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Daniela Ahrens (Hrsg.): Zwischen Reformeifer und Ernüchterung

Cover Daniela Ahrens (Hrsg.): Zwischen Reformeifer und Ernüchterung. Übergänge in beruflichen Lebensläufen. Springer VS (Wiesbaden) 2014. 210 Seiten. ISBN 978-3-658-01295-3. D: 34,95 EUR, A: 35,93 EUR, CH: 43,50 sFr.
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Thema

Der Reader diskutiert anhand von zehn Beiträgen die aktuelle Situation des Übergangssektors. Die Beiträge decken dabei ein breites Spektrum ab, das von theoretischen Reflexionen über inhärente Zielkonflikte des Übergangsbereiches bis zur Darstellung erfolgreicher Maßnahmen in regionaler Umsetzung und kommunalen Steuerungsperspektiven reicht. Der vorliegende Reader entstand vor dem Hintergrund der titelgebenden Tagung im Oktober 2012 im Institut Technik und Bildung an der Universität Bremen.

Herausgeberin

Dr. Daniela Ahrens, stellvertretende Abteilungsleiterin in der Abteilung „Arbeitsprozesse und berufliche Bildung“ am Institut Technik und Bildung an der Universität Bremen.

Aufbau und Inhalt

Daniela Ahrens leitet den Reader als Herausgeberin ein. Im Kontext einer systemtheoretisch argumentierenden Organisationsforschung skizziert sie Dilemmata von Reformbemühungen im Übergangssektor. Ahrens stellt fest, dass trotz aller Forschungsbemühungen empirisch immer noch ein lückenhaftes Bild zum Übergangssektor vorhanden ist und gleichzeitig die Ausarbeitung einer fundierten theoretischen Zugangsbasis in der Berufspädagogik wie auch in der Sozialpädagogik aussteht. Sie plädiert dafür, die Bedingungen von Reformen im Übergangsbereich stärker in den Blick zu nehmen.

Regina Dionisius und Elisabeth M. Krekel zeigen, wie man mit Hilfe der integrierten Ausbildungsberichterstattung die Entwicklung des Übergangsbereiches plausibilisieren und prognostisch darstellen kann. Als besonderen Wert der integrierten Ausbildungsberichterstattung stellen sie heraus, dass diese nicht nur einen Überblick über die regionalen Unterschiede in Deutschland zu geben vermag, sondern darüber hinaus den Blick auf die gesamten Entwicklungen im Bildungssystem lenkt.

Birgit Reißig liefert einen Beitrag über die Ausdifferenzierung von Übergangswegen von der Schule in die Ausbildung anhand einer Längsschnittstudie des Deutschen Jugend Instituts (DJI). Das Übergangspanel des DJI untersucht seit 2004 Wege in den Beruf für Abgänger*innen von Hauptschulen. Reißig betont die Rolle informeller Kontexte für die Übergangsgestaltung und kommt zu dem Schluss, dass die Detailergebnisse zur Positionierung von Hauptschüler*innen zeigen, dass es deutliche Hinweise auf Entgrenzungsprozesse an der ersten und zweiten Schwelle gibt.

Jutta Ecarius stellt in ihrem Beitrag die Ergebnisse aus dem DFG-Forschungsprojekt „Benachteiligte Jugendliche in pädagogischen Fördermaßnahmen am Übergang Schule-Beruf“ vor. Sie bettet ihren Beitrag in den Kontext der Kompetenzdebatte ein und stellt zentrale Anforderungen des Jugendalters, insbesondere den Einstieg in die Individuation dar. Ecarius zeigt anhand der empirischen Befunde, dass vier verschiedene Typen in den biografischen Interviews sichtbar werden, die auf unterschiedlich hohe Chancen verweisen, Maßnahmen des Übergangsbereiches zu meistern.

Michael Gessler und Kristina Kühn beschreiben in ihrem Beitrag zu Werkschulen in Bremen die Umsetzung eines Pilotvorhabens zur „Förderung lernbenachteiligter Jugendlicher durch praxisorientiertes Lernen“. In einer Evaluationsstudie wurde das Pilotprojekt begleitet – Gessler und Kühn präsentieren die Ergebnisse, die durch Einzel- und Gruppeninterviews mit Werkschulteams und einzelnen Schüler*innen gewonnen wurden. Vor dem Hintergrund einer grundsätzlich positiven Bewertung des Konzepts der Werkschulen empfehlen sie eine kriteriengeleitete Auswahl der Schüler*innen, eine stärkere Vernetzung mit den berufsbildenden Schulen sowie ein beratendes Gremium.

