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Fritz Sack, Bernd Dollinger u.a. (Hrsg.): Kriminologie als Gesellschafts­wissenschaft

Cover Fritz Sack, Bernd Dollinger, Aldo Legnaro, Andrea Kretschmann, Daniela Klimke u.a. (Hrsg.): Kriminologie als Gesellschaftswissenschaft. Ausgewählte Texte. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 320 Seiten. ISBN 978-3-7799-2946-8. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Als von soziologischen Ungleichheitstheorien und vom Etikettierungsansatz maßgeblich beeinflusster Kriminologe leuchtet Sack in diesem Sammelband zur Kriminologie jene weißen Stellen aus, die infolge von falsch verstandenem Pragmatismus und einer der Kriminologie europäischen Zuschnitts innewohnenden Nähe zu Kriminalistik und Strafrecht zustande kamen.

Aufbau und Inhalt

Anders als gängige kriminologische Werke, insbesondere Lehrbücher, verfolgt Sack eine Darstellung und Ergänzung der theoretischen Bezüge um dynamische Momente der Theorienbildung. Er thematisiert mehrere Dekaden sowie die dazu gehörenden kleinteiligen Debattenstränge, die er in ihren Bezugnahmen aufeinander abbildet. So nimmt die Rezeption David Matzas im Streit mit den Rechtspositivisten (S. 83 weiter) breiten Raum ein, genauso wie er vom „Zweifrontenkrieg der deutschen Kriminologie“ als den „exemplarischen Bezugskonflikt“ der Kriminologie schlechthin schreibt. „Gegen die Juristenfront“ (S.87) habe die Kriminologie auf das Moment der „Empirie“ zu bestehen, um Status auch gegenüber der Soziologenfront (ebd.) einnehmen zu können. Seine Kritik an einer falsch verstandenen Dichotomie von normativen und empirischen Zweigen der Wissenschaft, zwischen denen es gleichsam keinen grenzüberschreitenden Verkehr geben könne (vgl. S. 87) ist eine grundlegende.

Damit gelingt ihm auch ein entschiedener Beitrag zu dem, was er fordert: nämlich der disziplinären Unsicherheit der Kriminologie in der Betrachtung der eigenen Geschichte und dem eigenen Gegenstand zu begegnen. Er fasst die Stolpersteine des Faches insgesamt folgendermaßen zusammen (S. 40 – 69):

  • das Fehlen einer systematischen Leitlinie innerhalb des Faches,
  • die Unterwerfung der Kriminologie unter die Praxis,
  • die bestehende Polarisierung von Soziologie und Kriminologie
  • die fehlende historische Selbstbetrachtung der KriminologInnen und ihrer Werke

In Summe gelingt ihm eine ideologiefreie (wenn auch nicht an Kritik sparsame) Darstellung der unterschiedlichen Schulen der Kriminologie (bspw. die „klassische Schule“ sowie positive Schule) unter dem gemeinsamen Dach eines disziplinären Bezugsrahmens, weitgehend ohne eine Theorie gegen die andere auszuspielen. Auch erkennt er die Unterschiedlichkeit der Wissensdynamik in USamerikanischer und deutschsprachiger Kriminologie an, benennt die Trennlinien, Widersprüche und Unvereinbarkeiten wie kaum ein anderer Autor kriminologischer Provenienz und schlüsselt akribisch auf, was Matza (1972) Weehler (1967), Lange (1960) und König (1967) zu einer von Kriminalistik und Strafrecht unabhängigen Disziplinentwicklung beigetragen haben (S. 183 ff).

Was Sack quer zu seinem in vier Teilen angelegten Sammelband mit voneinander separierten Themen (Teil 1 allgemeine Perspektiven, Teil 2 Der Labeling Approach kommt nach Deutschland, Teil 3 Eine Analyse sozialer Bewegung, Teil 4 Soziale Kontrolle- Prävention – Punitivität) im Wesentlichen fordert, ist die konsequent gesellschaftstheoretische Einbettung der Kriminologie sowie das Anerkenntnis, dass Kriminalpolitik stets ein Mittel von Gesellschaftspolitik darstellt. Nur mithilfe einer konsequenten gesellschaftstheoretischen sowie sozialwissenschaftlichen Verortung kriminologischer Erkenntnis sowie der Einnahme einer transdisziplinären Perspektive ohne den genuinen Gegenstand der Kriminologie zu verlassen, kann dies gelingen, so sein Standpunkt (siehe S. 39). Seine Kritik gilt daher auch jenen Sichtweisen im Fach, die es als Schwester der Soziologie, der Jurisprudenz oder gar der Forensik sehen. Mit einer zum Teil scharfzüngigen Kritik schreibt er gegen seiner Ansicht nach falsche Gleich- und Normativsetzungen von Konzepten an.

