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Francine Shapiro: EMDR - Grundlagen und Praxis

Cover Francine Shapiro: EMDR - Grundlagen und Praxis. Handbuch zur Behandlung traumatisierter Menschen. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2013. 2., überarbeitete Auflage. 543 Seiten. ISBN 978-3-87387-873-0. 49,90 EUR.
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Thema

Francine Shapiro legt mit diesem Buch „Grundlagen und Praxis“ ein umfassendes Standardwerk vor. Es gibt einen grundlegenden Überblick über Entwicklung und Anwendung von EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), eine Behandlungsmethode für traumatisierte Menschen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen. Ziel dieses integrativen Therapiemodells ist die Aufarbeitung beunruhigender Gedanken und Erinnerungen. Es hat sich gezeigt, dass mit EMDR in relativ kurzer Zeit nachhaltige Ergebnisse in der Arbeit mit Patienten zu erzielen sind.

Autorin

Francine Shapiro ist die Begründerin und Entwicklerin von EMDR. Sie arbeitet am Mental Research Institute in Palo Alto in Kalifornien. Sie gründete die Organisation Humanitarian Assistance Programs. Das ist eine gemeinnützige Organisation, die auf der ganzen Welt Katastrophenhilfsdienste und kostenlose Ausbildungen in Krisengebieten organisiert.

Aufbau und Inhalt

Francine Shapiro legt mit diesem Buch ein umfassendes Basiswerk vor. Es gibt einen grundlegenden Überblick über Entwicklung und Anwendung von EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), eine Methode, für Trauma – Opfer mit Posttraumatischen Belastungsstörungen. Augenbewegungen und andere Methoden der Rechts-Links-Stimulation werden dabei eingesetzt, um bei der Aufarbeitung beunruhigender Gedanken und Erinnerungen zu helfen. Als integratives Therapiemodell, das verhaltenspsychologische, kognitive, psychodynamische, körperorientierte und systemische Elemente umfasst, ermöglicht EMDR, in relativ kurzer Zeit nachhaltige Resultate in der Arbeit mit Patienten zu erzielen.

Das Buch umfasst 544 Seiten und gliedert sich in zwölf Kapitel, die jeweils mit einer Zusammenfassung und Schlussfolgerungen enden. Das Buch endet mit den Anhängen A – D, in denen der Leser Formulare und Checklisten vorfindet sowie einem Literaturverzeichnis und einem Index. Das hier vorliegende Buch ist ein Grundlagenwerk, dessen Neuauflage die Erfolge dokumentiert, die EMDR in der therapeutischen Praxis erzielt hat. Auf jeder Seite sind am oberen Seitenrand der Name des jeweiligen Kapitels sowie die Seitenzahl abgedruckt.

Im Vorwort, vor dem Einstieg in das erste Kapitel Hintergründe werden die Entstehung, Prinzipien und Verfahrensweisen des EMDR erläutert. Beim EMDR werden Trauma-Opfer mittels Augenbewegungen und anderen Methoden der Rechts-Links-Stimulation bei der Aufarbeitung beunruhigender Gedanken und Erinnerungen unterstützt. In diesem ersten Teil wird zudem erläutert, wie es zur Entdeckung von EMDR kam. Auf die erste kontrollierte Studie folgten weitere klinische und experimentelle Beobachtungen. 1990 wurde aus EMD EMDR. Das war ein Paradigmenwechsel: der verhaltenstherapeutischen Ansatz einer Angst-Desensibilisierung wurde durch das Konzept der Informationsverarbeitung ergänzt. EMDR ist ein integratives Therapiemodell, das verhaltenspsychologische, kognitive, psychodynamische, körperorientierte und systemische Elemente umfasst. Mit EMDR werden in relativ kurzer Zeit nachhaltige Resultate in der Arbeit mit Patienten erzielt.

