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Bill O´Connell, Stephen Palmer u.a.: Lösungsorientiertes Coaching in der Praxis

Cover Bill O´Connell, Stephen Palmer, Helen William: Lösungsorientiertes Coaching in der Praxis. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2014. 220 Seiten. ISBN 978-3-95571-009-5. D: 17,90 EUR, A: 18,40 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Thema und Hintergrund

Der lösungsorientierte – oder wie Steve de Shazer, der „Vater“ dieses Ansatzes, es lieber sagte: lösungsfokussierte – Ansatz ist für Coaching mindestens so wertvoll wie für den therapeutischen Bereich, für den er ursprünglich entwickelt wurde. Die Zielrichtung ist dieselbe: Etwas, das als belastend erlebt wird, soll leichter werden. Etwas, das als schlecht bewertet wird, soll besser werden. Etwas, das als Herausforderung gesehen wird, soll gemeistert werden. Die lösungsfokussierte Therapie verzichtet weitgehend auf Diagnosen, sie versteht sie als wenig hilfreiche Zuschreibungen. Im Coaching sind Diagnosen ohnehin nicht gefragt. Aber Steve de Shazer hat es noch radikaler gefasst: Lösungsfokussiertes Arbeiten soll nicht nur auf Diagnosen, sondern auch auf Hypothesen verzichten, weil sie Interpretationen enthalten, die nichts mit dem Klienten, aber viel mit dem Therapeuten bzw. Coach zu tun haben. Legendär ist sein Ausspruch, wenn man eine Hypothese habe, solle man eine Aspirin nehmen, sich in eine ruhige Ecke setzen und warten, bis der Anfall vorüber ist. (Natürlich kann man weder in der Therapie noch im Coaching verhindern, dass man von Hypothesen besucht wird, dann aber sollte man den Besuch möglichst schnell wieder verabschieden.) Der vorliegende Band bezieht den lösungsfokussierten Ansatz konsequent auf Coaching, so dass interessierte Coaches nicht erst therapeutische Konzept für die eigene Arbeit übersetzen müssen – was aber nach meiner Erfahrung auch nicht besonders mühsam wäre.

AutorInnen

Bill O´Conell ist Ausbildungsleiter des Instituts Focus on Solutions und Mitglied der British Association of Counselling and Psychotherapy. Neben zahlreichen anderen Publikationen hat er gemeinsam mit Stephen Palmer im Jahr 2003 das „Handbook of Solution Focused Therapy“ veröffentlicht. Stephen Palmer ist Gründerdirektor des „Centre for Coaching“ in London und Leiter der „International Academy for Professional Development Ltd.“ Sowie Gründerdirektor der Abteilung für Coachingpsychologie an der „City University of London“. Helen Williams ist diplomierte Coachingpsychologin und Unternehmensberaterin am „Centre for Coaching“.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in neuen Kapitel und einen Abschnitt „Schlussüberlegungen“ gegliedert. Nach Geleitwort, Vorwort und Danksagung beginnt das erste Kapitel: Was ist Coaching? Das Format Coaching wird von anderen Formen psychologischer Beratung unterschieden, dann wird auf die Person des Coaches und die Arbeitsbeziehung zwischen Coach und Klient fokussiert. Kurz wird auch in diesem Kapitel bereits nach den Kompetenzen von Coaches gefragt. (Das wird später im Buch noch ausführlicher bedacht.)

Es folgt das zweite Kapitel: Lösungsorientiertes Coaching im Überblick. In der Einleitung wird die Frage beantwortet, aufgrund welcher Merkmale sich der lösungsorientierte Ansatz für das Coaching eignet. Sieben Aspekte werden genannt: „Er ist positiv und praktisch. Er ist zeiteffizient und kostengünstig. Er fokussiert klar umrissene, messbare Ergebnisse. Er ermuntert Coachees, sich den Prozess und die Ergebnisse selbst zuzuschreiben. Er ist einfach, ohne aber zu vereinfachen. Er bietet Hilfe zur Selbsthilfe. Er ist transparent und umfasst übertragbare Fähigkeiten.“ (S. 29) Vor allem aber ist er wenig theorielastig, sondern eher einfach: „Simple, not easy“, wie de Shazer feststellte. Dass bei aller Lösungsfokussierung auch „das Problem“ seinen Raum beansprucht (und beanspruchen darf), wird nicht übersehen, allerdings gibt es hilfreiche und nicht hilfreiche Formen von Problemgesprächen. Und schließlich werden in diesem Kapitel auch relevante Aspekte der Neurowissenschaften benannt.

