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Andrea Köhler-Ludescher: Paul Watzlawick - die Biografie

Cover Andrea Köhler-Ludescher: Paul Watzlawick - die Biografie. Die Entdeckung des gegenwärtigen Augenblicks. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2014. 337 Seiten. ISBN 978-3-456-85412-0. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Thema

Paul Watzlawick war ein bekannter Therapeut, Kommunikationsforscher und erfolgreicher Autor. Er ist 2007 im Alter von 85 Jahren gestorben. 2014, sieben Jahre nach seinem Tod, erscheint die vorliegende erste Biographie.

Autorin

Die Autorin, Andrea Köhler-Ludescher ist eine Groß-Nichte von Paul Watzlawick. Interessant ist auch ihr beruflicher Hintergrund. Der Klappentext vermerkt hierzu: „Andrea Köhler-Ludescher, geb. 1970, studierte Jura in Wien, Paris und London und ist ausgebildet als systemischer Coach mit Schwerpunkt Leadership und Organisationsentwicklung. Sie arbeitet als Marken- und Kommunikationsexpertin sowie als freie Journalistin in Wien.“ Unverkennbar teilt sie viele Interessengebiete mit Paul Watzlawick, eine hervorragende Grundlage für die vorliegende Biographie.

Entstehungshintergrund

Obwohl Paul Watzlawick eine „öffentliche Person“ war, ist bisher keine Biographie über ihn erschienen. Mit Recht hebt daher der Verlag hervor, dass es sich um die „weltweit erste Biografie über Paul Watzlawick mit vielen bisher unveröffentlichten Fotografien und Briefen“ handelt.

Aufbau

Das Buch beschreibt den Lebensweg von Watzlawick in acht Kapiteln:

Im Prolog verdichtet Andrea Köhler-Ludescher das Leben von Paul Watzlawick zusammenfassend, eine willkommene Orientierung, bevor es losgeht. Sie stellt ihrem Prolog ein Bonmot vorneweg, „Was Peter über Paul sagt, sagt viel über Peter und manches über Paul.“ (S.9) Ein kleiner Vorgeschmack auf den Konstruktivismus, der im Buch näher erläutert wird.

Zu 1. Familienwurzeln in Böhmen und Italien

Paul Watzlawick wurde 1921 in Villach geboren, als Sohn von Emilie Casari – aus Italien stammend – und Paul Watzlawick senior – aus Nordböhmen. Er hat noch eine Schwester, Maria Watzlawick, aus deren Familienzweig die Autorin Köhler-Ludescher stammt.

Die Vielsprachigkeit im Elternhaus prägt Paul Watzlawick bereits in jungen Jahren. Er fühlt sich – nach eigenen Angaben – als Halbitaliener und ist zeitlebens geprägt von seiner Herkunft aus Kakanien.

Paul Watzlawick hatte zeitlebens eine enge Bindung zu seiner Mutter. Diese verfasste nebenbei Gedichte, von denen zahlreiche im vorliegenden Buch abgedruckt sind. Paul Watzlawick senior war Bankdirektor.

Im ersten Weltkrieg wird die Familie auseinandergerissen, Villach, der Geburtsort von Paul Watzlawick, bleibt jedoch als familiäres Zentrum über alle Kriegswirren hinweg bestehen.

Zu 2. Kindheit und Jugend in Wien und Kärnten

Paul senior wird 1923 als Bankdirektor nach Wien berufen. Daher siedelte die Familie nach Wien, kaufte sich eine Villa mit großem Garten. Das Familienleben dort ist stark von der Mutter Emy, geb. Casani geprägt. „Emy ist eine fröhliche, lebhafte Frau, sie war in der Schule sehr gut gewesen, was zu einer Zeit der Männerdominanz nicht gewöhnlich war. Sie liebt den Witz und Wortwitz – und wird von den Kindern geliebt für ihren Humor, zu sehen, wo etwas lustig ist, genau den Kern zu treffen und auch zu wissen, was man daraus machen kann.“ (S.26)

