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Tanja Betz, Peter Cloos (Hrsg.): Kindheit und Profession

Cover Tanja Betz, Peter Cloos (Hrsg.): Kindheit und Profession. Konturen und Befunde eines Forschungsfeldes. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-2553-8. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band beschreibt eine Neujustierung der Disziplin und Profession der Pädagogik der frühen und auch mittleren Kindheit; jetzt unter dem Begriff Kindheitspädagogik. Ausschlaggebend sind Forschungsergebnisse, die dazu führen eine Kindergartenorientierung, die häufig noch von einer Defizitbehebung bei Kindern eingefärbt ist, zu überwinden. Ausgerichtet ist die sich in Konturen abbildende Kindheitspädagogik programmatisch auf das System von Bildung, Erziehung und Betreuung. Damit werden auch die in der Kindheit wirksamen Institutionen eingebunden und darauf hingewiesen, dass eine dortige Professionalisierung des Fachpersonals erforderlich ist.

Aufbau

Die Herausgeber ordnen die facettenreichen 18 Beiträge in vier Kapitel bzw. Teile:

  1. Benachbarte Forschungsfelder und ihr Anregungspotential für die Kindheitspädagogik (Teil I),
  2. Konturen und Konzepte einer kindheitspädagogischen Professionsforschung (Teil II),
  3. Profession und Kompetenz (Teil 3) und
  4. Handlungen und Orientierungen einer kindheitspädagogischen Profession (Teil IV).

Die Autorinnen und Autoren kommen aus einschlägigen Universitäts- und Hochschulbereichen sowie aus Forschungsinstituten wie z.B. dem Deutschen Jugendinstitut.

Ausgewählte Inhalte

Im Folgenden werden einige Beiträge vorgestellt, um einen Einblick in die komplexe Forschungs- und Professionsszene zu geben.

Der erste Teil wird eingeleitet von dem Beitrag „Childhood Studies. Anregungen für die kindheitspädagogische Professionsforschung“ von Johanna Mierendorf. Der Autorin geht es unter einem soziologischen Blickwinkel darum, den engen Betrachtungsrahmen auf den Kindergarten und die außerfamiliale Kinderbetreuung deutlich zu erweitern und dies theoretisch zu begründen. Mit dem favoritiesierten Agency-Ansatz geraten damit die unterschiedlichsten gesellschaftlichen und privaten Kontexte, Bedingungen und Praxen in den Mittelpunkt der aktuellen theoretischen Ausrichtung. Die permanente Teilhabe von Kindern an Interaktionen, sozialen Prozessen und kulturellen Kontexten ist konstitutiv für Kindheit. Kindheit selbst ist dann ein Kennzeichen einer generationalen Ordnung, die zwischen Kindern und Erwachsenen unterscheidet. Alter wird zu einer Unterscheidungskategorie, die von einem sozialen Ordnungsprozess an dem Kindheit Teil hat gestaltet wird. Kinder befinden sich letztendlich über den Kindergarten hinaus in einen gesellschaftlichen Kontext, den sie selbst mitgestalten.

Der Folgebeitrag von Florian Eßer „Kindertagesbetreuung im Kontext sozialpädagogischer Professionalität“ kann in gewisser Weise als Folgebeitrag zu den Ausführungen von Mierendorf gelesen werden. Der Autor beschreibt die „Zugeriffsbemühungen“ sowohl der Schulpädagogik als auch der Entwicklungspsychologie auf die an Bedeutung enorm zugenommene frühe Kindheit. Hinzu kommen Entwicklungen an denen Erzieherinnen und Erzieher gerne partizipieren, um den den Status ihrer „Professionalisierungsanwartschaft“ zu überwinden. Genau im Spannungsfeld dieser Interessen setzt der Autor aber auf childhood agency, auch um die kollektive Hervorbringung peerkultureller Wirklichkeiten durch Kinder einzubeziehen. Als Perspektive formuliert Eßer eine Professionalisierung als transdisziplinäres Projekt, u.a. mit der Aufgabe die erforderliche Selbstreflexivität hervorzubringen.

