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Elvie Nern: Demenz

Rezensiert von Dipl.-Pädagogin Bettina Wichers, 09.04.2015

Cover Elvie Nern: Demenz ISBN 978-3-939816-20-1

Elvie Nern: Demenz. Praxisbezogene Tipps und Hilfen für Angehörige und Pflegekräfte. Nomen (Frankfurt) 2014. 113 Seiten. ISBN 978-3-939816-20-1. D: 11,90 EUR, A: 12,30 EUR, CH: 17,90 sFr.
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Thema

Das Buch widmet sich wortwörtlich den im Titel genannten Themen: Tipps und Hilfen für Angehörige und Pflegende von Menschen mit Demenz.

Autorin

Elvie Nern ist Alltagsbegleiterin für Menschen mit Demenz und schreibt aus ihrer eigenen Praxis in der Begleitung dieser Menschen.

Aufbau und Inhalt

Vorwort von Erwin Böhm

Vorwort: Die Autorin positioniert ihr Buch ausdrücklich als „Anregung und Ermutigung zum Umdenken“ (10) und weist darauf hin, dass sie mit diesem Buch keine „Theorien, schulmedizinischen Weisheiten, fundierte Thesen oder wissenschaftliche Erkenntnisse“ (9) beschreiben wird.

Einleitung – Wenn das große Vergessen beginnt: Elvie Nern beschreibt die frühere Lebenssituation einer Gruppe heute alter Menschen (z.B. Kriegserfahrungen, harte körperliche Arbeit, keinen Urlaub, keine Freizeit) und einige Erlebnisse aus den eigenen Familienkreis mit Altern und Sterben.

Sie gibt zudem eine Theorie für die Entstehung und mögliche Verhinderung von Demenz: „Mit zunehmendem Alter rücken diese „unerledigten“ Erlebnisse wieder stärker ins Gedächtnis und ins Bewusstsein. Es sollte nun die Aufarbeitung beginnen, das heißt der Mensch sollte sich der Innen- oder Seelenwelt zuwenden und damit dem Heimweg der Seele. Diese Aufarbeitung und Integration aller verdrängten Ereignisse würde mit großer Wahrscheinlichkeit die Krankheit verhindern. Doch die Seelenarbeit wird verweigert.“ (20)

Die Autorin will mit diesem Buch Angehörige anregen, diese Arbeit rechtzeitig zu machen und zudem die Menschen mit Demenz aktivieren zur Eigeninitiative.

Teil I: Das Leben neu lernen – „Erste Hilfe“ für Angehörige und kleine Tipps zur Entspannung: Anleitungen zu Übungen aus der Progressiven Muskelentspannung, Yoga, einfachsten Meditationsübungen, Schreibübungen usw. – als „Hilfe und Trost, um die schwere Zeit und die psychische Belastung zu überstehen“ (33), gemischt mit Fallbeispielen, Erklärungen für Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz (z.B. Nachlaufen, 37)

Teil II: Der täglich neue Alltag mit der Demenz – Anregungen für Familie, Partner und Pflegende in der Alltagsbegleitung: Abwechselnd werden Beispiele aus der Praxis der Autorin geschildert und Tipps zum Umgang mit Menschen mit Demenz gegeben.

Der Praxisleitfaden: 1. Die Würde des Dementen ist unantastbar – 2. Biographiearbeit. Was die Geschichte über den Dementen verrät – 3. Singspiele und Gymnastikübungen: Listen zu den jeweiligen Oberbegriffen (1 und 2) bzw. einige Beispiele zu Texten, Liedern und Übungen (3)

Teil III: Ein Blick in das psychobiografische Pflegemodell nach Professor Erwin Böhm: 1. Begriffsklärungen und Definitionen – 2. Ursachenforschung. Die Basis für gute Pflegearbeit – 3. Die sieben Erreichbarkeitsstufen – 4. Ziel des Pflegemodells: Auf insgesamt 12 Seiten werden einige Grundbegriffe erläutert, die Erreichbarkeitsstufen etwas ausführlicher beschrieben und einige Zitate von Erwin Böhm genannt, die die Haltung der Autorin unterstützen.

