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Bernd Belina, Matthias Naumann u.a. (Hrsg.): Handbuch kritische Stadtgeographie

Cover Bernd Belina, Matthias Naumann, Anke Strüver (Hrsg.): Handbuch kritische Stadtgeographie. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2014. 253 Seiten. ISBN 978-3-89691-955-7. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Herausgeberin und Herausgeber

Das gezielt für die Ausbildung von Studierenden der Stadtgeographie geschriebene Buch wurde herausgegeben von Bernd Belina, Professor für Humangeographie an der Goethe-Universität Frankfurt, Matthias Naumann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung sowie Anke Strüver, Professorin für Sozial- und Wirtschaftsgeographie an der Universität Hamburg.

Die Herausgeberin und die beiden Herausgeber wurden von mehr als 40 weiteren Autorinnen und Autoren mit Beiträgen unterstützt.

Zielgruppe

Das Buch ist als Handbuch konzipiert und richtet sich vor allem an Studierende.

Aufbau und Inhalt

Es umfasst insgesamt fünf Teile zu den folgenden Themengebieten:

  1. Theorien,
  2. Methoden,
  3. Begriffe kritischer Stadtgeographie,
  4. Themen kritischer Stadtgeographie,
  5. sowie als letzten Teil das Thema „Kämpfe in der Stadt“.

Ein detailliertes Inhaltsverzeichnis findet sich unter www.dampfboot-verlag.de/.

Im ersten Teil werden grundlegende theoretische Positionen dargestellt, die auch in anderen Themenschwerpunkten eine wichtige Bedeutung haben und hier auf das Thema Stadt und Region bezogen sind. Bereits dies fördert die kritische Auseinandersetzung und das Verständnis, ist doch die Raumdimension für jeden Menschen erfahrbar und mit einem unmittelbaren individuellen Bezug verbunden. Gerade auch die damit notwendigerweise verbundene interdisziplinäre Perspektive erhöht die Nachvollziehbarkeit der theoretischen Ansätze. Obwohl die Stadtgeographie im Vordergrund steht und der Großteil der Autorinnen und Autoren auch aus diesem Bereich stammt, sind die Beiträge neben dem räumlichen Fokus in der Regel beispielsweise durch historische, soziologische, ökonomische, ökologische und politikwissenschaftliche Perspektiven geprägt.

Im zweiten Teil des Buches geht es um Methoden kritischer Stadtgeographie. Die fünf Beiträge zeigen, wie über die Anwendung beispielsweise statistischer oder kartographischer Methoden vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Machtverhältnisse Informationen selektiv ein- beziehungsweise ausgeblendet werden können und wie die verfügbaren Methoden aus kritischer Perspektive dennoch nutzbar sind.

Der dritte Teil ist dann den zentralen Begriffen einer kritischen Stadtgeographie gewidmet. Hier geht es um Themen, die bereits eine recht lange Tradition in der stadtsoziologischen und geographischen Diskussion aufweisen. Beispielsweise werden so wichtige Begriffe wie Suburbanisierung, Gentrification, Segregation und städtische soziale Bewegungen behandelt.

Der vierte Teil beschäftigt sich mit vor allem auch aktuell kontrovers diskutierten Themen kritischer Stadtgeographie. Beispielsweise geht es um Fragen der Migration, der Überwachung, der Behinderung oder um das Thema Kindheit in der Stadt.

Schließlich behandelt der fünfte Teil die Stadt aus der Perspektive von Interessengegensätzen. Sozialer Wohnungsbau, partizipative Planung und Urban Gardening sind Beispiele für zahlreiche Themen, die in der aktuellen Diskussion Kontroversen hervorrufen und teilweise starke Konflikte verdeutlichen.

