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Cornelia Krause-Girth, Christa Oppenheimer (Hrsg.): Lebensqualität und Beziehungen

Cover Cornelia Krause-Girth, Christa Oppenheimer (Hrsg.): Lebensqualität und Beziehungen. Geschlechtersensible Betreuung psychisch Kranker. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2004. 267 Seiten. ISBN 978-3-88414-357-5. 19,90 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Einführung in das Thema und Entstehungshintergrund des Buchs

Die Gemeindepsychiatrie ist zwar zum Trialog unter Berücksichtigung der Sichtweisen aller Betroffenen, zum Verhandeln mit statt Behandeln von Psychiatrieerfahrenen vorangeschritten. Unter Gesichtspunkten einer Qualitätssicherung wird zunehmend die Verbesserung der "Lebensqualität" der psychiatrisch betreuten Menschen zum Kriterium erhoben. Jedoch lassen sich in der alltäglichen gemeindepsychiatrischen Praxis nicht selten Peinlichkeiten im Umgang mit dem Thema Sexualität sowie eine Vernachlässigung geschlechtsspezifischer Lebens- und Problemlagen im Sinne der Gender-Perspektive beobachten. Dies aufzuzeigen, ist Hauptthema des Buches.

Dargestellt werden die Ergebnisse eines an der Fachhochschule Frankfurt am Main in den Jahren 2000-2002 unter Leitung von Prof. Dr. Cornelia Krause-Girth und Christa Oppenheimer mit Beteiligung von Studierenden durchgeführten Forschungsprojekts, in dem es - unter besonderer Berücksichtigung der Beachtung des Gender-Aspekts in der Betreuung sowie der Realisierungsmöglichkeiten von Sexualität seitens der Klienten/innen - um die Erfassung der Lebensqualität von psychisch kranken bzw. psychoseerfahrenen Menschen ging, die in Wohnheimen oder im Betreuten Wohnen (einzeln oder in Gruppen) lebten.

Daneben werden mit dem Projektthema verbundene Reflexionen und Empfehlungen vorgetragen und mit der Untersuchung mehr oder weniger eng zusammenhängende Themen aus dem sozialpsychiatrischen Bereich zusätzlich aufgegriffen (z.B. über die Situation der Partner/innen und der Kinder psychisch Erkrankter oder über das Modell einer ambulanten Behandlung zu Hause im Falle akuter Erkrankungen, u.a.).

Aufbau und Gliederung

Forschungsfragen und Ziele, leitende Konzepte und methodische Vorgehensweisen der Frankfurter Untersuchung sowie der Verlauf, die Ergebnisse und deren Interpretation werden, verschiedentlich verbunden mit dem Bemühen um eine theoretisch-konzeptionelle Rahmung im Sinne der modernen Sozialpsychiatrie, in den ersten drei Kapiteln (bis S. 116) von den beiden Herausgeberinnen des Buches vorgestellt. Der Methodik ist ein kurzes Kapitel am Ende des Buches gewidmet (Kap. 11 von Oppenheimer); eine zusammenfassende Reflexion der Untersuchungsergebnisse und daraus ableitbare Empfehlungen "für eine geschlechtersensible Betreuung zu mehr Lebensqualität" finden sich im vorletzten Kapitel (Kap. 10 von Krause-Girth). Die dazwischen liegenden sechs Beiträge (Kap. 4 - 9) beruhen auf Diplomarbeiten, die im Zusammenhang mit dem Projekt angefertigt wurden.

Von der Einschätzung ausgehend, dass in der gegenwärtigen (sozial-)psychiatrischen Praxis weder geschlechtsspezifische Unterschiede hinreichende Berücksichtigung fänden noch der Liebe und Sexualität psychisch kranker Menschen ein angemessener Platz eingeräumt werde, kann als hauptsächliches Anliegen sowohl des Projekts wie auch des Buches das Aufgreifen dieser zwei "Tabuthemen" (s. Vorwort) - verbunden mit der Intention, zu deren Enttabuisierung beizutragen - angesehen werden. Während in punkto Sexualität von der These ausgegangen wird, "dass das Erleben von Sexualität einen entscheidenden Einfluss auf die subjektive Lebensqualität hat" (S. 7), wird in Bezug auf das andere "Tabuthema" zwar keine explizite These genannt, aber im gesamten Buch durchgängig die Position vertreten, dass nur eine geschlechtersensible Betreuung die Lebensqualität der Betreuten verbessern könne.

