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Ulrich Ruschig, Hans-Ernst Schiller (Hrsg.): Staat und Politik bei Horkheimer und Adorno

Cover Ulrich Ruschig, Hans-Ernst Schiller (Hrsg.): Staat und Politik bei Horkheimer und Adorno. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. 229 Seiten. ISBN 978-3-8487-1426-1. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 55,90 sFr.
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Thema

Dass wir Zeuge einer „Auflösung der uns bekannten Form des territorial definierten Nationalstaates“ werden und womöglich dessen Ende bevorsteht, dass sich Globalisierung auch auf Staatlichkeit auswirkt und dabei bezweifelt werden darf, ob dies „jemals zu einem Weltstaat führen kann“, darauf macht Rüdiger Voigt im Editorial ebenso aufmerksam wie auf das anhaltende Desiderat, „dass Theorie und Praxis des Staates nicht auf Dauer voneinander zu trennen sind.“ Deutlich werde das an einer marxistischen, die „Marxschen Ideen“ verfälschenden Ideologie, die einen „repressiven Staatsapparat rechtfertigen sollte“. (S. 5) Über Vergewisserung der Anatomie der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ist unter Bezugnahme auf kritische Analyse staatlichen praktischen Handelns der Weg zu einer politischen Theorie zu eröffnen, der bei Horkheimer und Adorno in Ansätzen und eher aspektisch im Gesamt ihrer Gesellschaftskritik ausgeschildert ist.

Daran knüpfen die zehn Beiträge des Bandes an, der jedoch mehr bieten und leisten soll (und in der Tat leistet), nämlich – erneut – die gesellschaftstheoretische Dimension der Werke von Horkheimer und Adorno im wissenschaftlichen Diskurs zu platzieren mit dem Ziel, so die Herausgeber Ruschig und Schiller in ihrer Einleitung, „sich über die aktuelle Verfassung des globalisierten Kapitalismus und über seine Entwicklungstendenzen Klarheit zu verschaffen.“ Dem diene auch die Kritik an den prominenten Vertretern der Kritischen Theorie da, wo es gelte, sie „von Mängeln zu befreien, um sie desto besser zum Instrument der Erkenntnis einer gesellschaftlichen Wirklichkeit zu machen“. (S. 17) Weil „die staats- und politiktheoretische Konzeption von Horkheimer und Adorno bislang noch nicht ausführlich untersucht worden“ sei, sahen sich die Herausgeber vor einer Forschungsaufgabe; sie beanspruchen nicht, „die ungeschriebene Staatstheorie der kritischen Theorie vorzustellen“, wollen jedoch „Momente und Bausteine zur Reflexion und Rekonstruktion des Staatsverständnisses von Horkheimer und Adorno“ präsentieren, „wie es in den verschiedensten Zusammenhängen zum Tragen kommt.“ (S. 12)

Aufbau und Inhalt

Horkheimers Liberalismuskritik aus den 30er Jahren stellt Hendrik Wallat vor und zugleich auf den Prüfstand. Seine „Kernthese“ lautet: Die frühe Liberalismus-Kritik Horkheimers sei, womit er Fetscher folgt, durch eine „doppelte verursachte Ambivalenz – Verbundenheit vs. schroffe Kritik – gekennzeichnet, die einerseits dem Wesen des Kapitalismus entspringt, andererseits im Denken des kritischen Theoretikers selbst angelegt ist.“ (S. 19) Der Liberalismus habe dazu beigetragen, die Produktivität der Arbeit zu erhöhen, dies jedoch um den Preis auch von Massenelend. Die überkommenen bürgerlichen Ideale von Freiheit und Gleichheit seien von Horkheimer in die kritische Perspektive von Freiheitspathos und Triebunterdrückung genommen, eine pragmatische und zugleich relativistische bürgerliche Grundhaltung führe zur Unterordnung von Wahrheit unter die herrschende Macht. Gleichwohl sei darin eine Skepsis zumal des Bürgertums er- und enthalten, welche die humanistisch unterlegten bürgerlichen Ideale virulent hielten, ein Nährboden kritischen Denkens. Hier allerdings meldet Wallat – anknüpfend an Breuers Idealismuskritik gegenüber Horkheimer - eine gleichlautende Kritik gegenüber dessen früher Liberalismuskritik an, dieser werde „weder einer immanenten noch einer transzendierenden Kritik unterzogen“, wogegen der Autor die „Aufhebung des für Wesen wie Erscheinung konstitutiven Zusammenhangs“ als unabdingbar erklärt. Und deutlicher: „Der Kommunismus – oder wie immer man eine herrschaftslose Gesellschaft bezeichnen mag – ist nicht die Verwirklichung bürgerlicher Ideale und der Demokratie, sondern ihre Transzendierung.“ (S. 31 f.) Auf der Folie solcher Kritik etikettiert Wallat Horkheimers theoretische Bezugnahme als „Bürgertumsnostalgie“ und meint, dies habe auch Folgen „für die Deutung des Zusammenhangs von Liberalismus und Faschismus: Eine politische Kultur, die eben mehr ist als bloß eine Funktion der Ökonomie und in der liberale Normen und Werte hegemonial sind und sich auch in politischen Institutionen und Verfahren niederschlagen, kann durchaus zu einer Blockade faschistischer Tendenzen beitragen.“ (S. 33) Dass dies auch Horkheimer nicht ganz fremd war, ist dem Autor nicht entgangen. (vgl. ebd., Anm. 92) Und Wallats ‚Blockade‘-Hinweis ist für Diskussionen um die gegenwärtige ökonomische und politische Situation durchaus ernst zu nehmen (und im Hinblick auf die später folgenden Beitrage von insb. von Witt und Jepsen aufzugreifen).

Um „bejahte Abhängigkeit“ (Horkheimer), um Autoritarismus geht es im Beitrag von Gunzelin Schmid Noerr. Der Autor, übrigens Mitherausgeber der Gesammelten Schriften und Briefe Horkheimers, kreist zum einen um die Fragen des Zusammenhangs zwischen psychischem und politischem Autoritarismus und darum, ob es einen „postmodernen Autoritarismus“ gibt; zum anderen erörtert er die Bedingungen der Möglichkeit von Widerstandspotentialen gegen „das jeweils ‚Bestehende‘, die problematische Normativität des Faktischen“. (S. 41) Mit Bezug auf u.a. Milgram, Kohlberg und Oesterreich wird gegenüber Fromm und Adorno problematisiert, dass es nicht primär elterliche Kälte sei, sondern anerzogene Unselbstständigkeit, die eine autoritäre Persönlichkeit ansozialisiere und in Situationen der Überforderung prädisponiere, „mit einer Flucht unter den Schutz einer Autorität“ zu reagieren und sich Herrschaft „freiwillig“ zu unterwerfen. (S. 47) Wie schon bei Milgram vermerkt, dass gewöhnliche und nicht von Feindseligkeit getriebene Menschen willfährige Handlanger in kühl kalkulierten, gleichwohl barbarischen Vernichtungsprozessen werden können, sei das „banale Böse“ (Arendt mit Blick auf Eichmann) nicht hinlänglich ausgelotet, wozu Adorno langjährige Psychoanalysen glaubte heranziehen zu müssen. Zwar bleibe, so der Verfasser, der „Autoritarismus als ein Produkt einer gesellschaftlichen Verfasstheit zu erwarten“, doch sei der „psychische Autoritarismus“ nicht zwingend „als Produkt einer autoritären politischen Verfasstheit der Gesellschaft anzusehen“, sondern eben als eine „Art Fluchtmechanismus vor existenzieller Unsicherheit“, die eben auch in der „Risikogesellschaft“ (Beck) gegeben sei, wenngleich „Autorität in der demokratisch verfassten Industriegesellschaft zunehmend versachlicht“ sei. Doch bleibt: „Die Unfähigkeit, die mit individueller Freiheit einhergehenden Aspekte der Ohnmacht und des Alleinseins zu bewältigen, macht die Menschen für die Angebote der Autoritäten empfänglich.“ (S. 50 f.) Und was in der Folge einer postfordistischen Epoche sich nunmehr unübersehbar geltend mache, ist, dass ganze Nationen und Individuen „zunehmend der anonymen Autorität unternehmerischer Imperative“ folgten, worin, mit Hirsch, Demokratie „auf die Zustimmung einer Mehrheit zur angeblich alternativlosen ökonomischen Notwendigkeit reduziert“ wird. (S. 55) Abgesunken sei das althergebrachte Ideal des „vernunftgeleiteten Subjekts“ und im (schon älteren) „neuen Sozialisationstyp“ (Ziehe & Stubenrauch), einer „konsumistischen und narzisstischen Persönlichkeit“, scheine das Kernproblem des „postmodernen Menschen“ auf, nämlich eine „Diffusion der persönlichen Identität“ gegenüber dem vormaligen aus dem Spannungsverhältnis von Sexualität und gesellschaftlichen Normen. Dessen Orientierungen rührten aus der „Produktion und Vermarktung von Erlebnissen, Gefühlen, Lebensstilen“ und er sei mit seinen „Orientierungsbedürfnissen oft allein gelassen“, weil bar und fern aller „allgemein verbindlichen Maßstäbe des Wahren oder moralisch Richtigen“. (S. 56 f.) So sei der heutige Sozialisationstyp „nicht weniger autoritär als der alte, aber anders autoritär“, und die „autoritäre Zumutung“ habe sich „auf dem Weg von Versachlichung und Anonymisierung potenziert.“ (S. 58)

