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Una Maria Röhr-Sendlmeier (Hrsg.): Berufstätige Mütter und ihre Familien

Cover Una Maria Röhr-Sendlmeier (Hrsg.): Berufstätige Mütter und ihre Familien. Logos Verlag (Berlin) 2014. 313 Seiten. ISBN 978-3-8325-3753-1.
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Thema

Der Sammelband vereinigt zehn Beiträge, die in loser Verbindung um das Thema Berufstätigkeit von Müttern kreisen. Überwiegend handelt es sich dabei um die Präsentation von Forschungsergebnissen aus quantitativen Untersuchungen, die teilweise in leicht veränderter Form schon an anderer Stelle erschienen sind. Das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist schon seit Jahren ein prominentes Thema in der Familienforschung und hat mittlerweile auch die Politik erreicht. Vor diesem Hintergrund überrascht, dass sich traditionelle Mütterbilder in Deutschland so hartnäckig halten, wie u.a. daran ersichtlich wird, dass immer noch eine Mehrheit der Bevölkerung der Ansicht ist, es schade dem Kind bzw. den Kindern, wenn die Mutter berufstätig sei. Die Folge ist nicht nur, dass Deutschland im OECD-Durchschnitt eine unterdurchschnittlich Rate mütterlicher Erwerbstätigkeit aufweist, sondern auch die, dass ganz oder teilweise berufstätige Mütter vielfach von Schuldgefühlen geplagt werden, wenn sie einer Berufstätigkeit nachgehen. Es ist das Verdienst dieses Sammelbandes, dass er mit gesicherten empirischen Befunden gegen diese Überzeugung angeht und belegt, dass die Berufstätigkeit von Müttern den Kindern nicht prinzipiell schadet, sondern eher im Gegenteil, ihnen sogar nutzt und zum Bildungserfolg beiträgt.

Aufbau und Inhalt

Wie bereits angedeutet, ist der von Una M. Röhr-Sendlmeier herausgegebene Sammelband ein Kompendium von Forschungsergebnissen, die unterschiedliche Facetten des Themas mütterliche Berufstätigkeit beleuchten, u.a. das Verhältnis von mütterlicher Berufstätigkeit und familialer Arbeitsteilung, Erziehungsstil, Leistungsmotivation, Zufriedenheit und schulischem Erfolg der Kinder, aber auch mögliche Konflikte zwischen gesellschaftlichen Rollenbildern und mütterlicher Selbstverwirklichung nicht ausspart. Diese facettenartige Zusammenstellung hat durchaus Charme, weil sie während des Lesens immer wieder Aha-Erlebnisse ermöglicht. Gleichzeitig erschwert das Fehlen einer inhaltlich stringenten Gliederung die Orientierung des Lesers und führt mehrfach zu Redundanzen, etwa bei der Darstellung des Forschungsstandes.

Der einleitende Beitrag „Familie im gesellschaftlichen Wandel“ von Una M. Röhr-Sendlmeier liefert zunächst eine kurze Bestandsaufnahme des morphologischen Strukturwandels der Familie, bevor er sich der Veränderung traditioneller Geschlechterrollen zuwendet, die teilweise noch immer durch eine Überhöhung mütterlicher Fürsorge und Überbetonung des frühkindlichen Bindungsverhaltens gekennzeichnet sind. Eingebettet in gesamtgesellschaftliche Veränderungen ist in den letzten Dekaden ebenfalls ein sukzessiver Wandel dominanter gesellschaftlicher Erziehungszielen zu beobachten, mit dem eine insgesamt gestiegene Bedeutung von Kindern in der Familie einhergeht. Damit ist ein zentrales Spannungsfeld benannt: Wachsende weibliche Emanzipationsbestrebungen stehen einer gleichzeitig zu beobachtenden „Kindzentrierung“ von Familien gegenüber. Letztere ist u.a. begleitet von steigenden Erwartungen der Gesellschaft an das Gelingen von Erziehung. Allerdings macht ein kurzer Rekurs auf bereits vorliegende Forschungsergebnisse deutlich, dass weniger die absolut mit dem Kind verbrachte Zeit, als vielmehr die aktiv mit dem Kind verbrachte Zeit eine wichtige Entwicklungsressource für Kinder darstellt, so dass mütterliche Berufstätigkeit nicht zwangsläufig mit Forderungen nach einer gelingenden Erziehung kollidieren muss.

