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Heidrun Friese: Grenzen der Gastfreundschaft

Rezensiert von Prof. Dr. Annegret Lorenz, 08.01.2015

Cover Heidrun Friese: Grenzen der Gastfreundschaft ISBN 978-3-8394-2447-6

Heidrun Friese: Grenzen der Gastfreundschaft. Die Bootsflüchtlinge von Lampedusa und die europäische Frage. transcript (Bielefeld) 2014. 250 Seiten. ISBN 978-3-8394-2447-6. 29,99 EUR.
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Thema

Sucht man einen Schauplatz für das Thema „undokumentierte Migration“, so stößt man unweigerlich auf Lampedusa, eine kleine Insel im Mittelmeer und zugleich das europäische Auffanglager für undokumentierte Flüchtlinge. Auf der Basis jahrelanger Feldforschung vor Ort macht die Autorin das, was dort am Umgang mit dem Migrant sichtbar wird, zum Gegenstand einer theoretischen Beschreibung, Deutung und Auseinandersetzung mit dem Phänomen.

Autorin

Frau Dr. Heidrun Friese ist Professorin für Interkulturelle Kommunikation an der Technischen Universität Chemnitz.

Aufbau

Schauplätze und Perspektiven

Mobilität und die Ambivalenzen der Gastfreundschaft
1. Freund und Feind – historische Semantiken
2. Gastfreundschaft und der Fremde
3. Gastfreundschaft, Kosmopolitismus und Gerechtigkeit

Lampedusa – Verbindungen und Heterotopien
4. Die Insel: Alte Verbindungen und neue Grenzen
5. Schiffe: Interessen und Konflikte
6. Das Lager: Die politische Ökonomie der Gastfreundschaft

Kosmopolitiken und transnationale Räume
7. Harragas und Gastfreundschaft
8. Europa: Für lokalisierte Kosmopolitiken

Es schließt sich ein ausführliches Literaturverzeichnis an.

Inhalt

Vorangestellt wird ein ausführliches einführendes Kapitel, in dem die Forscherin sich, die Fragestellung der Untersuchung und das Forschungsszenario verortet. Hier finden sich die zentralen Begründungen für die verwendete Terminologie – vor allem des Begriffs der Gastfreundschaft – sowie Formulierung und Begründung der Forschungsfrage: Am Beispiel von Lampedusa die Bedeutung von Gastfreundschaft mit theoretischen Konzepten der politischen Philosophie zu verknüpfen.

Die eigentliche Studie selber erfolgt in einem Dreischritt: Von der Logik her sortiert und analysiert Friese in einem ersten Schritt die Grundthemen und -begriffe „Mobilität“ und „Gastfreundschaft“ und setzt sie miteinander in Bezug (Mobilität und Ambivalenzen der Gastfreundschaft). In einem zweiten Schritt (Lampedusa: Verbindungen und Heterotopien) nimmt Friese den Ort der Begegnung, Lampedusa, selber in den Blick, um auf dieser Basis in einem dritten Teil (Kosmopolitiken und transnationale Räume) Gastfreundschaft als Ort des Politischen in all seinen Ambivalenzen zu beleuchten und für ein Konzept der Gastfreundschaft zu werben.