Sack plädiert für eine Kriminologie, die nicht beim Täter oder bei der Tat sowie deren Situation selbst, sondern bei den Strukturen des normativen Systems, welches „kriminell“ von „nicht-kriminell“ zu unterscheiden befugt ist, ansetzt. Hier folgt er stetig der Argumentation Durkheims sowie der amerikanischen Tradition der Kriminologie, die – anders als die deutsche Tradition, in der Tat und Täter mehr oder minder normativ gesetzt werden – die Entstehung und Administrierung des Rechts in ihren Gegenstandsbereich aufgenommen hat (vgl. dazu S. 81). Damit wird der Band in jedem Teilkapitel dem gerecht, was er am Beginn als tendenziell unterbelichteten Aspekt ausgewiesen hatte.

Sack bringt in diesem Werk die Probleme des Gegenstandes der Kriminologie, seiner Empirie sowie seiner Theoretizität auf den Punkt. Die von ihm aufgeworfenen Themen, sind solche, die die Kriminologie seit ihrem Bestehen beschäftigen. Eine Kriminologie als Wissenschaft, die sich mit dem „kriminellen Täter“ beschäftigt, genauso wie eine Kriminologie als Instrument des Strafrechtssystems, sind verfehlte Ansätze, so Sack (S. 184). Sein Zugang ist ein genuin sozialwissenschaftlicher, weil er den Gegenstand der Kriminologie klar und trennscharf definiert: Es geht um das Normensystem und dessen institutionelle Einbindung, welches den für die Disziplin interessierenden Blickwinkel bildet und von welchem ausgehend Forschungsfragen aufzuzäumen sind.

Sacks begründet aber auch exakt, welche Schwierigkeiten die Kriminologie in ihrem Werden als Disziplin auf sich nehmen musste und warum sie es mit den eingangs beschriebenen Anerkennungsproblemen zu tun hatte. Er spricht die Empfehlung aus, dass die Kriminologie sich Anleihen aus den Sozialwissenschaften gleichermaßen wie aus anderen anverwandten Disziplinen, wie etwa der Linguistik, der Sprachanalyse, nehmen solle um der Gefahr der Erstarrung und Sterilität (ebd.: 206) gleichermaßen zu entgehen. Den Preis der disziplinären Geschlossenheit hier zu zahlen, dafür plädiert Sack, ist er doch der Ansicht, dass es für die Kriminologie noch vielfach theoretische sowie empirische Erfordernisse zu erfüllen gilt, um „Leitlinien für zukünftige Forschungen“ zu markieren.

Im wohl für Fragen der Disziplinentwicklung im deutschsprachigen Raum bedeutsamsten Teil des Buchs, im Abschnitt „Kriminologie in Europa – Europäische Kriminologie“ (ebd: 207) entwickelt sich das auf den ersten 200 Seiten des Werkes differenzierte Argumentarium zu einer doch harschen Kritik. Sack (ebd.) führt in dieses Kapitel mit der Feststellung (nicht Frage und auch nicht Hypothese) ein, wonach sich Kriminologie im deutschsprachigen Raum nicht mit dem beschäftigt, was sie tut. Vielmehr sei es so, dass das Verhältnis von Kriminalpolitik und Kriminologie die Ausführung letzterer bestimmt und letztere es auch verabsäumt habe, sich um die Bestimmung dieser Differenz anzunehmen. Ja, Sack schreibt von Naivität und Blauäugigkeit, mit der die akademische Kriminologie sich an die staatliche Kriminologie anlehnt bzw. sich mit dieser in Konkurrenz begibt. Weiters habe es die Kriminologie im deutschsprachigen Raum verabsäumt, sich um einen eigenständigen Standort zu bemühen, insbesondere im Hinblick auf erkenntnistheoretische Bestimmungen. Die Schärfe, mit der Sack hier kritisiert, ist herausragend, spricht er doch wörtlich davon, dass „die für sich reklamierte Interdisziplinarität sich immer weniger als theoriestrategisches Orientierungskonzept versteht“ und „statt dessen mehr und mehr den Ausdruck eines gewissen Eskapismus annimmt, der eher erkenntnistheoretischen Unwillen der Kriminologie bemäntelt als theoretische Optionen trifft.“ (ebd.: 209).

