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Fabienne Becker-Stoll, Renate Niesel u.a.: Handbuch Kinderkrippe

Cover Fabienne Becker-Stoll, Renate Niesel, Monika Wertfein: Handbuch Kinderkrippe. So gelingt Qualität in der Tagesbetreuung. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2014. 232 Seiten. ISBN 978-3-451-32833-6. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

In den letzten Jahren haben Kommunen mit einem rasanten Ausbau von Betreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren dafür gesorgt, dass die Umsetzung des Rechtsanspruchs auf einen Krippenplatz ab dem vollendeten 1. Lebensjahr zum 1.8.2013 weitgehend gewährleistet werden kan. In der Fachwelt wurde dieser Ausbau einerseits positiv bewertet, da er den Bedürfnissen von Familien ein Stück näher kommt, auf ein verlässliches Betreuungsangebot zurückgreifen zu können, um berufliche und familiäre Pflichten zu vereinbaren. Andererseits kritisieren Pädagogen, Psychologen und Mediziner weiterhin sehr stark die oft noch fehlende fachlich fundierte Aus- und Weiterbildung der Fachkräfte für dieses Betreuungsangebot. „Damit kann nicht in jeder Kindertageseinrichtung sichergestellt werden, dass Kleinkinder in öffentlich geförderten Kindertageseinrichtungen und Tagespflegestellten von gut ausgebildeten, auf Säuglinge und Kleinkinder spezialisierte Fachkräften betreut, erzogen und gebildet werden“ (Vorwort). Die Autorinnen erheben daher mit der vorliegenden Veröffentlichung den Anspruch, auf der Grundlage der Entwicklungsbedürfnisse von Kindern in den ersten drei Lebensjahren die notwendigen qualitativen Anforderungen an eine außerfamiliäre Betreuung abzuleiten.

Autorinnen

Dr. Fabienne Becker-Stoll ist Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP) in München, Renate Niesel und Dr. Monika Wertfein sind langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterinnen ebenfalls am IFP.

Alle drei Autorinnen sind mit ihren zahlreichen Publikationen insbesondere im Bereich der Frühen Kindheit der Fachöffentlichkeit allgemein bekannt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in acht Kapiteln mit jeweils mehreren Unterkapiteln gegliedert. An jedes Kapitel schließen sich 2-3 kommentierte Literaturempfehlungen an; ein umfangreiches Literaturverzeichnis findet sich am Ende des Buches.

Kapitel 1 Die Bedeutung pädagogischer Qualität in Kinderkrippen. Für die Autorinnen geht pädagogische Qualität vom Kind und seinen Bedürfnissen aus. Eine Krippe kann nur dann gut sein wenn Kinder sich „wohl, wertgeschätzt und unterstützt fühlen“. (15) So ist die Befriedigung physischer (Nahrung, Sauberkeit, körperliche Unversehrtheit) und psychischer Grundbedürfnisse (Bindung, Kompetenz- und Autonomieerleben) für die Autorinnen wesentlich entscheidender, als die Umsetzung eines speziellen pädagogischen Ansatzes. Strukturelle Rahmenbedingungen prägen hingegen maßgeblich die pädagogischen Prozesse. „Für die pädagogischen Teams bedeutet eine gute Qualität in Kindertageseinrichtungen die Gewährleistung von Arbeitsbedingungen, unter denen sich Anforderungen und Ressourcen die Waage halten.“ (16f) Somit gehören Teamqualität und das Fürsorgeverhalten der Fachkräfte untereinander zur wichtigsten Ressource im pädagogischen Alltag. Für gelingende Bildungsprozesse von Kindern werden mit Verweisen auf einschlägige Literaturquellen die individuelle Beziehungsqualität, die professionelle Responsivität und eine gute Organisation der Lernsituation genannt. Ein weiterer Abschnitt setzt sich eingehender mit der Frage nach der Messbarkeit von pädagogischer Qualität auseinander. Vor dem Hintergrund der Problematik einer objektiven Messung pädagogischer Prozesse werden bekannte Messverfahren zur Selbst- und Fremdevaluation (wie u.a. der Kriterienkatalog „Pädagogische Qualität in Tageseinrichtungen“ oder die Krippenskala „KRIPS-R“) kurz vorgestellt.

