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Friedhelm G. Vahsen: Die erstarrte Gesellschaft - Zum Verlust des Gemeinsinns

Cover Friedhelm G. Vahsen: Die erstarrte Gesellschaft - Zum Verlust des Gemeinsinns. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. 456 Seiten. ISBN 978-3-643-12752-5. 29,90 EUR.

Reihe Soziologie Bd. 86.
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Thema

Soziologische Zeitdiagnosen der letzten drei Jahrzehnte präsentieren häufig eine kulturpessimistische Sicht auf gesellschaftliche Veränderungen, etwa wenn von einer beschleunigten Moderne unter turbokapitalistischen Bedingungen gesprochen wird und deren Konsequenz in schärferen Desintegrationsprozessen, Polarisierungen und sozialen Ungleichheiten ausgemacht wird. Solche Vorstellungen werden häufig mit der These sinkender Solidarität und dem Schwinden des sozialen Zusammenhalts verbunden.

Anders als es der Titel vermuten lässt, liefert Friedhelm Vahsen nicht einen weiteren Baustein zu diesem skeptischen Argumentationsgebäude, sondern sein Beitrag richtet sich gegen solche kritischen Diagnosen. Er beleuchtet dazu die Bindung zum Gemeinwesen und soziale Kohäsion anhand von Überlegungen zum Zustand gemeinschaftsbezogenen Handelns. Dabei stellt der Autor insbesondere die Rolle von alltäglichen Gemeinschaftsformen wie Vereine, Ehrenämter und Stiftungen dar. Seine Ausführungen münden in ein Plädoyer für die Beachtung der Ebene der Gemeinschaft zwischen den Makrotheorien gesellschaftlicher Entwicklungen und den Mikrotheorien, die auch für die Soziale Arbeit den Einzelfallbezug stark in den Vordergrund gerückt haben. Gerade der Gemeinschaftsbezug aber sei als Ansatz für die Soziale Arbeit stärker zu beachten.

Autor

Der Soziologe Dr. Friedhelm Vahsen war 40 Jahre lang Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst, Hildesheim, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit und ist seit 2010 im Ruhestand.

Aufbau und Überblick

Die Monografie enthält 22 Einzelkapitel zwischen acht und 40 Seiten Länge. Diese Gliederungsstruktur, aber auch der innere Aufbau der Kapitel macht einen vorlesungsartigen Eindruck. Schritt für Schritt werden verschiedene Aspekte auf unterschiedlichen Ebenen des Themengebiets durchwandert. Dabei greift jedes Kapitel für sich immer wieder die Grundargumentation der kritischen Gesellschaftsdiagnosen auf, um ihnen jeweils einen Gedanken entgegen zu halten. So beschäftigen sich die Kapitel 2-8 mit sozialpädagogischen Ansätzen zum Handeln des Einzelnen und mit möglichen Zielrichtungen sozialpädagogischer Interventionen in Bezug auf die Gemeinschaftsebene. Nach Überlegungen zur Bestimmung des Gemeinschaftsbegriffs folgen Gesellschaftstheorien wie z.B. Postmoderne und Kommunitarismus (Kapitel 9-13). Im Anschluss daran untersucht Vahsen konkrete Gemeinschaften wie die Familie, Vereine, bürgerschaftliches Engagement, Stiftungen, den Generationenzusammenhang und die EU (Kapitel 14-20), doch auch Lebenslagen und daran gekoppelte soziale Ungleichheit werden hier thematisiert (Kapitel 17). Die abschließenden beiden Kapitel führen nochmals die Gesamtargumentation zusammen, indem die herrschaftskritischen Analysen und die ihnen inhärente Tendenzaussage vom Verlust des Gemeinsinns auf den Prüfstand gestellt werden.