Peter Cloos analysiert in seinem Beitrag zu „Konturen der kindheitspädagogischen Professionsforschung“ professionstheoretische Perspektiven, die sich an den Makro-, Meso- und Mikroebenen professionellen Handelns ausrichten können. Dazu werden vorliegende Forschungsfelder systematisiert nach den Untersuchungsgegenständen a) professionelle Dispositionen, b) professionelle Performanz und professionelles Handeln, c) professionell erzielte Wirkungen sowie d) Professionsentwicklung. Die Bilanz dieser Systematisierung fällt ernüchternd aus. So wird vorwiegend nur die individuelle Mikroebene betrachtet wie auch die Verwissenschaftlichung des Wissens und Könnens im Vordergrund steht. Hinzu kommt, dass die Professionalisierungsforschung bei Erzieherinnen und Erziehern weitgehend am Staus und an statuspolitischen Fragen interessiert ist. Eine Forschungsperspektive wird in diesem Beitrag nicht entwickelt.

Margit Stamm unternimmt einen interessanten „Ausflug“ in die Professionsfoschung der Vereinigten Staaten. Sie benennt dortige Schwerpunkte: 1. Die Profession und ihr Kapital (Ausbildung,, Einstellung, Haltung, Wohlbefinden, sprachliche Kompetenz der Fachkräfte). Bemerkenswert ist, dass das psychische Wohlbefinden als ein ausschlaggebender Faktor professioneller Handlungskompetenz gewertet wird; 2. Wirksame Arbeit stellt auch die Wissensdimension der Fachkräfte dar. Die Bedeutung und Wirkung der Wissensdimension ist dabei empirisch gut untersucht; 3. Aus-und Weiterbildung und ein diesbezüglicher Blick auf ökonomische Analysen beinhaltet den Hinweis, dass die Handlungskompetenz von Fachkräften nicht ausschlaggebend vom Stand der Ausbildung abhängt. Dieser Sachverhalt fließt in den USA in jeweilige Kosten-Nutzen-Analysen ein. Für Erzieherinnen und Erzieher in Deutschland könnte dies bedeuten, dass ein Bachelorabschluss keine Garantie für höhere Arbeitsqualität ist (S. 125). Für die deutsche Professionsforschung bezogen auf die Kindheitspädagogik wäre nach Stamm die Klärung folgender Fragen wichtig: Welche Wirkung ist vorhanden? Welches Wissen wird benötigt? Warum reagieren Kinder unterschiedlich auf Förderprogramme? Wie beeinflussen organisatorische, administrative und politische Faktoren die Fähigkeiten der Fachkräfte?

„Zusammenarbeit mit Eltern als Aufgabe der Professionalisierung. Herausforderungen einer Erziehungswissenschaftlichen Familienforschung“ ist der Titel des Beitrages von Sabine Andresen. Für die Autorin ist der Begriff der Asymmetrie zwischen Eltern und Professionellen von besonderer Bedeutung. Eingelagert in die Asymmetrie sind Macht-, Anerkennungs- und Rollenverhältnisse. Eine diesbezügliche Forschung ist notwendig, um beispielsweise auch vermeintlich defizitäre Familienbilder aufzudecken, aber auch die jeweiligen Praxen von Eltern und Fachkräften verhandlungsfähig zu machen. Dazu sind allerdings Einblicke in die Familie notwendig, die durch Forschung nur unter erschwerten Umständen zu erhalten sind. So verweist die Autorin auf den ethnografischen Forschungsansatz von Adrian Nicole Leblanc in dessen Rahmen eine Familie in New York zehn Jahre lang begleitet wurde. Auf Deutschland bezogen zeigt Andresen wie sich die Interaktionspraxis in Familien mit Erlebnissen der Eltern, z.B. in einer Beratungssituation, vermischt und Normen und Anforderungen der jeweiligen pädagogischen Institution hinzukommen. Entscheidend sind die „Passungen zwischen unterschiedlichen Familien und öffentlichen Institutionen, zwischen Praktiken hier und dort…“ (S.172f).