Das dritte Kapitel befasst sich mit „Lösungsorientierten Fähigkeiten für Coachs“. Für viele Beratungsprofis erfordert es ein radikales Umdenken, wenn sie lösungsorientiert arbeiten wollen: Sie stellen gewohnheitsgemäß sehr viele Fragen nach den Details von Problemen – in der Hoffnung, durch genauere Analyse des Problems der Lösung näher zu kommen. Die AutorInnen schlagen eine andere Verhältniszahl vor: (maximal) 20% Beschäftigung mit dem Problem, aber zu 80% Lösungen analysieren. Die folgenden Abschnitte des Kapitels benennen dafür hilfreiche Kompetenzen: lösungsorientierte Sprache, Zuhören, Schweigen, wirksame Fragen, positives Feedback, „Compliments“ etc.

Das vierte Kapitel bietet „weitere lösungsorientierte Fähigkeiten für Coachs“: Denkfehler be- und anmerken, Umgang mit Negativvorhersagen, Reframing, Normalisierung, Umgang mit Widerständen, Skalenfragen, Aufgaben und Übungen etc.

Das fünfte Kapitel bleibt beim Thema. Es ist überschrieben mit „Lösungsorientierte Coachs“ und gibt „Verhaltensanweisungen“ und „Haltungsempfehlungen“: „Hören Sie Ihren Klienten aufmerksam zu, ohne im Geiste schon die nächste Frage oder Antwort durchzuspielen. Urteilen Sie nicht. Bleiben sie möglichst neutral. Bringen Sie das volle Repertoire Ihrer Fähigkeiten in den Aufbau der Beziehung ein, zur Konfrontation und zur Konstruktion von Lösungen. Kommen Sie Ihren Klienten nicht in die Quere. Fragen Sie mehr, als dass Sie von sich aus reden. Etc.“ (S.105ff)

Kapitel 6 trägt die Überschrift „Gruppen- und Teamcoaching“ und schildert die Möglichkeiten lösungsorientierte Arbeiten in Mehrpersonensettigs. Hier werden verschiedene Modelle für das Arbeiten in Gruppen und Teams vorgestellt: das „FOKUS-Modell“, das „Model der Lösungssuche“, das „lösungsorientierte Coachingmodell in drei Schritten“. Ferner gibt es (reflektierte) Praxisbeispiele.

Das siebte Kapitel trägt den Titel „Professionalität, ethische und praktische Fragen“. Hier steht vor allem die Arbeitsbeziehung im Fokus, Fragen beraterischer Ethik (Eine sehr schöne Formulierung sagt, Coaches seien nicht für ihre Klienten verantwortlich, wohl aber ihnen gegenüber!) und schließlich auch die Fragen nach der Supervision von Coaches.

Kapitel 8 heißt: „Integrative Coachs“ und reflektiert, wie jenseits der Festlegung auf Schulen weiterführende Ansätze integriert werden können. Eine Tabelle stellt solche Passungen zusammen, und die einzelnen Ansätze wie z.B. Appreciative Inquiry, Achtsamkeit, narrativer Ansatz u.a. werden in Skizzen vorgestellt.

Das abschließende neunte Kapitel bietet „Lösungsorientierte Coachingübungen“ für Einzel- oder Gruppencoachings sowie für Workshops. Die „Schlussüberlegungen“ laden ein zu Feedback. Literaturverzeichnis und Register beenden den Band.

Diskussion

Im Grunde kann ich gleich mit dem Fazit beginnen, und dann wäre das Wichtigste gesagt: Das Buch ist eine sehr gute, hilfreiche, praxisorientierte Einführung in das lösungsorientierte Coaching, das denen Lust machen wird auf lösungsorientiertes Arbeiten, die bisher noch nichts damit zu tun hatten, und die zu mit reichlichen Ideen zur Weiterarbeit versorgt, die schon über Erfahrungen mit diesem Ansatz verfügen.

Das Buch hält sich in nützlicher Weise an die Vorgabe des Ockham´schen Rasiermessers: „Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem“: Es wird so viel Theorie geboten wie nötig, es wird reduziert wo möglich. Das unterscheidet das 220-Seiten-Buch angenehm von manchen theoriegeblähten Werken – die allerdings im Bereich des lösungsorientierten Coachings ohnehin nicht so sehr zahlreich vertreten sind. Auf einige Aspekte, die ich mir beim Lesen angemarkert habe, möchte ich kurz hinweisen:

Lösungsorientiertes Arbeiten ist etwas anderes als „positives Denken“. Als jemand einmal Steve de Shazer gefragt hat, ob sein Ansatz nicht genau dem „positiven Denken“ entspreche, gab er eine seiner berühmten wortreichen Antworten: Er schüttelte sich und sagte „Brrrrr…“. Die AutorInnen legen Wert darauf, dass ein kompetenzbasierter Ansatz viel mehr sei als positives Denken: „Auch ein gesundes Bewusstsein von Gefahren und Bedrohungen ist wichtig – nur so konnte die Gattung Mensch überhaupt erst entstehen und überleben. Dauerhafter Optimismus hingegen ist wahrhaft und ein Rezept fürs Aussterben.“ (S. 41)

In manchen Coachingkonzepten gibt es eine Form von „Zielfetischismus“ von der Art, dass, wenn jemand das Ziel nicht klar benennen könne, er es auch nicht erreichen werde. Oft genug „verstecken“ sich Ziele aber in ganz anderen Bildern, Emotionen, Bedürfnissen, Hoffnungen, Visionen etc. Insofern hat es einen guten Sinn, indirekter nach Zielen zu fragen. Hier hat das lösungsorientierte Coaching ein umfangreiches Fragenrepertoire entwickelt, und ergänzende Beratungskonzepte können weitere kreative Zugänge bieten. Und nicht selten ist es so, dass mindestens 80% des Auftrags schon erfüllt sind, wenn es deutlichere Bilder vom Ziel gibt.

