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Christine Demmer: Biografien bilden

Cover Christine Demmer: Biografien bilden. Lern- und Bildungsprozesse von Frauen mit Behinderung im Spannungsfeld von Teilhabe und Ausschluss. Projekt Verlag 2013. 397 Seiten. ISBN 978-3-89733-276-8. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 28,50 sFr.

Beiträge zur Sozialästhetik, Bd. 11.
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Thema

Die biografieanalytische Studie nimmt sich der Frage an, wie Frauen mit Behinderung ihre Biografie und damit gleichsam ihr Geschlecht und ihre Behinderung vor dem Hintergrund ambivalenter individueller und gesellschaftlicher Bedingungen konstruieren.

Autorin

Dr. Christine Demmer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik, Universität Siegen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der erziehungswissenschaftlichen Biografieforschung, in der Untersuchung von Geschlecht und Behinderung in der Erziehungswissenschaft sowie in der ästhetischen Bildung.

Entstehungshintergrund und Aufbau

Die 2012 als Dissertation vorgelegte und 2013 erschienene Publikation spannt in sechs großen Kapiteln, zzgl. Anhang und Literatur, den Forschungsbogen einer qualitativen Arbeit auf.

Inhalt

Die Einleitung gibt erste Einblicke in die Studie: Das Erkenntnisinteresse und die Forschungsfragen werden skizziert, das Forschungsdesign wird angekündigt und grundlegende Annahmen werden dargelegt. Bereits hier werden erste alltagsweltliche Konnotationen der Begriffe Geschlecht und Behinderung aufgezeigt – Behinderung ist zumeist negativ besetzt, Geschlecht nicht. Beide – Geschlecht und Behinderung – sind jedoch an den Körper geknüpft und reichen in soziale Interaktionen hinein, sodass zumindest die „Behinderten“ zu einer individuellen Deutung und Bearbeitung herausgefordert werden.

Im zweiten Kapitel werden die theoretischen Grundlagen erläutert. Hierzu wird zunächst auf erziehungswissenschaftliche Diskurse um die Begriffe Lernen, Bildung und Biografie eingegangen. Anschließend wird die Kategorie Geschlecht als soziale und biografische Konstruktion im erziehungswissenschaftlichen Diskurs verankert. Darauf folgend wird Behinderung als sowohl innerhalb als auch zwischen den Fachdisziplinen unterschiedlich diskutiertes Phänomen skizziert. Nach der Auseinandersetzung mit „doing biography“, „doing gender“ und „doing disability“ findet die theoretische Rahmung der empirischen Studie mit dem Begriff „Gendering disability“ ihren Abschluss. Hervorzuheben ist an diesem Kapitel die Vielfalt der Perspektiven, in die die Arbeit eingebettet zu sein scheint. Die Autorin bietet mit ihren Ausführungen vielfältige Annäherungen und Auseinandersetzungen für Leser ganz unterschiedlicher eigener fachwissenschaftlicher Verortungen.

Die methodischen Grundlagen werden im dritten Kapitel offengelegt: Um die Verflechtungen zwischen den Konstruktionen zu Geschlecht und Behinderung im biografischen Kontext zu rekonstruieren, wurden autobiographisch-narrative Interviews mit acht Frauen durchgeführt. Nach der kompletten Transkription der Audioaufzeichnungen der Interviews wurde für die Datenauswertung auf verschiedene Methoden zurückgegriffen: Vier Interviews wurden mithilfe der Topos-Analyse von Theodor Schulze entsprechend ihrer Tradition hermeneutisch interpretiert, wobei zunächst auf einen Topos abgezielt wurde, um anschließend zirkulierend das Datenmaterial unter Berücksichtigung inhaltlicher (Was-Fragen) und prozessualer (Wie-Fragen) Besonderheiten auszulegen. Gleichzeitig wurde das narrationsstrukturelle Auswertungsverfahren biografischen Materials von Fritz Schütze sowie die Methodologie der Grounded Theory berücksichtigt.

Das vierte Kapitel gibt einen Einblick in das Datenmaterial, indem zu allen acht befragten Frauen biografische Kurzporträts abgebildet werden. Die Rekonstruktion von vier Lebensgeschichten erfolgt im siebten Kapitel entsprechend der Forschungsfrage.