Der Beitrag „Wissen und Können einer kindheitspädagogischen Profession“ von Stefan Fass thematisiert die Grundsatzfrage wie Wissen (Theorie) in Können (Praxis) einmündet bzw. wie sich das Wechselverhältnis gestaltet. Hier unterscheidet der Autor beim Wissen bereichs- und themenbezogenes Fachwissen, kindheitspädagogisches Grundlagenwissen, didaktisches Planungs- und Handlungswissen sowie Organisations- und Interaktionswissen. Sodann werden Verfahren aufgezeigt, wie professionelles Wissen und Können empirisch zu erfassen sind (Überprüfung von Wissen, Selbsteinschätzung, Beurteilung, Beobachtung). An einer eigenen Untersuchung demonstriert Fass den Zusammenhang von Wissen und Können in Bezug zu Fallbeispielen (Darstellung z.B. durch Videosequenzen), die Erzieherinnen und Erziehern vorgelegt wurden. Im Ausblick wird festgestellt, dass in dem bearbeitenden Themenbereich beachtliche Forschungsdefizite vorfindlich sind.

Marc Schulz diskutiert in seinem Beitrag „Lernende Kindergartenkinder. Professionstheoretische Perspektiven auf die Praktiken der Fallherstellung in Kindertageseinrichtungen“ wie Kinder in Kindergartenkinder transformiert werden. Ausgehend von einem Paradigmenwechsel vom schutzbedürftigen Kind zum sich selbst bildenden Akteur werden die vorhandenen Beobachtungsprozesse im Kinderkarten einer Kritik unterzogen. Demnach soll es nicht mehr um Dokumentation fallbezogener Interaktion und um Kompetenz in der Fallbearbeitung gehen, sondern um eine zu beobachtende „Vollzugspraxis und die Bearbeitung von Ungewissheitsstrukturen“ (S. 263). So soll z.B. rekonstruiert werden wie das Individuum Kind zum Fall für Förderungsbedürftigkeit wird. Eingebunden in diese Sichtweise sind dann das interaktive Beobachten wie auch die Handhabung der Beobachtungsinstrumente. Kinder sollen so aus dem Status des Beobachtungsobjektes zu aktivierbaren KommunikationspartnerInnen werden. Hinzu kommen Aushandlungsprozesse zwischen Erziehungsberechtigten und professionellen Fachkräften. Durch ein solches Interaktionsgefüge mit Kindern, Erziehungsberechtigten und Professionellen ist die Kindertageseinrichtung kein Bildungsort mehr, sondern wird als solcher von den Beteiligten hergestellt.

Diskussion

Kindheitspädagogik als ein professionelles Berufssystem stellt sich insgesamt recht unübersichtlich dar. Daher wäre zu fragen, ob nicht eine begriffliche Neubezeichnung am Ende eines langen Forschungsweges stehen sollte. Darüber hinaus wird aber sehr deutlich, dass die „Kindergartenerziehung“ einer umfangreichen Neujustierung bedarf, die sowohl die Disziplin als auch die Profession betrifft. Die gleichzeitige Bearbeitung dieser Kategorien, wie der Buchtitel aber auch die Beiträge nahelegen, ist sicherlich innovativ. Damit wird bei der Neujustierung Theorie und Praxis verzahnt und die Entwicklung findet nicht auf getrennten Felder statt, die dann später mühsam aufeinander zu beziehen sind.

Etwas zu kurz kommt die Analyse der aktuellen Kindergartenentwicklung und weiterer Institutionen der frühen Kindheit. Dies gilt auch für den Zusammenhang und die Vernetzung von Bildung, Erziehung und Betreuung auf lokaler Ebene im Sinne von Bildungslandschaften.

Unter einem historischen Aspekt wäre interessant zu erfahren, wieso der enge und bedeutsame Zusammenhang von Selbsttätigkeit und Selbstbildsamkeit (Pestalozzi) des Kindes verschüttet worden ist und nun teilweise neu erarbeitet werden muss. Dessen ungeachtet wird das Ziel des Bandes, einen Beitrag zur Vermessung des kindheitspädagogischen Professionsfeldes und der dortigen Forschung zu leisten ist auf jeden Fall erreicht.

Fazit

Ein innovativer und anspruchsvoller Sammelband zum Thema Disziplin und Profession in der Kindheitsphase. Die sich abzeichnende Neujustierung von Disziplin und Profession bedarf der Weiterführung in der Forschung und muss einen Niederschlag finden in der Lehre und im Studium.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 14.10.2014 zu: Tanja Betz, Peter Cloos (Hrsg.): Kindheit und Profession. Konturen und Befunde eines Forschungsfeldes. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2553-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17437.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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ISSN 2190-9245

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