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George Packer: Die Abwicklung

Cover George Packer: Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2014. 509 Seiten. ISBN 978-3-10-000157-3. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Einstieg auf die Sachbuch-Bestsellerlisten auf Platz 9, durchweg positive Kommentare im Feuilleton, Aufstieg bis Platz 2: „Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika“ ist auch in Deutschland ein Erfolg. Dabei handelt es sich bei diesem Werk um eine Geschichte der USA von 1970 bis 2000, erzählt anhand der Schicksale bekannter und unbekannter Personen. Zusammengehalten werden diese unterschiedlichen Geschichten von einer grundständig amerikanischen Fragestellung:

Inwiefern führen der individuelle Wille, persönlicher Ehrgeiz und ein ausgeprägtes Durchhaltevermögen (noch) zu einem gesicherten, gar erfolgreichen Leben? Oder ist diese ur-amerikanische Idee abgewickelt? Der Traum ausgeträumt?

Autor

Der Autor George Packer ist Journalist, Redakteur des New Yorker und bereits mit Büchern zu Themen der US-Außen- und Innenpolitik in Erscheinung getreten. Seine Sachbücher sind vielfach mit Preisen ausgezeichnet worden, für „Die Abwicklung“ erhielt er 2013 den renommierten National Book Award. Im Frühjahr 2014 war Packer Fellow an der American Academy in Berlin, wo er an einer Biographie über den Diplomaten Richard C. Holbrooke arbeitet.

In seinen eigenen Worten geht es in „Die Abwicklung“ um „Institutionen, die dazu beitragen, ein gerechtes System zu schaffen, ob das Schulen sind oder die Börsenaufsicht, eine Kreditanstalt für kleine Geschäftsleute und Hauskäufer oder Zeitungen, die glaubwürdig sind. Diese Institutionen haben die starke Mittelschicht geschaffen, die das Beste verkörpert, was Amerika zu bieten hatte, und die jetzt zerfällt“ (Interview mit Der Welt, 27.07.2014).

Aufbau und Inhalt

Packer orientiert sich bei der Strukturierung des Buches an John Dos Passos „U.S.A Trilogy“, in der sich ebenfalls die Biographien verschiedener bekannter Personen mit denen unbekannter, fiktiver abwechseln. In Dos Passos Werk stehen drei fiktive Charaktere für typische Amerikaner und auch Packer wählt drei Personen, um möglicherweise typische Schicksale darzustellen. Diese längeren, in Episoden erzählten Lebensbeschreibungen verknüpfen geschickt die individuellen Biographien mit Ereignissen auf lokaler, nationaler oder globaler Ebene.

Tammy Thomas ist eine afroamerikanische Frau aus Youngstown in Ohio. Statt bei ihrer heroinabhängigen Mutter wächst sie bei ihrer Urgroßmutter auf. Als Teenager wird Tammy Mutter, schafft jedoch trotzdem als erste in ihrer Familie einen Schulabschluss. Anhand ihrer Lebensgeschichte beschreibt Packer den Niedergang der Stahlindustrie in Youngstown ab Ende der 1970er Jahre. Die Einwohnerzahl der Stadt nahm von 140.000 im Jahr 1970 auf lediglich 67.000 im Jahr 2010 ab. Gleichzeitig stieg die Kriminalitätsrate stetig an.

Um nicht eine Sozialhilfe-Karriere wie viele Verwandte und Bekannte einzuschlagen, fängt Tammy Thomas 1988 in der Packard Electric Fabrik an, die Autoteile für General Motors herstellt. Nach einer Übernahme wird die Produktion jedoch nach Mexiko verlagert. Mit ihrer Abfindung beginnt Tammy ein Studium der sozialen Arbeit. Nach ihrem Abschluss arbeitet sie in Youngstown mit verschiedenen Bürgergruppen zusammen. Insbesondere der Leerstand in der Stadt und die Verbesserung und Aufwertung von Wohnquartieren bilden dabei ihren Arbeitsmittelpunkt.