Dass der Ausgang zwar offen ist, jedoch Horkheimers Hinweis „auf eine mögliche Legitimationskrise des autoritären Staates nichts an Aktualität eingebüßt“ hat, zu diesem Schluss kommt Joachim Hirsch mit seiner Frage nach dem „Staatskapitalismus“ entlang einer kritischen Auseinandersetzung mit der Kontroverse zwischen Pollock, Horkheimer und Neumann in Bezug auf den Charakter des nationalsozialistischen Systems. Auch die Positionen von Adorno, Kirchheimer und Gurland bleiben nicht unerwähnt, womit der Beitrag zugleich Einblick in die Geschichte des Instituts für Sozialforschung und der Theorieentwicklung von der Kritik der politischen Ökonomie über jene der technischen Zivilisation hin zur Fortschritts- und Vernunftkritik gibt. Wie schon in anderen seiner Werke macht Hirsch über seine Pollock-Kritik deutlich, „dass die kapitalistische Form des Staates selbst integraler Bestandteil des bestehenden Produktionsverhältnisses ist“, und er zeigt an Neumann auf, für den der „Nationalsozialismus einen totalitären Monopolkapitalismus, aber keine historisch neue Gesellschafsformation“ darstellte, „dass hier die grundlegenden Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft – wenn auch in neuen Formen – wirksam bleiben und durch staatliche Interventionen nicht aufgehoben werden können.“ (S. 63) Über (u.a.) Diskussion der Einschätzungen von Horkheimer, der im autoritären Staat eine gegenüber Ökonomie und Gesellschaft „unabhängige Herrschaftsapparatur“ gesehen habe, über Neumanns Sicht auf die Funktion des Nationalsozialismus, sie habe darin bestanden, „das durch die ökonomische Krise gefährdete Kartellsystem vor dem Zusammenbruch zu bewahren“ und eben die Macht der Monopole zu erhalten und auszuweiten, schließlich auch über die Frage Paschukanis, warum „der Apparat des staatlichen Zwangs nicht als privater Apparat der herrschenden Klasse geschaffen“ würde, führt Hirsch zu seiner analytisch nachvollziehbaren und in der Kritik der politischen Ökonomie fundierten Aussage, „dass der kapitalistische Staat Klassenstaat ist, ohne das unmittelbare Instrument der herrschenden Klasse zu sein. Damit ist (…) die politische Formbestimmung des Kapitalismus bezeichnet.“ (S. 64 ff.) Was Hirsch den vorgestellten Theoretikern ankreidet, ist, dass sie zumindest „ansatzweise imperialismustheoretische Überlegungen“ hätten anstellen sollen. Was er dem Institut für Sozialforschung zugute hält, ist, dass die „ansatzweise formulierte Theorie des ‚rackets‘“ bedeutsam und heute anschlussfähig ist. Zum einen, argumentiert Hirsch weiter, sei der Kapitalismus „von Anfang an ein globales System“ gewesen, „Grundlage seiner Bestands- und Entwicklungsfähigkeit“, was sich inzwischen deutlich in der „als ‚Globalisierung‘ bezeichneten Deregulierungspolitik“ zeige; zum anderen sei eine „strukturelle Krise der politischen Repräsentation und eine Verselbständigung der ‚politischen Klasse‘“ unübersehbar. Hirsch hält fest, dass „das finanzialisierte und internationalisierte Kapital (…) in weitem Umfang die Staaten und die Politik“ kontrolliert und dass gegenwärtig eher von „autoritärem Etatismus“ als von Staatskapitalismus zu reden wäre. Allerdings zeichne sich im „neoliberalen Autoritarismus“ auch die „Unfähigkeit der regierenden Klasse“ ab, „wichtige Bedürfnisse der Bevölkerung zu berücksichtigen“. So bleibe die Horkheimersche Rede von der Legitimationskrise (s.o.) aktuell. (S. 69 ff.)

