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Naime Çakir: Islamfeindlichkeit. Anatomie eines Feindbildes in Deutschland

Cover Naime Çakir: Islamfeindlichkeit. Anatomie eines Feindbildes in Deutschland. transcript (Bielefeld) 2014. 274 Seiten. ISBN 978-3-8394-2661-6. 27,99 EUR.
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Thema

Im Unterschied zu einigen Publikationen aus der breiten Literatur über Islamfeindlichkeit möchte die Autorin dieses soziale Phänomen in einen differenztheoretischen Erklärungszusammenhang einbetten. Die Artikulationsweisen von Islamfeindlichkeit nehmen einen vergleichsweise geringen Raum ein.

Autorin

Naime Çakir ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam im FB Kulturwissenschaften der Universität Frankfurt/Main. Als fachliche Zuordnung wird angegeben: Soziologin, Religionswissenschaftlerin und Sozialpädagogin.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die überarbeitete Fassung der Dissertation der Vf. an der PH Freiburg. Waren bis Anfang der 1990er Jahre die „Ausländer“ das Objekt von Fremdbildkonstruktionen und Defizitzuschreibungen, wobei man darunter meist Türken (oder auch Marokkaner) verstand, so hat sich die Ethnisierung in den letzten Jahrzehnten auf die Kategorie „Muslime“ verlagert. Die Vf. spürt diesem Wechsel der Fremd- oder auch Feindbilder nach.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert, von denen vier theoretischen Fragen der Fremdbildkonstruktion, der Charakterisierung von Rassismen und der Ethnisierung gewidmet sind. Erst im zweiten Abschnitt des vierten und im fünften Kapitel geht die Vf. speziell auf die Ethnisierung des Islam ein. In Schlussbemerkungen fasst sie ihre Ergebnisse zusammen. In einem Anhang werden die Ergebnisse der Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“, einer Auftragsarbeit des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, knapp referiert.

Im ersten Kapitel rekapituliert die Vf. empirische Studien über Islamophobie (ein von ihr verworfener Terminus) in Deutschland, vor allem die Studien über „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ der Bielefelder Gruppe um W. Heitmeyer.

Im zweiten Kapitel, das einen zentralen Stellenwert einnimmt, wird die Konstruktion von Fremdheit unter verschiedenen fachlichen Perspektiven erörtert. Die Vf. zieht die Arbeiten von Georg Simmel, Alfred Schütz, Zygmunt Bauman, Bernhard Waldenfels, aber auch die weniger bekannten Beiträge zum Thema von Norbert Elias heran.

Im dritten Kapitel über Rassismus nähert sich die Vf. vom „Phänomen Fremdenfeindlichkeit“ her den Begriffen „Rasse“ und Rassismus. Nach der Behandlung der „nationalsozialistisch-völkischen Rassentheorie“ wählt sie in Übereinstimmung mit den maßgebenden Ansätzen zum Thema einen diskurstheoretischen Zugang. Die Ausführungen enden mit der Beschreibung des kulturellen Rassismus oder „Neo-Rassismus“ als aktueller Erscheinungsform der „Verabsolutierung der Differenz“. Als Gewährsleute in diesem Kapitel dienen der Vf. Stuart Hall, Robert Miles, Albert Memmi, Etienne Balibar, Birgit Rommelspacher und selbstverständlich auch Michel Foucault.

Im vierten Kapitel ist das „Konstruktionsgebilde Ethnie“ der Ausgangspunkt, von dem her „Ethnizität“ als „Konstrukt eigener und fremder Lebenswirklichkeit“ bestimmt wird. Indem die „Politik der Ethnisierung“ (4.1.2) und die häufige Reaktion der „Selbstethnisierung“ (4.1.3) behandelt werden, wird der Verständnishorizont für die Situation der Muslime in Deutschland geöffnet. Die Vf. beschreibt den Wandel „vom Gastarbeiter zum Muslim“ (4.2.1), der zum „Islam als Neo-Ethnizität“ geführt habe (4.2.2). Dieses Konzept, das die Schaffung einer neuen ethnischen Identität sowohl von innen her als auch von außen erfassen soll, übernimmt die Vf. von Oliver Roy (2006).

Im fünften Kapitel mit der wenig informativen Überschrift „Ethnizismus im Kontext von Islamfeindlichkeit“ kommt die Vf. auf das zu sprechen, was sie allem Anschein nach zu der Arbeit motiviert hat, nämlich auf den „Antiislamischen Ethnizismus“, ein Terminus, den sie dem Begriff „Islamophobie“ und der Subsumtion unter Rassismus vorzieht. Sie unterscheidet zwischen „Islambezogenem Ethnizismus“ und „Antiislamischem Ethnizismus“. Mit ersterem kennzeichnet sie Formen der Stereotypisierung und Essentialisierung, die im Gegensatz zur Islamfeindlichkeit keine Diskriminierung und Ausgrenzung implizieren, sondern sogar mit dem Toleranzgebot verbunden sein können. Beide Varianten von Ethnizismus belegt oder illustriert sie mit Beispielen aus der jüngeren Vergangenheit, wobei die Rollen der Medien, der Wissenschaft und der Politik Berücksichtigung finden.

Diskussion

Die Genese der Studie als Dissertation mit dem ganzen unvermeidlichen Wissensballast ist unverkennbar. In den ersten Kapiteln kann der oder die mit dem Thema einigermaßen vertraute wenig Neues finden. Andererseits ist diese akademische Übung insofern nicht ganz ergebnislos, als sie die Vf. zu aufschlussreichen Differenzierungen veranlasst zwischen Rassismus und Ethnizismus, welch letzteren sie nochmals gegen „Ethnizität“ abgrenzt. Sie vermeidet auch den Fehler vieler Sozialkonstruktivisten, kollektive Identitäten lediglich als Produkt von Fremdzuschreibungen darzustellen. Am interessantesten ist die These, die bundesdeutsche Religionspolitik habe zur „neoethnischen Konstruktion“ einer „transnationalen ethnischen Gruppe (der Muslime)“ beigetragen (S.157), um den Islam gemäß den eigenen Verfassungsnormen als Religionsgemeinschaft integrieren zu können. Dieser Neo-Islam, in dem die differenten kulturellen Herkünfte fast ausgelöscht sind, wird allerdings von Çakir auch als Ergebnis der Selbstverständigung und Selbstdefinition von Muslimen verstanden.

Fazit

Die Anschaffung ist mit Blick auf den oben skizzierten Aufbau nur für jemanden empfehlenswert, der auch die allgemeinen Lektionen über Fremdbildkonstrukte etc. für nützlich hält. Im Übrigen möchte man der Vf. fast empfehlen, dem interessierten Publikum demnächst eine Kurzfassung mit den Kapiteln 4 und 5 anzubieten.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 01.12.2014 zu: Naime Çakir: Islamfeindlichkeit. Anatomie eines Feindbildes in Deutschland. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8394-2661-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17457.php, Datum des Zugriffs 19.12.2018.


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