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Hermann-Josef Große Kracht (Hrsg.): Der moderne Glaube an die Menschenwürde

Cover Hermann-Josef Große Kracht (Hrsg.): Der moderne Glaube an die Menschenwürde. Philosophie, Soziologie und Theologie im Gespräch mit Hans Joas. transcript (Bielefeld) 2014. 266 Seiten. ISBN 978-3-8376-2519-6. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Die Menschenrechte wurden 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen kodifiziert. Dieser Erklärung der Menschrechte liegen ältere Erklärungen (z.B. die 1789 in Frankreich erfolgte) zugrunde, die letztendlich in ethischen Fundamenten begründet sind. Woher stammen diese Fundamente? Haben sie religiöse Wurzeln oder sind sie konträr hierzu antireligiös zu verstehen. Hans Joas begreift die Menschrechte in seinem 2011 erschienen Buch „Die Sakralität der Person. Eine neune Genealogie der Menschenrechte“ durch den Bezug auf einen sakralen Kern der Person. Dieser sakrale Kern ist in der Moderne durch die Gesellschaft hervorgebracht worden. Joas versteht den Bezugspunkt der Menschrechte als geschichtliche Hervorbringung, wendet sich also gegen deduktive Ableitungen im Sinne der Kantischen Philosophie, ist gleichzeitig aber nicht bereit die Sakralität der Person als bloß kontingentes Ereignis zu betrachten, das keinerlei moralische Verbindlichkeit entfaltet. Seinen Ansatz bezeichnet Joas selbst als affirmative Genealogie, die im Gegensatz zu einer Genealogie in Anlehnung an Nietzsche oder Foucault die Kontingenz historischer Hervorbringungen in einen Geltung implizierenden Status transformieren möchte.

Die Beiträge des Bandes thematisieren Joas Ansatz unter verschiedenen Perspektiven.

Herausgeber

Der Herausgeber des Bandes ist Hermann-Josef Große Kracht. Er ist apl. Professor am Institut für Theologie und Sozialethik der Technischen Universität Darmstadt.

Entstehungshintergrund

Der Band geht auf eine Autorentagung zurück, die im April 2012 an der Technischen Universität Darmstadt stattfand. Die Tagung – initiiert durch die Professur für Religionsphilosophie des Fachbereichs Katholische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt und dem Institut für Theologie und Sozialethik der Technischen Universität Darmstadt- widmete sich dem Ansatz von Hans Joas zur Rekonstruktion des modernen Glaubens an die Menschenwürde.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei übergreifende Bereiche. Nach einem Vorwort werden:

  1. Philosophische Positionierungen zur Problematik der Werte und Normen
  2. Soziologische Sondierungen zu Religion und Gesellschaft
  3. Theologische Einordnungen zu Menschenwürde und Gottesglaube

dargelegt. Das Buch schließt mit einer Erwiderung von Hans Joas, der grosso modo auf die Kritikpunkte der Einzelbeiträge des Buches eingeht.

Die einzelnen Themenfelder sind jeweils durch fünf bzw. drei Einzelbeiträge untersetzt.

Inhalt

Im Bereich der philosophischen Positionierungen beginnt Georg Lohmann mit allgemeinen Darlegungen zu den unterschiedlichen Konzeptionen von Würde. Im Gegensatz zu Joas begreift Lohmann Würde nicht als Resultat einer Sakralisierung (Würde als etwas Heiliges). Würde wird durch die Etablierung von Menschenrechten gesetzt. Dadurch entsteht eine motivierende Kraft, die ohne einen Rückgang auf absolute Gründe auskommt. Das Problem einer sakralisierten Würde liegt nach Lohmann auch darin, dass aus dem Konzept der Sakralität nicht eine notwendige Gleichbehandlung aller Menschen folgen würde (Heiligkeit versus Gleichheit).

Der Beitrag von Mathias Kettner nimmt Stellung zur „affirmativen Genealogie“. Dieser Begriff ermöglicht es, einen Mittelweg zwischen einer nachträglichen Affirmation historischer Vorkommnisse und dem Zugeständnis vollkommener Kontingenz zu bahnen: Was ursprünglich nicht notwendig ist, wird retrospektiv als Geltung beanspruchend erfasst. Kettner führt als Ergänzung zur affirmativen Genealogie den argumentativen Diskurs ein. Dies erscheint ihm nötig, da Joas „…vergisst, dass diskursives Argumentieren eine notwenige Bedingung dafür ist, dass eine affirmativ-genealogische Darstellung überhaupt etwas Affirmatives leistet“ (S. 42).