Der zweite Einzelbeitrag, ebenfalls von Röhr-Sendlmeier, liefert gewissermaßen die empirische Bestätigung dieser These: Auf der Basis mehrerer quantitativer Teilstudien belegt die Verfasserin, dass Schullaufbahn und schulischer Erfolg der Kinder stark mit der beruflichen Position der Mutter korrelieren, die Berufstätigkeit der Mutter sich also zumindest in schulischer Hinsicht nicht negativ, sondern vielmehr positiv auf den Bildungserfolg der Kinder auswirkt. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommen auch die beiden folgenden Beiträge, die aufzeigen, dass mütterliche Berufstätigkeit regelhaft mit einer höheren Leistungsmotivation einhergeht, von der auch die die Kinder profitieren. Ein Vergleich mütterlicher Berufstätigkeit in Deutschland und Finnland, dem sich der fünfte Beitrag widmet, legt allerdings die Vermutung nahe, dass der Umfang mütterlicher Berufstätigkeit nur bis zu einem gewissen Punkt das Selbstbild der Kinder positiv beeinflusst, da längere Arbeitszeiten und daraus resultierend, eingeschränkte Möglichkeiten, ausreichend Zeit mit der Familie zu verbringen, ab einem gewissen Punkt, insbesondere bei Mädchen, die Identifikation mit der mütterlichen Berufsrolle erschweren. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Haltung der Väter an Relevanz. Der sechste Beitrag untersucht daher die Auswirkungen eines egalitären Geschlechtsrollenkonzepts innerhalb der Familie, in dessen Rahmen sich Väter stärker an reproduktiven Tätigkeiten im Haushalt beteiligen. Auch hier zeigt sich ein positiver Zusammenhang zwischen den Schulleistungen der Kinder und einer gelingenden Vater-Kind-Interaktion. In eine ähnliche Richtung tendiert auch der siebte Beitrag, der zum einen den positiven Zusammenhang zwischen egalitärem Rollenkonzept und mütterlichem Wohlbefinden belegt, zum anderen erneut unterstreicht, dass letzteres positiv mit den sozial-emotionalen Kompetenzen der Kinder korreliert, sofern gleichzeitig ein autoritativer Erziehungsstil innerhalb der Familie gepflegt wird. Bedeutsam für die sozial-emotionale Kompetenz der Kinder scheint allerdings weniger der absolute Umfang der Berufstätigkeit der Mutter zu sein, als vielmehr die Übereinstimmung von gewünschtem und tatsächlichem beruflichen Status der Mutter, was erneut die Bedeutsamkeit mütterlicher Lebenszufriedenheit für eine erfolgreiche Schullaufbahn unterstreicht.

Daran an schließt thematisch der Beitrag von Meike Raabe, der als einziger Beitrag des Sammelbandes auf einem qualitativen Forschungsansatz basiert und auf der Grundlage von 16 Tiefeninterviews untersucht, wie sich Rollenbilder und Persönlichkeit von berufstätigen und nicht berufstätigen Müttern unterscheiden. Leider fehlt dort eine genaue Beschreibung der Stichprobe, die womöglich die stark polarisierenden, negativ wertenden Beschreibungen („auffallend inaktiv und unsicher“, „auffallend einfach, eindimensional, unstrukturiert“, S. 226), bei denen man sich als Leser unweigerlich fragt, woran die Verfasserin ihre Beurteilungen festmacht, erklärbar machen könnte. Die im Beitrag erörterte Typenbildungen ist zwar im Großen und Ganzen nachvollziehbar, unklar bleibt jedoch der Grund für die enge Fokussierung auf den Aspekt der Berufstätigkeit, umso mehr als die vorausgegangenen Beiträge zeigen, dass gerade die innerfamiliäre Rollenteilung sich nicht unerheblich auf das Wohlbefinden der Mütter auswirkt. Deswegen ist es verwunderlich, dass bei „Lebens- und Lösungswegen im Umgang mit Mutterschaft und Beruf“ (S. 238) die Bedeutung des Partners sowie einer egalitären Aufgabenteilung innerhalb der Familie, für potentielle Auswege aus diesem Dilemma gänzlich ausgeklammert bleibt.

Die letzten beiden Beiträge, die wiederum quantitativ angelegt sind, widmen sich dem Zusammenhang von elterlichen Schuldgefühlen und sozial-emotionalen sowie schulischen Kompetenzen der Kinder. Deren Ergebnis lässt sich vereinfacht wie folgt zusammenfassen: Je weniger Eltern selbst den Konflikt zwischen Familie und Beruf erleben, je mehr also mütterliche Berufstätigkeit und eine egalitäre Rollenverteilung als familiale Normalität gelebt werden, desto positiver sind die Effekte für die Kinder. Bedauerlicherweise fehlt am Schluss des Sammelbandes ein resümierendes Kapitel, das die vielfältigen Befunde nochmals zusammenfasst, Bezüge zwischen ihnen herstellt und dem Leser hilft, die Reichweite der Erkenntnisse abzuschätzen.

Diskussion

Positiv hervorzuheben ist bei der Zusammenstellung des Sammelbandes, dass dieser die (leider) immer noch anzutreffende Überzeugung, mütterliche Berufstätigkeit schade per se der Entwicklung des Kindes, auf der Grundlage empirischer Fakten, zur Gänze ad absurdum führt. Vielmehr macht der facettenreiche Band deutlich, dass eine generelle Lebenszufriedenheit der Mütter, die in der Regel auf beruflicher Selbstverwirklichung aufsetzt, ein entscheidender Faktor – um nicht zu sagen der entscheidende Faktor – für eine gelingende Sozialisation der Kinder und für deren schulischen Erfolg darstellt.