Allerbeste Voraussetzungen also für Paul junior, um schon früh Fähigkeiten auszubilden, die ihn später auszeichnen werden. „Als 1927 der Bankenkrach kommt, ändern sich die Umstände radikal. Viele Banken brechen zusammen, Paul und die komplette Belegschaft – 28 Angestellte – der Centralbankfiliale werden gekündigt… Es ist ein harter Schlag für Paul senior. Die Villa wird verkauft und zum Ende des ersten Schuljahres von Pauljunior zieht die Familie 1928 zurück nach Kärnten – nach Klagenfurt, wo Paul Direkter der Bank für Kärnten wird.“ (S.30)

Paul war in der Schule sehr gut. Besonderen Einfluss hatte Professor Tänzer, sein Deutschlehrer, der in ihm „das Interesse an der Schönheit der Sprache und ihres Potentials entwickelte.“ (S.32)

Springen wir in die nächste Etappe.

Zu 3. Kriegszeit in Europa

„Am 12.März 1938 erfolgt der Anschluss Österreichs an Deutschland. Im Herbst macht Paul den Führerschein und startet sein letztes Schuljahr – es ist das Jahr der Nürnberger Gesetze… Vater Paul Watzlawick ist bald als absoluter Nazi-Gegner bekannt, er und Sohn Paul bleiben treue Österreicher.“ (S.40)

Paul muss zur Armee, zum Reichsarbeitsdienst, dann zur Wehrmacht, zur Flugabwehrkanonen-Kompanie, reist quer durch Europa. 1943 erhält er den „Luftwaffenausweis für Sprachkundige“, etwas später „den Wehrmachtsdolmetsch für die englische Sprache“. (S.51) Er übersetzt in Verhören englisch-sprachiger Gefangener. „Und gewinnt zunehmend Verständnis für die jungen Engländer wie Amerikaner und beginnt unvollständig zu übersetzen – zum Vorteil des ‚Feindes‘ und ‚zum Nachteil des deutschen Volkes‘.“ (S.52)

Allmählich fliegen Watzlawicks Übersetzungsmanipulationen auf und „Anfang Februar 1945 wird er in das Untersuchungsgefängnis Stuttgart eingeliefert.“ (S.55) Nur mit Hilfe seines Vorgesetzten kommt er gerade noch aus der Haft wieder frei.

Schließlich wird er von der Engländern als „Deutsch- und Englisch-Dolmetsch“ angeheuert.

Zu 4. Studium in Italien und der Schweiz

„Willst du erkennen, lerne zu handeln. Handle so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst“. Das bekannte Zitat des Kybernetikers Heinz von Förster ist dem Kapitel vorangestellt.

Watzlawick immatrikuliert sich 1946 kurzentschlossen am Institut für Ökonomie und Handel der Universität Venedig, eine Kaderschmiede der Diplomatie. Seine Fächer: Philosophie und moderne Sprachen. Er verbindet mit dem Studium offenbar keine direkte Berufsabsicht. Beruflich rutscht Watzlawick nach dem Krieg in die Position eines persönlichen Sekretärs des britischen Leiters von Interpol des freien Territoriums Triest. Seine Aufgabe: „entspricht…der britischen Idee einer Polizeikraft, die italienisches Recht unter italienischer Gerichtsverfahrensordnung, aber mittels britischer Polizeimethoden vollziehen soll.“ (S.63)

Der Versuch, ein freies Triest aufzubauen scheitert letztendlich (endgültig 1954). Watzlawick schließt sein Studium in Venedig und seine Aufgabe in Triest ab. Im Dienstzeugnis steht unter anderem „…ausgestattet mit einem außergewöhnlich hohen Grad an gesundem Menschenverstand…Mann mit Initiative, Selbstvertrauen und einer einzigartigen Würdigung des Wortes Loyalität.“ (S.74)

Seine nächste Entscheidung: Studium bzw. Ausbildung am C.G. Jung – Institut in Zürich. Watzlawick war in Zürich zu Besuch als ein Platzregen ihn ins nächste Café zwang. Dort las er einen interessanten Artikel über besagtes Institut und entschied sich zur Ausbildung. „Seine [C.G. Jungs] Analytische Psychologie und Psychotherapie gehört zu den psychodynamischen Therapien, die dem Unbewussten einen wichtigen Stellenwert beimessen. Jung fügte der Vorstellung des individuellen jene des sogenannten kollektiven Unbewussten hinzu. Darin erkannte er die urtümlichen Prägungen und Grundmuster menschlichen Lebens, die er Archetypen nannte… “, heißt es aktuell auf deren Homepage. (www.junginstitut.ch/, abgerufen 11.10.2014)

Das Institut ist bevölkert von Menschen aus zahllosen Kulturen. „Er lernt viel über die Arbeitsweise der Menschen verschiedener Kontinente – kulturell wie arbeitstechnisch.“ (S.87)

Nach Abschluss seiner Ausbildung geht Watzlawick nach Indien.