Adressen, Literatur- und Quellenverzeichnis

Diskussion

Darf man das? Ein Buch schreiben voller Hinweise und eigener Erklärungsansätze, warum Menschen eine Demenz bekommen, warum sie sich verhalten, wie sie sich verhalten, und wie man mit ihnen umgehen, sie begleiten sollte – und dabei ausdrücklich den Bezug auf Theorien und wissenschaftliche Erkenntnisse ablehnen (wie im Vorwort geschehen)? Natürlich darf man das. Aber sollte man dieses Buch auch empfehlen? Ich kann das Buch leider nicht empfehlen, denn es hat meiner Meinung nach einige substantielle Schwächen in Argumentation und Haltung, die in dieser schriftlichen Form beim Leser eine Wirkung erzielen können, die ich als nicht förderlich im Sinne von Menschen mit Demenz ansehe.

Davon unbenommen entnehme ich den Untertönen des Buches, dass Elvie Nern vermutlich als Person eine sehr förderliche und positive Haltung Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen gegenüber hat. Wer jedoch „Tipps und Hilfen für Angehörige und Pflegekräfte“ veröffentlicht, kann sich m.E. in dieser Veröffentlichung nicht einfach darauf zurückziehen, dass für die wissenschaftlichen Aspekte andere zuständig seien, wie im Vorwort geschehen.

Einige Kritikpunkte im Einzelnen:

Zuerst einmal ist es bedauerlich, dass in einem Buch, das eine positive Haltung gegenüber Menschen mit Demenz vermitteln will, durchgehend von „den Dementen“ oder den „dementen Menschen“ gesprochen wird. Hier wirkt das Ausblenden der Fachliteratur deutlich negativ, denn in dieser wird insbesondere auch auf die Sprache als Teil der Haltung gegenüber Menschen mit Demenz verwiesen: „Demente“ ist eine veraltete Zuschreibung, die den Menschen zumindest begrifflich auf eben diesen Aspekt reduziert; die fortgesetzte und fast ausschließliche Verwendung dieses Begriffes in einem Buch mit der von der Autorin intendierten Ausrichtung halte ich für kontraproduktiv.

Fahrlässig finde ich die unterschwellige Theoriebildung der Autorin im bereits oben zitierten Absatz der Einleitung, dessen zentraler Satz lautet: „Diese Aufarbeitung und Integration aller verdrängten Ereignisse würde mit großer Wahrscheinlichkeit die Krankheit verhindern.“ (20) Auch wenn ich selbst derartige Gedanken kenne und die Bestätigung dafür in Ansätzen in mancher Lebensgeschichte glaube erkennen zu können, und auch wenn es Autoren gibt, die einen Zusammenhang zwischen einem positiven Lebenssinn und Prävention von Demenz benennen (siehe z.B. Michael Nehls, www.socialnet.de/rezensionen/17600.php), so bleibt die Autorin jeglichen Nachweis dieser Theorie – und sei es nur an konkreten Belegen aus ihrer eigenen Praxis! – schuldig und stellt dies als gegeben hin.

Teil 1 ist aus meiner Sicht ein „bunter Gemischtwarenladen“ von Tipps aus der Selbsthilfeliteratur, jeder einzelne u.U. sehr sinnvoll, aber in der vorliegenden Vermischung gehen Zusammenhänge und Hintergründe verloren: Atemübungen und Mandala-Anleitungen wechseln sich ab mit Fallbeispielen, Erklärungen für Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz und immer wieder als Tatbestand geschilderten eigenen Theorien, die m.E. so unreflektiert nicht stehen bleiben dürften: „Vor Depressionen können Sie sich auch schützen, indem Sie sehr bestimmt gegenüber dem Kranken auftreten – gerade bei Töchtern, bei denen die Mutter früher das Sagen hatte, ist dies wichtig – klare Grenzen müssen sein.“ (52) Abgesehen von der (falschen, schon allein weil so nicht zu verallgemeinernden) Laienerklärung, wie man eine Depression vermeiden könnte, ist die ebenfalls verallgemeinernde Aufforderung zum bestimmten Auftreten und zum Setzen „klarer Grenzen“ auch eine mögliche, sicher nicht intendierte Erlaubnis zu verbalen und im schlimmsten Fall nonverbalen Übergriffen: Was ist denn mit „bestimmtem Auftreten“ gemeint? Wie erkennt der oder die überforderte, erschöpfte pflegende Angehörige denn, wo die für sie notwendige Abgrenzung noch das richtige Maß für den von einer demenziellen Veränderung betroffenen Angehörigen hat? Nicht nur an dieser Stelle bleibt das mit 30 Seiten immerhin größte Kapitel des Buches (insgesamt 113 S.) verallgemeinernd, unpräzise und wirkt im schlimmsten Fall kontraproduktiv.