Ein Aspekt, der das lösungsorientierte Arbeiten so attraktiv, weil unterstützend macht, ist die Förderung der Bewusstheit der Eigenwirksamkeit. Dauernde Ressourcen- und Kompetenzrückmeldungen sowie Fragen von der Art „Wie haben Sie es gemacht, dass…?, Welche Ihrer Kompetenzen waren hilfreich bei…?“ etc. Ich bin davon überzeugt, dass lösungsfokussiertes Arbeiten im Kern ressourcenorientiertes Arbeiten ist. Darin immer konsequenter zu werden, ist eine gute Trainingsaufgabe für Coaches!

Dabei hilft es, ständig und fortlaufend positives Feedback zu geben („wertschätzende Rückmeldungen“, „compliments“), denn das bringt KlientInnen mit ihren Kompetenzen in Kontakt und bahnt gelungenen Lösungen den Weg. Das wird vom Anfang bis zum Ende der Sitzung konsequent durchgehalten. Das Buch beschreibt eine „typische Schlusssequenz“ so: „Postives Feedback zur Sitzung geben? zwei oder drei Erfolge herausstreichen? Zusammenhang zu den Zielen herstellen? Hausaufgabe/n benennen“. (S. 76)

Ein Fragezeichen habe ich an den Abschnitt über „Widerstand“ gemacht: Auch wenn die Aufforderung heißt: „Widerstände nehmen, wie sie kommen“ (S. 88), irritiert mich die Beschreibung des Phänomens: „Widerstand bedeutet: Die Klienten lehnen die Erkenntnisse der Coachs ab oder verweigern auf andere Weise die Zusammenarbeit, beispielsweise indem sie schweigen.“ „Widerstand“ mit „Verweigerung“ zu konnotieren, ist eine Bedeutungsgebung der AutorInnen, der Widerstand selbst „bedeutet“ gar nichts – außer vielleicht eine durchaus schätzenswerte Mitteilung des Gegenübers, dass der Beratungsprozess gerade nicht gut zu seinen Bedürfnissen passt: zu schnell, zu nah, zu große Schritte, zu lebensfern, zu… Es ist nur ein kurzer Abschnitt, aber ich würde mir wünschen, auch der könnte so wertschätzend formuliert werden wie das übrige Buch!

Gut gefällt mir die Übersicht über mögliche Aufgaben, mit denen Klienten zwischen den Sitzungen selbst weiterarbeiten können: Wahrnehmungsübungen, Als-ob-Übungen, „Tu-etwas-anderes“-Übungen u.a. Das ist hilfreich, denn hier ist die Kreativität von Coaches besonders gefragt.

Und schließlich finde ich eine Anmerkung sehr wichtig: „Nur weil zahlreiche Indizien dafür sprechen, das der lösungsorientierte Ansatz den Veränderungsprozess beschleunigt und schneller zu Ergebnissen führt, handelt es sich nicht um ein ‚Schnellrezept‘.“ (S. 112) Mag der Ansatz auch mit der „Wunderfrage“ arbeiten, zaubern kann er dennoch nicht. Veränderungen brauchen Zeit, und „Kurzzeittherapie“ bedeutet nicht „Speedcoaching“. Die Therapie- bzw. Coachingprozesse mögen kürzer sein, gleichwohl wächst das Gras nicht schneller, wenn man dran zieht. Vielleicht braucht es nach einer angemessenen Zeit weitere drei oder vier Sitzungen, damit der Veränderungsprozess weitergeht.

Fazit

Wie schon im ersten Abschnitt unter „Diskussion“ mitgeteilt: Das Buch ist eine sehr gute, hilfreiche, praxisorientierte Einführung in das lösungsorientierte Coaching, das denen Lust machen wird auf lösungsorientiertes Arbeiten, die bisher noch nichts damit zu tun hatten, und die zu mit reichlichen Ideen zur Weiterarbeit versorgt, die schon über Erfahrungen mit diesem Ansatz verfügen.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 21.01.2015 zu: Bill O´Connell, Stephen Palmer, Helen William: Lösungsorientiertes Coaching in der Praxis. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2014. ISBN 978-3-95571-009-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17490.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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