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Ulrike Schuerkens: Soziale Transformationen [...] (Gloabalisierung)

Cover Ulrike Schuerkens: Soziale Transformationen und Entwicklung(en) in einer globalisierten Welt. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-2612-2. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Autorin

Ulrike Schuerkens erwarb Doktorgrade und Habilitation in der Soziologie, der Sozialanthropologie und der Ethnologie. Sie arbeitet in der Master- und Doktorandenausbildung an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Sie verfügt über Erfahrungen aus langjähriger Mitarbeit und Funktionen im Forschungskommittee „Soziale Transformation und Entwicklungssoziologie“ der International Sociological Association.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Einführung konzentriert Erkenntnisse aus Arbeiten der vergangenen Jahre, die teils auch in anderer Form in englischer Sprache erschienen sind. Eingearbeitet sind Erkenntnisse aus Fallstudien, die den Arbeiten von Doktorand/innen entstammen.

Aufbau und Inhalt

Im Rahmen einer Einleitung wird der vorliegende Ansatz umrissen (S. 9-13). Dabei nimmt die Autorin für sich in Anspruch, hier den aktuellen Forschungsstand auf dem Gebiet sozialer Transformationen und Entwicklung(en) darzulegen. Bewusst ist hier nicht von Entwicklung, sondern relativierend von Entwicklung(en) die Rede, was auch schon im Buchtitel zum Ausdruck kommt. Das Besondere dieses Buches sei es, dass die angesprochenen Entwicklung(en) im Kontext von Globalisierung gesehen werden und die Auswirkungen dieses Phänomens auf soziale Transformationen betrachtet werden. Globalisierung wird daraufhin befragt, ob es sich hier um einen historischen Prozess oder um ein neoliberales Projekt handelt, dies wird differenziert diskutiert, wobei die vorbereitenden Anmerkungen der Einleitung von einer Verbindung beider Perspektiven ausgehen. Dabei sieht Frau Schuerkens derzeit keine Alternativen zur Marktwirtschaft und macht auch positive Momente aus, bezogen auf eine Reihe von Ländern des Südens, in denen wirtschaftliches Wachstum zu steigenden Einkommen geführt habe. Erwähnt werden China und Südkorea. Genannt wird aber auch die Produktionsverlagerung in den Süden, deren ökonomische (nicht die ökologischen) Folgen dann in dem Absatz aufgegriffen werden. Es geht in den verschiedenen Kapiteln des Buches um eine ganze Reihe von theoretischen Perspektiven, etwa einer historischen, einer philosophischen, oder einer politikwissenschaftlichen, die mit soziologischen Fragestellungen und einer sozialanthropologischen Sicht verknüpft werden. Die Autorin verabschiedet sich dabei erstaunlich kurz vom Begriff der Entwicklungssoziologie, deren Singular von Entwicklung sie – eher implizit als explizit – nicht für ausreichend hält. Sie zeichnet historische Entwicklungslinien seit der Aufklärung nach, verbindet sie mit der Entwicklungsdiskussion, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist und führt den Diskussionsfaden dann (kurz) zu Post-Development-Ansätzen. Frau Schuerkens erwähnt dabei auch „radikale Autoren“, die Entwicklung als imperiales Projekt des Nordens sähen, positioniert sich hier aber vorsichtig distanziert.

Ziel des Buches sei es, die Komplexität und Kontroversität der sozialen und ökonomischen Beziehungen im Zeitalter der Globalisierung verstehen zu helfen.

Der Band folgt nun in den einzelnen Kapiteln jeweils Teilaspekten des grundsätzlichen Ansatzes. So geht es zunächst um soziale Transformation und Entwicklung(en) in einer globalisierten Welt. Betrachtet werden Studien zur Globalisierung und Prozesse innerhalb transnationaler Verbindungen. Theoretische Bezüge der Autorin zur Theorie des sozialen Wandels helfen dabei, diese Prozesse zu analysieren. Besonderes Augenmerk wird hier auch auf die Faktoren Struktur und Zeit gelegt, es geht also um Ansätze einer Analyse des globalen sozialen Wandels, wobei die sozialanthropologische Sicht hier Erkenntnisse liefert, die sich von anderen unterscheiden. Dies wird am Blick auf widersprüchliche Auswirkungen von Globalisierungsprozessen etwa in afrikanischen Ländern deutlich.

Im nächsten Kapitel wird vor allem die Wechselwirkung zwischen der globalen und der lokalen Ebene deutlich. Hier werden auch der verbreiteten Annahme einige Fragezeichen entgegengesetzt, wonach Globalisierung und die damit verbunden Modernisierungsprozesse zu einer kulturellen Homogenisierung führten. Lokale kulturelle Alternativen würden von westlichen Wissenschaftler/innen zu wenig betrachtet. Kulturelle Elemente unterliegen danach einer ständigen Neugestaltung, globale Kultur sei keine Einbahnstraße.

