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Helmut Linnenbank, Yasemin Ait Ichou u.a.: Hilfeschrei im Klassenzimmer

Cover Helmut Linnenbank, Yasemin Ait Ichou, Hans-Werner Uchner: Hilfeschrei im Klassenzimmer. Frühe Formen der Schulverweigerung im Grundschulalter und die Frage nach den Interventionsmöglichkeiten. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. 272 Seiten. ISBN 978-3-643-12194-3. 24,90 EUR.
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Thema

Praxisorientierte Interventionsmöglichkeiten im “Neuen Lernort“ für SchulverweigerInnen in der Grundschule: Konzeptioneller Rahmen und Evaluation.

Autoren und Autorin

Prof. Dr. Helmut Linnenbank ist pensionierter Erziehungswissenschaftler und Leiter des Instituts für soziale Innovation.

Yasemine Ait Ichou ist Diplom-Journalistin, Erzieherin, Heilpädagogin und pädagogische Leiterin des „Neuen Lernort“ in Dortmund.

Hans-Werner Uchner ist Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender des Trägerverein des „Neuen Lernort“ und weiterer sozialer Organisationen in Dortmund.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand aus einem Evaluationsprojekt, welches Interventionsmöglichkeiten für SchulverweigerInnen auslotet. Das 2003 in Dortmund, in einem „Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf“ begonnene Projekt bietet Alternativen für die begrenzten Interventionsmöglichkeiten von LehrerInnen im Klassenzimmer, indem an einem eigenen Ort, intensive Einzelbetreuungen ermöglicht werden.

Aufbau

Das Buch ist in zwei kleinere und zwei größere Abschnitte unterteilt.

  1. Hans-Werner Uchner gibt einen kurzen Überblick zur Entstehungsgeschichte des Projekts, welches dann ausführlich von der pädagogischen Leiterin und Mitautorin Yasemine Ait Ichou vorgestellt wird.
  2. Ebenso ausführlich stellt Helmut Linnenbank dann die wissenschaftliche Begleitung vor. Abschließend werden nochmals kurz die Interventionsmöglichkeiten zusammengefasst.

Inhalt

In der kurzen Entstehungsgeschichte des „Neuen Lernort“ durch Hans-Werner Uchner (S. 5-15) wird deutlich, warum im Dortmunder Stadtteil Scharnhorst-Ost der Bedarf an neuen pädagogischen Interventionsmöglichkeiten über die Jahre angewachsen ist. Der Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts auf der „grünen Wiese“ entstandene Stadtteil wurde notwendig, weil es massiv an Wohnraum mangelte. Die mit öffentlichen Mittel gebauten Wohneinheiten konnten nur von Menschen mit einem Wohnungsberechtigungsschein gemietet werden. Die Folge war, dass viele junge Familien mit ihren Kindern kamen. Diejenigen Familien, die später höhere Einkommen bezogen, kehrten dem Stadtteil den Rücken, andere blieben, viele Migrantenfamilien kamen hinzu. Heute ist es der bevölkerungsstärkste Stadtteil Dortmunds, indem 50 % der Kinder in SGB-II-Bedarfsgemeinschaften leben. An den Grundschulen im Stadtteil wurde es immer schwieriger für die dortigen LehrerInnen auf die unterschiedlichen komplexen sozioökonomischen und kulturellen Problemlagen der Kinder individuell einzugehen, weshalb sich ab 2003 sukzessive das Projekt „Neuer Lernort“ entwickelte.

