Anthropologie, die die menschliche Natur als Vielfalt verschiedener Triebe und Neigungen begreift. Anders als Babeuf verlangt er nicht mehr gleichen Anteil eines jeden am gesellschaftlichen Reichtum, sondern gleiche Bedingungen für alle Individuen, ihre von Natur ungleichen Fähigkeiten frei zu entfalten und ihre unterschiedlichen Bedürfnisse frei zu befriedigen. Mit der Einrichtung der Kommerzstunden findet Weitling für jeden eine Möglichkeit (nach der Abgleichung des allgemein gleichen Zeitbeitrages eines jeden entsprechend seiner Fähigkeiten zum Lebensnotwendigen), zusätzlich freiwillige gesellschaftlich notwendige Arbeit für den Bedarf nach Luxusbedürfnissen zu leisten. Die Verwirklichung des Gleichheitsprinzips verlangt keine Gleichmacherei in Produktion und Konsum, zumal der natürliche gegebene und gesellschaftlich produzierte Reichtum für eine solche Verteilung möglich ist.

Weitling fordert die seinerzeit ungewöhnlich weitgehende Gleichberechtigung der Frau in allen Daseinsbereichen (Bildung, Arbeitsleben und Politik) und verlangt die verfassungsrechtliche Verankerung gleicher Frauenrechte. Das wird sich in diesem Jahrhundert in keinem Parteiprogramm mehr finden. Auch hier mag ein fourieristischer Einfluss festgestellt werden können, da Fourier den Freiheitsgrad einer Gesellschaft am Stand der Befreiung der Frauen misst; aber auch saint-simonistische Einflüsse dürften eine Rolle spielen. Aber auch Weitlings eigene Kenntnisse der Bedeutung und Stellung von Frauen im häuslichen Bereich, in der Erziehung, in der Arbeitswelt und im sozialen Leben sowie bei sozialen Auseinandersetzungen dürften sich hier widerspiegeln.

Weitling zählt religiöse Toleranz zu der Grundausstattung einer jeden um politische Akzeptanz im Volke bemühten Emanzipationsbewegung. Er hält damit an der von Buonarroti aus der Großen Revolution übermittelten Erfahrung der negativen Auswirkungen der Entchristianisierungsbewegung und des atheistischen Fundamentalismus 1794 fest und bewahrt sie für die Arbeiterbewegung. In der Religion sieht er auch eine sozialrevolutionäre Seite und die Möglichkeit, die Unterklassen insgesamt stärker in den sozialen Protest einzubeziehen. Er wird einen rein die Mentalität des arbeitenden Volkes verachtenden negativen Atheismus nie billigen.

Überspringen wir die sehr produktive Schweizer Zeit Weitlings, in der er u. a. eine von Arbeitern für Arbeiter geschriebene Monatsschrift herausgibt, eine rege Vereinstätigkeit ausübt und zahlreiche Bundesgemeinden und kommunistische Bildungsvereine gründet, sein die „Menschheit“ systematisch ausbildendes und von Seidel-Höppner intensiv analysiertes Hauptwerk „Garantien der Harmonie und Freiheit“ verfasst, am Manuskript seiner Bibelkritik „Evangelium der armen Sünder“ arbeitet und in Zürich u. a. wegen Diebstahl, Aufreizung zum Aufruhr und Religionsstörung verhaftet und nach einem Jahr Einzelhaft, die er in seiner „Gerechtigkeit“ und in seinen „Kerkerpoesien“ verarbeitet, nach Preußen deportiert wird.

Auch seine Londoner Zeit, in der Weitling im dortigen Arbeiterbildungsverein mit den Mitgliedern des Bundes der Gerechtigkeit kontrovers über Zeitpunkt, Reife und Notwendigkeit einer kommunistischen Revolution, über Propaganda, Aufklärung und die Notwendigkeit von Systemen diskutiert, kann hier nicht dargestellt werden. Statt dessen resümieren wir die Diskussionen Weitlings mit Marx in Brüsseler Korrespondenzkomitee 1846:

Es geht um die Frage nach dem Charakter der kommenden Revolution. Marx, der den Vorrang der bürgerlichen Revolution vertritt, muss die auf eine kommunistische Umwälzung zielende Strategie Weitlings bekämpfen. Er macht dies, indem er ohne weitere Ausführungen alle kommunistischen Theorien der vorindustriellen Epoche als unwissenschaftlich abtut und sich u. a. auch gegen jede Form der Anwendung des Gefühls ausspricht. Zu diesem Zeitpunkt kann Marx seine eigene Position keineswegs wissenschaftlich-ökonomisch untermauern. Sein Kontrahent, der viele Arbeiterkommunisten hinter sich weiß, ist durch die Aneignung der Theorien der Linksricardianer auf der wissenschaftlichen Höhe der Zeit und hat diesen Schritt Marx/Engels weit voraus. Was das Gefühl angeht, so misst er im Anschluss an die materialistische Anthropologie Feuerbachs und Holbachs dem Gefühl als Vorstufe des Wissens und als Form spontanen Bewusstseins eine erkenntnistheoretische Funktion zu. Das und seine Erfahrungen mit der elementaren Arbeiterbewegung, ihrer demokratischen Kultur und ihrem Respekt vor anderen Ansichten geben Weitling in diesen ergebnislos geführten Diskussionen Sicherheit und Standfestigkeit.

Die auch von Marx und Engels geteilten Schwächen des Junghegelianismus – Abwehr des Gefühls, Atheismus, elitärer intellektueller Hochmut, übersteigerter Rationalismus, autoritäre Umgangsformen gepaart mit Vasallentum – stehen ihnen bei der Verständigung mit dem Arbeiterkommunismus eines Weitling im Wege. In Brüssel treffen auch zwei unterschiedliche Mentalitäten aufeinander.

Bis hierhin reicht meine Besprechung. Auf die weitere Entwicklung, die Aktivitäten Weitlings in der Revolution 1848/49 und seine beeindruckende Tätigkeit in der „Republik der Geldsäcke“, in Nordamerika und New York also, kann und will ich nicht mehr eingehen. Ich wollte Interesse an der Lektüre wecken und keinen Ersatz dafür bieten.

Fazit

Da die Anschaffung dieses Werkes das Budget vieler Studenten übersteigt, dieses Werk aber ein solch beeindruckendes Panorama der sozialen Ideen- und Gedankenwelt sowie der sozialen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts auf zwei Kontinenten entwirft, sollte es jedenfalls in den Fachbibliotheken für eine intensive Lektüre erreichbar sein.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 11.02.2015 zu: Waldtraud Seidel-Höppner: Wilhelm Weitling (1808-1871). Eine politische Biographie. Teil 1 und Teil 2. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2014. ISBN 978-3-631-64631-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17409.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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