Zu 5. Indien und El Salvador

Ein Arzt in Zürich hatte Watzlawick den Rat gegeben, nach Bombay zu gehen und dort eine Praxis zu eröffnen. Hintergrund: dort lebten zu der Zeit rund 94.000 Parsen (Zoroastrier aus Persien), die mehr westlich gesinnt waren und meist wohlhabend.

Alles in allem scheitert zwar Watzlawicks Versuch, dort mit einer Praxis Fuß zu fassen, aber er findet zu grundlegenden Erkenntnissen. Zum einen entdeckt er seine Liebe zu Yoga, das er bis ans Lebensende praktizieren wird. Zum anderen lernt er die Swamis kennen. „Eines dieser Vorkommnisse betrifft Swamis, jene weisen heiligen Männer, die ihm vorgestellt werden, denen aber nach westlicher Anschauung im völligen Bedeutungsgegensatz die Diagnose der katatonen Schizophrenie gestellt werden müsste. Und zwischen weise und wirr ist wohl ein gewaltiger Unterschied. Was ist hier also wahr?“ (S.93) Man hört allmählich den Watzlawick durch, der uns als öffentliche Person und Autor im Gedächtnis ist.

Er lernt Jiddu Krishnamurti kennen und lernt viel von dessen Sicht der Dinge. Krishnamurti nimmt vieles vorweg, was Watzlawick am MRI in Palo Alto im Detail, in systemischer Sicht und unter Beachtung der Kybernetik 2. Ordnung mit Kollegen aus westlich-wissenschaftlicher Sicht beschreiben wird.

Paul Watzlawick beginnt in Indien eine Abkehr von der vergangenheitsbetonten Psychoanalyse hin zu einem gegenwartsbezogenen Konstruktivismus. Er kehrt zurück nach Europa und lernt mit Karlfried Graf Dürckheim (Dürckheim selbst führt den Grafen nicht im Namen, aber alle Welt) einen weiteren, in östlicher Philosophie verwurzelten Denker kennen, der ihm auch persönlich nahestehend bleibt.

Nach einer kurzen Zwischenstation beim Goethe-Institut in München nimmt er 1957 eine Professur für Psychotherapie in San Salvador an, eine letzte Zwischenstation.

Zu 6. Karriere in Kalifornien

1960 beginnt Paul Watzlawick, der San Salvador damit den Rücken kehrt, an der Temple Universität in Philadelphia mit Albert Scheflen und Ray Birdwhistell Therapiesitzungen kommunikativ auszuwerten. „Zwei Menschen, die sich unterhalten, tauschen in einer Minute 100.000 Informationsteilchen aus“ (Birdwhistell) und „…eine innovative und faszinierende Arbeit…“ (S.128) Es ist zu spüren, dass Paul Watzlawick beginnt anzukommen, in Kalifornien, in seiner eigenen Arbeit mit eigener Sicht der Dinge.

Watzlawick wechselt schließlich nach Palo Alto ans MRI, seine neue Heimat, er schließt sich der Gruppe um Don Jackson, Bateson u.a. an, die über Schizophrenie forschen und die Double-Bind-Theorie entwickeln. „Bateson nennt schizophrene Menschen nicht krank, sondern bezeichnet sie vielmehr als Menschen mit extremer Reaktion auf als extrem erlebte Erfahrungen.“ (S.131)

Das MRI, ein Non-Profit-Institut, wurde 1958 gegründet. Es beschäftigte sich als erstes Institut weltweit mit Familientherapie. Watzlawick findet dort seine physische und geistige Heimat.

Er vollzieht seine endgültige Abkehr von der Psychoanalyse und seine Hinwendung zum „interpersonalen, gegenwartsorientierten systemischen Ansatz.“ (S.133) Sie interviewen schizophrene Patienten des nahegelegenen Spitals in Menlo Park, zeichnen auf und analysieren akribisch.