Ergebnisse des Forschungsprojekts

Die Ergebnisse der durchgeführten Untersuchung, die einerseits qualitative Interviews sowohl mit 29 Nutzer/innen der Wohnformen (Wohnheime oder Betreutes Einzel- bzw. Gruppenwohnen) als auch mit 10 Mitarbeiter/innen der entsprechenden Einrichtungen umfasste und andererseits eine standardisierte Fragebogenerhebung zur Ermittlung der Sichtweisen der Klienten/innen (mit einem Rücklauf von 165 ausgefüllten Fragebögen), scheinen diese Thesen weitgehend zu bestätigen. Unzweifelhaft ergaben die Befragungen, dass die Bedürfnisse der Klienten/innen nach Liebe und Sexualität großenteils unerfüllt bleiben und auch der - bei Frauen wie Männern im Vordergrund stehende - Wunsch nach einer festen Partnerschaft nur selten realisiert werden kann. Selbst auch im Hinblick auf die Notwendigkeit verstärkter Gender-Sensitivität in der Betreuung kann man zumindest konzedieren, dass sich die Untersuchungsergebnisse in dem von den Autorinnen erwarteten Sinne interpretieren lassen. Demnach zeigten sich Frauen wie Männer (auch die interviewten Mitarbeiter/innen!) in den traditionellen Geschlechtsrollen "gefangen". Die Klienten/innen befürchten, den Geschlechtsrollen-Erwartungen nicht genügen zu können und erleben in dieser Hinsicht Selbstwerteinbußen und/oder Identitätsverwirrungen. In geschlechterdifferenter Betrachtung scheinen Frauen durch ihre Orientierung auf frauenspezifische Problemlagen hin zwar ein "stärkeres Geschlechterbewusstsein" (S. 235) als Männer zu haben. Jedoch leisten sie - oft Opfer sexueller Gewalterfahrungen - kaum Widerstand gegenüber Gewalt, ordnen sich unter, leiden unter Schuldgefühlen und/oder übernehmen eine Helferrolle "bis zur Selbstaufopferung" (ebd.). Männer wiederum "fühlen sich in ihrer Männerrolle verunsichert und der Rivalität und Leistungsorientierung nicht gewachsen" (ebd.).

Aus den Untersuchungsergebnissen zum Sexualleben der Klienten/innen wäre die Forderung abzuleiten, dass dem Thema Liebe und Sexualität in der gemeindepsychiatrischen Versorgung ein höherer Stellenwert einzuräumen ist. Das beinhaltet das Darüber-Sprechen ebenso wie die Schaffung von Möglichkeiten, Sexualität zu leben.

Im Hinblick auf eine geschlechtersensible Betreuung werden von Frauen wie Männern "Hilfen zur Entwicklung einer stabilen eigenen weiblichen oder männlichen Identität" (S. 236) gewünscht. Den Untersuchungsergebnissen zufolge stünde solchen Wünschen allerdings die "Betreuungsrealität" entgegen. Dies zum einen, da es in der Praxis offenbar kaum gelingt, Subjekt-Objekt-Beziehungen zugunsten von Subjekt-Subjekt-Beziehungen in den Betreuungsverhältnissen zu überwinden und zum anderen, da durch die mangelhaft reflektierte Berücksichtigung der Geschlechterfrage in der Betreuungsarbeit alte Muster eher stabilisiert statt aufgebrochen würden. Damit dies nicht geschieht, wird dringend nahgelegt, bei beiden Geschlechtern ihre je spezifischen Probleme mit dem Frausein respektive dem Mannsein explizit aufzugreifen, die Problematik der Geschlechterhierarchie sowie struktureller Gewaltverhältnisse "aufzudecken" und "zum Thema zu machen", um so dem Ziel der Betreuungsarbeit, nämlich Entwicklung und Förderung der Autonomie und des Selbstwerts der Klienten/innen, besser gerecht zu werden. Diese Darlegung entspricht dem Tenor der Interpretation der Untersuchungsergebnisse (s. insbesondere Kap. 10) wie auch des gesamten Buches.

Einzelheiten zu Entstehung und Durchführung des Projekts

In den ersten beiden Kapiteln werden von Christa Oppenheimer die Hintergründe zur Entstehung des Forschungsprojekts "Geschlecht und Sexualität in der Gemeindepsychiatrie" sowie der Verlauf und die Ergebnisse der qualitativen Interviews sowohl mit dem Betreuungspersonal der Wohnheime bzw. mit den Mitarbeiter/innen im Betreuten Wohnen also auch mit den Nutzer/innen dieser Wohneinrichtungen (somit den Klienten/innen) ausführlich und anschaulich beschrieben. Während die Darstellung insgesamt interessant und von hohem informativen Wert ist, wirken die eingeflochtenen Versuche einer theoretisch-konzeptionellen Untermauerung eher weniger gelungen und die theoretischen Bezugnahmen erscheinen nicht unbedingt stringent (s. unten).