Die von der Klassischen Deutschen Philosophie „hervorgebrachten Ideen (Freiheit, Autonomie der Vernunft, Reich Gottes auf Erden) und die für die Durchsetzung des Kapitalismus bahnbrechende politische Bewegung (Aufklärung, bürgerliche Revolution, Liberalismus) sind nicht voneinander zu lösen“, schreibt Ulrich Ruschig und merkt an: „Freilich sind jene Ideen nicht der zureichende Grund für die Hervorbringung und Installierung des ‚liberalen Kapitalismus‘ – das Umgekehrte gilt genausowenig. Gleichwohl stehen Ideen und politische Bewegung (‚Liberalismus‘) in einem notwendigen Zusammenhang, auf welchen Kritische Theorie unter dem Begriff ‚Zeitkern der Wahrheit‘ aufmerksam macht. Tilgt man diesen Zeitkern, macht man aus der Philosophie eine sich aus sich selbst konservierende philosophia perennis.“ (S. 95 u. ebd. Anm. 88) Unter dieser (wissenschaftstheoretischen Denk-)Voraussetzung entlang der Frage, wie „innerhalb einer durch die kapitalistische Produktionsweise geformten Gesellschaft deren Staat zu bestimmen“ sei (S. 73), kommt Ruschig in seinem Beitrag „Weiterdenken in marxistischer Tradition: Die Lehre vom autoritären Staat“ zu seiner kritischen Würdigung Horkheimers, für den es „kein Zurück zum Liberalismus“ gegeben habe. In vermeintliche Perspektiven, die an den Staatskapitalismus zu knüpfen wären, konnte er sich nicht einfinden und erst recht nicht in eine scheint´s mögliche Ausstaffierung mit demokratischen Requisiten. So heißt es bei Ruschig abschließend, wobei er Horkheimer zu Wort kommen lässt: „Das Kalkül, durch Unterstützung des ‚Staatskapitalismus‘ mitzuschwimmen, sich dabei auf der Seite des ‚Fortschritts‘ zu wähnen und ‚dem Weltgeist auf dem Weg zu folgen, den er nun einmal gewählt hat‘(…), orientiert sich an dem historischen Schema, das nur eine Dimension kennt: Fortschritt und Rückschritt auf einer Produktivkräfte-Skala. Eine solche sozialdemokratische (und auch revisionistische) Auffassung ‚sieht vom Eingriff der Menschen ab‘.“ Solche Auffassung veranschlage „sie bloß als das, was sie im Kapitalismus sind: als soziale Größen, als Sachen. Solang die Weltgeschichte ihren logischen Gang geht, erfüllt sie ihre menschliche Bestimmung nicht“ – so Horkheimer. (S. 101 f.) Das Zitat ist aus „Autoritärer Staat“, einem der Aufsätze Horkheimers, von denen er sich später distanziert hat und die zu seinen „politisch radikalsten Schriften“ (S. 73, Anm. 1) zählen. Diesen Arbeiten aus den Jahren 1939 bis 1942 ist wie allenthalben der Kritischen Theorie nicht eine genuine Staatstheorie zu entnehmen; es „fällt schwer“, so Ruschig, der jedoch in seinem Beitrag durch systematische und kritische Rekonstruktion zu entnehmende Konturen einer solchen Theorie bündelt. Das leistet der Autor, indem er die Diskussionen um den faschistischen Staat und den Staatskapitalismus wiedergibt und sich zugleich damit auseinandersetzt, gerade im Hinblick auf Pollock zeigt, dass mit „der Behauptung eines uneingeschränkten Primats der Politik über die Wirtschaft (…) die Marxsche Theorie im Grundsatz verabschiedet“ ist. (S. 80) Die politischen Differenzen zwischen Horkheimer und Pollock erhellen auch die Umarbeitung von Pollocks Theorie des ‚Staatskapitalismus‘ seitens Horkheimer, wo es nicht zuletzt um Reflexion des Staates als „der ideelle Gesamtkapitalist“ nach Engels geht und darum, ob er ‚abstirbt‘. Um die Entwicklung zum autoritären Staat zu verstehen, müsse man sich auf die Marxsche Theorie beziehen, so Horkheimer, was auch nötigt, „Veränderungen innerhalb von Bourgeoisie und Proletariat zu begreifen“, wie der Verfasser in der Kapitelüberschrift schreibt (S. 92) und dazu ebenso lakonisch wie richtig im ersten Satz des folgenden Kapitels allgemein vermerkt: „Die durch die fortschreitende reelle Subsumtion der Arbeit unters Kapital gesetzte Destruktion erfasst schließlich das Subjekt selbst.“ (S. 95) Ob, wo und wie jener leidige ‚Weltgeist‘ noch wabert, fasst Ruschig im letzten Kapitel unter Bezug auf Horkheimer und Engels und mit Blick darauf zusammen, ob „Revolutionen (…) die Lokomotiven der Geschichte“ (Marx) oder nach Benjamin „der Griff des in diesem Zug reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse“ sind. (zit. S. 101, Anm. 126) Andockenden Fragen und insbesondere Lehren nach möglichem „Geburtshelfertum“ für die Revolution brächte sie „auf bloßen Fortschritt herunter“, so Horkheimer – und „Kritische Theorie ist nicht Parteinahme für den ‚Fortschritt‘, sondern vielmehr der Sprung aus dem ‚Fortschritt‘ heraus“, verdeutlicht Ruschig, und es „gelte a forteriori“, dass sie – mit den Worten Horkheimers - „Geschichte mit der Möglichkeit“ konfrontiert, „die stets konkret in ihr sichtbar wird“. (S. 99 ff.)

Dass dem Racketbegriff (aus der amerikanischen Umgangssprache: Schutzgelderpressung oder -erpresser) erneut Aufmerksamkeit zu schenken ist, darauf hatte bereits Hirsch am Rande hingewiesen, weil in allen dazu vorliegenden Ansätzen „eine privilegierte Komplizenschaft“ bezeichnet ist, „deren Strukturen von der Festigkeit der internen, informellen Verbindungen und der Intensität der Verflechtungen mit staatlichen Strukturen und wirtschaftlichen, legalen wie illegalen Strukturen bedingt ist“ (S. 118) – so Kai Lindemann in seinem Beitrag über den „Racketbegriff als Herrschaftskritik“. Horkheimer und Adorno soll der Begriff „als herrschaftstheoretische Konkretisierung und Erweiterung des Klassenbegriffs“ gedient haben, wobei sie „fließende Übergänge zwischen der Praxis der Surplusaneignung und der ‚außergesetzlichen‘ Herrschaft schutzgelderpresserischer Banden“ gesehen hätten. (S. 104 f.) Beispiele für Rackets sind aber nicht nur die mafiösen Banden, welche die Exilierten vor Augen hatten, sondern auch „Bürokratien aller Art, einschließlich der Gewerkschaften und – der Ärzte“, so Horkheimer (zit. S. 111), für den „im Racket die Imitation des herrschenden Habitus die Grundlage für den Erhalt des Privilegs“ ist. Dass die Rezeption des Racketbegriffs recht kontrovers verlaufen ist, unterschlägt Lindemann nicht, dessen „Ausformulierung“ wie andere aus der „Liste der vermeintlich obsoleten Kategorien“ als „‚überspitzt‘ gebrandmarkt wurde“. (S. 116) Da mit Racket nicht nur grenzwertige Bereicherungen räuberischer Banden im Fokus stehen, sondern von Horkheimer in den Status eines „lebendigen Elements der herrschenden Klasse“ (zit. S. 117) gerückt wurden, greift der Autor seinen weiteren Ausführungen gleichsam mit Blick auf global players vor und hält fest: „Diese anonymen Rackets der globalisierten Wirtschaft legitimieren ihr Privileg über ökonomische Sachzwänge. Soziale Aspekte von Staatlichkeit wurden von ihnen diskreditiert.“ (ebd.) In der Folge widmet sich Lindemann Politiknetzwerken und Korruptionskartellen im Racket-Muster, wobei es u.a. neben der Analyse von „widersprüchlichen Staatsfunktionen“ (S. 123) eben auch um „Filz und Klüngel“ (Seibel, zit. S. 124) geht, dem prominenten Gegenstand von Netzwerk- und Korruptionsforschung, welcher der Verfasser testiert, sie sei „nicht nur neoliberal geprägt, sondern auch von maßgeblicher Kapitalseite unterstützt.“ Demgegenüber betont der Verfasser die – sozialwissenschaftliche – Erklärungsreichweite genannter Phänomene unter Rückgriff auf den Racket-Begriff. (S. 126)