Vor diesem Hintergrund verfolgt das nächste Kapitel die Frage nach Transformationen sozialer Praktiken in einer sich globalisierenden Welt. Hier wird ein Blick in die Geschichte produktiv auf heutige ökonomische Globalisierung angewendet und vor diesem Hintergrund geht es auch um Fragen der politischen Ökonomie innerhalb einer kompetitiven Weltwirtschaft. Dabei werden dann auch Wirtschaftsbeziehungen zwischen afrikanischen Ländern und China auf ihre Wirkungen befragt und allgemein die Auswirkungen von Globalisierung „auf Afrika“ diskutiert. Diesen Blick weitet die Autorin dann auf Gesellschaften des Südens allgemein aus und betrachtet Lateinamerika dann noch einmal genauer. Eine Reihe von eingefügten Kästen dokumentiert Fallbeispiele bestimmter Länder. Diese werden dann ausgewertet und es folgt u.a. dann der Schluss, dass Länder südlicher Regionen „nicht Opfer des neoliberalen Credos sind“ (S. 73), sondern eigene Handlungsspielräume hätten.

Die Kapitel zum Wandel der sozialen Ungleichheit und zu internationalen Migrationsströmen setzen die begonnene Perspektive fort. Dabei werden Indikatoren ebenso diskutiert, wie die Rolle internationaler Institutionen. Auch geht es hier um schwache Zivilgesellschaften und das Entstehen von religiösem Fundamentalismus. Etwas kurz kommt die Genderperspektive bei der Betrachtung der sozialen globalen Ungleichheit, die allerdings in einem der auch hier eingefügten Fallstudien ein wenig vertieft wird. Ungleichheit führt zu Flüchtlingsströmen ist eine Eingangsthese zu dem entsprechenden Kapitel, das auch die Folgen von Migration diskutiert. Dabei werden die Folgen skizziert und Forschungsdefizite angemahnt.

Die Autorin skizziert dann Verlauf und Folgen der Finanzkrise und weist besonders auf den Ausbau des Einflusses privilegierter Gruppen hin, was dann an verschiedenen Länderbeispielen verdeutlicht wird. Verschieden Kästen bieten Beispiele aus verschiedenen Nationen. Aus der Perspektive traditioneller entwicklungspolitischer Diskussion etwas ungewöhnlich erscheint ein folgendes Kapitel zu Managementpraktiken in der globalisierten Welt. Hier geht es auch um die Verbreitung westlichen Denkens und um die teils – aus westlich-nördlicher Perspektive – nicht absehbaren Folgen innerhalb verschiedener kultureller Kontexte.

Ein Schlusskapitel fasst wesentliche Elemente der Einzelkapitel auf nur knappen drei Seiten zusammen.

Diskussion und Fazit

Die Stärken dieses Buches liegen eindeutig da, wo die Autorin sich auf internationale Diskussionen bezieht. Bei englischsprachigen Diskursen mag dies kein besonderer Mehrwert für Leser/innen sein, weil diese auch im deutschen Kontext wahrgenommen werden. Das gilt allerdings nicht für französische Autor/innen, deren Sichtweisen hier Aufnahme finden und in Deutschland nur wenig Aufmerksamkeit finden. Schwach geraten ist der Bezug auf deutschsprachige Diskussionen zur Entwicklungssoziologie und Entwicklungspolitik. Verknüpfungen zum Spektrum der im Handbuch Globalisierung aufgenommen Fäden hätten der hier vorliegenden Einführung nicht geschadet (Niederberger/Schink 2011). Außerdem mag es ja sein, dass es zur postkolonialen Diskussion auch Distanzen gibt. Diese aber so gut wie gar nicht zu erwähnen ist in dem Themenfeld des Buches ein erhebliches Defizit (vgl. Ziai 2010). Was aber nun überhaupt nicht geht, ist eine Ignoranz gegenüber ökologischen Fragen. Ein dürres Kästchen, eingefügt in das Kapitel zur Finanzkrise (S. 136) kann allenfalls als Platzhalter dienen. Angesichts der Bedrohungen durch Klimawandel, Ressourcenverbrauch, den ökologischen Folgen der „verlängerten Werkbank“ europäisch-nordamerikanischer Lebensweisen in den Ländern des Südens, hätte diese Thematik hier ein eigenes Kapitel gebraucht.

Literatur

  • Niederberger, Andreas; Schink, Philipp (Hrsg): Globalisierung: ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart u.a.: Metzler 2011
  • Ziai, Aram (2010): Zur Kritik des Entwicklungsdiskurses. In: Aus Politik und Zeitgeschehen, Heft 10, S. 28, siehe: www.bpb.de/system/files/pdf/T7TUXN.pdf

Rezensent
Prof. Dr. Bernd Overwien


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Zitiervorschlag
Bernd Overwien. Rezension vom 14.09.2015 zu: Ulrike Schuerkens: Soziale Transformationen und Entwicklung(en) in einer globalisierten Welt. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2612-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17448.php, Datum des Zugriffs 25.06.2019.


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