In der Psychoanalyse arbeitet der Psychiater an der Einsicht in die vergangene Geschichte. Es gilt das analytische Dogma der Einsicht als therapeutische Lösung. Daran zweifelt Watzlawick immer grundlegender: „Mir wurde bewusst, dass es keinerlei Beweis für die Wahrheit dieser Annahme gibt. Es ist ein Dogma, völlig unbeweisbar und unbewiesen, es ist ein Glaube.“ (S.139)

Watzlawick fokussiert immer stärker darauf „…kommunikative und nicht mentale Phänomene zu betrachten.“ Und zu psychischer Krankheit bzw. Gesundheit: „Je spontaner und „gesünder“ die Beziehung zwischen zwei Menschen ist, stellt Paul fest, umso mehr in den Hintergrund rückt sie.“ (beide S.141)

Er schreibt ein Buch „Menschliche Kommunikation“ zusammen mit Janet Beavin und Don Jackson. „Sie nehmen Ideen aus dem vorliegenden großen Fundus, organisieren und synthetisieren sie auf ihre Weise, setzen nach ihren Interessen den Fokus neu, entwickeln die Ideen, um sie nach ihren Vorstellungen in eine eigene kohärente Darstellung zu bringen, sie in eine breitere Theorie zu verweben.“ (S.140)

Das Zitat beschreibt bereits den Stil von Paul Watzlawick, der in den nächsten Jahrzehnten ausreift und ihn zum Bestseller-Autoren macht. Auch die ausgesprochen menschliche Seite offenbart sich bei diesem Buch. Watzlawick besteht darauf, dass Janet Beavin, die frischgekürte erst zwanzigjährige Psychologin als Zweitautorin erscheint und der große Mann im Hintergrund, Don Johnson an dritter Stelle. Das Buch wird ein jahrzehntelanger Erfolg und ist noch heute, in 12. Auflage von 2011 im Huber-Verlag erhältlich.

Watzlawick gilt „unter seinen Kollegen vielmehr als etwas steif und auf Formen bedacht. Er ist konsequent elegant gekleidet – immer in Anzug mit Krawatte sowie einem korrekten Haarscheitel.“ (S.149) Man spürt geradezu die K.- und K.-Herkunft, die er auch in Amerika beibehalten wird.

Sie entwickeln am MRI die Kurz-Zeit-Therapie, in maximal 10 Sitzungen à 50 Minuten, sollte ein Therapieerfolg eintreten. Was für ein Kontrast zur Welt der langdauernden Psychoanalyse! „Um nicht zu ihrer eigenen Pathologie zu werden, muss Therapie sich auf konkrete Hilfe im Leiden beschränken, die Suche nach der allgemeinen Glücksseligkeit kann nicht ihre Aufgabe sein.“ (S.159), nimmt Watzlawick Bezug auf Karl Popper (s.u.). Ein weiteres konstitutives Element, mit dem Watzlawick und das MRI arbeiten, ist die Kybernetik zweiter Ordnung. Im Kern geht es darum, dass die Lösung eines Problems oft nicht innerhalb des Systems gefunden werden kann, sondern nur wenn man als Beobachter auf das System schaut und daher einen völlig anderen Blick bekommt. „Um das System zu verstehen, muss man außerhalb des Systems stehen.“ (S.196)

Und schließlich wird die konstruktivistische Weltanschauung zu einem Kernelement seiner Sicht. Menschen, Patienten wie Therapeuten schaffen sich ihre Ordnung, ihre Welt selbst: „Menschen brauchen eine Ordnung, sonst haben sie keine Orientierung im Leben… sie erfinden eine Ordnung, wo es keine gibt!“ (S.163) Aber Watzlawick weiß: „…er (der Konstruktivismus) ist eine Möglichkeit, die Dinge zu sehen.