Das erste Kapitel streift populär formulierte Thesen zum Schwinden von Gemeinschaften, wie etwa von Frank Schirrmacher in Bezug auf Familiensolidarität vorgetragen, ebenso wie die in späteren Kapiteln ausführlicher dargestellten Thesen von Ulrich Beck, Zygmunt Bauman, Joseph Stiglitz, Anthony Giddens u.a. Als Fragestellung schält sich hier heraus, inwiefern in diesen als Makrotheorien angelegten Argumentationsmustern überhaupt die Bedeutung von Gemeinschaften Beachtung findet. Auch in der mikrotheoretischen Sicht sozialpädagogischer Ansätze mit ihrer vorrangigen Orientierung am Einzelfall vermutet der Autor ein Fehlen des Blickes auf die Gemeinschaftsebene. Doch gerade hier sieht er einen entscheidenden Zugang für die Soziale Arbeit und nimmt sich vor, in den folgenden Kapiteln, Gemeinschaften nachzuspüren, ihre Rolle für den Einzelnen herauszuarbeiten wie auch für den sozialen Zusammenhalt und konkret als Ansatzpunkt einer Sozialen Arbeit, die sich u.a. der Stärkung des Gemeinwesens widmet.

Zum ersten Drittel

Sozialpädagogische Ansätze und ihr möglicher Gemeinschaftsbezug (Kapitel 2-8): Im ersten Drittel des Bandes stellt Vahsen Überlegungen vor zur Frage, inwiefern Gemeinschaft Gegenstand sozialpädagogischen Handelns und Sozialer Arbeit war bzw. sein könnte. Neben der kritischen Auseinandersetzung mit der Instrumentalisierung von Gemeinschaften und der damit verbundenen Entwertung des Gemeinschaftsbegriffs durch die Nationalsozialisten geht es dem Autor hier um einen historischen Rückblick auf sozialpädagogische Auffassungen. Ihn interessiert dabei, „wie Soziale Arbeit gesellschaftstheoretische Ansätze aufgreift oder auch negiert“ (S. 17). Bei der Frage einer Neuausrichtung der Sozialen Arbeit und ihres Studiums formuliert Vahsen sein „Plädoyer, Soziale Arbeit in einem weiten Sinn auch als Erziehung in und durch die Gemeinschaft zu sehen“ (S. 22).

Im Folgenden untersucht der Autor den sozialpädagogischen Diskurs auf Ansatzpunkte und Leerstellen hin, das Gemeinschaftsthema zum Ausgangspunkt sozialpädagogischen Handelns zu machen. Doch auch der gesellschaftskritische Diskurs wird hier immer wieder zum Thema als Rahmung der Aufgabenbereiche Sozialer Arbeit. Entscheidend ist für Vahsens Anliegen, Diskurselemente zu benennen, die durch ihren Fokus auf gesellschaftliche Krisenlagen, Berichte über steigende Ungleichheit und damit einhergehende Ausgrenzungserfahrungen den Blick verlieren für mögliches Gemeinschaftshandeln und den im Titel enthaltenen Gemeinschaftssinn. Nicht die realen Lebensbedingungen allein, sondern ihre pessimistische Analyse sieht er als Hürde für den Gemeinwohlbezug. Kapitel 5-8 stellen dann vier ausgewählte Ansätze und Erklärungsmuster für menschliche Handlungsantriebe und sozialpädagogische Interventionsmöglichkeiten in Richtung Gemeinschaftshandeln vor:

  1. Der Agency-Ansatz unterstreicht die Handlungsmächtigkeit von Individuen, deren Voraussetzungen im Sinne von Ressourcen und mögliche Veränderbarkeit des Handelns.
  2. Der Capability Approach fragt nach Kriterien von Menschenwürde und den notwendigen Bedingungen zur Realisierung eines würdevollen Lebens. Hier stehen stärker grundlegende Prinzipien und normative Standards zur Diskussion.
  3. Im Effective Citizen-Ansatz werden Lern-, Erziehungs- und bewusstseinsbildende Programme in den Dienst zivilgesellschaftlichen Engagements gestellt.
  4. Die Sozialtechnik des „Nudgen“, die derzeit auch in der politischen Beratung stark gefragt ist, wird als eine Möglichkeit diskutiert, im Gewand eines „libertären Paternalismus“ (S. 74) den Individuen Anregungen für vernünftiges Handeln zu geben. Betont wird, dass nicht an Manipulation gedacht ist, sondern nur eine Entscheidungshilfe angeboten wird.