Teil II – auszugsweise ein paar Kritikpunkte, in der Regel sind dies unzulässige Verallgemeinerungen, die in der formulierten Allgemeingültigkeit den Blick auf die Individualität des einzelnen Menschen, verstellt:

  • „Das Vorlesen aus der Bibel erzeugt ein Heimatgefühl.“ (60) – Nein, nicht für alle Menschen mit Demenz hat die Bibel eine Bedeutung, schon gar nicht erzeugt sie bei allen ein Heimatgefühl.
  • „Wie übermüdete Kinder lassen sich demente Menschen ohne viele Worte, nonverbal wieder beruhigen: in den Arm nehmen, streicheln oder gemeinsam singen.“ (65) – Nein! Auf keinen Fall darf man Menschen mit Demenz, und seien sie noch so erschöpft, mit müden Kindern vergleichen, noch darf man pauschal dazu auffordern, sie in den Arm zu nehmen oder zu streicheln. Dass die Autorin bei den ihr anvertrauten Menschen weiß, wem welche Zuwendung gut tut, das glaube ich gern, als pauschale Aufforderung aber ist dies falsch!
  • „Sagen Sie bitte stets die Wahrheit.“ (70) – Nein, es müsste richtig heißen: Lügen Sie den Menschen mit Demenz nicht an. (Und selbst dies ist bei den Vertretern der Scheinweltgestaltung umstritten…). Nicht immer kann der Mensch mit Demenz die Wahrheit im vollen Umfang vertragen, manchmal ist es sinnvoller, ihn abzulenken anstatt ihn mit der Wahrheit in zusätzliche Verwirrung zu stürzen. Wie immer: Es kommt auf die Zusammenhänge an, man kann dies einfach nicht als verallgemeinernden „Lehrsatz“ formulieren.

Derartige Stellen gibt es leider in diesem Kapitel mehrfach – neben den natürlich auch vorhandenen förderlichen Hinweisen. Dies gilt auch für den folgenden Praxisleitfaden.

Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich es für sehr wahrscheinlich halte, dass die Intention der Autorin, sich für eine wertschätzende Begleitung für Menschen mit Demenz einzusetzen, in ihrer täglichen Arbeit sehr deutlich zum Tragen kommt. Einige ihrer Gedanken unterstütze ich, auch ist es nicht grundsätzlich falsch, z.B. den „Sonnengruß“ als Entspannungsmethode für Angehörige eines Menschen mit Demenz zu empfehlen. Der Bezug auf das Psychobiografische Pflegemodell Erwin Böhms ist wichtig und begrüßenswert.

Dennoch: Sich einfach aus jeglichem wissenschaftlichen Bezug herauszuziehen und das, was in der Praxis gut wirkt und von der direkten Umgebung möglicherweise geschätzt und bewundert wird, einfach als eigene Praxistheorie zu „verkaufen“, offenbart in diesem Falle deutliche fachliche Mängel. Ich kann dieses Buch insbesondere aufgrund der wiederholten unreflektierten Theoriebildung leider nicht empfehlen.

Fazit

Das Buch hat erhebliche Schwächen aufgrund bewusster Auslassung des wissenschaftlich bekannten Hintergrundes und eigener, unreflektierter Theoriebildung u.a. zu Entstehung und Prävention von Demenz. Für die genannte Zielgruppe, insbesondere für Angehörige, aus meiner Sicht nicht empfehlenswert.

Rezension von
Dipl.-Pädagogin Bettina Wichers
Gerontologin (M.Sc.), Dipl.-Pädagogin & Coach
CommuniCare. Kommunikation im Gesundheitswesen, Göttingen
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Es gibt 34 Rezensionen von Bettina Wichers.

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Zitiervorschlag
Bettina Wichers. Rezension vom 09.04.2015 zu: Elvie Nern: Demenz. Praxisbezogene Tipps und Hilfen für Angehörige und Pflegekräfte. Nomen (Frankfurt) 2014. ISBN 978-3-939816-20-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17445.php, Datum des Zugriffs 17.08.2022.


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