Yasemine Ait Ichou stellt dann ausführlich diesen neuen Lernort vor. (S. 17-122) Wir erfahren zunächst etwas über die äußeren Bedingungen des pädagogischen Handelns, also über den Lern- und Lebensort, seine „Abenteuer und Faszination“ ausstrahlende Umgebung mit einem alten Wasserturm, Gemüse- und Kräutergärten, einer vielfältigen Tierwelt und einem großen Gruppenraum. Wichtig an diesem Ort ist auch die Zeitdimension, denn gegenüber der Hektik des Alltags- und Schullebens wird hier Wert gelegt auf eine „achtsame Zeitkultur“. (32) Innerhalb dieser Raum-Zeit-Struktur sind drei Personenkreise, die im Folgenden beschrieben werden, zentral: Die Kinder und das Team, die LehrerInnen und Eltern und Partner und Netzwerke im Umfeld. Die Kinder kommen auf Empfehlung der LehrerInnen und sind zwischen 5 und 13 Jahre alt, davon 80 % Jungen. Zwei Drittel haben einen Migrationshintergrund (Russland, Türkei, Polen und arabische Länder). Das Team besteht aus temporären MitarbeiterInnen (Ehrenamtliche, Auszubildende, Studierende), der Projektleiterin und zwei männlichen Kollegen. Zu den Eltern gibt einen kontinuierlichen Kontakt, sie können jederzeit vorbeikommen oder anrufen, um etwas zu besprechen. Die Kooperation mit den acht Grundschulen und der einen Förderschule im Stadtteil Scharnhorst umfasst ein „großes Spektrum an gegenseitigen bereichernden Lern- und Unterstützungsmöglichkeiten.“ (42) Weitere Kooperationen existieren mit dem Familienbildungswerk, der Schulsozialarbeit, wie dem Jugendamt, dem Abenteuerspielplatz und einigen Kindergärten. Das pädagogische Konzept basiert auf Erkenntnissen der Gehirn- und Resilienzforschung, nicht zuletzt aber auf „vertrauensvollen Beziehungen, jenseits von (Leistungs-)Bewertung, Angst, Druck und Machtkonstellationen.“ (44) Rhythmisches und künstlerisches Gestalten ebenso wie handwerkliche, kreative und schöpferische Arbeiten dienen der Steigerung des Selbstwertgefühls wie der Persönlichkeitsentwicklung. Einen besonderen Stellenwert besitzt die Freundschaftsgruppe, in der über alles geredet werden kann, es eine wechselseitige ermutigende Atmosphäre gibt, wo man schwach sein darf aber auch eigene Stärken entdecken kann. (59ff.) Sie basiert auf zehn Grundwerten der Freundschaftskultur. (65ff.) Einen großen Stellenwert nimmt das „vom Was zum Wie im pädagogischen Handelns“ ein, werden doch hier zentrale Elemente der pädagogischen Intervention vorgestellt. (75ff.) Anhand zahlreicher konkreter Beispiele wird hier die wertschätzende und unterstützende pädagogische Arbeit nachvollziehbar gemacht.