Die Forderung nach gesellschaftstheoretischer Einbettung ist beim Autor das gesamte Werk über ernst zu nehmen, bedient er doch als mögliche gedankliche Werkzeuge die Systemtheorie Luhmanns gleichermaßen wie marxistische Theoretiker (wie er seine genuinen Bezüge gerne kennzeichnet vgl. S. 209). Auch die feldtheoretische Einbettung Bourdieus findet Anwendung (S. 215).

Seine fundamentale Kritik an der deutschsprachigen Kriminologie macht er an einem negativen Idealtypus deutlich: an der Beforschung des Phänomens der „Diversion“, wie sie von namhaften KriminologInnen in den vergangenen Dekaden vorgenommen wurde. Er spricht davon, dass sich die Diversion der Kriminologie „bemächtigte“ (S. 211) um sie „bis auf den heutigen Tag nicht mehr so recht loszulassen“ (ebd.).

Was in den USA als „abgehakt“ in Erscheinung tritt, ist in Deutschland, auf das sich seine Kritik fast ausschließlich bezieht, zu einem Forschungshype avanciert, welches drei namhafte Institute (Kriminologisches Forschungsinstitut in Niedersachsen, Bielefeld und strafrechtliche Rechtstatsachenforschung und empirische Kriminologie der Universität Konstanz) beschäftigte. Trotz der unumwunden zum Ausdruck kommenden wertschätzenden Würdigung des Autors um die Verdienste der führenden Professoren mahnt er doch einen Umstand ein, der die Chancen für Einzel- und Lehrwissenschaften entscheidend beeinflussten bzw. schmälerten, so Sack. Die Tatsache, dass Kriminologische Forschung ressourcenabhängiger geworden ist, dass die Töne des Bedenkens und der Zurückhaltung zu Zeiten, wo noch kein Forschungsgeld investiert worden war, andere waren. Es sind die unthematisierten Vernetzungen von Politik und Wissenschaft, die im Kreuzfeuer seiner Kritik stehen.

Fazit

In einer für kriminologische Fachwerke ungewöhnlichen Breite bildet Sack all jene Debattenstränge detailliert ab, welche die Disziplin in den vergangenen 40 Jahren und darüber hinaus zum Vorschein gebracht hat. Für Nicht-Eingelesene ist es allerdings in der Tat sehr schwierig, die Gesamtheit all dieser angeführten thematischen Seitenlinien zu erfassen, werden sie doch bis in ihre Entstehungsdynamik hinein von Fritz Sack dem Leser überantwortet. Dabei ist seine offensichtliche Kenntnis des Diskurses enorm sowie die Prägnanz der wissenschaftshistorischen und -theoretischen Abhandlungen vergleichslos. Wie in keinem mir aus der Kriminologie bekannten aktuellen Werk wird hier zur Darstellung gebracht, wie sehr die Beschäftigung mit bestimmten kriminologischen Themen von Statuskämpfen, dem Ringen um Definitionsmacht sowie Traditionen und kulturellen Prägungen durchsetzt war und ist (S. 70 – 164).


Rezensentin
Mag. Dr. Manuela Brandstetter
Homepage www.sozialraum.at
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Zitiervorschlag
Manuela Brandstetter. Rezension vom 20.10.2016 zu: Fritz Sack, Bernd Dollinger, Aldo Legnaro, Andrea Kretschmann, Daniela Klimke u.a. (Hrsg.): Kriminologie als Gesellschaftswissenschaft. Ausgewählte Texte. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2946-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17447.php, Datum des Zugriffs 12.12.2017.


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