So erhellend die Beiträge im Einzelnen aber auch sind, so machen sie doch zugleich eine grundsätzliche Schwäche quantitativer Untersuchungen in diesem Feld deutlich, die von den Verfasserinnen und Verfassern der Beiträge selbst mehrfach angedeutet wird: Korrelationen lassen immer nur bedingt Rückschlüsse auf Kausalitäten und übergeordnete Zusammenhänge zu. Insofern bleibt die Frage, was berufstätige Mütter eigentlich besser machen als nicht berufstätige Mütter weitgehend unbeantwortet, zumal ein autoritativer Erziehungsstil nicht zwangsläufig an die Berufstätigkeit der Mutter gekoppelt ist. Fördern Familien mit berufstätigen Müttern ihre Kinder vielleicht nur besser? Verfügen sie schlicht über höhere Einkommen, um ihren Kindern die Reiterferien in England oder entsprechende Nachhilfeangebote zu bezahlen? Gibt es vielleicht sogar eine genetische Determinante dergestalt, dass intelligente Eltern oft auch intelligentere Kinder haben? Ist die Tatsache, dass Kinder bessere Schulleistungen zeigen, wenn Väter sich in der Erziehung mehr engagieren, nicht einfach nur Folge zunehmender Bildungshomogamie, so dass Väter und Mütter vielfach der akademischen Mittelschicht entstammen, die generell gute Voraussetzungen für den schulischen Erfolg ihrer Kinder mitbringt? Nach der Lektüre des Sammelbandes, muss man konstatieren, man weiß es nicht genau. Ebenso bleibt offen, aus welchen Gründen bestimmte Motivlagen entstehen, Väter sich also beispielsweise stärker in der Erziehung engagieren.

Bedauerlich ist auch die Engführung der verschiedenen Beiträge auf die traditionelle Kernfamilie, während hingegen andere Familienformen, deren quantitative Verbreitung zwar (noch) deutlich geringer ist, deren Bedeutung aber zukünftig steigen dürfte, kaum in den Blick geraten. Auch wären womöglich andere Interpretationen und Einblicke möglich geworden, wenn man „Familie“ als eine über die Kernfamilie hinausreichende Ressourcen- und Versorgungsstruktur begreift, also als einen Interaktionszusammenhang der nicht an den Grenzen der Kernfamilie endet. Gerade berufstätige Mütter greifen oftmals auf Großeltern oder andere soziale Netzwerke zurück, wenn es darum geht, das Aufeinanderprallen divergierender, tendenziell unvereinbarer Erwartungen zwischen universeller Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt und optimaler Betreuung der Kinder zu entschärfen. Die Berücksichtigung solcher „flankierender Aspekte“ dürfte zwar die grundsätzliche Tendenz der Aussagen des Sammelbandes nicht in Frage stellen, wohl aber um die eine oder andere interessante Facette ergänzen. Die fehlende Berücksichtigung solcher Aspekte ist den Verfasserinnen und Verfassern allerdings nur bedingt vorzuwerfen, zumal diese, wie eben betont, sich der Begrenztheit ihrer Ergebnisse sehr wohl bewusst sind, sie macht aber deutlich, dass auch in qualitativer Hinsicht noch ein erheblicher Forschungsbedarf besteht, um das Spannungsfeld zwischen Beruf und Familie weiter auszuleuchten.

Fazit

Insgesamt ist der von Una M. Röhr-Sendlmeier herausgegebene Band ein profunder Beleg gegen die These, die einen negativen Zusammenhang von mütterlicher Berufstätigkeit und schulischem Erfolg der Kinder unterstellt. Mit diesem Befund befindet er sich auf einer Linie mit dem, was die familiensoziologische Forschung auch andernorts in den letzten Jahren an Ergebnissen hervorgebracht hat. Wer deshalb vor allem an einer empirischen Fundierung interessiert ist, dem sei dieser Band angeraten.

Wer sich allerdings einen Überblick über den aktuellen Stand der gegenwärtigen Familienforschung und zur Berufstätigkeit von Müttern verschaffen will, sollte nach anderen Büchern greifen, um daraus für sein praktisches Handeln Gewinn zu ziehen. Hier wirkt die „Kleinteiligkeit“ der dargestellten Ergebnisse eher verwirrend, zumal die umfängliche Darstellung der statistischen Zusammenhänge, die aus wissenschaftlicher Sicht durchaus Sinn macht, nicht unbedingt die Lesefreundlichkeit des Bandes erhöht.


Rezensent
Prof. Dr. Peter Hansbauer
Fachhochschule Münster, Fachbereich Sozialwesen, Soziologie.
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Zitiervorschlag
Peter Hansbauer. Rezension vom 05.12.2014 zu: Una Maria Röhr-Sendlmeier (Hrsg.): Berufstätige Mütter und ihre Familien. Logos Verlag (Berlin) 2014. ISBN 978-3-8325-3753-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17453.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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