Im 3. Kapitel (von Cornelia Krause-Girth) werden die Entwicklung des Fragebogens für die empirische Erhebung und die Ergebnisse dieser Fragebogen-Erhebung übersichtlich vorgestellt, kommentiert und diskutiert. Auffällig war, dass vorwiegend Männer (75 %) in den Wohnheimen, aber in dem - eher Selbstversorgung fordernden und Selbstbestimmung ermöglichenden - Bereich Betreuten Wohnens überwiegend (55 %) Frauen lebten und überraschend, dass sich die Wohnheimbewohner/innen in vielerlei Hinsicht mit ihrem Leben eher zufriedener äußerten. Weniger überraschend ist das Ergebnis, dass mehr Männer als Frauen Sexualität "wichtig" finden und dass die Zufriedenheit mit dem Sexualleben als Hauptfaktor für allgemeine Lebenszufriedenheit angesehen werden kann. In einem Extra-Punkt wird das Thema der "Wechselwirkung von Psyche und Hauterkrankungen" aufgegriffen und in teils psychoanalytischer Interpretation ein Zusammenhang von Hautproblemen mit nicht gelebter Sexualität bzw. gestörter Beziehungsfähigkeit aufgezeigt.

Weitere Beiträge

  • Jenseits der genannten Untersuchung wird das "Leben mit einem psychisch Kranken" im 4. Kapitel (von Andrea Hassmann) unter Berücksichtigung der "Situation der Angehörigen schizophrener Patienten", geschlechtsspezifischer Verhaltensweisen auf Seiten der Angehörigen und speziell der "Situation von (Ehe-)Partnern" schlicht, aber ansprechend erörtert.
  • Im 5. Kapitel widmet sich Michaela Krekel der "Situation psychisch kranker Mütter" bzw. von Schwangeren, benennt die bekannten "psychosozialen Risikofaktoren" im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Mutterschaft und plädiert bei psychisch erkrankten Frauen für eine frühzeitige therapeutische Unterstützung schon während der Schwangerschaft sowie im Falle einer akuten Erkrankung der Mutter für stationäre Mutter-Kind-Behandlungen, die allerdings in Deutschland noch kaum vorgehalten werden. Ein Bedarf an betreuten Wohneinheiten für psychisch kranke Mütter mit Kindern wird konstatiert.
  • Daran anschließend wird im 6. Kapitel (von Michaela Meusgeier) in fundierter Weise ein Thema aufgegriffen, das hierzulande erst in den letzten Jahren Beachtung in der Fachwelt gefunden hatte. Es geht um die Gefährdungen und Belastungen der Kinder psychisch (insbesondere schizophren) erkrankter Mütter. Jenseits einer besonderen Betonung der Gender-Perspektive und nur marginal mit dem Projektthema des Buches verknüpft, bietet dieser Beitrag eine sachliche und übersichtliche Darlegung dieses Problemfeldes. Vor dem Hintergrund eigener Praxiserfahrungen der Autorin wird unter Einbezug einiger Fallbeispiele die Problematik der betroffenen Kinder entfaltet; aufgezeigt werden typische Konfliktkonstellationen (Stigmatisierung, Schweigegebot, Loyalitätskonflikte, Parentifizierung, Hilflosigkeits-, Hass- und Schuldgefühle, Beziehungsabbrüche), mögliche Entwicklungsbeeinträchtigungen (mehr oder weniger gravierend in Abhängigkeit vom Lebensalter) sowie die Sichtweisen und Wünsche dieser bislang "vergessenen" Kinder selbst. Im Hinblick auf die "Interventions- und Hilfsmöglichkeiten" werden nicht nur notwendige Unterstützungsangebote und richtungsweisende Projekte (z.B. "AURYN" in Frankfurt/Main) genannt, sondern auch Möglichkeiten erörtert, entsprechende Hilfen (in der Psychiatrie, in den Heimen) grundsätzlich in die alltägliche Sozialarbeit zu integrieren.
  • Im 7. Kapitel (von Tanja Niendorf) wird wieder ein Kernthema des Projekts (mit Bezugnahme auf die empirische Untersuchung) aufgegriffen: Es geht um die Sexualität psychisch kranker Frauen, eingeschlossen die Selbstbefriedigung, hetero- und homosexuelle Orientierungen, Sex im Alter und sexuelle Missbrauchserfahrungen. Für dieses Themenfeld wird mehr "Aus- und Fortbildung" für die helfenden Mitarbeiter/innen reklamiert sowie die konsequente Einbeziehung des Sexualthemas in Gespräch und Beratung.
  • Mit der Thematisierung der Kontroverse zwischen Wohnheim-Gegnern und - Befürwortern fängt das 8. Kapitel (von Regine Horn) über die Bedeutung des Wohnens recht interessant an, wirkt im Weiteren aber etwas unausgegoren bzw. hat den Charakter eines beschreibenden Berichts über ein Praktikum in einem gemeindepsychiatrischen Übergangswohnheim mit Außenwohngruppen. Appellativ im Hinblick auf die Beachtung des Geschlechteraspekts, aber inhaltlich und sprachlich wenig prägnant, bringt der Beitrag nicht viel Neues.
  • Das 9. Kapitel schließlich, in dem Petra Gützlaff das von der Klinik Bamberger Hof in Frankfurt/Main entwickelte Modell einer "Ambulanten Psychiatrischen Akutbehandlung zu Hause" (APAH) vorstellt, steht in keinem erkennbaren Zusammenhang zum Projektthema des Buches. Zwar reicht das APAH-Modell als Alternative zu einer vollstationären Versorgung m.E. wohl nicht an die Qualität einer "bedürfnisangepassten Behandlung", wie sie in Finnland und Schweden angeboten wird, heran, ist aber im deutschsprachigen Raum zur Vermeidung von Klinikaufenthalten unbedingt zur Nachahmung zu empfehlen! Die Autorin beschreibt Fallbeispiele und hat mit Patienten/innen des APAH-Projekts eine eigene Befragung durchgeführt zu deren Lebensqualität und Zufriedenheit mit der erfahrenen ambulanten Behandlung.