Die wissenschaftliche Begleitung und die Ergebnisse der Evaluation werden dann von Helmut Linnenbank vorgestellt. Das Kapitel gliedert sich in fünf Abschnitte. Zunächst wird der konzeptionelle „Rahmen für nachhaltig wirksame Verhaltensänderungen bei Kindern“ (124) vorgestellt. Dieser konzeptionelle Rahmen basiert auf Erkenntnissen der Gehirn- und der Resilienzforschung, die in den nächsten beiden Abschnitten vorgestellt werden und die Grundlage für das Leitbild („Erleben eines Wir-Gefühls“) und die Leitvorstellung („jetzige und künftige Situationen bewältigen“) bilden. Die Ausführungen zur Neurobiologie dienen im Wesentlichen der Untermauerung lernpsychologischer Erkenntnisse, wie der Entstehung von Empathie, intuitives Verstehen oder das Grundgefühl sozialer Verbundenheit, die Ausführungen zur Resilienz verdeutlichen die damit gemeinte „Fähigkeit des Einzelnen …, Einschränkungen und Belastungen des Lebens zu meistern.“ (169) Das dargestellte Resilienzmodell hat den praktischen Zweck, für die pädagogische Arbeit mit den Kindern am „Neuen Lernort“ erkenntnisleitend zu sein und „sinnvolle Orientierungshilfen für die praktische Arbeit vor Ort (zu) bieten.“ (187) Die Darstellung der durchgeführten Evaluation im vierten Abschnitt des Kapitels weist zunächst die benutzte Methodik aus, geht dann ausführlich auf die Interviews mit den Kindern, MitarbeiterInnen und LehrerInnen ein, bevor die Ergebnisse dann im fünften Abschnitt insgesamt zusammengeführt werden. Neben den genannten Interviews kommen auch regelmäßige Verhaltensbeobachtungen der Kinder durch die MitarbeiterInnen zum Tragen. Aufbauend auf der Resilienzforschung sollen durch die theoriegeleiteten Beobachtungen „die … lebensgeschichtlich verschütteten Stärken der Kinder“ (215) die es „unter den förderlichen Bedingungen des Neuen Lernortes zu entfalten gilt“ (ebd.) mit in die Evaluationsergebnisse einfließen. Die Ergebnisse sind durchweg interessant, positiv, ja sie belegen die Wirksamkeit der pädagogischen Arbeit am „Neuen Lernort“. Bekräftigt werden diese Ergebnisse durch die Interviewantworten der LehrerInnen, die angaben, dass sie bei rund 70 % der SchülerInnen eine nachhaltige Verbesserung der Lern- und Lebenskompetenzen festgestellt haben. „Damit ist es gelungen, Resilienz zum Klingen zu bringen.“ (243)

Im letzten Kapitel werden die aus der wissenschaftlichen Begleitung wie den praktischen Erfahrungen in der mehrjährigen Arbeit am „Neuen Lernort“ gewonnenen Erkenntnisse umgesetzt in diverse Empfehlungen, die sich auf die Politik und Verwaltung,, die Schule und die LehrerInnen sowie die Eltern beziehen.

Diskussion

Das Buch bietet eine Art „Best Practice“ für den sozialpädagogischen Umgang mit schulverweigernden Kindern. Anhand vieler Beispiele wird der pädagogische Alltag am „Neuen Lernort“ sichtbar und nachvollziehbar dargestellt. Da es im Wesentlichen um diese pädagogische Intervention geht, ist der Titel („Hilfeschrei im Klassenzimmer“) leicht irreführend, denn eigentlich geht es nicht um das System „Schule“ sondern um die Frage, wie Kindern, die in und mit diesem System ihre Schwierigkeiten haben, geholfen werden kann, damit sie dann besser mit dem System zurechtkommen. Die Beantwortung dieser Frage gelingt allerdings sehr gut. Die Kombination von vielen Praxisbeispielen mit dem theoretischen Hintergrundwissen zur Neurobiologie des Lernen und Aufwachsens und zur Resilienz sowie die Plausibilisierung der pädagogischen Arbeit durch die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung machen dieses Buch für Studierende wie in der pädagogischen Praxis Tätige sehr interessant.

Fazit

Das Buch bietet PraktikerInnen wie Studierenden einen lebendigen Einblick in einen sehr speziellen Lernort, was als ein „Best Practice„-Buch zum pädagogischen Umgang mit Schulverweigerung gewertet werden kann. Auch an Theorien interessierte LeserInnen können diesem Buch etwas abgewinnen, bekommen sie doch hier sehr komprimiert die neueren Ergebnisse der Gehirn- wie Resilienzforschung geboten.


Rezensent
Prof. Dr. Uli Kowol
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Zitiervorschlag
Uli Kowol. Rezension vom 23.09.2014 zu: Helmut Linnenbank, Yasemin Ait Ichou, Hans-Werner Uchner: Hilfeschrei im Klassenzimmer. Frühe Formen der Schulverweigerung im Grundschulalter und die Frage nach den Interventionsmöglichkeiten. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. ISBN 978-3-643-12194-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17423.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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