Gesche Linde untersucht das Verhältnis zwischen der Sakralität der Person und dem amerikanischen Pragmatismus. Joas, so Linde, versteht den Pragmatimus als eine Theorie, die den Begriff der Seele in den des Selbst transformiert. Zu dieser ins Sozialpsychologische erfolgenden Übersetzung des Seelenbegriffs macht Linde drei Anmerkungen. Insbesondere macht nach Linde der Pragmatismus eine Reihe nicht unproblematischer Voraussetzungen (S. 54). Diese machen ihn ungeeignet zur Neuartikulierung christlicher Traditionen (Übergang der Gotteskindschaft auf das Selbst).

Michael Haus beleuchtet Joas Theorie mithilfe kommunitaristischer Ideen. Joas möchte in Anlehnung an den Soziologen Ernst Troeltsch ein Genalogieverständnis etablieren, das sich von Nietzsche und Foucault abgrenzt. Letztere begreifen die Genealogie als kritisch in Bezug auf jeglich Normativität. Anders Joas: Er sieht gerade in der Genealogie einen Aufweis der Normativität. Dieser Grundgedanke rückt Joas, so Haus, in die Nähe des Kommunitarismus. Allerdings ist hier eine Differenzierung nötig. Besonders MacIntyre und Walzer haben in ihren Versionen des Kommunitarismus auch menschenrechtsskeptische Elemente integriert.

Auch Francesca Raimondi untersucht in ihrem Beitrag die affirmative Genalogie. Um diese genauer zu konturieren kontrastiert sie sie mit alternativen Modellen. Auch Heideggers Seinsgeschichte wird aufgenommen. Insgesamt hebt der Beitrag die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der affirmativen Genealogie heraus. Während der Genealoge eher wertfrei Entwicklungen rekonstruiert, weist die Affirmation einer Entwicklung Verbindlichkeit zu, die insbesondere nach einer Auffassung, die Sein und Sollen strikt trennen möchte (positivistische Auffassung), logisch problematisch ist.

Es folgen Beiträge zur soziologischen Sondierung des Themas Religion und Gesellschaft. Der Teil beginnt mit einem Beitrag über religiöse Individualisierung als universaler Fluchtpunkt von Gert Pickel. Es werden Fragen der Bedeutung der Religion für die Menschenwürde sowie die Besonderheit der christlichen Religion diskutiert. Insgesamt zeigt sich eine Ambivalenz zwischen der Individualisierung und der Universalisierung.

Matthias Koenig schließt mit einem Beitrag zu Ambivalenzen der Sakralisierung an. Dabei vergleicht er den Ansatz von Joas mit dem von Durkheim. Joas setzt stärker auf eine handlungstheoretische Erklärung, im Gegensatz zur Durkheim, der den Institutionen die zentrale Rolle für die Erklärung zuschreibt.

Es folgt ein Beitrag von Bijan Fateh-Moghadam. Er greift die Diskussion zur Deutung der Entwicklung des Strafrechts als Sakralisierung (nicht religiöse Deutung von abweichendem Verhalten; stattdessen Rekurs z.B. auf Kriminologie) auf. Sie steht im Gegensatz zu einem gängigen Masternarrativ, nämlich der Säkularisierung des Strafrechts in der Geschichte. Die Kritik dieses Masternarrativs bezeichnet Fateh-Moghadam als neues Masternarrativ. Exemplarisch kann das absolute Folterverbot als neuzeitliches Phänomen von Sakralität angesehen werden.

Der Teil zu den theologischen Einordnungen bzw. der Positionierung der Menschenwürde in Bezug auf den Gottesglauben beginnt mit einem Beitrag zur Troeltsch-Interpretation bei Joas. Die Sakralität wird hier im Kontext eines existenziellen Historismus gedeutet. Dabei steht die Aneignung von Geschichte, die kontingent ist, aber gleichzeitig absolute Verpflichtungen (z.B. Folterverbot) hervorbringt, im Fokus.