„‚Verwaltete Welt‘ ist der Begriff für den fortschreitenden Kapitalismus unter dem Aspekt einer Wirtschaftsform, die sich mittels Klassifikation, Normierung und Kontrolle verwirklicht und dazu tendiert, sich alles (und nicht zuletzt die Gedanken und Theorien) zu unterwerfen“, lautet die These von Hans-Ernst Schiller (S. 129) und er konstatiert, dass dieser Ausdruck den „Antagonismus“ verdeckt, „den Klassengegensatz, der zumindest für Adorno nach wie vor kennzeichnend für die gesellschaftliche Verfassung war.“ (S. 144) Doch gleich eingangs merkt der Autor kritisch an, charakteristisch für diesen Begriff von Verwaltung sei bei Horkheimer und Adorno „die innere Verbindung von industrieller Produktion und modernen Verwaltung (…). Sie führt dazu, dass sich im Begriff der verwalteten Welt am Ende die Kritik an der Produktionsweise zu verstecken, ja, unkenntlich zu machen vermag.“ Zudem träten „Klassengegensätze (…) hinter einer allgemeinen Theorie von Individuum und moderner Gesellschaft“ zurück. „Verwaltung von Menschen bedeutet deren Objektivierung, Verdinglichung.“ (S. 129 f.) Allerdings müsse die „Triftigkeit dieser Diagnose von Selbstverdinglichung“ (S. 131) bestätigt werden, wenngleich der Anpassungsprozess nicht reibungslos verlaufe, was Schiller am ‚Therapiemarkt‘ und der Modellierung der Einbildungskraft durch die Kulturindustrie exemplifiziert, um mit der Durchsetzung instrumenteller Vernunft anzuschließen: „Wer herrscht, bemächtigt sich des Willens des Unterworfenen.“ (S. 134) Für das systematische Verstehen einer in den „Machtbereich von Irrationalität“ (Adorno) fallenden Rationalität müsse die „doppelte Unvernunft der administrativen Rationalität unter kapitalistischen Bedingungen“ analytisch erhellt werden, die in sich widersprüchliche Gemengelage von „Herrschaft und Daseinsfürsorge“ (S. 136), um schlussendlich doch zunehmende Vergesellschaftung auszumachen. Dass ‚Verwaltung‘ dabei ein zivilisatorisches Moment ist, bleibt bewusst, doch: „Die Menschen sind heute von der Verwaltung erfasst, aber sie müssten es nicht sein.“ (Adorno, Horkheimer, Kogon, zit. S. 138) Auch Adorno und Horkheimer kamen in diesem Zusammenhang nicht an den diesbezüglichen Überlegungen von Max Weber vorbei, gegen den sie einwandten, er habe die mit dem bürgerlichen Geist sui generis verknüpften Irrationalitäten außer Acht gelassen und sein Begriff von Zweckrationalität habe an sich selbst etwas Irrationales, wie Schiller referiert, um darüber auf Habermas´ „Kolonisierung der Lebenswelt“ als Zurücknahme der ‚verwalteten Welt‘ zu kommen, worin es nicht mehr „um ‚Aufhebung‘ von Kapitalismus und Bürokratie“ gehe, „sondern um Eindämmung der Übergriffe ihrer Systemimperative auf lebensweltliche Bereiche.“ (S. 142) Auch den ‚moralischen‘ Aspekt der verwalteten Welt unterschlägt Schiller nicht, wo moralische Bedenken nur schaden und sich tendenziell eine strukturelle Verantwortungslosigkeit etabliere und eine „Verflüchtigung der Schuld“ zu diagnostizieren sei, um dann die Taste „der Hegemonie des ‚Neoliberalismus‘“ anzuschlagen (S. 144), die Horkheimer und Adorno nicht kennen konnten wie auch nicht die neuere „Schaffung globaler Wertschöpfungsketten“ mit sozialräumlich flexibilisierten unternehmerischen „Verwertungsbedingungen“. (Hirsch, zit. S. 145) Das enthebe aber nicht der Frage, ob Horkheimer und Adorno wie auch Pollock die Veränderungen des Kapitalismus „adäquat erfasst haben. Das scheint nicht durchgehend der Fall zu sein.“ (ebd.) Auch was sie an „Möglichkeiten der Erfassung, Kontrolle und Steuerung, sei sie manipulativ oder offen und drohend“, zum Thema gemacht hätten, wäre in heutigem Ausmaß für sie schwerlich vorstellbar gewesen. Und im Hinblick auf die Rolle des Staates im Zuge der Entwicklung kapitalistischer Ökonomie hält Schiller fest, dass sein Rückzug aus „bestimmten Bereichen (…) keinen generellen Bedeutungsverlust administrativen Handelns überhaupt“ bedeute und er die „Scherben zusammen kehren“ müsse, „die durch seinen Rückzug entstanden sind, und etwa Revoltierende ‚zur Raison bringen‘.“ (S. 164 f.)

Keine Rezeption der früheren und späteren Schriften von Horkheimer, ohne die Feststellung, dass er seine Hoffnung auf revolutionäre Befreiung vom Kapitalismus ab den 50er Jahren ad acta gelegt hat (oder relativiert?) und nach Widerstand gegen eine total verwaltete Welt und Bewahrung von Restbeständen individueller Autonomie mit Rückblick auf den inzwischen sichtbar entgleisten Liberalismus ausgeschaut hat. Das könne man bei ihm selbst entnehmen. Raban Witt nun tritt an, diesen wenn nicht ‚Abgesang‘ gegenüber revolutionärer Umwälzung (wie ältere, eher links-dogmatische Kritiken lauteten), so doch ein Umschwenken in seinem Denken über den Geschichtsverlauf nicht hin zur allumfassenden Befreiung, sondern mit Tendenz zu weiter voranschreitender Ausbeutung zu erklären. Der Verfasser setzt sich unter dem Titel „Die Lehre von der Automatisierung der Freiheit“ mit Politik und Ökonomie in Horkheimers Spätwerk auseinander und legt dabei mit Rückversicherung bei Bensch im Hinblick auf sich dabei auftuende Probleme die Elle an: „Die Wahrheit der marxistischen Geschichtskonstruktion hängt demnach am zukünftigen Erfolg in der Praxis.“ (S. 151) Er behauptet: „Die marxistische Phasentheorie des Kapitalismus ist in sich widersprüchlich.“ (S. 153) „Gerade wegen Horkheimers Rezeptionsweise der marxistischen Tradition wird ihm die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie überhaupt fragwürdig“, heißt es an anderer Stelle (S. 156) und gegenüber Horkheimer hält er dessen düstere Vorstellung zum „Übergang zur durchorganisierten automatischen Gesellschaft“ (Horkheimer) deshalb für im „strengen Sinne unmöglich“, weil die Menschen „in letzter Konsequenz weder eine innere Natur haben“ dürften, „noch zu geistiger Tätigkeit fähig sein. Sie wären tot und mit ihnen die Gesellschaft am Ende.“ (S. 162) Unter dem Strich, argumentiert Witt, schuldet sich jener vielberedete Bruch in Horkheimers Denken seinem ‚gebrochenen‘ Verhältnis zur marxistischen Tradition und vor allem seiner Orientierung an Engels Verständnis vom Geschichtsverlauf, wobei er abschließend einräumt, Horkheimer habe doch letzten Endes an der Hoffnung festgehalten, „dass sein theoretischer Pessimismus doch einmal praktisch widerlegt werden möge.“ (S. 171)

Hans-Georg Bensch geht es um die Bestimmung von Staat und Herrschaft bei Adorno, an sich ein Problem, aber angesichts der unmittelbaren historischen Erfahrungen Adornos mit dem Instrumentarium jenes philosophischen Bezugsrahmens, aus dem die Kritische Theorie schöpfte, nur schwerlich zu erklären. Dass Herrschaft von den Beherrschten internalisiert wurde, ist schon vorherigen Beiträgen und nicht nur unter dem Stichwort ‚Selbstverdinglichung‘ zu entnehmen. Wie sich diese (auch) ‚Verinnerlichung der Disziplinierung‘ ‚versachlicht‘ und dadurch ‚perfektioniert‘ hat, wie sich das Verhältnis von Staat und Kapital sich im Vergleich zum vergangenen liberalen Kapitalismus verändert habe und sich darin der staatliche Zwang gegenüber den Individuen, welche Erkenntniseckpfeiler und blinde Flecken aus den Diskussionen der Kritischen Theoretiker und insbesondere den Positionen Adornos zu entnehmen sind, legt Bensch pointiert dar. Wesentlich ist für den Autor die philosophische Frage, „ob die Instanz der Kritik – die Vernunft – an der traditionellen Scheidung zwischen theoretischer und praktischer Vernunft festhalten könne oder ob die moralische Korruption der objektiven gesellschaftlichen Verhältnisse das Subjekt der Kritik der Herrschaft schon beim Erkennen dieser Herrschaft affiziere“, wie die Herausgeber in der Einleitung hervorheben. (S. 16) Zunächst aber sei das Thema mit den Positionen von Marx und Hegel „angestimmt: Primat der Politik versus Primat der Ökonomie.“ (S. 177) Die Rede vom „alten Unrecht“ (Adorno), Herrschaft in Form von und über Aneignung fremder Arbeit, sei zu „unpräzise“ (S. 184) und vernachlässige auch „die historische Spezifität der kapitalistischen Produktionsweise“ (S. 181), was Bensch (auch) mit Rekonstruktion von Marxschen Schriften aus verschiedenen Schaffensperioden zu belegen sucht. Erst unter „bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen“ sei Arbeit (als Produktivkraft) „alleinige Quelle allen Mehrwerts.“ (S. 186) Ein „materialistischer Freiheitsbegriff“ wäre zu fordern (was laut Bensch „merkwürdig abgedroschen“ klingt), „der Arbeit und Freiheit verschränkt, so wie bei Marx im Kapital angedeutet ist“. (ebd.) Die „Unterdrückten“ können sich „sich selber nicht als Klasse erfahren“, ihnen ist weiter laut Adorno „Konformität (…) rationaler“. Da der „Unterschied von Ausbeutern und Ausgebeuteten (…) nicht so in Erscheinung“ tritt (zit. S. 187), sei auf diesem Hintergrund daraus weder auf ein Primat der Ökonomie noch des Staates zu schließen, so Bensch, was er in der Folge weiter belegt. Und mit „Fakten“ sei „die Kontroverse kaum zu schlichten“, habe Adorno selbst vermerkt. (zit. S. 188) Die eine Entwicklung im Marxschen Gesamtwerk (wie von Bensch vorgeführt) nicht berücksichtigende und daher unzutreffende und ihm den Primat der Ökonomie unterstellende Kritik habe bei Adorno gleichwohl „die richtige Stoßrichtung: Eine dialektische, kritische, ja, materialistische Theorie (…) kann nur im Bewusstsein einer bleibenden Differenz von Willkür und Wille, wie sie sich eher bei Kant als bei Hegel ausdrückt, formuliert werden. Das mag der Grund sein, warum Adorno beim Streit um den Primat – der Ökonomie oder dem des Staates – unentschieden bleibt, beides wechselseitig mit einander kritisiert und damit an einem Begriff der Freiheit festhält, ohne dass dieser in den Extremen zerrieben wird.“ (S. 188)