Stephan Stomporowski schließt mit einem Aufsatz zum „Hamburger Ausbildungsmodell“ einen weiteren Praxisbeitrag an. Intention des Hamburger Ausbildungsmodells ist es, durch eine anrechenbare berufliche Qualifizierung die Warteschleifen-Phasen von Jugendlichen im Übergangsbereich zu reduzieren. Stomporowski weist kritisch darauf hin, dass eine Bewertung der Teilnehmenden und deren anschließender erfolgreicher Übergang in Arbeit und Beschäftigung zu positiv dargestellt wird, da es sich hierbei häufig um Übergänge in unsichere Beschäftigungsverhältnisse handelt.

Dieter Münk leitet eine Reihe theoretischer Betrachtungen des Übergangsbereiches im Reader ein. Er beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit Zielkonflikten zwischen Bildungs- Wirtschafts- und Sozialpolitik. Münk konstatiert, dass es einen fundamentalen Widerspruch zwischen dem Anspruch des Ausbildungssystems qualifizierte Ausbildung leisten zu wollen und dem Integrationswillen des Übergangsbereiches gibt. Er formuliert den Anspruch, den Sekundarbereich I stärker als bisher in arbeitsfördernde und berufsvorbereitende Maßnahmen einzubinden.

Arnulf Bojanowki wirft in seinem Beitrag einen diskursanalytischen Blick auf das Übergangsgeschehen. Er stellt fest, dass das Feld von einer Reihe widersprüchlicher und sich gegenseitig überlagernder Diskurslinien gekennzeichnet ist, die er zum Anlass nimmt, über neue Muster von Vergesellschaftung nachzudenken. Bojanowski sieht neue Machtkonstellationen, die zur Entstehung neuer Technologien des Selbst im Sinne Foucaults beitragen. Er konstatiert, dass der Übergangsbereich sich als ein Bereich zeigt, in dem die Grenzen der Reformierbarkeit demokratisch verfasster Gesellschaften sichtbar werden.

Axel Bolder liefert die letzte theoretische Betrachtung im Band. Er denkt über das Phänomen des Zusammenhangs zwischen sich wandelnden Systemstrukturen und dem Entscheidungshandeln von Jugendlichen im Hinblick auf ihre beruflichen Entscheidungen nach. Er diskutiert kritisch, wie mediale Thematisierungen auf das berufsbiografische Entscheidungshandeln wirken und schlägt vor, diesen Zusammenhang mittels biografischer Forschung zu beleuchten.

Für den letzten Beitrag im Band steht Wilfried Kruse, der sich mit dem Konzept der Kommunalen Koordinierung befasst, das aus der Arbeitsgemeinschaft Weinheimer Initiative entstanden ist. Das Konzept begründet sich auf einer umfassenden Hinwendung der Kommune zu Bildungsverläufen Jugendlicher, der nicht erst mit dem Übergangsgeschehen einsetzt. Nach einer positiven Anfangsphase, in der sich zunehmend mehr Kommunen dem Konzept anschlossen, geht es nun um eine Konsolidierung kommunaler Koordinierung.

Diskussion

Das Buch liefert ein breites Spektrum von Beiträgen zum aktuellen Zustand des Übergangsbereichs, das sowohl Praktiker*innen als auch eine theoretisch interessierte Leserschaft anspricht. Wer Handlungsempfehlungen und eine breite Diskussion von Reformvorschlägen erwartet, wird eher enttäuscht. Am positiven Gesamteindruck des Readers ändert dies jedoch nichts.

Fazit

Ein lesenswerter Reader für alle, die aus einer distanzierten Perspektive über den Zustand des Übergangsbereichs und seine Zusammenhänge mit dem System der dualen Ausbildung nachdenken wollen. Die Mischung aus einer Darstellung von Evaluationsforschungen zu Maßnahmen des Übergangsbereiches, theoretischen Beiträgen und übergangsbezogenen Forschungsprojekten stellt sich als sehr gelungen dar.


Rezension von
Dipl. Soz.päd. Nina Erdmann
M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin am FB angewandte Sozialwissenschaften FH Dortmund im Forschungsprojekt „Diversität und Bildung“
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Zitiervorschlag
Nina Erdmann. Rezension vom 12.11.2014 zu: Daniela Ahrens (Hrsg.): Zwischen Reformeifer und Ernüchterung. Übergänge in beruflichen Lebensläufen. Springer VS (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-01295-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17435.php, Datum des Zugriffs 27.01.2020.


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