Diskussion

In ihrer Einleitung definieren Belina, Naumann und Strüver, dass sich kritisches Denken im Anschluss an Horkheimer durch den Grundsatz auszeichnet, die gesellschaftlichen Verhältnisse einerseits und deren Wahrnehmung andererseits immer als historisch geprägt zu betrachten. In der Konsequenz kann Gesellschaft und der Diskurs darüber prinzipiell immer auch anders sein. Dementsprechend bedeutet Kritik oftmals die langwierige und anstrengende Suche nach alternativen Wegen gegenüber scheinbaren Sachzwängen und behaupteten Alternativlosigkeiten. Ein Handbuch, das sich vor diesem Hintergrund schon im Titel als „kritisch“ versteht, liegt quer zu universitären Ausbildungsgängen, in denen oftmals mehr denn je auf eine schnelle Vermittlung und unmittelbare Verwertbarkeit von „Wissen“ Wert gelegt wird. Genau diese Andersartigkeit, das Aufzeigen von Alternativen und die Betonung des bisher Unbetonten sind denn vielleicht auch die wichtigste, konsequent eingelöste Grundhaltung des Buches.

Gleichzeitig artet aber die Übernahme der kritischen Perspektive nicht in unendliche Debatten aus. Der Aufbau der Beiträge folgt einer konzentrierten und konsequent durchgehaltenen Struktur: Nach einem kurzen Problemaufriss stehen zunächst grundsätzliche Überlegungen im Vordergrund. Häufig folgt darauf ein Anwendungsbeispiel, anhand dessen die vorangegangenen Ausführungen praktisch einschätzbar und überprüfbar sind. Schließlich werden am Ende kommentierte Leseempfehlungen gegeben, die eine tiefere Beschäftigung mit dem jeweiligen Thema ermöglichen.

Vor allem die praktischen Beispiele fördern im guten Sinne eines Lehrbuches die Auseinandersetzung mit den Inhalten, machen sie doch die theoretischen Positionen empirisch überprüfbar und in konkreten städtischen Räumen erfahrbar. So zeigt das Buch in vielerlei Facetten, in wie starkem Ausmaß die Städte Kumulationspunkte gesellschaftlicher Entwicklungen und Kontroversen sind. Globale Prozesse, die oftmals als weit entfernt vom räumlichen, überschaubaren Milieu erscheinen, werden hier in ihren Konsequenzen unmittelbar deutlich.

Bei aller Konzentration und erforderlichen Knappheit wäre es aus meiner Sicht hilfreich gewesen, im Rahmen der einzelnen Beiträge noch den oftmals ja kontroversen wissenschaftlichen und praktischen Diskurs zu den jeweiligen Themen kurz zu skizzieren. Welche grundsätzlichen Gegenpositionen bestehen zu den jeweils präsentierten Ansätzen? Dies hätte das Spektrum der inhaltlichen Auseinandersetzung auch in der Hochschulausbildung noch einmal deutlich erweitert. In nur wenigen Beiträgen findet man diese breitere Perspektive. Aber auf das Risiko der Verkürzung und zu starken Vereinfachung bei der verständlichen Zusammenfassung komplexer Argumentationen wird bereits in der Einleitung hingewiesen (Seite 12). Vielleicht ist es ja auch viel herausfordernder, die verschiedenen Diskussionslinien im akademischen Diskurs selbst zu entwickeln und damit unter Umständen einen nachhaltigeren Beitrag zum kritischen Denken zu leisten.

Fazit

Das Handbuch ist eine hervorragende kritische Zusammenfassung zahlreicher wichtiger Themen zum Bereich Stadt und Region. Es füllt eine bisher große Lücke und man wünscht sich, dass es in vielen Ausbildungsgängen der Stadtgeographie und weit darüber hinaus interdisziplinär eingesetzt wird.


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Lakemann
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, Fachbereich Sozialwesen
Homepage www.lakemann.com
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Zitiervorschlag
Ulrich Lakemann. Rezension vom 24.04.2015 zu: Bernd Belina, Matthias Naumann, Anke Strüver (Hrsg.): Handbuch kritische Stadtgeographie. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2014. ISBN 978-3-89691-955-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17494.php, Datum des Zugriffs 27.04.2017.


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