North Carolina: ehemaliges Tabakland, hier trifft der Leser auf Dean Price, dessen Familientradition eng an die lokale Wirtschaftsgeschichte geknüpft war. Er erlebt in den 1990er Jahren den Niedergang gleich dreier Industriezweige:.

Dean selbst ist in dieser Zeit als Unternehmer tätig und betreibt entlang der US Route 220 Tankstellen mit kleinen Läden und angeschlossenen Fastfood-Restaurants. Hurrikan Katrina führt in der Region zu einer Unterversorgung mit Diesel, woraufhin Dean sich mit der Knappheit fossiler Energieträger, insbesondere Erdöl beschäftigt. Er glaubt in Bio-Diesel die Lösung für die Ressourcenknappheit gefunden zu haben und gleichzeitig den regionalen Farmern zu helfen.

An seinen Tankstellen verkauft er schon bald Biodiesel aus lokal angebauten Raps. Als erstes Unternehmen dieser Art wurde sogar die Obama-Regierung auf Dean und seine Partner aufmerksam. Die Finanzkrise 2007 führt allerdings zum Bankrott seiner Tankstellen und Restaurants, ebenso verliert er den Einfluss auf sein Biodiesel-Unternehmen. Der Idee alternativer Treibstoffe bleibt Dean Price aber treu, sein neues Unternehmen wandelt Fritieröl in Treibstoff für Schulbusse um.

Jeff Connaughton lernt während seines Studiums an der University of Alabama den damaligen Senator Joe Biden kennen und ist von ihm fasziniert. Doch bevor er in die Politik geht, arbeitet Jeff zunächst im Finanzbereich. Als Biden versucht 1988 Präsident zu werden, schließt Jeff Connaughton sich dem Wahlkampfteam an. Biden muss allerdings aufgeben, doch findet Jeff eine Stelle im Mitarbeiterstab des Rechtsausschusses des Senats. Während der Präsidentschaft von Bill Clinton arbeitet er für den Rechtsberater im Weißen Haus. Nach seinem Ausscheiden aus dem Stab des Weißen Hauses macht er als Lobbyist Karriere im Unternehmen Quinn Gillespie & Associates.

Jeffs Verbindungen zu Vertrauten und Weggefährten von Joe Biden reißen jedoch nicht ab und so wird er Mitarbeiter des Senators Ted Kaufmann. Gemeinsam wollen sie das Finanzwesen reformieren, indem sie finanziellen Betrug strafrechtlich besser verfolgen wollen sowie die Größe von Banken begrenzen. Ihnen ist jedoch nur geringer Erfolg beschieden, denn Jeffs Lobbyistenfreunde verfügen über mehr und bessere Informationen und besitzen erheblichen Einfluss. Er zieht nach Savannah in Georgia und verarbeitet seine Erfahrungen in dem Buch „The Payoff: Why Wall Street always Wins“.

Bisherige Rezensenten gehen nur wenig auf die Portraits der prominenten Amerikaner ein, deren Einflechtung in die drei Haupterzählungen wiederum der Struktur der „U.S.A. Trilogy“ ähnelt. Die Portraits lassen sich auf bestimmte Aussagen zuspitzen, wie im Folgenden kurz dargestellt.