Jeden der Ansätze überprüft Vahsen entlang seiner Frage, ob Gemeinschaftshandeln in den Blick gerät und welche Anhaltspunkte daraus zu ziehen sind. Zudem beurteilt er die dargestellten Konzepte nach ihrer Überzeugungskraft. Insbesondere dem „Nudgen“ widmet er eine kritische Betrachtung ob der inhärenten Gefahr einer De-Autonomisierung des Handelnden.

Zum zweiten Drittel

Gemeinschaft in Gesellschaft (Kapitel 9-13): Im zweiten Drittel des Buches werden nach einer ersten Begriffsbestimmung von Gemeinschaft gängige Gesellschaftstheorien vorgestellt und diskutiert. Darunter erhält die Postmoderne, vornehmlich in der Interpretation von Bauman einen herausgehobenen Stellenwert, ebenso wie der Kommunitarismus, Forschungen zu posttraditionalen Vergemeinschaftungen und Milieus. Wie eingangs als Hauptthese angekündigt findet Vahsen in der kulturpessimistischen Fassung gesellschaftlicher Entwicklungen unter dem Paradigma der Postmoderne vor allem Negativszenarien von der Zersetzung sozialer Bindungen und den Verlust von Identität und gemeinschaftsstiftenden Werten. Dagegen stellt er das eher optimistische Modell des Kommunitarismus (in seinen verschiedenen Lesarten), das normativ auf neuartige Vergemeinschaftungsformen setzt und diese explizit zum Thema macht. Hier findet Vahsen auch funktionale Argumentationsmuster für die Untermauerung seiner These der Bedeutung von Gemeinschaften und der Möglichkeit, diese zu stärken. Verschiedene Studien zu posttraditionalen Vergemeinschaftungen schärfen den Blick für das Entstehen neuer Gemeinschaftsformen. Für Vahsens Argumentation ist hier entscheidend, dass die Thesen vom Bedeutungsverlust von Gemeinschaften und Tendenzen der Desintegration insofern nicht haltbar sind, als an Stelle der schwindenden Formen neue Gemeinschaften entstehen. Gleichwohl bleibt Vahsen skeptisch ob der Unterscheidbarkeit zwischen traditionalen und posttraditionalen Gemeinschaften. Mit Bezug auf die „Erlebnisgesellschaft“ aus der Feder von Schulze geht Vahsen schließlich noch auf der Ebene von Milieus der Frage nach dem Schwinden sozialmoralischer Bindungen nach. Auch hier findet er in differenzierten Milieus je verschiedene Formen der Gemeinschaftsorientierung bestätigt.