Marc Schraven setzt sich unter dem Titel „Die charakteristische Gestalt absurder Meinung“ mit der Nationalismuskritik von Adorno und Horkheimer auseinander, mit dem sie sich nicht so umfassend auseinandergesetzt hätten wie mit dem Antisemitismus, wobei der Verfasser verschiedene Annahmen Horkheimers für „nicht unproblematisch“ hält (S. 192), demgegenüber zentrale Annahmen Adornos „aber heute noch elementar für eine Untersuchung und Kritik des Nationalismus in der Gegenwart“ seien. (S. 198) Für beide aber sei eine Überwindung des Nationalismus denkbar, entweder durch seine Überwindung als Ganzes oder seine Ersetzung durch etwas Anderes: „Letzteres würde bedeuten, dass eine andere Ideologie die Idee der Nation und deren Funktion als gesellschaftlicher Kitt übernimmt.“ (S. 206) Wie der Nationalismus jedoch überwunden werden könnte, „dazu äußern sich Adorno und Horkheimer nicht detailliert, sie schlagen kein umfassendes Programm der Abschaffung vor.“ Schraven konzediert jedoch, deren Analysen des Nationalismus könnten dazu beitragen, „dass ein Zustand jenseits der nationalistischen Ideologie und der von dieser ausgehenden Gefahren überhaupt denkbar wird.“ (S. 207)

„Aporien negativer Politik?“, fragt Per Jepsen im abschließenden Beitrag. Beide, Horkheimer wie Adorno, hätten sich in ihren Spätwerken in einen „politischen Negativismus“ zurückgezogen resp. ihn gegenüber früheren „Versionen der kritischen Theorie“ ‚radikalisiert‘. Zwar sei jener Negativismus bei den Theoretikern unterschiedlich gefasst, was der Verfasser zu erläutern antritt, doch „ist ihnen eine gewisse Askese der politischen Theorie gemeinsam, die vor allem den Verzicht auf eine positive Theorie gelingender Praxis bedeutet.“ (S. 209) Mit „Das Schlechte abschaffen ist menschlicher als das Gute suchen“ (zit. S. 210) hätte Horkheimer „insgesamt die politische Utopie als leitende Perspektive einer Kritischen Theorie der Gegenwart“ verabschiedet (ebd.); auch Adorno würde „gewiss von einer ‚aktuellen Unmöglichkeit‘ gesellschaftsverändernder Praxis“ ausgehen. (S. 213) Im Begriff aber des gesellschaftlichen Gesamtsubjekts scheine auf, dass immanente Kritik als „Erörterung des falschen Bestehenden“ einen „nicht verwirklichten Anspruch“ transportiere, was der Punkt sei, „wo Adornos politischer Negativismus über das bloß Negative hinausweist und die Konturen einer gelingenden Praxis freizulegen scheint.“ (S. 219) Jepsen ist überzeugt, dass diese von ihm dingfest gemachte „Askese der politischen Theorie“ im Werk von Horkheimer und Adorno „eher eine theoriegeschichtliche als eine eigentlich sachgemäße Begründung hat.“ Zumal über Adorno wäre jedoch die Richtung auf eine „ausführliche politische Theorie“ einzuschlagen, „um mit Adorno und der frühen kritischen Theorie auf der utopischen Perspektive einer sich selbst bestimmenden Menschheit beharren zu können.“ (S. 224 f.)

Diskussion

Dass mit dem Band nur „Momente und Bausteine“ (s.o.) bezüglich des Staatsverständnisses von HorkheimerundAdorno vorgelegt sind, darf getrost als Understatement der Herausgeber bezeichnet werden. Dass die Kritik an den beiden prominenten Vertretern der Kritischen Theorie hier nicht in die Nähe einer „oberlehrerhaften Besserwisserei der Nachgeborenen“ (S. 17) rücken soll, hätte nicht eigens erwähnt werden müssen, weil sich solch eine abschätzige Floskel angesichts der Beiträge verbietet und ob ihres Niveaus nicht ernsthaft vorzubringen ist, wenngleich die eine oder andere Argumentation ‚jüngerer Nachgeborener‘ cum grano salis etwas ‚forsch‘ zu sein scheint (s.u.). In der Tat ist es angesichts der Diskurse in (geistes-)wissenschaftlichen Disziplinen, auch solchen, die sich selbst als kritisch verstehen, sinnvoll und mehr noch notwendig, die Gesellschaftskritik der Kritischen Theorie (erneut) zu positionieren und darüber auch angesichts der Entwicklungstendenzen des Kapitalismus ein „Instrument der Erkenntnis einer gesellschaftlichen Wirklichkeit“ in der Hand zu behalten, „die theoretische Kritik nach wie vor verdient.“ (ebd.) Gilt doch nach wie vor das Wort von Marcuse: „Die Philosophie, die bei sich selbst, bei irgendeiner Wahrheit, Ruhe zu finden meint, hat daher mit kritischer Theorie nichts zu tun.“ Und was auf dem Grabstein für Herbert Marcuse steht, löst der vorliegende Band ein: „weitermachen“. Dass sich am Ende eine ‚Staatstheorie‘ nicht ergibt oder zusammenfassend deutliche Umrisse präsentiert werden, kann kein Manko sein.