  • Newt Gingrich: Für ihn ist Politik totaler Krieg und es geht allein ums Gewinnen, denn jede politische Entscheidung ist ein Kampf zwischen Gut und Böse, in dem nicht die Argumente zählen, sondern Symbole und Gefühle die Wähler ansprechen.
  • Oprah Winfrey: Jeder ist selbst für sein Leiden und Glück verantwortlich, ist ihr Credo, und wer es nicht nach oben schafft, obwohl Oprah es geschafft hat, hat keine Entschuldigung, denn Scheitern ist die eigene Schuld.
  • Raymond Carver: Er trank und er schrieb. Er gilt als Chronist einer verzweifelten Unterschicht, einer untergehenden Arbeiterklasse. Ungewollt bestätigten seine Verlierer-Figuren die Überheblichkeit der Yuppies.
  • Sam Walton: Mit seinen Wal-Marts befeurte er die Geiz-ist-Geil-Mentalität. Alles war billig, doch viele Leute die bei Wal-Mart kauften, mussten früher oder später auch dort arbeiten. Sie erhielten schlecht bezahlten Teilzeitjobs ohne gewerkschaftliche Organisation und die Kleinstädte des amerikanischen Kernlandes verarmten zusehends.
  • Colin Powell: Ein Kind funktionierender institutioneller Ordnung, fand Powell in der Armee ein Zuhause und eine Umgebung, in der er aufgrund seiner Hautfarbe nicht diskriminiert wurde. Er stieg schnell auf, wechselte in die Politik, doch seine Rolle in der Bush-Regierung führte ihn fast bis zur Selbstverleugnung.
  • Alice Waters: Ihr Restaurant Chez Panisse boomt. Sie propagiert Bio und will das Schulessen revolutionieren, indem Nachhaltigkeit als Unterrichtsfach gelehrt und jede Schule einen Nutzgarten anlegen soll. Ernährung macht sie zu einem politischen Thema, lädt es moralisch auf, sorgt für Gewissensbisse beim Verbraucher und verdrängt, dass Ernährung auch immer eine Frage des Geldes und der Klassenzugehörigkeit ist.
  • Robert Rubin: Bachelorstudium in Harvard, Jurastudium in Yale, Einstieg bei Goldman Sachs, Mitarbeiter im Weißen Haus, Finanzminister, Vorstandsvorsitzender bei der Citigroup. Eine Karriere im Zeichen des Ausgleichs von Interessen: die der Wall Street mit denen des Landes und nicht zuletzt mit den eigenen. Das Ergebnis sah folgendermaßen aus: der Finanzsektor blähte sich auf, Regeln und Vorschriften wurden gelockert und das Ungleichgewicht in der Verteilung der Privatvermögen nahm zu.
  • Jay-Z: Der Aufstieg vom Crack-Dealer aus der abgewrackten Vorstadt zum Rapper mit eigener Modefirma war kein Wandel zum Künstler, immer ging es um Geld und den Verkauf eines Lifestyle: „Warum ich so hart drauf bin, härter als du“.
  • Andrew Breitbart: Zwei Dinge ermöglichen Breitbart einen Meinungsjournalismus zu etablieren, der auf den größtmöglichen Effekt abzielt, die Zuschauer unterhält. Erstens wurde 1987 die Fairness Doctrine aufgehoben, die dazu verpflichtet hatte, Nachrichten ehrlich und ausgewogen darzustellen. Objektivität und Wahrheit, die Regeln des alten Journalismus, galten somit nicht mehr. Zweitens erkannte Breitbart, dass der Kampf der politischen Lager innerhalb der Kultur stattfand und das es um Meinungsführerschaft in diesem Bereich gehen müsste, wollte man Amerika gestalten.
  • Elizabeth Warren: Sie analysiert die Zunahme von Privatinsolvenzen und erklärt sie durch den Wegfall reglementierender Institutionen. Der Verbraucherschutz bzgl. Krediten und Spekulationsgeschäften wird zusehends klein geschrieben und immer mehr Menschen verschulden sich aufgrund mangelnder Informationen und Risikowarnungen, wohingegen Banken und Kreditkartenunternehmen prosperieren und in Krisenzeiten mit Steuergeldern gerettet werden.

Diskussion

George Packer beschreibt und kontextualisiert die Lebensgeschichten, bettet sie ein in die Sozialgeschichte der USA. Allerdings bietet sein Mosaik an Portraits keine kausalen Erklärungen, sondern schildert anschaulich die Leben verschiedener Amerikaner. Packer hütet sich davor, so zu tun, als hätte er Lösungen parat. Generell tritt der Autor nicht in Erscheinung, keine Erste-Person-Singular taucht auf und tut ihre Meinung kund, was die reine Darstellung ohne Wertung und Einordnung noch verstärkt.