Zielgruppen

Dieses Buch dürfte für in der Psychiatrie sowie generell in psychosozialen Einrichtungen tätige Praktiker/innen und für Studierende der Sozialarbeit wie auch der Psychologie von Interesse sein.

Kritische Überlegungen

Wie schon erwähnt, muten die theoretisch-konzeptionellen Bezüge verschiedentlich etwas nebulös an bzw. scheinen zur Untermauerung des vorgestellten geschlechtersensiblen Ansatzes nicht unbedingt passend. So werden z.B. die von Ingeborg Schürmann zusammengestellten Kategorien von "Versorgungskulturen" in Kapitel 2 ausführlich zitiert. Diese waren aber ursprünglich im Rahmen einer Berliner Untersuchung zum Ost-West-Vergleich der "ideellen Milieus" als Kontexte des Handelns im psychiatrischen Bereich eruiert worden und eignen sich m.E. eher weniger als Folie zur Interpretation der Arbeitsstile der interviewten Mitarbeiter/innen unter dem Gesichtpunkt ihrer Gender-Sensitivität. Auch die zusätzliche Erwähnung der von Pfeifer-Schaupp aus systemischem Blickwinkel ermittelten Interaktionsmuster (S. 29) ist in dem gegebenen Zusammenhang nicht recht nachvollziehbar und lässt keine Linie erkennen. Die Hinweise auf die Vernachlässigung der Geschlechterfrage selbst auch in den befürworteten Modellen gehen an dem Aussagewert jener Modelle eher vorbei. Auch die Betonung der "Methode" des Empowerments und eines ressourcenorientierten Ansatzes als die zu favorisierenden Vorgehensweisen bleibt in der Luft hängen, da an keiner Stelle verdeutlicht wird, wie diese Haltungen in der Praxis mit einer betont geschlechtersensiblen Betreuung verbunden werden könnten. Stattdessen scheint im Hinblick auf die Gender-Thematik immer wieder - jedenfalls unterschwellig - ein erzieherisch-aufklärerischer Duktus durch. In diesem Zusammenhang wird auch von "tertiärer Sozialisationsarbeit" als Aufgabe der Gemeindepsychiatrie gesprochen, von der her aus Expertensicht von vorneherein definiert ist, in welche Richtung die Klienten/innen zu beeinflussen sind. In den "Empfehlungen" (Kap. 10) ist auch explizit von "Erziehung" die Rede (S. 240): Klienten/innen sollen zu einer gesundheitsförderlichen und lustvollen Körperpflege erzogen werden. In dem Zusammenhang der Forderung, dass die Betreuer/innen "auf die alltägliche Herstellung von Abhängigkeitsverhältnissen verzichten" sollten, macht der Begriff der "Autonomisierung" der Klienten/innen stutzig. Aus systemischem Blickwinkel (z.B. nach Fritz Simon) würde einem hierzu einfallen, dass man die Autonomie eines anderen Menschen nicht erzwingen kann; sie muss von den Betroffenen selbst erarbeitet, ggf. erkämpft werden, sonst ist es keine. Aufgabe der Praktiker/innen wäre es hierbei lediglich, geeignete Anstöße zu geben.