I. Mobilität und die Ambivalenzen der Gastfreundschaft. Im ersten Teil reißt Friese zunächst das Spannungsfeld, das zwischen Mobilität und Gastfreundschaft besteht, in seiner Komplexität und all seinen Hintergründen auf. Der Leser erhält an dieser Stelle einen Überblick über theoretische Ansätze und Erklärungen in Anbetracht nicht steuerbarer Migrationsprozesse. Im Zentrum steht zunächst eine Aufarbeitung der historischen Semantiken der Gastfreundschaft. Friese zeichnet die Ambivalenzen, die zwischen Wanderung als Fundament aber auch als Störfaktor der Gesellschaft bestehen, nach und erläutert in diesem Zusammenhang den Weg zu einer für moderne Gesellschaften kennzeichnenden Institutionalisierung der Gastfreundschaft und eines Verständnisses des Fremden als Feind, mehr denn als Gast. Sodann beleuchtet sie die Bereiche „Gastfreundschaft“ und „den Fremden“ im Gefolge der klassischen Ansätze von Anthropologie und Soziologie. Auch diese Analyse untermauert die ambivalente Stellung des Wanderers als Herausforderung an jede Gesellschaft. Im Zentrum dieser Betrachtung steht die mit der Wanderung für die Gesellschaft verbundene Aufgabe, eine Haltung gegenüber dem Fremden zu finden, das Verhältnis zwischen Nähe und Distanz zu klären und der bedeutungsvollen Funktion der Gastfreundschaft, durch Regeln des wechselseitigen Respekts und der Rücksichtnahme den Prozess der Integration zu steuern und zu begleiten. In einem dritten Schritt schließlich untersucht Friese philosophische Entwürfe zur Gastfreundschaft. Sie stellt in diesem Rahmen zunächst die gängigen theoretischen Ansätze (liberale politische Theorien ebenso wie kommunitarische Theorien, kosmopolitische sowie dekonstruktivistische Ansätze) vor und analysiert die unterschiedlichen Positionen, uA mit Blick darauf, was sie ermöglichen können, aber auch, was sie verschleiern.

II. Lampedusa – Verbindungen und Heterotopien. Der zweite Teil der Studie greift zunächst ganz unmittelbar drei zentrale Orte der Wanderung auf – die Insel, das Schiff, das Flüchtlingslager – als konkrete Heterotopien. In diesem Kapitel werden weitere Spannungsfelder und Widersprüche aufgezeigt, die alle drei Orte durchdringen: Das Neben- (und Gegen-) einander von politischen, nationalen, wirtschaftlichen, humanitären, wissenschaftlichen und persönlichen Handlungslogiken, die untrennbar miteinander verflochten sind und – gleichsam einer eigenen Logik gehorchend – dazu führen, dass alle Bemühungen der Kontrolle und Begrenzung der Wanderungsströme letztlich scheitern. Die Migration – das zeigt Friese an allen drei Bereichen auf – ist ein bedeutsamer Wirtschaftszweig mit wachsenden Kosten für das Grenzregime, aber auch deutlichen Verdienstmöglichkeiten – für die regionale Wirtschaft vor Ort, aber auch für die wachsende Zahl von humanitären Organisationen. Als weitere Ebene, die die Paradoxie des Grenzregimes zeigt, wird die Verwaltung der Flüchtlingslager untersucht. In diesem Abschnitt stellt Friese eine Logik untrennbarer Verflechtung von gebündelter Macht und Ökonomie fest, die aber erneut wesentliches ausblende: So werde Lampedusa auch in der öffentlichen – medieninszenierten Darstellung – als Ort des permanenten Ausnahmezustands wahrgenommen. Aus dem Blick gerate dabei, wie sehr ein solcher Ort wirtschaftlich, aber auch politisch opportun sei, ebenso die Unsichtbarkeit der „Katastrophe“ für den Migrant, der zur Immobilität verdammt werde, und die Normalität des Ausnahmezustands für die Insel.

III. Kosmopolitiken und transnationale Räume. Im letzten Teil der Studie schließlich wendet sich Friese den politischen Konsequenzen ihrer Untersuchung zu: Der Aushandlung und den Räumen der Aushandlung von Gastfreundschaft als ethische, soziale und politische Frage. Friese versteht Gastfreundschaft als postkolonialen Raum, der durch Antagonismus und Dissens bestimmt sei und – in seinen Ambivalenzen – Gegenstand der Aushandlung sein müsse. Sie mahnt die Notwendigkeit an, theoretische Konzepte unter Berücksichtigung der jeweiligen Beteiligten und der konkreten Gegebenheiten vor Ort zu entwickeln und plädiert für lokalisierte Kosmopolitiken und Konzepte von Gastfreundschaft, die die aufgezeigten Ambivalenzen und Paradoxien berücksichtigen.