Watzlawick „sieht zwei Möglichkeiten: aktives Eingreifen, das heißt Veränderung des Verhaltens, oder die Anpassung seines Weltbildes, das heißt Veränderung der Einstellung, also des Denkens.“ (S.171) Dahinter steckt die Einsicht Epiktets: „Nicht die Dinge beunruhigen uns, sondern die Meinung, die wir über die Dinge haben.“ Oder Hamlet: „An sich ist kein Ding gut oder schlecht. Das Denken macht es erst dazu.“ Oder Jaspers: „Die Welt ist, was sie ist. Nicht die Welt, nur unser Wissen kann wahr oder falsch sein.“ (alle zitiert auf S.171)

Watzlawick ist sich der Begrenztheit aller Theorien und Methoden bewusst. In einem SPIEGEL-Interview vom 25.07.1994 beschreibt er: „Für mich sind all die weltbeglückenden Methoden und Theorien eine große Gefahr. Karl Popper schreibt, die Aufgabe der Politik sei, das Leiden zu vermindern. Das Finden des Glücks habe dem Einzelnen überlassen zu bleiben.“ (www.spiegel.de/spiegel/print/d-9286027.html, abgerufen 11.10.2014)

Zu 7. Internationales Wirken

Es beginnt das längste Buchkapitel, ganz entsprechend seiner Bedeutung. Und es lohnt, hier etwas ausführlicher zu werden.

„In den 1980er- und 1990er-Jahren gehört es im deutschsprachigen Raum zum leserfreundlichen Ton“, positiv über Paul Watzlawick zu schreiben. (S.183) Die Öffentlichkeit ist begeistert von seinen griffigen, vordergründig ironischen Formulierungen. Seine Bücher – allen voran „Anleitung zum Unglücklichsein“ – werden zu Bestsellern. Es gibt aber auch kritische Reaktionen. Andrea Koehler-Ludescher zitiert Norbert Blüm 1988, der Watzlawick anscheinend empfohlen hat „…zur Verbesserung seines Wirklichkeitsverständnisses gegen eine fahrende Straßenbahn zu laufen.“ (S.184) Wer weiß, mit wie viel Wissenschaft und Akribie Paul Watzlawick zu seinen Erkenntnissen gekommen ist, kann das nur schwer verstehen. Es ist vermutlich seinen provozierenden Formulierungen zu verdanken.

Paul Watzlawick hat die breite internationale Öffentlichkeit auch gesucht, weil die Finanzierung des MRI schwieriger wurde. Er ist quasi ein Selbständiger. Seine Erfolge ergeben sich ganz konventionell. „Issue Management, Reputation Management und Brand Positioning sind ihm fremd, hätte er auch abgelehnt,“ schreibt Köhler-Ludescher treffend dazu, ganz Marken- und Kommunikationsexpertin. (S.186) MRI-Kollege Wendel Ray äußert: „Paul widmete sein Leben der Forschung und dem Schreiben darüber… Es gab niemanden, der besser geeignet war, rund um die Welt zu reisen, und der sich nicht selbst verkaufte, sondern der eine Sichtweise vertrat.“ Eine Kollegin einige Türen weiter: „Paul war arrogant. Er sagte richtige klassische Musik – das sind nicht Mozart und Haydn, sondern Rachmaninow und Tschaikowsky… Das Wichtigste war ihm seine Arbeit, sein Büro, ja, das war sein Königreich.“ (alle zitiert auf S.186)

Paul Watzlawick erläutert auf internationalen Bühnen und in Büchern unermüdlich, seine einfache, aber differenzierte konstruktivistische Sichtweise: „Die Wirklichkeit zweiter Ordnung beruht auf der Zuschreibung von Sinn und Wert an diese Dinge und daher auf Kommunikation.“

„Der eigentliche Wahn liegt in der Annahme, dass es eine ‚wirkliche‘ Wirklichkeit zweiter Ordnung gibt. Und – so der klinische Psychotherapeut – das ‚Normale‘ sich in ihr besser auskenne als Geistesgestörte“ (beide zitiert auf S.189)

Ihm werden Nihilismus und Manipulation der Klienten vorgeworfen und manchmal Verantwortungslosigkeit. Die Vorwürfe kommen oft von Seiten therapeutischer Analytiker. Dabei betont er, indem er den Klienten die Konstruktion ihrer Wirklichkeit zuordnet, wird ihnen die Verantwortung zurückgegeben, die verloren gegangen scheint. Er machte deutlich, dass ein „Mensch, der zu ihm kommt, in einer Wirklichkeit zweiter Ordnung lebt, die für ihn aus irgendeinem Grund leidvoll geworden ist.“ (S.195) „In der Systemtheorie ist es so: Um das System zu verstehen, muss man außerhalb des Systems stehen.“ (S.196) „Aussagen über Dinge und Beziehungen sind streng zu trennen.“ (zitiert auf S.198)

Watzlawick finanziert sich über Bücher, Unternehmensberatungen und Patienten. „Seine Stundensätze für Vorträge… und seine Tagessätze für Seminare… sind bloß das Zubrot,“ zitiert Andrea Köhler-Ludescher eine Journalistin (S.205).