Ohne Frage ist „der harte Kern des Liberalismus das Verfügungsrecht über Privateigentum“ (S. 33) und als „Gouvernementalisierung des sozialen Raumes“ (Bohlender, zit. S. 35) zu diskutieren, es „können“, wie Wallat mit Verweis auf Losurdo betont, „mit ihm auch Ansätze eines emanzipatorischen Begriffs von Individualität und persönlicher Freiheit verbunden sein“ (S. 33), Horkheimer jedoch „Bürgertumsnostalgie“ (ebd.) gerade im Hinblick auf die Folgen einer Deutung des Zusammenhangs von Liberalismus und Faschismus vorzuwerfen, scheint etwas ‚ungestüm‘ (um hier das Wort ‚jugendlich‘ zu unterschlagen) zumal mit Blick auf Horkheimers „Notizen in Deutschland“, aus denen nicht gerade ein im Sinne des Wortschöpfers Johannes Hofer krank machendes Heimweh trieft oder wehmütig auf eine – vermeintlich – gute alte Zeit zurück geblickt wird. Ob nicht eher etwas von diesem „Katzenjammer“ vorweg genommen wird, möchte man Wallat fragen, von dem er in seiner Einleitung zu dem von ihm herausgegebenen (und dringend zur Lektüre zu empfehlenden) Buch über „Gewalt und Moral“ spricht, der sich – heute – bei schwindender Hoffnung auf eine „radikal emanzipatorische Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse“ einstellen mag. Allerdings muss man dem Autor zustimmen, dass Horkheimer wohl „Ansätze für eine Kritik des Liberalismus“ formuliert hat, die jedoch keine „zufriedenstellende Analyse und kohärente Theorie des Liberalismus“ bieten. (S. 38)

Gunzelin Schmid Noerr stellt vor allem mit seiner Analyse des „psychischen Autoritarismus“ die sich zur Zeit häufenden – soziologischen – Diagnosen zum „unternehmerischen Selbst“ (Bröckling) auf theoretisch solide weil in Gesellschafts- und Ökonomiekritik vergewisserte Füße. Viele scheint´s kritische Aufnahmen des so genannten Neoliberalismus lassen das vermissen. Neugierig macht er zu Beginn seines Beitrages mit der Ankündigung des Themas um Bedingungen der Möglichkeiten von Widerstand gegen ‚Zurichtungen‘, wozu man aber eher knappe Auskunft erhält. Demgegenüber stellt Schmid Noer den differenziert zu betrachtenden Zusammenhang zwischen psychischem und politischem Autoritarismus dar und diskutiert die Erklärungsreichweite der Theorie des autoritären Charakters, ein mit dem zweiten Thema in der Tat untrennbar verbundener Problemgegenstand, der bereits von etwa Bastian in seinem Buch über das „Jahrhundert des Todes“ (2000) u.a. unter der Perspektive von Heinsohn (1993) eben auch zur höchst relevanten Seite zur Sprache gebracht wurde, warum in der deutschen Psychologie keine ernsthaften Versuche gemacht worden sind, eine „größere Gruppe von Rettern (Verfolgter des NS-Regimes; a.s.) zu ermitteln, um etwas von ihnen zu lernen“. Auch Busch hat in seinem Werk „Subjektivität in der spätmodernen Gesellschaft“ (2001) eine psychoanalytisch-sozialpsychologische und bei der Kritischen Theorie anleihenden Diagnose vorgestellt, in der es um Reflexion der „bejahten Abhängigkeit“ (Horkheimer) und deren Überwindung geht. Gerade im Hinblick auf den „anders“ autoritären Sozialisationstyp unserer Tage dürfte dies ein nicht uninteressanter Forschungsgegenstand sein: warum sind viele ‚anders‘ als „anders autoritär“? Schmid Noerr bleibt nichts schuldig, aber es wäre dankenswert gewesen, hätte er diese Diskussion deutlicher aufgegriffen, um im Sinne der Herausgeber „die kritische Theorie von Mängeln zu befreien“. (s.o.)

Die „Krise des politischen Systems“, schrieb Hirsch bereits 1974 in einem der Bände „Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie“, resultiere „im wesentlichen daraus, daß die formbestimmte innere Struktur des bürgerlichen Staatsapparates bei voranschreitender Kapitalakkumulation und wachsender Vergesellschaftung immer deutlicher in Widerspruch gerät mit seiner Funktion, die allgemeinen Bedingungen der Kapitalreproduktion zu garantieren“. Sein Beitrag auch in diesem Band zeigt einmal mehr und aktualisiert die Relevanz seiner damaligen analytischen Aussage und auch, dass man vorab um die Kritik der politischen Ökonomie und Marx nicht herum kommt und das nicht nur, wenn man, wie der Autor es souverän versteht, die Debatte um den Staatskapitalismus auf den Prüfstand stellt. Wenn Hirsch die Unfähigkeit der regierenden Klasse betont, die „wichtigen Bedürfnisse der Bevölkerung zu berücksichtigen“ (s.o.), ist man an die Stelle aus dem ‚Kommunistischen Manifest‘ erinnert, wo es heißt, die Bourgeoisie sei unfähig zu herrschen, „weil sie unfähig ist, ihrem Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muss statt von ihm ernährt zu werden.“ (Davon künden die derzeitigen, über neoliberale Appelle und Narrative ideologisch verbrämten Einschnitte ins Netz der sozialen Sicherungen recht deutlich.) Wenn der Autor dann schließt, es sei derzeit offen, „wie es zu einer Lösung der aktuell herrschenden Krise kommen und wie sie aussehen wird“ (S. 71), möchte man eine Stelle aus seiner früheren Arbeit hinzufügen: „Die künftige Geschichte bürgerlicher Herrschaft hängt nicht vorrangig von dem blinden Wirken objektiver Gesetzmäßigkeiten und Funktionszusammenhänge ab, sondern wird letztlich durch den Verlauf der politischen Kämpfe bestimmt.“ – Das hätte in den Beiträgen des Bandes, die in wenn auch vorsichtiger kritischer Annäherung an ‚Politik‘ oder gar ‚Utopisches‘ bei Horkheimer und Adorno ausschauen, in Erwägung gezogen werden dürfen.

Nach der Lektüre der Beiträge von Ruschig und später von Schiller möchte man meinen, dass sie den Band hätten einleiten sollen, weil mit beiden Texten ein Kritikfenster geöffnet ist, durch das man, da dann vertrauter mit differenzierten und belegten Argumentationen, auf andere Auseinandersetzungen (auch im vorliegenden Band) mit Horkheimer und Adorno hätte blicken und die theoretischen Übereinstimmungen und Divergenzen einschätzen können. Ruschigs auf die Lehre vom autoritären Staat bezogenes „Weiterdenken in marxistischer Tradition“ ist zugleich allgemein philosophiekritisch wie auch eine überzeugende ‚weiterdenkende‘ Anknüpfung an Kritische Theorie. Sehr deutlich wird (u.a.) auch, dass die „durch die fortschreitende reelle Subsumtion der Arbeit unters Kapital gesetzte Destruktion (…) schließlich das Subjekt selbst“ erfasst (S. 95) – eine scheint´s lapidare Bemerkung, die mit Blick auf die Rolle von Theorie für Praxis und diese selbst und als Einwand gegenüber Desideraten – unmittelbarer – ‚praktischer Handlungsanleitungen‘ aus Kritischer Theorie belangvoll ist. Unbenommen soll bleiben, dass man „diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen“ muss, „daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!“ (Marx) Ob sie das tun und wie und wer dann nur zum Tänzchen, bei dem er ‚führt‘, einlädt, ist eine andere Frage. Dass man den „wirklichen Druck noch drückender machen“ muss, „indem man ihm das Bewußtsein des Drucks hinzufügt“, nötigt, diesen „wirklichen Druck“ zur Kenntnis und ernst zu nehmen. Abzuwarten bleibt, ob die Theorie „zur materiellen Gewalt“ wird, „sobald sie die Massen ergreift“, und tatsächlich die „Kritik der Waffen“ auf die „Waffe der Kritik“ folgen muss. (Ders.) Hoffen mag man darauf, dass „sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehn“ wird, „sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist.“ (Ders.) Fraglich bleibt, ob und in welcher „Philosophie“ dafür die „geistigen Waffen“ zu finden sind. (Ders.) Zu beharren – auf Theorieebene – ist darauf, dass zunehmend für anwachsende Teile der Menschen (und Menschheit) eine Verbesserung der Lebensbedingungen unter herrschenden politökonomischen Gesetzen ausgeschlossen ist. Dass die Gesellschaftsgewinner im Vergleich zu den Verlierern ersichtlich immer weniger werden, ist unübersehbar. Nähmen die geringfügig Beschäftigten, die gegängelten Alimentierten, die Überflüssigen und Ausgemusterten die ihnen allgemein und neoliberal verschärft angetragenen Werte und ‚Tugenden‘ beim ‚moralischen Wort‘ und versuchten, danach ihr Leben auszurichten, würden sie in die Nähe von Irrsinn geraten. Angesichts solcher gesellschaftlichen Realität und mit Rückblick auf die sattsam bekannten Zitate aus der „Kritik der Hegelschen Rechtphilosophie“ darf man im Anschluss mit Nachdruck an den Beitrag von Ruschig erinnern, d.h. (u.a. und wesentlich) an seine Ausführung zur reellen Subsumtion unter das Kapital und zum Zerfall von Vernunft und Individuum, an die ‚Destruktion‘, durch die das ‚Subjekt‘ erfasst wird. Das fundiert und eröffnet zugleich den Fragehorizont – dann auch den soziologischen wie sozialpsychologischen – um jene ‚Destruktion der Subjekte‘. Zudem ist kritische Philosophie bzw. Wissenschaft reklamiert, was Ruschig in Orientierung und Weiterentwicklung Kritischer Theorie aufnimmt. Man darf sich da (auch) an Kant erinnern und in die Diskussion einspeisen, dass es bereits diesem Philosophen nötig erschien, die Prinzipien der Moral aufzudecken, damit Gesellschaft tatsächlich sittlicher werde. Dabei handelt es sich nicht um eine bloße Tatsachenfeststellung, sondern diese soll Wirksamkeit in der – sozialen – Welt entfalten. Auch solcher Orientierungspunkte aus ‚Theorie‘ kann man sich für emanzipatorische Praxis/Politik vergewissern – mehr nicht (was man Kritiken auch in diesem Band gegenüber Horkheimer und Adorno zu bedenken geben möchte).

