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Andreas Engelen, Eva Tholen: Interkulturelles Management

Cover Andreas Engelen, Eva Tholen: Interkulturelles Management. Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH (Stuttgart) 2014. 310 Seiten. ISBN 978-3-7910-3248-1. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 54,00 sFr.
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Thema

Nationale Kultur hat einen wesentlichen Einfluss auf die Zusammenarbeit zwischen Individuen verschiedener Nationen. Ein mangelndes Verständnis dieser nationalen Kultur im Management kann zu Fehlentscheidungen und damit zu Frustration der handelnden Individuen führen. Deshalb möchten Engelen und Tholen in diesem Buch einen Überblick über die theoretischen Grundlagen und Ergebnisse aus der noch recht fragmentierten empirischen Forschung strukturiert aufbereiten und mit Beispielen unterlegen.

Autoren

Professor Dr. Andreas Engelen ist seit 2011 Inhaber des Lehrstuhls für Unternehmensführung an der TU Dortmund. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im interkulturellen Management sowie der marktorientierten und innovationsorientierten Unternehmensführung. Engelen ist Autor zahlreicher nationaler und internationaler Publikationen und lehrt als Gastprofessor an der Chulalongkorn University in Bangkok. Zwischen Promotion und Habilitation war er zwei Jahre Berater bei McKinsey & Company in Düsseldorf.

Dr. Eva Tholen ist externe Forscherin am Lehrstuhl von Professor Dr. Engelen.

Aufbau

Das Buch hat zum Ziel, einen aktuellen Abriss über wissenschaftliche Theorie und empirische Forschungsergebnisse strukturiert aufzuarbeiten und aus der Gesamtheit der Studien allgemeine Empfehlungen abzuleiten. Nach definitorischen Grundlagen in Kapitel 1 und 2 wird in den Kapiteln 3 und 4 untersucht, wie sich nationale Kultur auf zentrale Managementfunktionen auswirkt und welche Rolle sie bei ausgewählten Managemententscheidungen spielt. Kapitel 5 diskutiert methodische Herausforderung der empirischen Forschung. Kapitel 6 stellt exemplarisch vier nationale Kulturen mit ihren besonderen Eigenschaften dar.

Zu Kapitel 1: Einführung in das Interkulturelle Management

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit grundlegenden Fragen der Entstehung und Bedeutung des Interkulturellen Managements und der diesbezüglichen Forschung. Internationalisierungsentscheidungen und ihre Erfolgs- bzw. Misserfolgsgeschichte werden an Beispielen von Walmart, Metro, DM und der indischen Softwarebranche erläutert.

Zu Kapitel 2: Zum Begriff der nationalen Kultur

Kapitel 2 definiert den Begriff der nationalen Kultur und stellt verschiedene Kulturdimensionsschemata einander vergleichend und kritisch gegenüber. Dabei werden die Dimensionen von Hall, Hofstede, Schwartz, Trompenaars & Hampden-Turner sowie die GLOBE-Studie von House et al. strukturiert und detailliert mit ihren Dimensionen und einigen empirischen Ergebnissen vorgestellt. Während die Dimensionsschemata ein nützliches Werkzeug darstellen, mit dem sich Kulturen vergleichen und durch kulturelle Dimensionen messen lassen, gibt es auch umfangreiche Kritik an diesen Konzepten, die z.B. kulturelle mit nationalen Grenzen gleichsetzen und teilweise (Hofstede) nicht im Vorfeld, sondern erst nachträglich theoretisch fundiert sind. Empirische Befunde sind teils mehrere Jahrzehnte alt und beruhen auf Selbstauskünften, nicht auf tatsächlichem Verhalten. Lediglich die GLOBE-Studie unterscheidet im Fragebogen zwischen Soll- und Ist-Ausprägungen der Wertehaltungen.

Zu Kapitel 3: Der Einfluss nationaler Kultur auf Managementfunktionen

In diesem Kapitel wird für die fünf zentralen Managementfunktionen Planung, Organisation, Personal, Führung und Kontrolle untersucht, welchem Einfluss durch nationale Kultur sie unterliegen. Die Autoren unterscheiden die empirischen Studien in deskriptive Studien, in denen nationale Kultur durch eine oder mehrere Kulturdimensionen als unabhängige Variable repräsentiert wird und auf einen Managementansatz wirkt, sowie normative Studien, die nationale Kultur als Moderatorvariable einer Beziehung zwischen einem Managementansatz und einer abhängigen Variablen untersuchen.