Im zweiten Kapitel geht es um die sog. Adaptive Informationsverarbeitung – Das Modell als Arbeitshypothese. Darin wir die Verarbeitung von Informationen erläutert, ausgeführt was alternative Stimuli sind und wie Erinnerungsnetzwerke funktionieren. Beispielhaft wird eine EMDR-Behandlungssitzung vorgestellt, die zum Teil transkribiert und evaluiert wurde. Es wird dargelegt, wie es gelingt, dysfunktionale in funktionale Informationen zu verändern. Auch bei anderen Störungen kann EMDR angewendet werden. Mit einem Trauma spielen oft statische Erfahrungen eine Rolle z.B. in der Kindheit.

Das dritte Kapitel „Die Komponenten der EMDR-Behandlung und grundlegende Behandlungsresultate“ handelt von den Grundkomponenten des EMDR-Verfahrens: Das Bild, die negative Kognition, die positive Kognition, die Emotionen und der Grad der Belastung und die physische Empfindungen. Zentral ist die Aktivierung des Informationsverarbeitungssystems, die durch Augenbewegungen und andere Formen der Stimulation initiiert wird. Eine EMDR-Behandlung durchläuft acht Phasen, dem sog „Standard-EMDR-Protokoll“. Den größten Teil des Buches nehmen die Kapitel 4 -12 ein, in denen die einzelnen Phasen ausführlich beschrieben werden:

Kapitel vier befasst sich mit der 1. Phase Anamnese.

Kapitel fünf behandelt die 2. Phase Vorbereitung und 3. Phase Bewertung.

Kapitel sechs beschreibt die Phasen 4 – 7: Desensibilisierung (Reprozessierung), Phase 5: Verankerung (Installation), Körpertest (Body-Scan) und Abschluss.

Kapitel sieben beschreibt den Umgang mit Abwehrreaktionen und Blockierungen. Es wird definiert, was eine Abwehrreaktion ist und was man tut, wenn diese nicht beendet werden kann. Dann werden Strategien bei Blockierungen der Verarbeitung erläutert.

Kapitel acht widmet sich der 8. Phase Überprüfung (Reevaluation) und der Anwendung des EMDR Standard-Protokolls. Dabei spielt die Arbeit an der Vergangenheit, an der Gegenwart und an der Zukunft eine Rolle.

Im neunten Kapitel Protokolle und Verfahren für spezielle Situationen werden die elf Schritte des Standardverfahrens benannt und verschiedene Protokolle erläutert wie Protokolle und Verfahren für spezielle Situationen, das Protokoll für ein einmaliges traumatisches Erlebnis, das Protokoll für eine aktuelle Angst oder ein aktuelles Verhalten, das Protokoll für kürzlich erlebte traumatische Situationen, Protokolle für Phobien, das Protokoll für pathologische Trauer und das Protokoll für Krankheiten und somatische Störungen. Es ist auch möglich Augenbewegungsserien zum Abbau von Stress selbstständig zu nutzen (man lese dazu die Erläuterungen zu Warnungen, Vorschlägen und technischen Aspekten).

Das zehnte Kapitel mit dem Titel Das kognitive Einweben – aktive Strategien für die Arbeit mit besonders problematischen Klienten erläutert die Grundlagen des Einwebens und beschreibt verschiedene Möglichkeiten wie z.B. Metaphern und Vergleiche.

Das elfte Kapitel beschreibt die Arbeit mit ausgewählten Populationen wie Kindern, Paaren, Opfern sexuellen Missbrauchs und Kriegsveteranen.

Das zwölfte Kapitel hat die Theorie und Forschung und ihre Implikationen für die klinische Praxis zum Inhalt. Darin geht es um theoretische Erklärungen und Elemente der EMDR-Methode.

Das Buch endet mit vier Anhängen (von A-D): Hilfsmittel für die klinische Praxis (A). Der Anhang B Sicherheit des Klienten (B) teilt sich in drei Abschnitte: Empfehlungen der EMDR Dissociative Disorders Task Force: Allgemeine Anleitung zum Einsatz von EMDR bei dissoziativen Störungen, Abschnitt 2 – Empfehlungen des EMDR Professional Issues Committee und Abschnitt 3 Der Ausschuss für professionelle Standards und Ausbildung. Im Anhang C EMDR-Ressourcen findet man Adressen von Ausbildungsstätten in USA und Europa und im Anhang D weitere therapeutische Anwendungen und Evaluierungen, der sich wiederum zwei Abschnitte teilt: Zusätzliche Protokolle und schriftliche Anleitungsressourcen (1) und 2. das adaptive Informationsverarbeitungsmodell.