Zum dritten Drittel

Gemeinschaftshandeln (Kapitel 14-20): Im dritten Drittel werden kapitelweise spezifische Gemeinschaften untersucht. Die Familie in ihrem Wandel der Erscheinungsformen steht dabei am Anfang. Hier macht sich Vahsen die Mühe, den Familienbegriff herzuleiten, um dann anhand zahlreicher Studien zu zeigen, dass zwar Familien unter starkem Druck stehen, aber dennoch eine sehr deutliche und stabile Basis für die Einsozialisierung in gemeinschaftsbezogenes Handeln bilden. Es scheint sich sogar eine Tendenz zur Stärkung familienbezogener Orientierungen abzuzeichnen (S. 198). Ihrem gesellschaftlichen Stellenwert entsprechend widmet Vahsen der Familie zudem Ausführungen über familienfreundliche und auch fürsorgefreundliche Regulierungen. Die Kapitel über Vereine, bürgerschaftliches Engagement sowie Stiftungen unterlegt Vahsen methodisch durch die exemplarische Darstellung der lokalen Presseberichterstattung. Bei der „streiflichtartigen Betrachtung“ (S. 399) der Lokalpresse beleuchtet er auffindbares gemeinschaftsbezogenes Handeln. In allen Bereichen findet er Belege für die große Rolle, die Gemeinschaften spielen, wenn sie auch ihre Formen verändert haben. Im Kapitel über Generationsbeziehungen setzt sich der Autor mit der verbreiteten These einer Konfrontation zwischen Alt und Jung auseinander. Zwar unterscheidet er hier nicht zwischen der Generation als Abfolge der Nachkommenschaft und der Generation als Bezeichnung für eine Kohorte, es wird jedoch deutlich, dass Vahsen vor allem innerfamiliäre Solidarität zwischen Kind-, Eltern- und Großeltern-Generation vor Augen hat, wenn er von einem bestehenden starken Band spricht. Der allgemeinere gesellschaftliche Konflikt im Kampf um Ressourcen, die die junge Generation gegen die alte zu sichern trachtet, wird hier nicht behandelt. Schließlich blickt Vahsen noch auf die Europäische Union als möglicherweise staatsübergreifende Gemeinschaft. Doch für die EU findet er in den vorliegenden Studien erhöhte Skepsis gegenüber gegenseitiger Solidarität. Der Zusammenhalt über den Nationalstaat hinaus scheint demnach insbesondere durch ökonomische Krisen und eine daraus erwachsende Konkurrenz um Wohlstand untergraben zu werden.

Die letzten beiden Kapitel resümieren die Gesamtschau an Gesellschaftsanalysen, sozialpädagogischen Ansätzen und alltäglichem Gemeinschaftshandeln in Bezug auf die Frage, wie es um die Bindungskraft von Gemeinschaften steht. Dabei werden pessimistische Zeitdiagnosen nochmals scharf konfrontiert mit den vorgefundenen und in den Zeitungsberichten dargelegten Gemeinschaftsformen. Als Schlussfolgerung steht für Vahsen fest: „Die These vom Verlust der Gemeinschaft greift zu kurz.“ (S. 376) Modernisierungsprozesse, die zu einer Individualisierung im Sinne der Vereinzelung führen, stellten nur eine Seite der Entwicklung dar. Zugleich bleibe der Stellenwert von Gemeinschaften nach wie vor hoch (S. 355). Wandlungs- und Beharrungstendenzen führten im Binnenraum der Gesellschaft (S. 356) – hier meint Vahsen die konkreten und alltäglichen Handlungsvollzüge und Beziehungsgeflechte – keineswegs zu einseitigen Tendenzen. Konsequenzen für die Soziale Arbeit werden im letzten Kapitel zusammengefasst und auf den Punkt gebracht, dass Gemeinschaftshandeln und Gemeinsinn gefördert werden können und sollen, weil sie im Sinne der oben eingeführten sozialpädagogischen Ansätze zu einer Stärkung nicht nur des Einzelnen, sondern auch der Gesellschaft führen (S. 398).

Diskussion

Vahsen bedient sich eines lockeren Schreibstils. Er macht das Lesen unterhaltsam, hat jedoch auch seinen Preis. Es leidet darunter die begriffliche Schärfe und stringente Gedankenführung. Sprachlich irritiert z.B. wenn Vahsen „Moderne, Postmoderne“ (S. 241 und S. 407) in einem Atemzug nennt, als seien es synonyme Bezeichnungen. Begrifflich unpräzise bleibt auch bis zum Schluss die Charakterisierung von Gemeinschaften. Zwar unternimmt Vahsen verschiedentlich Versuche der begrifflichen Klärung, z.B. im Kapitel 9 mit Bezug auf Esposito, Baumann, Rosa u.a. Dennoch wirft er zwei Kapitel später die Frage auf, was Gemeinschaft sei (S. 150). Der nächste Versuch einer Beantwortung erfolgt im darauf folgenden Kapitel. Hier werden anhand der Studien zu sogenannten ‚posttraditionalen Vergemeinschaftungen‘ aus dem Forschungskontext von Hitzler Konturen von Gemeinschaften skizziert, ohne aber zu einer klaren Begrifflichkeit zu kommen.