  1. Planung. Innerhalb der Planungsfunktion werden Leitbilder und Ziele, strategische und operative Planung sowie die Ausgestaltung des Planungsprozesses als zentrale Themenfelder behandelt. Die empirischen Studien in den drei Themenbereichen bestätigen eine Kulturabhängigkeit der Planungsfunktion insbesondere Abhängigkeiten von den Hofstede-Dimensionen Unsicherheitsvermeidung, Individualismus/Kollektivismus und Machtdistanz, sowie vereinzelt Maskulinität/Femininität. Einige Studien unterscheiden nach GLOBE zwischen institutionellem und gruppenbasiertem Kollektivismus.
  2. Organisation. Zentrale Themenbereiche der Organisation, Differenzierung, Integration, Unternehmenskultur und Netzwerke werden in ihrer Bedeutung kurz vorgestellt. Die empirischen Studien messen kulturelle Unterschiede in der Ausgestaltung dieser Organisationsthemen in Hofstede-Dimensionen, wobei sie vor allem die Dimensionen Individualismus/ Kollektivismus und Machtdistanz (teilweise in Interkation mit Unsicherheitsvermeidung) prüfen und hier auch signifikante und bedeutsame Zusammenhänge finden, die tabellarisch übersichtlich zusammengefasst sind. Eine Ausnahme bildet die Studie von Unternehmenskulturtypen (Deshpandé & Farley, 2004), die, allerdings mit sehr unterschiedlichen Schwerpunkten, in allen untersuchten Nationen zu finden waren.
  3. Personal. Die Autoren untersuchen die Personalfunktionen Planung des Personalbedarfs, Personaleinsatz, Personalveränderung und Personalentlohnung als zentrale Fragestellungen. Empirische interkulturelle Studien ermitteln Zusammenhänge zwischen nationaler Kultur und diesen Teilgebieten. Die meisten Erkenntnisse ergeben sich aus Zusammenhängen mit Unsicherheitsvermeidung, Individualismus/ Kollektivismus und Machtdistanz und, in geringerem Maße, zu den anderen Hofstede-Dimensionen sowie zu den GLOBE-Dimensionen Leistungsorientierung, Bestimmtheit und Zukunftsorientierung.
  4. Führung. In Bezug auf Führung werden die Bereiche Mitarbeitermotivation, Führungseigenschaften, Führungsstile und Konfliktmanagement untersucht. Obgleich unzählige Führungstheorien entwickelt wurden, gibt es bis heute keine allgemeingültige Führungstheorie. Die Autoren stellen zunächst verschiedene Theorien, Modelle und Typologien zu den genannten Bereichen vor. Darauf folgt wieder ein Überblick über die empirische Forschung und deren Ergebnisse. Während sich in allen Teilbereichen Kulturabhängigkeiten zeigen, sind die Ergebnisse zu Führungsstilen teils widersprüchlich. Als bedeutsam erweisen sich wieder die Hofstede-Dimensionen Individualismus/Kollektivismus und Machtdistanz. Weiterhin wurden die GLOBE und MBTI (Myers-Briggs) Typologien vorgestellt und die Maslow´sche Bedürfnispyramide der asiatischen gegenübergestellt. Halls Kontext-Konzept und Schwartz´ Grad der Einbettung konnten Konfliktvermeidung und offene -austragung zu erklären.
  5. Kontrolle. Kontrolle ist eng mit Planung verbunden, eines ohne das andere ist kaum möglich bzw. wenig sinnvoll. Die Autoren unterscheiden deshalb analog zur Planung strategische und operative Kontrolle, sowie verschiedene Formen der Ausgestaltung. In den wenigen vorhandenen empirischen Studien zur Kontrolle ließen sich kulturelle Abhängigkeiten entlang der Dimension Unsicherheitsvermeidung finden, ebenso wie in Hofstedes Modell der Unternehmenskulturen, das Unsicherheitsvermeidung mit Machtdistanz verbindet.

Zusammenfassend halten Engelen und Tholen fest, dass einige Ausprägungen in allen Kulturen wirken, wie z.B. Networking-Aktivitäten des Topmanagements, allerdings in unterschiedlicher Stärke oder Wichtigkeit, andere jedoch eine stärkere Kulturabhängigkeit aufweisen. Nach einer Studie von Engelen (2007) lässt sich nach Ansicht der Autoren vorsichtig vermuten, dass die Stärke des Kultureinflusses auf Managementfunktionen mit zunehmender Betroffenheit des menschlichen bzw. zwischenmenschlichen Verhaltens steige, also besonders stark im Führungsstil und Personaleinsatz und schwächer bei Planungsinhalten und Formalisierungen zu Tage trete. Untersucht wurden vorrangig die drei Hofstede-Kulturdimensionen Individualismus/Kollektivismus, Machtdistanz und Unsicherheitsvermeidung.

Zu Kapitel 4: Der Einfluss nationaler Kultur auf Querschnittsthemen des Managements

In diesem Kapitel werden in analoger Systematik die zwei Querschnittsthemen Corporate Governance und Transformationsprozesse untersucht.