Kapitel 2 Theoretische Grundlagen zu Entwicklung und Bindung beschäftigt sich mit den Entwicklungsschritten und Grundbedürfnissen von Kindern, dem Aufbau und der Gestaltung von Bindungserfahrungen und thematisiert diese im Hinblick auf Stressbewältigung. In Anlehnung an Havighurst wird das Konzept der alterstypischen Entwicklungsaufgaben auch im Hinblick auf die Anforderungen an die Bezugspersonen erläutert. Das Grundbedürfnis nach Bindung erfordert ein hohes elterliches Engagement und ist für die Bindungstheorie „die Grundvoraussetzung, um im weiteren Entwicklungsverlauf Kompetenz- und Autonomiebestrebungen optimal beantworten und fördern zu können.“ (32) Die Bindungsentwicklung und die Bedeutung der Feinfühligkeit werden eingehender im Hinblick von Emotionsregulation und Stressverarbeitung erörtert. Welche förderlichen und belastenden Faktoren eine außerfamiliäre Betreuung für die frühkindliche Entwicklung bedeutet, wird abschließend mit Ergebnissen aus der amerikanischen Längsschnittstudie NICHD dargelegt.

Kapitel 3und 4 haben als zentrales Thema die Beziehungs- und Interaktionsqualität im Erzieherin-Kind-Verhältnis und im Beziehungsnetz der Kinder untereinander. Das in Kapitel 2 dargelegte Grundverständnis der Autorinnen zu Entwicklung und Bindung im System der Familie wird nun auf die außerfamiliäre Betreuung in der Krippe übertragen. Mit dem Übergang in die Krippe treffen Kinder auf andere Erwachsene und auf andere Kinder, zu denen sie neue Beziehungen aufbauen. Wie sich diese Beziehungen gestalten, entscheidet maßgeblich das Wohlbefinden jedes einzelnen Kindes in Krippe. Die beiden Eingewöhnungsverfahren das „Berliner Modell“ und das „Münchner Modell“ werden ausführlich in ihren Gemeinsamkeiten aber auch in ihren unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen vorgestellt. Im Wechsel von Familie und Krippe soll der Alltag die physischen und psychischen Grundbedürfnisse des Kindes erfüllen und Stressregulation ermöglichen. Ein Kind braucht Beziehungen, „um sich in der neuen Umgebung sicher zu fühlen und die Angebote der Kindertageseinrichtungen für seine weitere geistige, seelische und körperliche Entwicklung nutzen zu können“ (78). Kriterien einer gelungenen Erzieherin-Kind-Beziehung werden ebenso näher ausgeführt wie auch die Bedeutung der Gruppe der Peers für die sozio-emotionale Entwicklung. In der Interaktion mit Gleichaltrigen erleben Kinder Freundschaft und Streit. Für beides brauchen sie tragfähige Beziehungen zu ihren Erzieherinnen.

Kapitel 5 beschäftigt sich mit Bildung: Recht jeden Kindes von Geburt an als gesetzlichen Förderauftrag von Kindertagesstätten in der Trias von Bildung, Erziehung und Betreuung. Kinder lernen „durch Zuschauen, Zuhören, Explorieren und Nachahmen.“ (115) Hierfür brauchen Kinder Erwachsene, die sie in ihrem Lern- und Bildungsprozess durch sensible Wahrnehmung ihrer (non-verbalen) Signale und vielfältige Impulse unterstützend begleiten. Die Zusammenarbeit der Kindertagesstätte mit den Eltern erhält hierfür eine herausragende Bedeutung. Beobachtung und Dokumentation sind das wesentliche Handwerkzeug einer pädagogischen Bildungsbegleitung, so dass in Kapitel 6 Von der Beobachtung zur Entwicklungsbegleitung neben allgemeinen Ausführungen eine übersichtliche Tabelle der unterschiedlichen Beobachtungsverfahren für die Krippe vorgestellt werden.

Kapitel 7 Ein- und Zweijährige in Gruppen mit erweiterter Altersmischung setzt sich kritisch mitdem Angebot altersgemischter Gruppenformen auseinander. Die NUBBEK-Studie von 2013 bescheinigt den altersgemischten Gruppen eine niedrigere Prozessqualität als altershomogenen Kindergruppen. Aus Sicht der Autorinnen bedarf es daher sehr sorgfältiger Vorbereitungen der Fachkräfte, wenn sie durch Vorgaben ihres Trägers aufgefordert sind, mit altersgemischten Gruppen zu arbeiten.