Doch natürlich kann der Leser Packers eigene Meinung herauslesen: die Geiz-ist-Geil-Mentalität zerstört gute Jobs und führt zu neuer Armut, die Realwirtschaft und die Finanzwirtschaft sind in einem Miss- und verkehrten Abhängigkeitsverhältnis, in der Politik und den Medien herrscht eine effektheischende, sentimentalistische Sprache anstelle der Überzeugungskraft des besseren Arguments, der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt, Institutionen wie Gewerkschaften und Schulen funktionieren nicht mehr, jeder ist auf sich selbst zurückgeworfen und die Erfolgreichen halten ihre eigene Biographie als Leitbild vor die „Verlierer“.

Insbesondere der Verlust von gesellschaftlichem Zusammenhalt wird in Rezensionen immer wieder genannt. Allerdings ist dieser Befund für den mit amerikanischen Diskussionen vertrauten Leser nicht gerade neu und wenig verwunderlich. Michael Hochgeschwender hat in der FAZ (05.08.2014) darauf hingewiesen, dass Packers Darstellung eines fehlenden Zusammenhalts sozial- und kulturwissenschaftlich breit analysiert sei, so z.B. in „Culture Wars“ (Hunter 1991), „Bowling Alone“ (Putnam 2000) und „The Age of Fracture“ (Rodgers 2011). In dieser Reihe fehlt allerdings die Erkundung des amerikanischen Individualismus durch Robert Bellah und seine Mitarbeiter („Habits of the Heart“ 1985), die zentral für die in der US-amerikanischen politischen Theorie der 1980er Jahre geführte Debatte um den Kommunitarismus war. Doch wollten die Kommunitarier dem durch den (Neo-)Liberalismus befeuerten Individualismus eine Rückbesinnung auf Gemeinschaft entgegensetzen, so fordert Packer eine Wiederbelebung von Institutionen. Der Einzelne kann sich nicht auf sich besinnen oder sein Heil in zivilgesellschaftlichen Assoziationen suchen; die Verwirklichung der Lebenschancen der Mittelschicht muss in und mithilfe von (gerade auch staatlichen) Institutionen geschehen. Sie sind notwendig zur Sicherung gesellschaftlicher Spielregeln. Inhaltlich ist es vielleicht gerade dieser Befund, der das Buch für Leser außerhalb der USA attraktiv macht.

Allerdings sollte man Packers Werk weder literarisch noch philosophisch überhöhen. Ja, er orientiert sich an Dos Passos und ja, er erinnert den kundigen Leser an Diskussionen in der politischen Theorie, doch zu aller erst handelt es sich einfach um ein sehr gutes Sachbuch, das keine theoretische Deutung oder politische Lösung anbietet, sondern ein Mosaik von Lebensgeschichten ausbreitet und diese anschaulich erzählt - darin liegt der Lesegenuss von „Die Abwicklung“.

Fazit

George Packer besitzt jenes soziologische Denkvermögen, von dem der US-Soziologe C. Wright Mills sagte, es sei die Fähigkeit: „Geschichte und persönlichen Lebenslauf und ihre Verbindungen in der Gesellschaft zu erfassen“. Er ist ein begnadeter Reporter, der das Handwerk des Recherchierens, Darstellens und Beschreibens grandios beherrscht und die Leser anhand spannender Biographien mit leichter Hand durch 30 Jahre US-Sozialgeschichte führt.


Rezension von
David Kreitz
M.A., Mitarbeiter der Zentralen Einrichtung für Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre an der Universität Hannover. Freiberuflicher Schreibberater und Schreibtrainer, Mitherausgeber der Zeitschrift JoSch – Journal der Schreibberatung und der Reihe „Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft“.
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Zitiervorschlag
David Kreitz. Rezension vom 09.10.2014 zu: George Packer: Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-10-000157-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17433.php, Datum des Zugriffs 21.10.2020.


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