  1. Corporate Governance. Corporate Governance umfasst den rechtlichen und kapitalmarkt-faktischen Ordnungsrahmen guter und ordnungsgemäßer Unternehmungsführung. Dabei fokussiert das angelsächsische Governance-Modell vornehmlich auf den Interessenschutz der Kapitaleigner (Shareholder), während das europäische Modell daneben auch die Interessen der Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden (Stakeholder) schützt. Empirische Studien bestätigen eine Kulturabhängigkeit von Corporate Governance insbesondere in den Dimensionen Unsicherheitsvermeidung, Individualismus/Kollektivismus und Machtdistanz. Einflüsse wurden auch für Maskulinität/Femininität sowie die Schwartz-Dimensionen Einbettung/Autonomie und Harmonie/Überlegenheit gefunden. Untersucht wurden die abhängigen Variablen Bedeutung und Ausgestaltung von Coporate Governance, die Bedeutung von Bilanzpolitik und Ergebnissteuerung, der Schutz der Anteilseigner, Zusammensetzung des Aufsichtsrats und Akzeptanz der Doppelfunktion von Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzendem.
  2. Transformationsprozesse. Transformationsprozesse (in der Literatur auch „Change Management“ oder „Organisationsentwicklung“) bezeichnen Anpassungen des Unternehmens an technischen Fortschritt, neue Marktgegebenheiten, Fusionen oder Partnerschaften bzw. externe oder interne Veränderungen mit dem Ziel des Fortbestandes des Unternehmens. Sie durchlaufen nach Lewin (1947) die Phasen „Unfreezing“, „Moving“ und „Refreezing“ und sind oft zu Beginn mit Widerständen verbunden. Die empirische Forschung zur Kulturabhängigkeit von Transformationsprozessen steckt noch in den Anfängen, die gleichwohl zeigen, dass die Wichtigkeit und Ausgestaltung solcher Prozesse über nationale Kulturen variieren kann. So sind beispielsweise Mitarbeiter in individualistischen Kulturen eher zu Veränderungen bereit, wenn die Bedeutung individueller Vorteile gegenüber Gruppenvorteilen betont wird.

Zu Kapitel 5: Methodische Problemfelder in empirischer interkultureller Forschung

Im fünften Kapitel werden methodische Problemfelder der Auswahl und Messung nationaler Kulturen, der Datenerhebung und -auswertung sowie der Dokumentation und Interpretation der Ergebnisse dargestellt. Die Autoren stellen insbesondere Methoden vor, um Verzerrungen im Antwortverhalten sowie alternative nationale Einflussgrößen und ethnozentrische Verzerrungen bei der Interpretation der Ergebnisse zu kontrollieren.

Zu Kapitel 6: Beispiele konkreter nationaler Kulturen

Anhand der vier nationalen Kulturen USA, Frankreich, Schweden und China werden beispielhaft unter Bezugnahme der Ausprägungen relevanter Kulturdimensionen die jeweiligen landestypischen Besonderheiten der fünf Managementfunktionen aus Kapitel 3 dargestellt. Dabei wechseln die Autoren von einer „etischen“ (= kulturübergreifenden) Sichtweise zu einer „emischen“ (=kulturspezifischen) Darstellung.

Diskussion

Engelen und Tholen schlagen mit ihrem Buch „Interkulturelles Management“ eine Brücke zwischen kulturvergleichender und Managementforschung. Sie stellen zentrale Theorien und Modelle beider Forschungszweige vor, erklären systematisch zentrale Managementfunktionen in ihrer Bedeutung und geben einen breiten Überblick über den gegenwärtigen Stand der empirischen Forschung zu kulturellen Einflüssen auf die Managementfunktionen. Jeweils im Anschluss an die Vorstellung und Interpretation der einzelnen Studien zu einer Managementfunktion werden die empirischen Befunde nochmals tabellarisch zusammengefasst, was das Buch sehr strukturiert und übersichtlich macht.

Das hat den Vorteil, dass sich Leser, die nicht an der Lektüre der einzelnen empirischen Studien interessiert sind, einen fundierten Überblick über den Stand der Forschung verschaffen können. Andererseits können sich Interessierte zusammenfassend über alle Studien informieren und bei Bedarf über die Quellenangaben in die Details einsteigen. Darüber hinaus finden wir über das Buch verstreut zahlreiche Beispiele aus bekannten Unternehmen.

Diese Flexibilität im Aufbau und Gründlichkeit in der Darstellung machen das Buch nicht nur für Studenten des interkulturellen Managements, sondern auch für Forscher, Manager und interkulturelle Berater oder Trainer attraktiv zu lesen.

Fazit

In dem sehr gut strukturierten Buch „Interkulturelles Management“ erhält der Leser einen breiten und fundierten Überblick über interkulturelles Management, kulturvergleichende Forschung sowie über den Stand der empirischen Forschung zu nationalen kulturellen Einflüssen auf zentrale Managementfunktionen. Dabei ist es den Autoren gelungen, das Buch sowohl mit hinreichender theoretischer und empirischer Tiefe als auch mit übersichtlichen Zusammenfassungen der wesentlichen Ergebnisse auszustatten.


Rezension von
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
Dipl. Kauffr.; MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 27.11.2014 zu: Andreas Engelen, Eva Tholen: Interkulturelles Management. Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-7910-3248-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17417.php, Datum des Zugriffs 30.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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