Thomas M. Schmidt stellt die Frage, ob Hans Joas heimlich ins theologische Fach gewechselt sei. Da es Joas um eine rationale Rekonstruktion religiöser und ethischer Gehalte geht, kann die Frage mit Nein beantwortet werden. Schmidt stellt Bezüge zu Habermas her und postuliert, dass beide näher zusammenliegen als Joas häufig behauptet.

Daniel Bogners Beitrag verknüpft katholisches Sozialdenken und den Menschenrechtsdiskurs. Dabei stellt er fest, der der Bezog zwischen Historie und Überzeitlichem, durchaus ambivalent ist: Dies wäre jedoch bereits bei Troeltsch der Fall gewesen. Entscheidend für Bogner ist der Sachverhalt, dass das Recht auch eine politische Umsetzung erforderlich macht, will es in der konkreten Praxis Wirksamkeit erlangen.

Stefan Goertz greift in seinem Beitrag das Verhältnis von Heiligkeit und Würde auf. Joas Konzept kann mit dem Konzept der Heiligkeit der Person durchaus verknüpft werden. Individualität und Sozialität sind in dem Konzept aufgehoben.

Im abschließenden Beitrag dieses Teils verknüpft Hermann-Josef Große Kracht den Ansatz von Joas mit dem von Emil Durkheim. Dabei wird der Kult des Individuums auf die Sakralität bezogen. Joas neopragmatischer Ansatz einer Sozialtheorie bewegt sich – so Große Kraft – in konkreten Erfahrungen, ohne dass die Universalität der Wertbindung eingeschränkt würde.

Der Sammelband endet mit einer Replik von Hans Joas. Dabei gliedert Joas seine Erwiederung in drei Teile. Nach einer Auseinandersetzung mit den Arbeiten, die sein Verhältnis zu Emil Durkheim thematisieren, befasst er sich mit den Stellungnahmen zu seiner Methode – der affirmativen Genealogie. Abschließend greift er die Diskussion zu seinem Verhältnis zur Theologie auf.

Diskussion

Insgesamt stellt Joas These der Sakralisierung der Person eine sozialgeschichtliche Position dar, die die Herausbildung von Werten rekonstruiert. Dabei geht Joas über das Muster gängiger empirischer Soziologie hinaus, indem er nicht nur die Sachverhalte beschreibt, erklärt oder interpretiert, sondern auch ihren normativen Anspruch expliziert. Insgesamt bleibt die Crux, dass im Grunde Unvereinbares zusammenkommt: Die Kontingenz der empirischen bzw. geschichtlichen Realität und die Notwendigkeit ethischer Imperative (z.B. Verbot des Folterns). Der deutsche Idealismus hat diese Crux insofern aufgelöst als er den Gang der Geschichte selbst als notwenigen Gang darlegte (vgl. z.B. Hegel). Für Joas sind solche Konstrukte einerseits gegenstandslos, auf der anderen Seite ist der Wert der Person doch mehr als ein Faktum, das mehr oder weniger zufällig existiert.

Die einzelnen Beiträge greifen die Thesen von Joas in vielfältiger Weise auf. Die Beiträge sind jeweils sehr differenziert und setzen eine gute Kenntnis des Denkens von Joas voraus. Gleichzeitig beziehen sie sich auf die Fachdiskussionen in denen der jeweilige Autor verankert ist. Dies macht eine Lektüre zu einer sehr großen Herausforderung. Das Buch stellt eine gute Sekundärliteratur für Leser dar, die sich nach intensiver eigener Beschäftigung mit Joas Buch „Die Sakralität der Person“ weiter in die Thematik vertiefen wollen und spezielle Fragestellungen der Rechtsphilosophie, der Theologie, der Soziologiegeschichte usw. anschließen möchten.

Kritisch an dem Band ist zu sehen, dass eine einleitende Übersicht fehlt. Der Leser wird sofort mitten in die Thematik hineingenommen. Ohne die vorherige Lektüre von „Die Sakralität der Person“ kann der Band nicht mit Gewinn gelesen werden.

Fazit

Ein Buch für Leser, die sich intensiv mit Hans Joas Theorie befassen wollen und gleichzeitig bereit sind im Vorfeld das Original zu studieren, auf das sich der Band bezieht.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
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Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 09.12.2014 zu: Hermann-Josef Große Kracht (Hrsg.): Der moderne Glaube an die Menschenwürde. Philosophie, Soziologie und Theologie im Gespräch mit Hans Joas. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2519-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17458.php, Datum des Zugriffs 20.09.2018.


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