In dieser Zeit pflegt Watzlawick eine intensive Zusammenarbeit, mit Heinz von Förster und Ernst von Glasersfeld, die beide als Gründer des Radikalen Konstruktivismus gelten, sowie Fritz B. Simon und Giorgio Nardone.

„Es ist 1987. Paul, der so lange schon am MRI wirkt und sich – aufgrund fachlicher und persönlicher Divergenzen mit seinen Kollegen – aus dem Brief Therapy Center immer mehr zurückzieht…“, beschreibt Köhler-Ludescher (S.219) Seine MRI-Kollegin Anger-Diaz beschreibt: „…aber 90 Prozent der Menschen kamen durch Paul. Er hielt irgendwo einen Vortrag, und sie strömten zu uns, um ihn zu erleben… Er saß auf zwei Kontinenten, er hat die Synthese ermöglicht.“ (zitiert auf S.223)

Anlässlich der Verleihung des Donauland Sachbuchpreises 1993 erläutert Watzlawick seine Hinwendung zu einem Schreib- und Vortragsstil mit Geschichten und Anekdoten. Er besteht in der Akzeptanz der Unterschiedlichkeit unserer links- und rechtshemisphärischen Gehirnhälften. „Im ersten Falle [linkshemisphärisch] muss die Erklärung eine logische, objektive Beweiskraft haben, im zweiten ist ihre Rolle die einer Analogie, einer Metapher, eines Vergleichs; sie soll veranschaulichen, in eine leicht verständliche Sprache übersetzen, aber nicht notwendigerweise auch beweisen.“ (zitiert auf S.242) Eine Erkenntnis zu unserm Glück als Leser, denn sein Stil wird für uns sehr leichtgängig, ohne Erklärungskraft einzubüßen.

„Es ist schließlich Pauls Gedächtnis, das ihn zwingt, die Reisen aufzugeben. Der Arzt hat in den letzten Jahren bei Paul eine aufkommende Demenzerkrankung festgestellt, meinte eine Freundin.“ (S.255)

Zu 8. Alter und Tod

„Das 21. Jahrtausend startet für Paul auch persönlich mit dem Ende einer Ära. Keine Flüge mehr nach Europa, keine Besuche mehr in seine alte Heimat. In wenigen Monaten wird er runde 80 Jahre alt werden.“ (S.257)

Im Juli 2002, mittlerweile 81 Jahre alt, wird er in seinem Büro im MRI, wohin er immer noch täglich geht, zu seinem Leben, seinem Werk und zur Zukunft interviewt. Er antwortet: „Die geht in viele verschiedene Richtungen, ich kann keineswegs behaupten, das für mich zu wissen. Ich praktiziere nicht mehr, dafür bin ich viel zu alt, doch immerhin ist es für mich noch immer wichtig, die systemischen Eigenschaften menschlicher Beziehungen zu verstehen und zu verändern…“ (S.217) In einem anderen Gespräch zu Kurzzeittherapie befragt: „…dass wir dabei ohne blasphemische Absicht die sogenannten vier heiligen Wahrheiten des Buddhismus plagiiert hatten…“ (S.270)

„Paul ist alt, verliert langsam sein Gedächtnis, nicht aber seinen Humor und seinen ungeheuren Lebenswillen… Es ist ein ereignisreiches, vielfach auch sehr öffentliches Leben, das für Paul langsam seine Konturen verliert…“ (S.273)

„Im selben Jahr wird Paul in Wien der Viktor-Frankl-Preis der Stadt Wien für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der sinnorientierten humanistischen Psychotherapie verliehen. Er kann ihn nicht mehr entgegennehmen, er darf nicht mehr reisen… Pauls Leben geht zu Ende, sein Vermögen ist groß.“ (S.274)

Zu seinem Humor: „Richtig jung bin ich nicht mehr, und meine Zusammenarbeit mit den Professoren Alzheimer und Parkinson kompliziert die Dinge noch mehr. Mit besten Wünschen, Paul.“ (zitiert auf S.275)

Paul Watzlawick stirbt am 31.März 2007, „Herzversagen beim Zähneputzen.“ (S.293) Er spendet seinen Körper dem Anatomie-Institut der kalifornischen Universität in San Francisco. „Ein Leben und ein Tod für die Wissenschaft.“ (S.294)

In der Biographie folgt eine interessante Auseinandersetzung mit gehaltvollen Nachrufen. Zu lang für diese Rezension.