Das fünfte Kapitel stellt die Ergebnisse der Studie zu folgenden Schwerpunkten vor:

  • „Behinderung als biografisches Lern- und Bildungsphänomen“
  • „‚Geschlecht‘ und ‚Behinderung‘ – Zur Dimensionierung komplexer Verflechtungen der Subjektperspektive“
  • „Das kollektive Lernfeld ‚Inklusion‘ – Wie kann Gesellschaft inklusiver werden?“

Rückblickend wird im sechsten Kapitel der Arbeit das eigene Studiendesign vor dem Hintergrund der vorgelegten Ergebnisse betrachtet. Zudem werden offene Forschungsfragen skizziert.

Diskussion

Die Autorin setzt im ca. 100 Seiten umfassenden Ergebniskapitel die zuvor empirisch hervorgebrachten Befunde mit bereits vorliegenden Erkenntnissen (z.B. von Winfried Marotzki, Theodor Schulze oder Wolfgang Klafki) ins Verhältnis. Einige der Ergebnisse sollen hier kurz skizziert werden: Hinsichtlich der Frage, als was und wie Behinderung erlernt wird, zeigt die Studie u.a., dass die Anstrengungen um Selbst- und Mitbestimmung – als Kennzeichen eines Bildungsprozesses – für die Frauen mit Behinderung zu einer existentiell relevanten Bildungsaufgabe werden: „Behinderung macht hervortretende Bemühungen erforderlich, sich gegen fremde Bestimmungen durchzusetzen.“ (S. 256) Da jedoch die behinderten Frauen zwischen der „Welt der Behinderten“ und der „Welt der Nichtbehinderten“ unterscheiden, kann hier sogar von einer Veränderung der Selbst- und Weltenreferenzen gesprochen werden. Beeinflusst werden die Bildungsbemühungen zudem von asymmetrischen Beziehungskonstellationen und der von außen erfolgenden Zuschreibung von Inkompetenz im Kontext der Behinderung, sodass die Frauen sich teilweise in einer „dauerhaften Bewährungsprobe“ befinden (vgl. S. 258) oder gar um das Ausformen ihrer Potentiale gebracht werden. Selbst- und Weltreferenz befinden sich dadurch mitunter in einem nicht ausgewogenen Verhältnis (vgl. S. 260). Bezüglich des Verhältnisses von Geschlecht und Behinderung zeigt die Studie u.a. auf, dass eine Behinderung, von der Frauen betroffen sind, kritische Lebenslagen von Frauen noch verstärken kann. Innerhalb der Gruppe der Frauen führt Behinderung zu einer Ausgrenzung von weiblicher Normalität. Vor diesem Hintergrund hat das vordergründige Rekurrieren auf die Kategorie Geschlecht dann die Funktion der Herstellung von Normalität. Aber: „Die über den Bezugsrahmen Geschlecht erzeugte ‚Normalität‘ ist eine brüchige, da Geschlecht nicht unabhängig von Behinderung und damit von einem potenziellen Exklusivitätsstatus wirksam wird.“ (S. 316)

Fazit

Die Studie nimmt sich in besonderer Weise dem Verhältnis von Biografie – Geschlecht – Behinderung vor dem Hintergrund ambivalenter individueller und gesellschaftlicher Bedingungen an. Aufgrund der eingangs vorgenommenen umfangreichen theoretischen Rahmung und der immer wieder stattfindenden theoretischen Rückbindung der empirischen Ergebnisse ist diese Studie sowohl für Praktiker/innen als auch für Wissenschaftler/innen, die im Kontext eben jenes Spannungsverhältnisses von Biografie – Geschlecht – Behinderung arbeiten, empfehlenswert. Die sprachliche Klarheit ganz ohne Allüren trägt zudem zu einem kurzweiligen Lesevergnügen der fast 400 Seiten umfassenden Arbeit bei.


Rezensentin
Jun.-Prof. Astrid Seltrecht
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Fakultät für Humanwissenschaften, Institut I, Fachdiziplin Berufs- und Betriebspädagogik. Schwerpunkte: Fachdidaktik Gesundheit und Pflege, Gesundheits- und Pflegewissenschaft, Erziehungswissenschaft, Hochschuldidaktik
Homepage www.ibbp.ovgu.de/Institut/Fachdidaktik+Gesundheits_ ...
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Zitiervorschlag
Astrid Seltrecht. Rezension vom 26.01.2015 zu: Christine Demmer: Biografien bilden. Lern- und Bildungsprozesse von Frauen mit Behinderung im Spannungsfeld von Teilhabe und Ausschluss. Projekt Verlag 2013. ISBN 978-3-89733-276-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17419.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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