Angeboten hätte sich etwa die Gegenüberstellung, die Oevermann (1999, S. 76) in Bezug auf Hegel, Weber und Parsons entwickelt, nach der die Gemeinschaft „als eine Kollektivität von ganzen Personen“ verstanden werden kann im Unterschied zu Gesellschaft „als eine Kollektivität von Rollenträgern“, z.B. Vertragspartnern (ebd.). Eine Berücksichtigung der Studien aus dem Umfeld der objektiven Hermeneutik hätte auch die Schlussfolgerung Vahsens gedämpft, die „Rolle von Gemeinschaften“ sei „für den Zusammenhalt der Gesellschaft bisher wenig untersucht und erkannt worden“ (S. 412). Neben den von ihm selbst herangezogenen Studien, ist in diesem Kontext – das sei exemplarisch hier genannt – etwa das Werk von Franzmann und Pawlytta (2008) grundlegend.

Der inkonsistente Aufbau der Argumentation wird daran deutlich, dass manche Begriffe erst erläutert werden, nachdem bereits einige Seiten über ein Phänomen berichtet wurde. Das gilt zum einen insgesamt für den Begriff der Gemeinschaft. Es zeigt sich aber auch innerhalb der Kapitel, wenn etwa in Kapitel 16 über Bürgerschaftliches Engagement und Ehrenamt über sechs Seiten hinweg Beispiele für ehrenamtliche Tätigkeiten angeführt werden, aber erst danach das „Ehrenamt“ (S. 252) definiert wird.

Die wenig konsistente Gedankenführung kommt vor allem an abrupten Themenwechseln und Brüchen in der Argumentation zum Ausdruck. So bewegt sich Vahsen von seiner Frage auf S. 150, was eine Gemeinschaft sei, zur Frage, ob Jugendszenen oder virtuelle Communities darunter zu fassen wären. Einen Absatz später geht es um die Notwendigkeit „moralischer Regeln“ für Gemeinschaften, um sie dann bruchlos auf die Bürgerschaft im Sinne des Citizenship nach Mackert zu beziehen. Doch statt nun diese Ebene von Gemeinschaft auszuformulieren, wechselt Vahsen im nächsten Abschnitt zum „Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft“ (S. 153), wie Etzioni das Thema fokussiert und den Dialog als Grundprinzip ausmacht. Dieser Verweis ist dem Autor Anlass, um zum „Dialogischen Prinzip“ nach Wolff zu springen, der den Dialog für den pädagogischen Kontext als grundlegend zur Sicherung der „Autonomie des Klienten“ ansieht. Woraufhin Vahsen diesen Abschnitt dann abschließt mit der Frage, wie „Gemeinschaften generell der Verständigung“ (ebd.) dienen können.

Diese Form des mäandernden Denkens mag anregend sein für die eigene assoziative Arbeit des Lesers, strapaziert allerdings die Geduld der zielgerichteten Leserin erheblich. Zusätzlich verstärkt wird dieser Effekt durch Wiederholungen der Grundfigur der Argumentation in fast jedem Kapitel sowie z.T. wortgenau wiederholte Widergaben von Sätze und Sentenzen. So findet sich der Satz „Das Leben in der Moderne, Postmoderne ist eher von Unsicherheit geprägt …“ auf S. 82 und noch einmal auf S. 407.