Diskussion

Der Umgang mit undokumentierter Migration wirft eine Vielzahl von Fragen und Konfliktfeldern auf. Die Verfasserin begreift die Insel vor diesem Hintergrund in mehr als einer Hinsicht als Symbol für den europäischen Umgang mit dem Phänomen: Hier werden – wie unter einem Brennglas – die unterschiedlichen Handlungslogiken und deren (zT sehr konflikthaften) Verflechtungen auf den Punkt gebündelt und sichtbar. Ihr zentraler Referenzpunkt ist dabei ein ungewöhnlicher: Gastfreundschaft, ein Begriff, der mehr als die gewohnten Begrifflichkeiten geeignet ist, andere Ebenen als gemeinhin üblich in den Blick zu nehmen: Kulturelle Aspekte, Haltungen gegenüber dem Gast und die wechselseitige Abhängigkeit zwischen Gast und Gastgeber.

Friese verknüpft die Ergebnisse langjähriger Feldforschung mit aktuellen Diskussionen in der Soziologie, Anthropologie und Philosophie. Sie zeichnet ein Bild von Migration als in vielerlei Hinsicht von unterschiedlichen Ambivalenzen gekennzeichnetem Geschehen. Dabei rückt sie in besonderer Weise immer die Perspektiven und Logiken der konkreten Einzelnen – sei es des Wanderers, sei es aber auch der Bewohner der Insel oder der Handeltreibenden – ins Blickfeld.

Es überzeugt, dass eine Haltung nicht ohne Sichtbarmachung der das Thema durchziehenden Ambivalenzen und Widersprüche entwickelt werden sollte. Ebenso, dass eine rein akademische Theoriebildung, die nicht die konkrete Situation vor Ort und das, was es für die jeweiligen Beteiligten bedeutet in den Blick nimmt, in Gefahr läuft, die Dimension des Phänomens nicht adäquat zu erfassen und sich seinerseits in die „Fallstricke“ der überlagernden Handlungslogiken einzugliedern, ohne es auch nur zu merken. Ungeachtet der Frage, ob der Leser die Haltung von Frau Friese teilt, schafft Frau Friese ein facettenreiches Fundament und gelangt zu einer überaus fundierten, anregenden, Perspektiven eröffnenden Auseinandersetzung mit der Grundsatzfrage eigentlich einer jeden Gesellschaft: Wie leben wir zusammen?

Fazit

Eine abschließende Würdigung des rezensierten Werks muss zunächst unter einen Vorbehalt gestellt werden: Die Rezensentin ist fachfremd ist und beansprucht – als Rechtswissenschaftlerin – weder das für eine wertende und würdigende Diskussion notwendige fachliche Gewicht noch die erforderliche Kompetenz. Sie ist gleichwohl mit großem Interesse und ebensolchem Gewinn den „Wegen“ und Überlegungen der Forscherin gefolgt. Die Lektüre ist jedem zu empfehlen, der sich für den Umgang mit Migration interessiert und der eine Haltung dazu entwickeln möchte. Für jemanden, der sich vertieft mit dem Thema „illegale Migration“ befasst, scheint es mir wesentlich zu sein, sich mit diesem Werk zu befassen.

Rezension von
Prof. Dr. Annegret Lorenz
Professorin für Recht mit Schwerpunkt Familien-, Betreuungs- und Ausländerrecht am Fachbereich Gesundheits- und Sozialwesen der Hochschule Ludwigshafen am Rhein
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Es gibt 31 Rezensionen von Annegret Lorenz.

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Zitiervorschlag
Annegret Lorenz. Rezension vom 08.01.2015 zu: Heidrun Friese: Grenzen der Gastfreundschaft. Die Bootsflüchtlinge von Lampedusa und die europäische Frage. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8394-2447-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17454.php, Datum des Zugriffs 26.06.2022.


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