Ich zitiere die letzten Sätze der Biographie „‚Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst‘, war Goethe zur Erkenntnis gekommen. ‚Der Weg entsteht, indem man ihn geht‘, hatte Paul oft die Buddhisten zitiert. Ich denke, Paul hat seinen Weg – zuletzt sogar jenseits seiner Konstrukte – erfahren.“ (S.304)

Zum Nachwort von Fritz B. Simon

Es folgt ein fachlich-persönliches Nachwort von Fritz B. Simon, der die letzten Jahre mit Watzlawick zusammen gearbeitet hat. Es endet mit höchster Wertschätzung: „Welch ein Privileg, mit diesen beiden Großen [Watzlawick und Heinrich von Förster], die vom Alter her meine Väter hätten sein können, in einem Team auf Augenhöhe arbeiten zu können. Traumhaft. Besser kann man es sich nicht wünschen, und ich bin immer noch dankbar dafür.“ (S.310)

Diskussion und Fazit

Andrea Köhler-Ludescher ist eine Großnichte von Paul Watzlawick. Sie schreibt diese Biographie über Paul Watzlawick vor drei großen Hintergründen: dem familiären Hintergrund, dem fachlichen Hintergrund von Watzlawick (nach eigenen Angaben Psychotherapie und Kommunikationswissenschaft) und dem Hintergrund östlicher Weltanschauung (Zen-Buddhismus – Taoismus -Yoga). Die Biographie ist äußerst reich an Originaldokumenten aus allen drei Bereichen. Kybernetik 2. Ordnung, Radikaler Konstruktivismus, Zen-Buddhismus: über die Brücke Paul Watzlawick – sehr differenziert und anschaulich dargestellt durch Köhler-Ludescher – erkennt man, wie nah die Inhalte dieser Begriffe und Anschauungen sind.

Das Buch hat also drei rote Fäden. Und die Autorin arbeitet in schriftstellerischer Freiheit mit ihnen. 1923, also in Paul Watzlawicks frühester Kindheit, beschreibt sie den „Erleuchtungsprozess“ von Jiddu Krishnamurti. Das ist zeitlich noch sehr weit weg von jedem Kontakt zwischen diesen beiden. Und weiter: „Paul wird von Krishnamurti eventuell schon in der Schweiz hören, wo der spirituelle Philosoph…“ Eine Vorblende also.

Emy Watzlawick, die Mutter von Paul Watzlawick, schrieb Gedichte. Köhler-Ludescher verwendet sie an vielen passenden Stellen. Das Buch gewinnt durch all diese Stilmittel eine gewisse Leichtigkeit, oft romanhafte Züge. Vielleicht ist Köhler-Ludescher in gewisser Hinsicht auch eine „Watzlawick“, wenn dieser Ausdruck mal erlaubt ist. Wie ihr Großonkel, spricht sie mit ihrem Stil beide Gehirnhälften an, das Romanhafte für die rechte Hemisphäre, das Sachbuch für die linke Hemisphäre (frei nach Paul Watzlawick, siehe S. 242).

Wer gerne Paul Watzlawick liest, der wird auch gerne diese Biographie lesen. Und wer sich für menschliche Kommunikation und Konstruktivismus interessiert, kann diese Biographie als Sachbuch mit romanhaften Zügen genießen.


Rezensent
Dr. Thomas Kowalczyk
Geschäftsführer COMES e.V., Berlin
Homepage www.comes-berlin.de
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Zitiervorschlag
Thomas Kowalczyk. Rezension vom 29.10.2014 zu: Andrea Köhler-Ludescher: Paul Watzlawick - die Biografie. Die Entdeckung des gegenwärtigen Augenblicks. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2014. ISBN 978-3-456-85412-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17430.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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