Vahsen unternimmt den vielversprechenden Versuch, anhand von Zeitungsartikeln der regionalen Presse Schlüsse zu ziehen zum Zustand des sozialen Zusammenhalts. Es ist sein erklärtes Anliegen, den „Stellenwert von Gemeinschaften für das (Alltags-)Leben im lokalen Bereich“ (S. 20) durch die Berichterstattung exemplarisch zu verdeutlichen. Besonders zum Einsatz kommt dieses Vorgehen im Kapitel 15 über Vereine. Schlüssig ist dieser Zugang inhaltlich, weil Vereine ein prototypischer Ort gemeinschaftlichen Engagements sind, wie Vahsen selber herleitet (S. 222). Aber auch methodisch ist dieses Vorgehen interessant, wenn die Berichterstattung in einer lokalen Gemeinschaft zum materialen Gegenstand von Analysen wird. Dabei ist allerdings die Presse selbst als Urheberin des Materials zu analysieren. Dies geschieht jedoch nicht, sondern Vahsen führt zahlreiche Presseberichte wie Illustrationen an. Zuweilen fasst er die Kernaussage des Artikels zusammen, z.B. in Berichten über die Situation der Freiwilligen Feuerwehr (S. 222f.). Es bleibt jedoch bei der Widergabe der Nachricht, statt die Berichterstattung als Protokoll der Wirklichkeit analytisch zu verstehen. Auch bleibt der Hintergrund des Samplings verborgen. Es wird nicht deutlich, welche Art von Auswahl hier getroffen wurde, ob etwa eine Vollerhebung von Berichten zum Gemeinschaftshandeln präsentiert wird oder eine Auswahl daraus, ob sich im Verhältnis der gesamten Lokalberichte viele oder wenige Bezüge zu Vereinen und ehrenamtlichem Handeln finden. Solche Einschätzungen der Reichweite und Gültigkeit sind bei der Lektüre nicht möglich. Das ist insofern schade, weil dadurch Vahsens Schlussfolgerung, dass sich Gemeinschaften bilden, „die das Soziale (neu) gestalten wollen“ nicht belegen lässt. So erreicht er auch sein Ziel nicht überzeugend, den „bunten und vielfältigen Strauß von Vereinsaktivitäten und sozialem Engagement“ sichtbar zu machen (S. 399).

Fazit

Vahsen bietet ein Mosaik an Gesellschaftsdiagnosen und Eindrücken von gemeinschaftsbezogenem Engagement. Seine mäandernde Argumentationsweise weckt bei der Lektüre Assoziationen und stiftet Anlässe für kreatives und kritisches Lesen. Der Autor liefert eine große Menge von Fragen, die er nur zum Teil beantwortet, zum anderen Teil dem Leser und der Leserin zum Weiterdenken überlässt. Wer die nötige Gelassenheit mitbringt, mit unpräzisen Erklärungsangeboten, gedanklichen Sprüngen und einer Reihe von argumentativen Wiederholungen umzugehen, bei dem entsteht schließlich ein Gesamtbild von gesellschaftlichen Zuständen, die zwischen der Makroebene und dem Einzelnen die Bedeutung von Gemeinschaftshandeln und seine sich wandelnden Formen erkennbar machen.

Genannte Literatur

  • Franzmann, Manuel/Pawlytta, Christian (2008): Gemeinwohl in der Krise? Fallanalysen zur alltäglichen Solidaritätsbereitschaft. Frankfurt a.M.: Humanities online
  • Oevermann, Ulrich (1999): Strukturale Soziologie und Rekonstruktionsmethodologie. In: Glatzer, Wolfgang (Hrsg.): Ansichten der Gesellschaft. Frankfurter Beiträge aus Soziologie und Poliitkwissenschaft. Opladen: Leske + Budrich, S. 72-84

Rezensentin
Prof. Dr. Ute Fischer
Fachhochschule Dortmund. FB Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.fh-dortmund.de/de/fb/8/personen/lehr/ufischer/i ...
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Zitiervorschlag
Ute Fischer. Rezension vom 21.01.2015 zu: Friedhelm G. Vahsen: Die erstarrte Gesellschaft - Zum Verlust des Gemeinsinns. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. ISBN 978-3-643-12752-5. Reihe Soziologie Bd. 86. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17467.php, Datum des Zugriffs 20.05.2019.


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