Diskussion

Auf den ersten Blick scheint es sich um ein einfaches Verfahren der Augenstimulation zu handeln. Doch vor dieser Einschätzung ist zu warnen. Für die Anwendung von EMDR ist eine fundierte Ausbildung notwendig. EMDR wird zur Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) bei Erwachsenen eingesetzt. Diese Methode ist wissenschaftlich anerkannt. Keine andere psychotherapeutische Methode ist so gut auf ihre Wirksamkeit zur Therapie mit PTBS untersucht worden. Sie wird mittlerweile nach Oliver Schubbe sowohl in der Ausbildung von Verhaltenstherapeuten als auch tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie eingesetzt. Die Autorin weist darauf hin, dass EMDR bedauerlicherweise eine große Medienaufmerksamkeit auf sich zieht, was dazu führt, dass es zahlreiche Angebote in diesem Bereich gibt, die mit Vorsicht betrachtet werden sollten. Sie warnt vor potentiellen Gefahren der unsachgemäßen Anwendung der Therapie. Anlaufstellen sollten die nationalen EMDR Fachverbände wie z.B. EMDIRA Deutschland, EMDR Schweiz, Österreich und Europa sein, da diese nach Standards im Bereich der Trainer und Ausbildungen arbeiten. EMDR Europa unterstützt die Forschung und den internationalen Austausch. Die Fachverbände können auch zu Rate gezogen werden, wenn man einen geeigneten Therapeuten sucht. Gemeinnützige Organisationen wie Trauma Aid in Deutschland bieten ganz nach dem Vorbild von Shapiro ehrenamtliche Behandlungen für traumatisierte Menschen an.

Man kann EMDR als bahnbrechende Erfindung bezeichnen. Dieses Buch erschien das erste Mal 2001. Der hier vorgelegte Band ist die dritte überarbeitete Auflage. Ein dauerhafter Erfolg der Behandlung hängt nicht von der Desensibilisierung ab, sondern ein wesentliches Kriterium liegt im Ausmaß der erfolgten kognitiven Adaption. Daraus folgte ein Paradigmenwechsel von einfachen lerntheoretischen Erklärungen zu Konzepten assoziativer Netzwerke und Verarbeitung von Informationen.

Was im Buch fehlt ist ein didaktischer und durchstrukturierter Aufbau. Es wäre wünschenswert, dass der Verlag Unterstützung beim Layout des Buches gegeben hätte, um die Übersichtlichkeit und Lesbarkeit zu erleichtern. Dem Inhalt tut dies allerdings keinen Abbruch! Im Junfermann Verlag sind in der Reihe Fachbuch EMDR weitere Bücher zum Thema erschienen. Wer sich umfassend mit dem Thema befassen will muss dieses Standardwerk zur Behandlung traumatisierter Menschen haben!

Fazit

Francine Shapiro legt mit diesem Buch „Grundlagen und Praxis“ ein umfassendes Standardwerk vor. Es gibt einen grundlegenden Überblick über Entwicklung und Anwendung von EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), eine Behandlungsmethode für traumatisierte Menschen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen. Ziel dieses integrativen Therapiemodells ist die Aufarbeitung beunruhigender Gedanken und Erinnerungen. Es hat sich gezeigt, dass mit EMDR in relativ kurzer Zeit nachhaltige Ergebnisse in der Arbeit mit Patienten zu erzielen sind.


Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 30.10.2014 zu: Francine Shapiro: EMDR - Grundlagen und Praxis. Handbuch zur Behandlung traumatisierter Menschen. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2013. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-87387-873-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17442.php, Datum des Zugriffs 26.07.2021.


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