Dass Raub und Betrug Steigbügelhalter des aufdämmernden Kapitalismus waren, dass sich Elemente vorausgegangener Gesellschaften in unterstützender Weise erhalten haben, ist nicht nur bei Marx nachzulesen, sondern länger schon sozialhistorisch sondiert (vgl. u.a. Braudel). Dass z.B. im heutigen Lobbyismus etwa Strukturen aus dem Racket-Begriff dingfest gemacht werden können und virulent sind, ist unbestritten und gegen die „Herrschaftskritik“ von Kai Lindemann nicht einzuwenden. Dass aber „radikale Herrschaftskritik (…) stets normative Ansprüche an die bessere Gesellschaft“ impliziere (S. 116), ist angesichts der auch in diesem Band vorgetragenen Positionen aus der Kritischen Theorie und insbesondere Adornos zumindest diskussionswürdig wie ebenso – auf der Ebene Analyse vs. Beschreibung –, ob der „Racket-Begriff ein klassenübergreifendes, historisches Prinzip der Herrschaft“ eben „beschreibt“ oder sich „nur auf die konstatierte monolithische Gangsterherrschaft im Zeitalter des Faschismus“ bezieht. (S. 115) Dazu muss nicht erst Horkheimers Diktum bemüht werden: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ Und Reden vom Kapitalismus geht nicht auf in der Beschreibung von ‚Auswüchsen‘.

Dass die „Theorie selbst an ein bestimmtes Stadium der kapitalistischen Entwicklung gebunden ist“, ist eine auf das Verhältnis von Theorie und Gesellschaft generell zu beziehende Erwägung, dass ein mit den Begriffen Fordismus oder Keynesianismus zu bestimmendes Stadium der „Hegemonie des ‚Neoliberalismus‘“ gewichen ist, betont Schiller und erlaubt die Frage, ob Horkheimer und Adorno die vom Kapitalismus hervorgebrachten Veränderungen angemessen erfasst haben, etwa in der Annahme, die „Hebung des Wohlstandsniveaus der Arbeiter“ verdanke sich einem „politischen Lohn“ oder „die Marktwirtschaft sei irreversibel vorüber“ (S. 144 f.), und unter dem Strich liege eine „zufrieden stellende theoretische Durchdringung des Verhältnisses von Markt und verwalteter Welt (…) bei Adorno kaum vor.“ (ebd., Anm. 145) In solcher kritischen Aufnahme würdigt Schiller nicht nur die Analyse der verwalteten Welt seitens der Kritischen Theorie, sondern er wird seinem eigenen herausgeberischen Anspruch gerecht, aus der immanenten Kritik das, was man als kritische Theorie bezeichnen darf, weiterzuentwickeln und für eine noch weiter zu konturierende Theorie des Staates fruchtbar zu machen.

Ein „Übergang zur durchorganisierten automatischen Gesellschaft“ und die Menschen als „Roboter in der automatisierten Welt“, wie es Horkheimer vorausgesagt habe, sei „im strengen Sinne unmöglich“, meint Witt. (S. 162) Ob es darum geht, wäre mit einem vom Autor selbst bemühten Horkheimer-Zitat (im ersten Schritt) zu fragen, nämlich warum „die wahre Philosophie kritisch und pessimistisch“ ist (und sein soll). (zit. S. 170) Ob Witt im Hinblick auf Politik und Ökonomie in Horkheimers Spätwerk dann seine Kritik in der Form aufrecht erhalten kann, scheint diskussionswürdig: „Sind Horkheimers Urteile über seine Gegenwart das präzise Wissen um das Falsche, welches die Grundlage der Durchsetzung des Richtigen sein soll, dann ist die Durchsetzung des Richtigen unmöglich. Ist die Durchsetzung des Richtigen aber möglich, fehlt Horkheimer jenes präzise Wissen um das Falsche, welches dazu erfordert wäre.“ (S. 166) Ihm „theoretische(n) Pessimismus“ (S. 171) vorzuwerfen, was geläufig ist, und zu glätten, er müsste konsequenterweise hoffen, „dass er sich irrt und andere recht behalten“ (S. 167), verwässert das Diktum Adornos, Theorie habe „unabdingbar kritisch“ zu sein. Vorher heißt es, „die Starrheit des hier und heute fixierten Gegenstandes“ sei „in ein Spannungsfeld des Möglichen und des Wirklichen“ aufzulösen: „jedes von beiden ist, um nur sein zu können, aufs andere verwiesen.“ Und im Anschluss betont Adorno, aus Theorie „abgeleitete Hypothesen, Voraussagen von regelhaft zu Erwartendem“ sei ihr „nicht voll adäquat. Das bloß zu Erwartende ist selber ein Stück gesellschaftlichen Betriebs, inkommensurabel dem, worauf die Kritik geht. Die wohlfeile Genugtuung darüber, daß es wirklich so kommt, wie sie es geargwöhnt hatte, darf die gesellschaftliche Theorie nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie, sobald sie als Hypothese auftritt, ihre innere Zusammensetzung verändert. Die Einzelfeststellung, durch die sie verifiziert wird, gehört selbst schon wieder dem Verblendungszusammenhang an, den sie durchschlagen möchte.“ Dies ist nicht nur auf empirische Forschung zu wenden, sondern substantiiert jene Unabdingbarkeit des Kritischen, dem Horkheimer folgt, was ‚pessimistisch‘ erscheinen mag (zumal nach alltäglichem Sprachgebrauch), nicht aber heißt, dass ihm (dem ‚späten Horkheimer‘) „das präzise Wissen um das Falsche“ fehlt. (s.o.) Das könnte ggf. ausgehend von diesem Adorno-Zitat und in Bezug auf Witts Kritik an Horkheimer weiter diskutiert werden und (in einem zweiten Schritt) anschließend, ob von Theorie „Voraussagen“ im Sinne einer Bezugsquelle für (emanzipatorische/revolutionäre) Politik erwartet werden dürfen.