Zu guter Letzt werden auch die Anforderungen an die Betreuer/innen recht hoch gesetzt; sie müssen "Halt und Geborgenheit vermitteln und gleichzeitig, ohne Angst zu erzeugen ... mit den Beziehungsangeboten und Problemen des Klientels umgehen. Sie müssen dem Bedürfnis nach positiven Vorbildern entgegenkommen und zugleich selbst die restriktiven Grenzen tradierter Geschlechtsrollen überwinden, um als Sozialisationsagenten gesunde Geschlechtsidentitäten bei den Klienten/innen fördern zu können" (S. 240). Kein Wunder, dass dieser anspruchsvolle Beruf überwiegend von Frauen (Helferinnen) ausgeübt wird.

Fazit

Mit dem Buch werden - als Hauptanliegen im Zusammenhang mit einem Forschungsprojekt - zwei bislang innerhalb der Gemeindepsychiatrie vernachlässigte Themen aufgegriffen. Gemeint ist zum einen die mehr oder weniger bewusste Negierung der Sexualität der psychoseerfahrenen Klienten/innen im (sozial-)psychiatrischen Alltag, zum anderen die Gender-Perspektive und deren mangelhafte Realisierung insofern, als geschlechtsspezifische Fragestellungen, Verhaltensmuster und Konfliktkonstellationen in den alltäglichen Betreuungsbeziehungen mit Klienten/innen oft wenig explizite Beachtung finden.

Die unter diesen Blickwinkeln durchführte Untersuchung mit qualitativen Interviews und einer Fragebogenerhebung zur Lebensqualität liefert - auch über die beiden Themenpunkte hinaus - reichhaltiges, aufschlussreiches Material und eröffnet interessante Einblicke in die Sichtweisen der befragten Klienten/innen (Bewohner/innen von Heimen oder Nutzer/innen des Betreuten Wohnens) wie auch von einigen Mitarbeiter/innen.

Die Ergebnisse sind insbesondere hinsichtlich der Bedeutung des Sexuallebens für die Lebenszufriedenheit von hohem informativen Wert. Für die Umgangsweisen in der Praxis mit dem Thema Sexualität wäre demnach von den Miterbeiter/innen zu fordern, passiv-reaktive Haltungen (bloß widerspiegelnd oder abwehrend oder ausweichend) zu überwinden und statt dessen dieses Thema aktiv aufzugreifen und ins Gespräch zu bringen.

Die Untersuchungsergebnisse zeigen ebenfalls die bekannten "sozialisationsbedingten" Geschlechterdifferenzen und damit verbundene geschlechtstypische Probleme auf. Mit der Betonung der Berücksichtigung des Gender-Aspekts wird von den Autorinnen eine bewusste Reflexion geschlechtsspezifischer Problemlagen gefordert und an die Überwindung traditioneller Geschlechtsrollen(-Erwartungen) appelliert. Die theoretisch-konzeptionelle Fundierung der favorisierten "geschlechtersensiblen Betreuung" in Verbindung mit der Methode des Empowerments wirkt allerdings nicht besonders ausgegoren. Die Empfehlungen an die Praktiker/innen für einen gender-sensitiven Umgang mit ihrer Klientel sind eher von einem erzieherischen Duktus geprägt.

Flankierend zu der Untersuchung werden in Einzelbeiträgen aber auch noch andere relevante Themen aufgegriffen, so z.B. die Situation psychisch kranker Frauen bei Schwangerschaft und Mutterschaft, Belastungen von und Hilfsmöglichkeiten für Kinder schizophren erkrankter Mütter und das Modell einer "ambulanten psychiatrischen Akutbehandlung zu Hause", die für die Gemeindepsychiatrie von aktuellem Interesse sein dürften.


Rezensentin
Prof. Dr. Sigrid Haselmann
Dipl.-Psych. Hochschule Neubrandenburg, FB Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung
Homepage www.hs-nb.de/_haselmann.html


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Zitiervorschlag
Sigrid Haselmann. Rezension vom 28.09.2004 zu: Cornelia Krause-Girth, Christa Oppenheimer (Hrsg.): Lebensqualität und Beziehungen. Geschlechtersensible Betreuung psychisch Kranker. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2004. ISBN 978-3-88414-357-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1749.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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