Kapitel 8 Pädagogische Qualität prüfen, sichern und weiter entwickeln vertieft nochmals den eingangs vorgestellten Qualitätsaspekt. Die Münchner Krippenstudie (2010) und die NUBBEK-Studie(2013) haben auf der Grundlage der KRIPS-Einschätzskalen unzureichende bis sehr gute Qualität in Krippen evaluiert. So wird Krippen in der Gestaltung räumlicher Voraussetzung, in der Zusammenarbeit im Team und mit Eltern sowie in Interaktionsprozessen „eine gute Qualität von über 40 Prozent der Einrichtungen“ (186) bescheinigt. Die geringste Qualität liegt hingegen im Bereich der Pflege und Betreuung, die von den pädagogischen Fachkräften häufig als ungeliebte Alltagsroutinen bewertet werden. Doch sind für die Autorinnen gerade diese Alltagssituationen „bestens geeignet für neue Erfahrungen, gemeinsames Lernen und das Erleben von sozialer Zugehörigkeit, Selbständigkeit und Kompetenz“ (191), wenn sie in einer entspannten Atmosphäre stattfinden können. Hierfür sind strukturelle Rahmenbedingungen ebenso notwendig wie eine kompetenzorientierte Weiterbildung, die eine an den kindlichen Bedürfnissen ausgerichtete flexible Handlungskompetenz in den Fokus stellt. Das Berliner Modell zur Qualitätssicherung in Kindertagesstätten wird als ein gutes Beispiel für eine nachhaltige Qualitätssicherung angeführt. Denn durch ein gutes Zusammenspiel von Politik, Wissenschaft Trägerverbänden und Praxis konnte ein System von Maßnahmen für eine kontinuierliche Qualitätsentwicklung aufgebaut werden.

Diskussion

Dieses Handbuch verdeutlicht dem Leser aus unterschiedlichen Aspekten, wie sehr die außerfamiliäre Betreuung von kleinen Kindern gute Qualität benötigt. Die seelischen und körperlichen Grundbedürfnisse dienen dabei als zentraler Orientierungsleitfaden. Kinder in den ersten Lebensjahren brauchen einen Alltag, der ihnen Sicherheit gibt und ohne Zeitdruck in einer ruhigen Gruppenatmosphäre auf ihr Wohlbefinden ausgerichtet ist. Hieran sollten sich Bildungsauftrag, das pädagogische Interaktionsverhalten der Erzieherin wie auch die Förderung des Zusammenlebens der Kinder untereinander orientieren.

Essen, Schlafen und Pflege gewinnen somit als täglich wiederkehrende Alltagssituationen für diese Altersgruppe eine zentrale Bedeutung. Für die Beurteilung pädagogischer Qualität ist die Art und Weise, wie die kindlichen Bedürfnisse in diesen Bereichen befriedigt werden können, aussagekräftiger als die Vielzahl von Projekten und künstlich geschaffenen Bildungssituationen. Hierzu liefert das Buch eine wissenschaftlich fundierte Grundlage aus aktuellen Forschungsstudien. Den Autorinnen gelingt es dabei, in einer verständlichen Sprache komplexe Sachverhalte immer wieder anhand von Themen aus der Praxis (Einschlafsituationen oder Beißen) anschaulich zu beschreiben.

Fazit

Die vorliegende Veröffentlichung beschäftigt sich in einem systematischen Aufbau mit zentralen Qualitätsaspekten von Krippenpädagogik. Sie erlaubt es aber auch dem Leser seinem speziellen Interesse zu folgen und nur einzelne Kapitel auszuwählen. Dabei wird das Buch seinem Anspruch, ein Handbuch für Kinderkrippe zu sein, sehr gerecht und ist daher auch als Nachschlagewerk sowohl für Aus- und Weiterbildung als auch für Fachkräfte in der Praxis sehr geeignet, Wissen zu vertiefen und eigenes Handeln zu reflektieren.


Rezension von
Jutta Daum
Erziehungswissenschaftlerin (M.A.), Gießen
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Zitiervorschlag
Jutta Daum. Rezension vom 24.02.2015 zu: Fabienne Becker-Stoll, Renate Niesel, Monika Wertfein: Handbuch Kinderkrippe. So gelingt Qualität in der Tagesbetreuung. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2014. ISBN 978-3-451-32833-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17426.php, Datum des Zugriffs 14.05.2021.


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