Theoretische Philosophie befasst sich damit, wie etwas ist, und praktische damit, wie etwas sein soll, auch wenn es nicht so ist: Übersetzt man so (verkürzend), was Kant in der ‚Kritik der praktischen Vernunft‘ im Kapitel vom ‚Primat der reinen praktischen Vernunft in ihrer Verbindung mit der spekulativen‘ schreibt, und vergegenwärtigt sich dabei, was die Herausgeber zu dem Beitrag von Bensch in ihrer Einleitung schreiben, „Herrschaft“ sei „,inwendiger‘“ geworden (was Bensch thematisiert) und daran schlösse sich die Frage um Vernunft als Instanz der Kritik an und ob an der Scheidung zwischen theoretischer und praktischer Vernunft festgehalten werden könne (s.o.), dann erschließt sich das Problem nicht ohne Weiteres aus der Argumentation von Bensch. Dass eine „dialektische, kritische, ja, materialistische Theorie, wie Adorno variierend formuliert, (…) nur im Bewusstsein einer bleibenden Differenz von Willkür und Wille, wie sie eher bei Kant als bei Hegel sich ausdrückt, formuliert werden“ kann (S. 188), dürfte eher weniger Gegenstand der Auseinandersetzung sein, eröffnet aber – philosophische – Anschlussdebatten.

Marc Schraven kommt in seiner Behandlung der Nationalismuskritik von Adorno und Horkheimer zu der kritischen Einschätzung: „Wie der Nationalismus aber überwunden werden kann, dazu äußern sich Adorno und Horkheimer nicht detailliert, sie schlagen kein umfassendes Programm der Abschaffung vor.“ (S. 207) Auch hier wäre zu vergegenwärtigen, ob solches – implizite – Desiderat überhaupt nach dem Theorieverständnis der Kritischen Theorie an sie gestellt werden kann (erinnert sei an Kritiken der so genannten [Nach-]68er, die ‚politisch-praktische Handlungsanleitungen‘ reklamierten). Schravens Begütigung, die Analysen ermöglichten, „dass ein Zustand jenseits der nationalistischen Ideologie und der von dieser ausgehenden Gefahren überhaupt denkbar wird“ (ebd.), mag zutreffend sein, ist aber kaum ein ‚Baustein‘ für eine über Kritik und damit Weiterführung der Kritischen Theorie zu konturierende Staatstheorie.

Horkheimers Politikbegriff sei im Gegensatz zu seinem früheren, „revolutionär gefärbten Politikbegriff“ in den späten Schriften „offenkundig revisionistisch, eine Politik der kleinen Schritte“, und auch Adorno gehe von einer „‚aktuellen Unmöglichkeit‘ gesellschaftsverändernder Praxis aus, hypostasiert aber keineswegs diese Unmöglichkeit zu einer Theorie des Endes der Politik als emanzipatorische Praxis“, stellt Jepsen mit Blick auf gesellschaftsutopische Vorstellungen fest. (S. 212, Anm. 13 u. S. 213) Zu prüfen wäre die „Überzeugung“ des Autors, „dass die Askese der politischen Theorie (…) eher eine theoriegeschichtliche als eine eigentlich sachgemäße Begründung hat.“ Ob er mit seinem Anspruch, „auf der utopischen Perspektive einer sich selbst bestimmenden Menschheit beharren zu können“, nicht hinter die Kritische Theorie zurückfällt, ist eine nicht zuletzt revolutionstheoretische Frage, die mit Blick auf politische Praxis Fragen etwa auch nach Möglichkeiten von und Anknüpfungspunkten für ‚Aufklärung‘ und eben um ‚Gewalt und Moral‘ (s.o. Wallat) nach sich ziehen – theoretische Fragen. Rückt man von linker Wissenschaftsgläubigkeit gegenüber objektiven Entwicklungstendenzen des Kapitalismus ab, versteht man wie Landauer, Bloch und auch Mannheim je unterschiedlich Utopie als politischen Faktor und räumt man ein, dass Adorno und Horkheimer (gegenüber Jepsens kritischen Einwänden) Utopisches in radikaler Kritik verorten, dann wäre hier auch Adornos Begriff der „Andersheit“ zu diskutieren, wozu Adorno im Nachwort zum einem Aphorismen-Bändchen von Hans Kudszus schreibt, dass er von ihm u.a. „zu dem gesamten Komplex der Andersheit, der in meiner eigenen Konzeption von Dialektik eine zentrale Rolle spielt“, Anregungen bekommen hat. Und das bezieht sich nicht nur auf ästhetische Themen. Das Nichtidentische, verstanden als Modus der Andersheit, kann zufolge Adorno weder auf den Begriff gebracht noch zur Gänze erkannt oder gedacht werden; es transzendiert die bestehenden Verhältnisse, die es schon da, wo es aufscheint, zu unterdrücken versuchen. Was aber bleibt, ist: „Utopie steckt jedenfalls wesentlich in der bestimmten Negation dessen, was bloß ist, und das dadurch, daß es sich als ein Falsches konkretisiert, immer zugleich hinweist auf das, was sein soll.“ (Adorno) Die „Veränderung des Ganzen“ nur könne als „Utopie vorgestellt werden“, so Adorno. Nun sei „das ganz Andere als anderes Ganzes nicht vorstellbar“, bemerkt Neupert-Doppler in seinem jüngst erschienenen Buch „Utopie“ und hält (einmal mehr) fest, dass für Adorno „das Utopische eine Praxis der Theorie, des kritischen Denkens“ ist. Das wäre in Jepsens ‚Beharren‘ auf der gesellschaftsutopischen Perspektive (deutlicher) zu berücksichtigen wie ebenso die Einlassung von Egil Wyller, Adorno habe die „radikale henologische Kluft zwischen Einheit und Andersheit eingesehen“ und seinem „Verständnis (…) die Form kritischer Negativität“ gegeben.

Fazit

Nicht als „oberlehrerhafte Besserwisserei“ (um an die Herausgeber anzuschließen), sondern als Schulterschluss im Versuch, Kritische Theorie im wissenschaftlichen Diskurs zu positionieren und für den Zweck der Analyse und Erkenntnis von Gesellschaft fruchtbar zu machen, wollen die hier als Marginalien zu verstehenden Einlassungen und Diskussionsvorschläge verstanden werden. Sie dürften Einrede bis Widerspruch provozieren und vielleicht gerade dadurch eine prospektive Leserschaft ermuntern, sich dem Werk zu widmen. Natürlich geht es – und dies in aller Ausführlichkeit und unter Berücksichtigung hoch relevanter Aspekte – um Staat und Politik, aber es ist zugleich eine bemerkenswerte Aufnahme und Auseinandersetzung mit Kritischer Theorie, wie sie von Horkheimer und Adorno vertreten wurde, wobei auch Positionen anderer Vertreter dieser ‚Schule‘ zur Sprache kommen und kritisch diskutiert werden. Gerade an der „unternehmerischen Hochschule“, wie sie Schiller knapp und als Beispiel anführt (S. 147), ist Besinnung auf Kritik und da zumal auch auf Kritische Theorie vonnöten und – wenn man wie Stapelfeldt betont, die studentischen Proteste sich gegen den Neoliberalismus richten sollten – darüber hinaus auf Marx und vor allem die Kritik der politischen Ökonomie. Nicht nur Fachwissenschaftlern und vor allem Studierenden ist die Lektüre dringend zu empfehlen; die vorgestellten Kritiken und jenes ‚Weiterdenken‘ sollten in all die Diskurse aufgenommen werden und dürften sie auch im Sinne von Selbstkritik beflügeln, denen theoretische Reflexion über und um politische Praxis kein Beiwerk ist. Für Fragen um die Rolle des Staates, wie sie aufkommen, ist der Band eine unverzichtbare Diskussionsgrundlage. Dem Buch darf man testieren, selbst ein Instrument der Erkenntnis einer kritikwürdigen gesellschaftlichen Wirklichkeit zu sein.


Rezensent
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 21.05.2015 zu: Ulrich Ruschig, Hans-Ernst Schiller (Hrsg.): Staat und Politik bei Horkheimer und Adorno. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. ISBN 978-3-8487-1426-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17466.php, Datum des Zugriffs 24.11.2017.


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